Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 13 israelitischer Schulkinder. So kann man hier Gott Lob dreimal sehen: Thora, Abodeh und Gemilus Chesed. X. Berlin. Die „Straßb. Post" berichtet über die Einweihung einer Synagoge in Balborn im Elsaß, an welcher der Kreisdirector S w i e r s e n aus Molsheim, sowie außer mehreren Rabbinern auch der protestantische Orts-Pfarrer Kiefer theilnahmen. Der Oberrabbiner weihte die Synagoge und sprach über die Bedeutung der Synagogen in der Vergangenheit; jetzt sei die Synagoge ein Josua geworden, ein Ort des Heils der Israeliten. Äußer ihm sprachen die Rabbiner Lazarus und der Rabbiner S ch w a r tz, ein „Balborner Kind", der jetzt in Paris angestellt ist. Zuletzt sprach der protestantische Pfarrer Kiefer und hob hervor, „daß, wenn es auch verschiedene Religionsbekenntnisse gebe, olle dennoch ein gemeinsames Ziel verfolgen, den Willen Gottes zu thun und denselben zu bethätigen in den Werken der allgemeinen Nächstenliebe." Der fromme „Reichsbote" ist außer sich vor sittlicher Entrüstung über die Toleranz des protestantischen Geistlichen und fragt denunciatorisch erregt: „Ist denn keine evangelische Kirchenbehörde da, welche einem evangelischen Geistlichen begreiflich macht, was Christenthum ist und was für einen Geistlichen als Vertreter desselben sich schickt?" — Es wird interessant sein, zu erfahren, ob das Kn chenregiment dem Fingerzeig des , .Reichsboten" folgen wird. Aachen, 20. Decembec. Die hiesigen Blätter veröffentlichen folgende Erklärung: Wiederum ist, wie schon seit Jahren zum Weihnachtsfeste, ein Flugblatt erschienen, welches in schamloser Weise durch allgemein gehaltene, n i ch t durch Namen belegte Anklagen die Juden beschimpft, um dadurch das Publicum von jüdischen Geschäften sernzuhalten. ' Die Unterzeichneten, welcke weder Inhaber von Detailgeschäfien sind, noch an Detailgeschäfte verkaufen, halten es für ihre Pflicht, die Angriffe, welche in diesen Flugblättern gemacht werden, weil solche sich stets gegen ihre Glaubensgenossen, die Juden als Gesammtheit, richten, öffentlich zurückzuweisen. Die alljährlich ansgegebenen Flugblätter lassen deutlich erkennen, daß die Verfasser nicht die christliche Bevölkerung schützen wollen, sondern daß sie lediglich den Zweck verfolgen, den jüdischen Geschäften Kunden abspenstig zu machen, um solche ihren eigenen Geschäften zuzufühnu. Zum Beweis dieser Behauptung wollen wir ansühren. daß die Hauptfördere'.' der früheren „Antisemitischen Bereinigung" und jetzigen „Verein Christenschutz" fast ausschließlich Inhaber von Lad enge s ch ä f t e n sind. Welchen Werth die stets gebrauchte Phrase har: „Kauft nicht bei Juden", gebt wohl am besten daraus hervor, daß verschiedene dieser Herren, welche sich als besonders judenstindlich ansspielen, da, wo sie ihr Interesse dabei finden, ihren eigenen Bedarf bei jüdischen Firmen kaufen. Es kauft eben Jeder da, wo er glaubst am billigsten zu kaufen, denn das Geschäft wird von Jedermann des Vbrtheils halber betrieben Würden die Verfasser der Fluqblälter ihre Angriffe nur gegen die 31 u §!b ii ch s e im Handel und Gewerbe richten, wie dies früher von dem „Verein zur Wahrung gewerblicher Interessen" geschehen ist. so würde nicht nur jeder anständige Kaufmann, sondern jeder anständige Bürger, ob Jude oder Christ, sich gerne dieser Abwehr anschließen. Aber alle Juden anzugreifen, lediglich um sich einen geschäftlichen Vortheil zu sichern, kann weder christlich sein, noch anständig sein. Wir veröffentlichen diese Erkläruna nicht, um unsere christlichen Mitbürger zu veranlassen, in jüdischen Geschäften zu kaufen, sondern wir thun es, um zu verhindern, daß die anständigen Juden durch allgemein gehaltene Anklagen gegen alle Juden in der Achtung ihrer christlichen Mitbürger herabgesetzt werden. Aachen, den 18. December 1895. I. Katz, in Firma Katz u. Landstadt, Tuchfabrik. D. Würtenberg, in Firma Louis Rosenberg, Tuchfabrik. London. (Ein Vortrag ü b e r d a s .,G h e t to" von Zaugwill.) Selten werden jüdische Angelegenheiten mit solcher Eloquenz behandelt, wie dies durch Herrn Zangwill in einem vor einem gedrängten Auditorium in London gehaltenen Bortrage über das ..Ghetto" der Fall war. Der Vortragende begann mit dem Anfänge der Dinge und sprach davon, wie zwei Jahrhunderte n. Ch. Juden und Christen von dem übrigen heidnischen Europa gleich gehaßt und verfolgt wurden. Er skizzirte dann die Geschichte der Juden im Mittelalter, berichtete über ihre Lage in Spanien, Deutschland, Italien und England, wo sie trotz der Austreibung schon lange vor Cromwell's formeller Aufforderung gelebt zu haben scheinen. Er