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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-01-03 · 1 (3.1.1896) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
1 (3.1.1896)
Date
1896-01-03
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 Nr. 1 Dr Vloch's Wochenschrift. Indem ich um Einsendung des Belegbtattes ersuche, genehmigen Sie den Ausdruck meiner Hochachtung ergebener A. E h i n g e r. H o h e n e l b e, den 24. December 1895. Ungar Oftra Zur Ehrung des Rabbiners Dr. Joel Müller s. A., Docent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Juventhums, der hier seine Thätigkeit als Rabbiner begonnen und 16 Jahre hindurch gewirkt, veranstaltete der Bocstend der isr. Cultusgemeinde eine Gedächtnißfeier, die Sonntag, den 22. d. M. abgehalten wurde. Se. Ehrw. Rabb. Dr. Emanuel Lenke hielt die Gedenkrede, in welcher er in schwungvollen Worten den Verewigten als Mensch, Gelehrten und Priester der jüdischen Wissenschaft feierte. Möge sein edles Vorbild Nacheiferung erwecken und sein Andenken ge> segnet sein!— G. Feuilleton. Kinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) I. Capitel. Das Brot des Elends. Die Straßen Londons boten das gewöhnliche Bild, als Esther Ansell, einen Krug in der Hand und mit ihrer orientalischen Hautfarbe einer Miniature der zum Brunnen gehenden Rebekka gleichend, durch den frostigen Nebel des Decemberabends dahinlief. Eine Straßensängerin, welche einen Schweis angeblich eigener Kinder hinter sich Herzog, erfüllte die Last mit einer ohrenzerreißenden Melodie; ein paar Schlumpen, die Arme in die Hüsten gestemmt, schmähten.ihre gegenseitige Verwandtschaft, ein Trunkenbold plapperte gemüthlich vor sich hin, und unter den wässerigen Strahlen einer Straßenlaterne tanzte eine Schaar zerlumpter Kinder nach einer Drehorgel, deren Besitzer eine so blaue Nase hatte wie sein Asse. Esther wickelte ihr kleines Umhängtuch fest um sich und lies weiter, ohne sich um diese bekannten Einzelheiten zu kümmern. Ihre kalten Füße sogen die Feuchtigkeit des Pstaners durch die zerrffsenen Sohlen ihrer plumpen Stiefel ein. Es waren Männerstiefel, die irgend ein betrunkener Vagabund abaeworsen und Esthers Vater ausgehoben hatte. Moses Ansell pflegte öfter solche Funde zu machen; er verdankte das vielleicht seiner Gewohnheit, mit gesenktem Kopf, wie thatsächlich unter das Joch der Gefangenschaft, gebeugt zu gehen. Die Vorsehung belohnte seine Demutb, indem sie ihn gelegentlich einen Schatz finden ließ. Esther hatte die Woche zuvor von der Schule neue Schuhe bekommen, welche gleich von der Fußbekleidung des Vagabunden ersetzt wurden; das ergab einen Nettogewinn von einer halben Krone und versorgte Esthers kleine Geschwister eine Woche lang mit Brot. In der Schule war Esther während der nächsten vierzehn Tage mit ihren Füßen sehr zurückhaltend; als jedoch die Furcht vor dem Entdecktwerden allmählich schwand, billigte sogar ihr morbides Gewisien die Täuschung: der Magen geht vor. In der Schule wurde auch Brot und Milch ausgetheilt. Aber Esther und ihre Geschwister machten nie daraus Anspruch; sie fürchteten, man könne glauben, daß sie es brauchten. Die Ueberlege-rheit eines Mitschülers ist schwer zu ertragen und ein ehrgeiziges Kind wird in Gegenwart eines Zimmers voll geldstolzer Rangen, von denen manche im Stande sind, für bloße Luxus-, gegenstände einen Penny täglich auszugeben, selten seinen Hunger eingestehen. Moses Ansell hätte sich sehr gekränkt, würde er gewußt haben, daß seine Kinder das Brot zurückwiesen, das er ihnen nicht geben konnte. Die Schneiderwerkstätten hatten wenig Arbeit und Moses, der stets von der Hand in den Mund lebte, bekam in letzter Zeit weniger als je in die eine und in den andern. Er hatte sich an den jüdischen Unterstützungsverein gewandt, aber Hilfe läuft selten so schnell, wie die Noth, und außerdem war er ein gar zu häufiger Bittsteller. Es gab jedoch eine Art von Almosen, deren man Moses nicht berauben und deren Existenz Esther ihm nicht verheimlichen konnte, so wip sie ihm das Gratisfrühstück in der Schule verheimlichte, denn es war aller Welt bekannt, daß Jeder, der wollte, dreimal wöchentlich Brot und Suppe in der Suppenküche in Fashion Street haben konnte. In demAnsell'schen ^a»se sah mau drr Eröffnung dieser Suppenküche wie dem Dämmern eines goldenen Zeitalters entgegen, in dem es unmöglich sein würde, mehr als einen Tag ohne Brot zu leben. Der Geruch von Suppe warf einen poetischen Schimmer von Dust über den kommenden Winter, und