Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021117--05214-3029439- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 1 Dr. Bloch's Wochenschrifl. Seite 11 genannt habe. Damit liege der Thatbestand des § 302 des Strafgesetzes vor und er erkläre die Versammlung für geschlossen und aufgelöst. Das hatte einen großen Tumult zur Folge und nur auf wiederholte Aufforderung wurde der Saal geräumt. Der Präsident des Abwehrvereines, Arthur G. Freiherr v. Suttner, sah sich veranlaßt, an den Bürgermeister von Eggenburg folgendes Schreiben zu richten: H a r m a n n s d o r f, 25. December 1895. Geehrter Herr Bürgermeister! Wie verlautet, soll Dr. Lueger in diesen nächsten Tagen einen seiner b ckannten Vorträge in Eggenburg halten. Bis jetzt haben sich die Bürger Eggenburgs, ihren alten Traditionen treu, dadurch ausgezeichnet, daß sie nur hervorragende Männer der Wissenschaft und der Politik, d. h. Vertreter des Fortschrittes und des Freisinnes einluden, vor ihnen zu sprechen und ich glaube auch, daß in dieser Gepflogenheit keine Aende'rung eingetreten ist. Sie haben im verflossenen Jahre ein schönes Fest*) gefeiert, und zur bleibenden Erinnerung an diesen Tag wurde ein Buch herausgegeben, dessen Mitarbeiter — Eggenburger Kinder — durch ihre ernsten und gründlichen Beiträge neuerdings den Beweis lieferten, daß der alte Geist nicht ausgestorben ist. Ihre Vorgänger haben sich unvergängliche Verdienste dadurch erivorbeu, oaß sie dem anstürmenden Feinde furchtlos die Stirne boten und seiner Eroberungslust ein energisches Halt geboten. . Auch heute sucht ein Feind die österreichischen Länder zu verheeren — und dieser Feind ist weit gefährlicher — denn er kämpft mit unehrlichen Waffen, mit den Waffen der Lüge und Verleumdung. Nur bei friedlichem Einvernehmen aller Inwohner können Cultur, Industrie, Handel und Wohlstand gedeihen; nur durch gemeinsame Arbeit, durch solidarische Vertretung der Allgemeininteressen kann ein Land aus die Stufe der Blüthe gelangen — nicht aber durch Racen- und Clasfenzwist. Dies, geehrter Herr Bürgermeister, erlaube ich mir Ihnen als österreichischer Staatsbürger, der sein Land liebt, vorzubringen, und gleichzeitig gestatte ich mir, Sie in meiner Eigenschaft als Präsiden! des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus zu ersuchen, Ihren Mitgliedern dieses Schreiben mit der Bitte mitzutheilen, unsere Bestrebungen, die gewiß wahrhaft patriotische sind, zu unterstützen. In vorzüglicher Hochachtung Arthur G. Freiherr v. Suttner. Falkenau. (Zur antisemitischen Agitation.) Aus der Nummer 25 des in Falkenau erscheinenden Blattes „Der Bolkswille", vom 5. December 1895 wurde uns eine Correspondenz aus Graslitz eingesendet, in welcher über ganz unerhörte Auswüchse der antisemitischen Agitation berichtet wird. Den Schauplatz dieses verwerflichen Treibens bilde die Mädchen- Bürgerschule in Grasl'tz und speciell das Lehrzimmer, in welchem der mosaische Religionsuntericht ertheilt wird. Wir haben von der Meldung nicht sofort Notiz genommen, weil wir es nicht glauben konnten und wollten, daß die Niedertracht so weit gehen kann, die Thürklinke des Lehrzimmers zu besudeln und die Tafel in der Schulstube vor Beginn des Unterrichts mit den unfläthigsten antisemitischen Schmähungen zu beschreiben. Die eingeleiteten Recherchen haben leider die Richtigkeit des Thatbestandes ergeben, gleichzeitig aber auch die Versicherung, daß dem empörenden Treiben wenigstens in dieser Richtung Einhalt gethan wurde und daß sich die im „Bolkswille" näher geschilderten Vorfälle voraussichtlich nicht wiederholen werden. Prag. Ein mit großer Spannung erwarteter Vortrag des Schriftstellers Herrn S. K o h n fand im Verein „Afike Jehuda" (Hotel Roubitschek) statt. Der Saal war lange vor der festgesetzten Zeit bis auf das letzte Plätzchen von einem distinguirten Auditorium, worunter sich besonders zahlreiche Damen befanden, gefüllt. Mit lobenswerther Pünktlichkeit betrat Herr Kohn, von lautem Beifall begrüßt, um 7 Uhr das Podium, um „Bilder aus längstvergangener Zeit" vor die Seele der Hörer zu zaubern. Wie zu vermuthen war, stellten diese Bilder die Scenerie zu den vortrefflichen Ghettogeschichten Kohn's dar und wir warfen Blicke in das Ghetto und sein Leben bei einer Beleuchtung, die plastisch die Gestalten und das Treiben dieser eigenthümlichen mittelalterlichen Welt vom trefflich gemalten Hintergründe sich abheben ließ. Das Frankfurter-, das Nikolsburger-, das Wiener- und insbesondere das Prager-Ghetto wurden in