Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Sir. i schwatzen, sich bei den Haaren zu ziehen,^ einander die Rechnungen abzuschreiben und die Nähnaieln zu stehlen anfangen. An diesem Abend war eine glänzende Versammlung von Halbgöttern zu sehen, denn auf den reservirten Stehplätzen hinter dem weißen Ladentisch befand sich eine Gruppe von Philantropen. Der Raum war ein sonderbar geformtes Polygon, in dem acht Kessel aufgestellt waren, deren große hölzerne Deckel durch Flaschenzüge gehoben wurden. In der Ecke stand die Dampf-Kochmaschine. Köche in weißen Mützen und Blousen rührten die dampfende Suppemitlangen hölzernen Kochlöffeln an. Ein Händler lenkte die Aufmerksamkeit der jüdischen Reporter auf den von ihm fabricirten, verbesserten Kochapparat; der Oberaufseher beschwor die Zeitungsmänner, seinen Namen nicht auszulassen, und zwischen den dunkelgekleideten geistlichen Herren flatterten die heiratsfähigen Töchter eines Predigers aus dem Ostend herum wie prächtige Colibris zwischen einem Schwarm Krähen. Als eine genügende Anzahl von Halbgöttern beisammen War, richtete der Präsident an die Versammlung eine Ansprache von beträchtlicher Längwelche den Geistlichen und den anwesenden Pbilantropen beweisen sollte, daß Barmherzigkeit eine Tugend sei, wobei der Redner sich zur Bestätigung seiner Behauptung auf die Bibel, den Koran und sogar die Vedas berief. Gleich zu Anfang seiner Rede mußten die Schiebethüren, welche die Biehhürde von der eigentlichen Küche trennten, geschloffen werden, da die sich drängende Menge laut schwatzte und im Allgemeinen nicht den Wunsch zu haben schien, die ethischen Ansichten des Präsidenten zu hören. Cs war eben eine niedrige, materielle Bande, die blos an ihren Bauch dachte und nur umso lauter schnatterte, als die Thür sich schloß. Es herrschte ein schreckliches Gedränge, und Esther mußte die Ellbogen fest an den Leib halten, um ihre Arme nicht ausrerken zu lassen. Vor der Stallthür bummelte eine Armee hungriger und neugieriger Jungen und Mädchen. Als der Präsident geendet hatte, forderte er den Rabbiner aus, eine Ansprache an die Philantropen zu halten, was nicht minder weitläufig geschah. Dann wurden die Thüren zurückgeschoben und die zwei ersten Armen eingelassen. Die übrige Menge hielt der Oberaufseher muthig zurück. Der Koch tauchte einen großen Zinntopf in den Kessel und füllte die Suppe i>. einige Teller. Dann hoben die Rabbiner die Augen himmelwärts und sagten den Segensspruch: „Gelobt sei'st Du Herr, König des Welltalls, der durch sein Wort Alles geschaffen hat." Hierauf kosteten sie einen Löffel Suppe, welchem Beispiel auch der Präsident und mehrere Gäste folgten, und das Hinabgleiten der Flüssigkeit längs des Gaumens rief ein zustimmendes, wonniges Lächeln hervor. In der That war an diesem Eröffnungsabend mehr Kraft darin als wohl später der Fall sein dürfte, wenn das Gros des Fleisches seinen gesetzlichen Platz unter den Amtssporteln einnehmen würde. Als Esther die „Halbgötter" so entzückt schlucken sah, ward ihr der Mund wässerig; doch ihre Ungeduld wurde beinahe gemildert durch Visionen, die ihr vorzauberten, wie der muthigeSalomon, die sanfte Rachel, die heulende kleine Sarah und Jsy den köstlichen Trank hinabschlürften. Sogar an den stoischeren Vater und an die Großmutter dachte sie. Die Ansells hatt.n an diesem Tage nichts weiter gegessen, als des Morgens ein Stück trockenes Brot. Hier vor ihr im Lande Goschen, wo die Suppe fleußt, war ein Haufen von halben Laiben aufgeschlichtet, während längs der Wand endlose Laibe aufgereiht lagen wie zur Mahlzeit eines Riesen. Esther schaute gierig auf die viereckigen Thürme aus eßbaren Ziegeln. Plötzlich fuhr bei einer Verschiebung der auf- und abwogenden Menge ein eisigkalter Luftstrom über ihren Rücken; sie schauerte zusammen, und der Luftzug erinnerte sie noch lebhafter an ihre Kleinen zu Hause, die in der ungeheizten Dachstube zusammen kauerten. Ach, was für ein glücklicher Abend stand bevor! Sie durfte die zwei Laibe nicht an einen Abend verzehren lasten; das wäre eine verbrecherische Verschwendung gewesen. Rein, eines würde für das Banket genügen, das andere mußte sorgsam aufgehoben werden. „Morgen ist auch ein Tag," wie die alte Großmutter in ihrem sonderbaren Jargon zu sagen pflegte. Das Banket sollte jedoch nicht so schnell beginnen, als Esther glaubte: zuerst mußten die Thüren wieder geschlossen werden, auch andere Halb- und Ganzgötter in weißen Cravatten mußten sich erheben und