jedes Jahr, seit Esthers Mutter gestorben war, mußte die Kleine die Speise heimholen, da Moses, außer ihr das einzige disponible Glied der Familie, stets mit Beten beschäftigt war, wenn er nichts anderes zu zu thun hatte. Und so wanderte Esther auch an diesem Abend mit ihrem rothen Kruge zur Suppenküche. Vor dem stallartigen Thor der Küche befand sich, als Esther ankam, eine ganze Menge von Bittstellern, einige vielleicht mit sattemMagen, aber die Mehrzahl ausgehungert und frierend. Das weibliche Element überwog, aber es waren auch ein Dutzend Männer und ein paar Kinder da. Die meisten Männer waren kaum größer, als die Kinder, seltsame verkrüppelte, struppige Geschöpfe mit schmutzigen, von schwarzen blinzelnden Augen erhellten Gesichtern. Nur Einige waren von imponirender Gestalt, sie trugen grobe, staubige Filzhüte oder spitze Kappen und alle unter dem Kinn einen verwilderten Bart oder verblichene Halstücher. Da und dort war auch eine Frau von ansehnlicher Figur zu erblicken; aber im Ganzen war es eine Sammlung von alten Weibern, vorzeitig gealtert, mit seltsamen, welken Zügen, unsauber und schmutzig, barhäuptig oder mit schmutzstarenden Tüchern auf dem Kopfe — rothen Tüchern, grauen Tüchern, ziegelbraunen Tüchern, schmutzfarbigen Tüchern. Dennoch lag ein unbeschreiblicher Hauch von Romantik und Pathos über dieser Unsauberkeit und hexenartigen Häßlichkeit, und eine gewisse Identität verband die Menge polnischer, russischer, deutscher und holländischer Jüdinnen, die gleich apathisch vorwärts drängten. Einige hatten ein Kind an der nackten Brust, das ruhig, von Zeit zu Zeit sängend, schlummerte. Die Frauen, welche kein Tuch hatten, waren schutzlos der Kälte ausgesetzt. Die braunen Nacken waren bloß und manchmal standen auch die obersten Haken der Blouse unnöthigerweise offen. Die Mehrzahl trug billige Ohrringe und schwarze Perrücken mit unnatürlichen glatten Haaren; wo die Perrücke fehlte, war das Haar zerzaust. Um halb sechs wurde das Stallthor geöffnet, und die Menge drängte sich durch einen langen schmalen, weißgetünchten Corridor in einen scheunenartigen Raum mit einer von Holzbalken durchkreuzten Dache. Innerhalb dieses Raumes und zwar so, daß ringsum nur ein schmaler Rand frei blieb, befand sich eine Art Viehhürde, in die das arme Volk sich drängte, um in unbehaglicher Stellung und unter allgemeinem Geschwätz den göttlichen Moment zu erwarten. Der einzige von der Decke herabhängende Gasarm flackerte über die seltsamen Gesichter und verlieh ihnen etwas Grotesk-Pittoreskes, das einen Doree entzückt haben würde. Die pittoresken Leute waren hungrig, ihre Nächsten und Liebsten zu Hause hungerten. Während sie in der Phantasie wollüstig die Bereitung der Suppe verfolgten, waren sie sich der ernsten ökonomischen Fragen von Pauperismus und so weiter unbewußt und gern bereit, ihre Unabhängigkeit mit sammt der Suppe zu verschlucken. Selbst Esther, die viel gelesen hatte und sehr sensitiv war, nahm ohne Weiteres die Theorie vom Weltall hin, welche die meisten Leute um sie hatten, nämlich, daß menschliche Wesen sich nur dadurch von den Thieren unterscheiden; daß sie sich für eine dünne Brotkruste schrecklich plagen müssen, aber daß ihr Los durch die Existenz einer kleinen Elaste von Halbgöttern erleichtert werde, die „Tokisim" oder reiche Leute Ließen und wegschenkten, was sie selbst nicht brauchten. Wie diese reichen Leute entstanden, danach fragte Esther nicht, sie gehörten so zum Bestand des Ganzen, wie Wolken und Pferde. Die Elaste der Halbgötter war selten zu sehen. Sie lebte vom Ghetto weit entfernt, und es hieß, daß eine kleine Familie davon ein ganzes Haus bewohne. Vertreter derselben, in rauschende Seide oder feines schwarzes Tuch gekleidet und ein unbeschreibliches Aroma von Uebermenschlichkeit ausstrahleud, kamen manchmal unter Vortritt der freudestrahlenden Oberlehrerin in die Schule; dann standen alle kleinen Mädchen auf und knixten und die besten Schülerinnen, die als Durchschnitt der Classe ausgegeben wurden, überraschten die Halbgötter durch ihre intime Kenntniß der Topographie der Pyrenäen und des Zerwürfnisses zwischen Saul und David. Der Besuch endete mit Lächeln un < allgemeiner Zufriedenheit; das dümmste der Mädchen verstand aber die Comödie und empfand eine gutmüthige Verachtung gegen die Weltfremdheit der Halbgötter, die mit ihnen sprachen, als würden sie nicht in dem Moment, wo die „Halbgötter" ihnen den Rücken kehrten, wieder zu

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