zeigte dann, daß die Beschäftigung des Geldleihens und des Verkaufes „alter Kleider," die so lange den unsinnigen Begriff eines Juden ausmachte, ihnen von denen, die ihnen nun daraus einen Borwurf machen, aufgezwungen worden ist. Die Details des Lebens im Ghetto werden mit viel Pathos und Bilderreichthum wiedergegeben. Durch die Scenen geht hie und da ein Zug von Humor, der die Tragik und Komik, welche in jenen dunkeln, schrecklich überfüllten Straßen eng bei einander wohnen, beleuchtet. Und Glück wohnt dort auch, das Glück, welches, was immer dagegen auch von Menschen unternommen wird, nicht verbannt werden kann aus dem Herzen, wo Gott lebt. Mit einem kleinen Seufzer wenden wir uns von dem frommen, im Ghetto geborenen Juden, der sein Weib sein „Heim" nannte, dessen Religion in seinem Geiste so eng als der Taliß dem Körper anschmiegte, zur Beschauung unserer eigenen rastlosen Bestrebungen in dieser Welt. — Im Lause seiner Geschichte brachte Zangwill viele Beweise, die die Behauptungen Carlyle's und Anderer, daß es den Juden an Humor mangle, entkräften sollen. Zum Schluffe betrachtete er die Zukunft des Judenthums. Er stellte die Frage, ob der Jude das Ghetto überleben werde. Ec kann nicht nur durch seine Rage allein erhalten bleiben. Die socialen Barrieren, welche durch die Ghetto-Thore versinnbildlicht find, wurden weggeräumt, mit ihnen fiel die eiserne Kette, die den Juden auf den Verkehr mit seinen Glaubensgenossen angewiesen hatte. Wird das Judenthum von der hereinbrechendeu Fluth des Kosmopoliitismus weggespült werden?— Doch als eine Nation von Priestern bietet sich uns das Israel dar, und seine Hoffnung liegt eben in dem religiösen Geiste, der sie allezeit durchweht — sollte sich da das Judenthum vor der Apostasie Einzelner fürchten? Conftantimopel. Aus Constantinopel ergeht ein Aufruf an uns, der geeignet sein dürfte, das Interesse der ganzen österreichischen Judenschaft zu err gen. Es handelt sich nämlich um die deutsche Schule der Juden in Constantinopel. die allerdings jüngst durch die Unterstützung des Herrn S. H. G v l dschmidt, Präsidenten der „Alliance Israelite Universelle“, auf ein bedeutend höheres Niveau gehoben wurde, nichtsdestoweniger aber noch immer Mangel leidet, da sich letzthin wieder die Nothwendigkeit einer Erweiterung herausgestellt hat. Diese Schule bestand ursprünglich aus einer hölzernen Baracke, in der 30—40 Schüler von nicht geprüften Lehrern nothdürftig in den Elementen des Wissens unterrichtet wurden; dies war im Jahre 1876. Seitdem ist allerdings viel gethan worden, aber wie ein Brief aus Constantinopel uns mittheilt, thut man noch immer nicht genug für das Elend der dortigen Judenschaft. Wir entnehmen diesbezüglich der „Osmanischen Post" : „Seit Beendigung des Krimkrieges wohnen hier (Constantinopel) deutschsprechende Juden in größerer Anzahl. Wie groß das Elend unter diesen Unglücklichen ist, läßt sich nicht beschreiben. In dem schmutzigsten Stadtviertel, wo Armuth und Schande nahe beieinander wohnen, find diese armseligen Geschöpfe auf ein einziges kleines Zimmer angewiesen u. s. w." Blos der Energie und der Opferwilligkeit des Dr. Fried, Präsidenten der Schulgemeinde, war es bisher zu danken, daß sich die Schule überhaupt erhalten konnte. Nun hat die „Alliance Israelite“ ihren jährlichen Beitrag von 1200 Francs auf 4000 Francs erhöht. An Stelle der alten Holzhütte ist ein prächtiges Haus erstanden, das am 16. November seine Einweihung erfahren hat und in dem neken drei geprüften Lehrern auch ein Lehrer des Türkischen und Einer des Franzöfischen fungiren sollen, aber die Noth ist noch immer groß, umso größer, wie der Briefschrieber hinzusetzt, als die spanischen Juden sich um ihre Glaubensgenossen absolut nicht kümmern und die Dinge ihren Gang gehen lassen. Die Feier der Einweihung wurde in äußerst würdiger Weise begangen. Anwesend waren: Botschaftsrath Baron Ma cchio, der Gerent des Consulates Herr v. Mariansky, der Bice-Consul Herr v. Kan y a. in Vertretung des türkischen Unterrichtsministeriums S. E. Sirri Bey, der Groß-Rabbiner Moses Lewy und andere Würdenträger von Bedeutung. Herr Dr. Fried hielt eine Rede, worin er die Regentschaft Abdul Hamid II. pries, aber auch in Verehrung und Dankbarkeit Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef, endlich des ehrwürdigen Spenders S. H. G o l d s ch m i d t in Paris gedachte, der diese ganze Feier erst möglich gemacht hatte. Es wurde bie österreichische Bolkshymne und hierauf eine Hymne an den großmüthigen Spender gesungen, mit der die Feier abschloß. Nun steht das Haus allerdings da, ob aber unseren Glaubensgenossen alle Seg,