beredt und weitschweifig dem Präsidenten, Seite 17 dem Rabbinat und den anderen Philantropen den Dank auSsprechen; dann erhob sich auch noch ein französischer Gast, um seine Bewunderung über die englischeWohlthätigkeil anszudrücken. Zuletzt kam endlich die Reihe an dw knurrenden Mageu. Dw bunte Menge schob sich langsam vorwärts, indem sie mühsam durch die schmale Oeffnung drängte und bei dem Ansturm eine Fensterscheibe zerbrach. Die Halbgötter lächelten und rieben sich die Hände. Ein paar Schlauköpse versuchten durch die für die Halbgötter bestimmte Thür zu den Kesseln vorzudringen; die tropischen Kolibris flatterten zwischen den Krähen umher, die Kochlöffel plätscherten und Kascaden von Suppe rauschten unter allgemeinem Geschrei in die Kannen. Ein zahnloses, weißhaariges, triefäugiges altes Weib beklagte sich in ausgezeichnetem Englisch, daß man ihr die Suppe verweigert hatte, da ihre Nummer noch nicht eingetragen war, und ihre Thränen befeuchteten den einzigen Laib Brot, den sie erhalten Haiti. Ein Russe, dem es ebenso erging, warf sich auf die Fliesen nieder und heulte. Endlich lies Esther wieder durch den Nebel zurück, wohlig erwärmt von dem Krug, den sie zärtlich an die Brust drückte, und mühsam die tolle Begierde unterdrückend, von den zwei in ihre Schürze eingebundenen Broten ein Stückchen abzuzwicken. Sie flog die dunkle Treppe, die zu der Mansarde in Royal Street führte, ordentlich hinauf. Die kleine Sarah weinte übellaunig. Esther, die sich wie ein Engel der Befreiung vorkam, versuchte die zwei letzten Stufen aus einmal zu nehmen, trat fehl und taummelte gegen die Thür, die ausging, so daß sie mit einem Krach in's Zimmer hineinfiel. Der Krug zerbrach unter ihrer schmerzenden, kleinen Brust in hundert Stücke, die duftende Suppe breitete sich in einem regelmäßigen Tümpel über den Fußboden aus, floß unter die zwei Betten und tropfte zwischen den Ritzen in das darunter befindliche Zimmer. Esther brach in Thränen aus ihr Rock war naß und fettig, ihre Hände waren zerschnitten und bluteten. Die kleine Sarah verstummte beim Anblick des Unheils. Moses Ansell war vom Abendgottesdienste noch nicht zurückgekehrt, aber die verrunzelte alte Großmutter, deren vertrocknetes Gesicht undeutlich aus dem Dunkel der kalten, uebeldurchhauchten Dachstube hervorsah, fi tzte sich im Bette auf und schalt sie zornig einen „Schlemiehl". In: Bewußtsein der UngegerechtigkeitweinteEsther noch bitterlicher; sie hatte feitJahren nie etwaszerbrochen.Jsy, ein winziger Knirps von viereinhalbJahren, wackelte auf sie zu (alle Ansells hatten es gelernt, im Dunkeln zu sehen) und flüsterte, indem er den lockigen Kopf an ihr nahes Leibchen lehnte: „Nicht weinen. Esther, ich laß dich in meinem neuen Bette schlafen." Der Trost, in dem imaginären, neuen Bett schlafen zu dürfen, dessen Besitz Jsy stets entgegen sah, that offenbar seine Wirkung, denn Esther stand vom Boden auf und band die Brote aus ihrer Schürze los. Ein wilder T^otz überkam sie, wie einen Spieler, der sein letztes Geld dem verlorenen nachwirft. Sie wollten heute Abend üppig schwelgen; die beiden Brote sollten auf einma verzehrt werden. Ein Laibminus, ein tüchtiger Schnitt für Vaters Abendbrot, würde für sechs ausgehungerte Magen kaum genügen. Solomon und Rachel, von den Anblick des Brotes heftig erregt, stürzten gierig darauf los, rissen Esther einen Laib aus der Hand und begannen mit den Fingern Stückedavonabzureißen. „Azikoires!" *j schrie die alte Großmutter, „Waschen und Broche machen."**) Salomonwares gewohnt, von der,,Babe" „Azikoires" genannt zu werden. Er setzte seine Mütze auf,trat murrend zu dem Wassereimer, der in einem Winkel des Zimmers stand, und goß sich einen Tropfen über die F-nger. Es steht zu befürchten, daß weder die Quantität des Wassers, noch das Flächenmaß der davon bedeckten Hand auck nur das vom rabbinischen Gesetz geforderte Minimun erreichte. Dabei murmelte er etwas, was für hebräisch gelten sollte und war im Begriff, den frommen kleinen Spruch zu sagen, der dem Essen von Brot vorangehen muß, als Rachel, die als weibliches Wesen der Ceremonie des Waschens nicht unterlegen war und ibm so einen Borsprung abgewonnen hatte, in ihrem gierigen Kauen innehielt und eine Grimasse schnitt. Salomonthat einen riesigen Biß in fein Brot, dann stieß er in ein unarticulirtes „puh!" aus und spie von sich, was er im Munde hatte. Das Brot war ungesalzen. (Fortsetzung folgt.) *) Abtrünnige. **) Segensspruch sagen. Dr. Bloch's Wochenschrift.