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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-01-03 · 1 (3.1.1896) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
1 (3.1.1896)
Date
1896-01-03
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite ^18 Dr Blortz's Der Anonymus. (Historische Novelle.) Schluß. Aeußerlich zwar in den vorgeschriebenen Formen, war der Inhalt dithyrambisch, voll Huldigung und Kühnheit, voll Gluty und Begeisterung. Als er die Arbeit vollendet hatte, überlas er sie noch einmal mit prüfendem Blicke. Er versetzte sich in die Seele der lesenden Kaiserin und ward von dem eigenen Werke ergriffen und erschüttert. Dann schritt er zur Reinschrift. Es war lndeß Morgen geworden, der Schlaf erdrückte ihn schier, aber er hielt Stand und war eine Stunde vor der bestimmten Zeit bereits im Garten von Schönbrunu. Er streifte in den schattigen Gängen umher, im Stillen Punkt für Punkt sein Bittgesuch hersagend. Endlich knisterte der feine Sand von leichten Tritten, und als er sich umsah, kamen ihm zwei Damen entgegen, die eine war die Hofräthin. „Guten Morgen, mein Freund!" rief ihm diese traurig zu. „Es ist unmöglich, etwas in unserer Angelegenheit zu thun. Meine Freundin hier wird es Ihnen selbst sagen." „Entschuldigen, mein Herr!" sagte die Kammerfrau der Kaiserin, „wir haben den strengsten Befehl, uns nichts Derartiges zu erlauben. Mein Herz blutet, Ihnen bei einer so schönen Handlung nicht beistehen zu können, aber ich kann nicht." „Gott, an wen soll ich mich wenden?" fragte der junge Mann verzweifelt. „Ich weiß keinen Rath," war die Antwort. „Die Obersthosmeisterin läßt Niemanden vor, selbst die Minister nicht, denn Ihre Majestät zieht sich in diesen zwei Tagen gänzlich zurück. Und wenn es auch gelänge, die Obersthofmeisterin zur Bewilligung einer Unterredung mit Ihnen zu gewinnen, so wird sie gewiß eine Bittschrift in dieser Angelegenheit nicht annehmen, indem sie den festen Willen der Kaiserin kennt." „Gibt's also gar kein Mittel, das Gesuch vor die Augen der Kaiserin zu bringen?" rang Neuburg die Hände. „Ich weiß noch eins," antwortete rasch die Hofräthin. „Ich habe Ihren Namen noch nicht genannt, meine Freundin kann also mit guten Gewissen sagen, daß sie nicht wisse, von wem die Bittschrift sei." „Mein Name ist auch in der Bittschrift nicht genannt," fiel Neuburg ein, „ich spreche nur im Namen des Publicums." „Desto besser," sagte die Hofräthin. „Mein Mann ist heute Morgen auf meinen Betrieb zum kaiserlichen Leibarzt Baron Störk gefahren. Bon dort schrieb er mir ein Billet, daß er den Baron nach Schönbrunn herausbegleite, indem derselbe in die Nähe der Kaiserin gerufen sei, die sich nicht ganz wohl fühle. Brron Störk ist der Einzige, der heute nebst der Obersthofmeisterin Zutritt bei Ihrer Majestät hat. Wenn meine Freundin nur so viel Muth besitzt, das Bittgesuch dem alten Herrn in dieRocktasche zu prakticiren, daß er es mit der Dose herausziehen muß, dann ist uns Allen geholfen. Für das Weitere sorgt der Baron selbst, denn der ist im Stande, einen so lauten Streit mit der Obersthofmeisterin anzufangen, daß die Kaiserin in ihrer Andacht gestört wird und selbst herauskommt". Und nun las Neuburg der Kammerfrau das Gesuch vor. Die alte Dame trocknete sich die Augen, jammerte über die Pflichten ihrer Stellung, weigerte sich, sagte aber schließlich doch zu, nach den Andeutungen der Hofräthin zu handeln, und als Zeichen, wenn das Gesuch in Maria Theresia's Händen sei und gelesen werde, aus dem Fenster im Vorzimmer der Kaiserin, welches das fünfte im ersten Stocke des rechten Flügels ist, eine Blume herunterzuwerfen. Die Kammerfrau wollte eben das Gesuch zu sich nehmen und verbergen, als sie Männerschritte hörte und in den Stimmen der Sprechenden jene des Leibarztes und des Hofrathes erkannte. Sie konnte das Gesuch nicht mehr in Empfang nehmen, flüsterte aber dem jungen Manne schnell ins Ohr, was er thun solle und verschwand mit der Hofräthin hinter einer Laubwand. Neuburg ging den beiden Herren nach, schritt an ihnen vorüber, ließ in einiger Entfernung vor ihnen das Gesuch fallen und bog, ohne den Gang verdächtig zu beschleunigen, in einen Seitengang ein, wodurch er den Herren aus dem