ihren historisch bedeutsamsten Momenten geschildert. Von ganz vortrefflicher Wirkung war namentlich die Vorführung des politischen, gesellschaftlichen *) Die Fahnenweihe der Bürgergarde, deren Ossiciere seit den Schwedenkriegen das Privilegium genießen, das goldene Porteäpäe zu tragen. und religiösen Lebens der Juden in dem „fünften" Haupt- Viertel Prags und verstand es der Vortragende, dieser traurigen Erscheinung der Vergangenheit freundliche und gemüthliche Seiten abzugewinnen. Reicher Beifall belohnte Herrn Kohn, der zu seiner über eine Stunde währenden, mit jugendlicher Frische vorgetragenen spannenden Vorlesung warm beglückwünscht wurde. Unter den Anwesenden bemerkten wir u. Aauch die Prager Rabbiner mit ihren Damen. Komotau. Die hiesige israelitische Gemeinde und das böhmische Judenthum haben einen schweren Verlust erlitten. Herr Vorsteher Adolf Fel dm ann ist im 72. Lebensjahre einem plötzlichen Schlagansalle erlegen. Herr Adolf Feldmann war am 12. Mai 1824 in Bielenz bei Komotau geboren, von wo er im Jahre 1864 nach Komotau übersiedelte und hier die weit über die Grenzen Oesterreichs bekannte Commisiions- und Speditionsfirma „Adolf F e l d m a nn und Sohn" gründete, welche sich der größten Achtung der Geschäftswelt erfreut. Auch nahm derselbe früher im öffentlichen Leben eine hervorragende Stellung ein. So war er Mitbegründer der hiesigen Cultusgemeinde und des israelitischen Beerdigungsvereines, des Casinos, Gewerbevereines, durch viele Jahre Stadtverordneter und Mitglied des Ortsschulrathes; zum Cultusvorsteher wurde er einigemale gewählt. Von allen Seiten kamen sowohl telegraphische als auch briefliche Condolenzen, deren Zahl an 1500 betrug. Der Cultusgemeinde condolirten speciell der Herr k. k. Bezirkshauptmann und die Beamten der k. k. Bezirkshauptmannschaft. Stadtdechant, evangelische Gemeinde und Pastor, sämmtliche Nachbargemeinden und Andere. Ebenso kamen der Familie von den Genannten, sowie vom israelitischen Freitischverein, vom Kreuzerverein in Prag, vom Obmann der Landesjudenschafts-Repräsentanz, Herrn Dr. Lichten st er n, Bürgermeister Dr. Schrei ter und vielen Anderen Beileidsschreiben zu. Da von der Familie Kranzspenden dankend abgelehnt waren, ging anstatt derselben der Betrag von über 300 fl. ein. Bon Seite der Cultusgemeinde wurden 50 fl. zur Bertheilung an Arme ohne Unterschied der Confession gewidmet; für denselben Zweck spendeten die Angehörigen einen größeren Betrag. Am 18. v. M. fand nun das Leichenbegängniß statt, welches sich zu einer überwältigenden Kundgebung der Verehrung und Hochachtung für den leider zu früh Verblichenen gestaltete. Lange vor Beginn desselben füllten sich die Straßen, durch welche sich der Zug bewegen sollte und in welchen die Gasflammen brannten, mit Theilnehmenden und rührende Züge der Liebe für seine Mitmenschen hörte man da erzählen. Unter den Trauergästen bemerkten wir die Herren: k. k. Bezirkshauptmann Tillbach, Bürgermeister Dr. S ch r e i t e r mit der Stadtvertretung, die Herren Commandanten der hiesigen Garnison, Vertreter der protestantischen Gemeinde, den Ortsschulrath, deffen Mitglied der Verstorbene war, die Spitzen sämmtlicher hiesiger Behörden nnd Lehranstalten, viele Staats-, Eisenbahn- und Civilbeamte, den Kaufmännischen Verein und das Handelsgremium, Deputationen der beiden Militär-Beteranenvereine, deren Ehrenmitglied der Verblichene war, der Feuerwehr und viele Andere. Ebenso waren erschienen die Vorstände und Vertretungen der Cultusgemeinden und Beerdigungsvereine von Brüx, Eger, Kaaden, Carlsbad, Saaz, Teplitz, sowie zahlreiche Mitglieder des Humanitätsverernes „B’nai b’rith“ aus sämmtlichen Nachbargemeinden; schier endlos schien der von den Schülern der hiesigen Volksschulen eröffnete Zug. „Noch nie habe ich einen Juden mit solchen Ehren zu Grabe tragen gesehen wie unseren theueren Todten!" so schrieb ein Freund des Hauses an die erschütterte Familie und wahrlich, mehr läßt sich auch mit der beredtsten Feder nicht schreiben, als was diese wenigen, schlichten Worte sagen. Am Grabe hielt Herr Rabbiner Weis einen Nachruf und zeichnete den Verblichenen als ein Bild der Treue — treu dem Glauben der Väter, treu der Gemeinde Israel, treu seiner Gattin und Familie, treu seinen Freunden, treu den Seinen, treu den Pflichten seines Ehrenamtes, lebte er ein Leben der Treue! Der Bicepräfident der Cultusgemeinde Herr Dr. Deutsch widmete namens der Cultusgemeinde dem Verstorbenen rührende Abschiedsworte. Er zeichnete das harmonische Walten,