Gesichtskreis kam. Der Hofrath, der den ganzen Vorgang verfolgte, hatte inzwischen den Leibarzt durch ein Gespräch gefesselt, daß Wochenschrift Nr. 1 dieser nicht eher etwas von dem Papier bemerkte, als bis er mit dem Fuße daranstieß. „Was ist das?" frug Störk, „das muß Jemand verloren haben, vielleicht der Herr, der an uns vorüberging, rufen wir". Dabei bückte er sich, um das Papier aufzuheben. Der Hofrath kam ihm zuvor. „Ach, wohin ist Der", sagte er, „warten wir ein wenig hier, vielleicht kommt er zurück, wenn er den Verlust bemerkt hat, oder noch besser, wir hinterlegen es bei der Schloßwache. Es wird wohl Jemand darnach fragen. Aber was seh' ich. Ein Majestätsgesuch! Wem mag dieses wichtige Actenstück gehören? — Keine Unterschrift! Sonderbar! Sehen Sie selbst, lieber Baron". „Inder That, höchst sonderbar!" entgegnete Störk. „Sollte er es absichtlich verloren haben? Es scheint fast". „Dann wird er sich auch hüten, darnach zu suchen oder zu fragen", sagte der Hofrath. „Geben Sie her" fuhr der Leibarzt fort, „was ist es denn? — Ach wieder zu Gunsten des armen Reinhardt! Damit würden wir schön bei der Kaiserin ankommen." Sie denken doch nicht daran, es Ihrer Majestät zu überreichen?" frug der Hofrath mit verstellter Bestürzung. „Sie wissen doch —" „Alles weiß ich, lieber Hofrath", sagte Störk lächelnd, „außer die Grenze, wo die Güte meiner Kaiserin aufhört. Ich spiele ihr trotz Verbot das Gesuch in die Hände. Gerade heute ist ihr Gemüth besonders weich. Sie soll es-lesen, dafür stehe ich Und daß sie es mir nie verzeihen könnte, wenn ich's unterschlüge, dafür steh' ich Ihnen auch." „Aber wer wird es ihr verrathen, daß —" „Ich selbst, mein lieber Hofrath, dergleichen kann ich nicht auf dem Herzen behalten, und wenn sie den Reinhardt hinrichten, ohne daß dieses Gnadengesuch vor die Augen der Kaiserin kam, weiß Gott, sein Tod würde mir wie ein Mord auf der Seele lasten. Kommen Sie. Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn die Sache glücken soll." Neuburg hatte im Gebüsch versteckt Alles gesehen und gehört und Thränen der freudigsten Hoffnung überströniten sein verklärtes Antlitz. Er betete, sein Werk möge ihm vollends gelingen. Bald darauf trat Störk im Schloß in das Zimmer der Obersthofmeisterin ein und sagte nach kürzer Begrüßung: „Stellen Sie sich vor, Excellenz, was mir heute im Garten unten geschieht!" Und nun erzählte er, wie er zu dem Gesuche gekommen war, und überreichte es der Obersthofmeisterin. Diese gerieth vor Staunen außer sich. Anfangs wollte sie in ihrer Entrüstung über die Zudringlichkeit des Bittstellers den ganzen Park abschließen und durchsuchen lassen; allein der Leibarzt meinte, der Fremde werde wahrscheinlich längst entwischt sein, fände man ihn aber, so gäbe das erst ein rechtes Aufsehen, und käme früher oder später die Kaiserin dahinter, so würde sie bei weitem mehr über das Vorenthalten der Bittschrift zürnen, als sie jetzt über das Ueberreichen derselben böse sein werde. „Aber die Kaiserin will nichts mehr von der ganzen Geschichte wissen", sagte die Obersthofmeisterin ärgerlich. „Lesen Sie das Gesuch durch, Excellenz, und prüfen Sie dann, ob Sie das Vorhandensein desselben Ihrer Majestät verschweigen dürfen", antwortete der Leibarzt. Die Obersthofmeisterin las, las wieder, las mit Thränen in den Augen, aber sie wagte es doch nicht, die verhängnißvolle Schrift der Kaiserin hineinzutragen. „Nun gut", rief der Leibarzt entschlossen, „was kann mir geschehen? Es gilt ein Menschenleben. Ich gehe selbst hinein". Die Obersthofmeisterin vertrat ihm den Weg. „Unmöglich!" sagte sie, „die Kaiserin betet. Ich muß warten, bis sie klingelt, dann erst kann ich anmelden". „Melden Sie mich sogleich. Ihre Majestät hat nach mir verlangt, melden Sie ihr, daß ich da bin". Der Streit zwischen Beiden wurde lebhafter, da that sich plötzlich die Thür des kaiserlichen Gemaches auf und Maria Theresia selbst erschien auf der Schwelle. „Was hat er denn, lieber Störk, mit meiner Gräfin", rief die Kaiserin, „er schreit ja wie ein Corpora!". „Halten zu Gnaden, Majestät", antwortete der Leibarzt, indem er sich tief vor der Kaiserin verbeugte, „die Frau Oberst-

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