Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 972 Dr Bloch's Wochenschrift Nr. 53 Anlasse vielleicht zum ersten Male in der Oeffentlichkeit genannt wird. Budapest. 22. December 1895. (Der ungarische F r ie d e ns v e r e i n) wurde vergangene Woche in Budapest gegründet. Die neue Institution, deren Idee auf jüdischem Boden wurzelt — denn bereits der Prophet Jesaias sprach von jenen glücklichen Zeiten, in welchen das Schwert zum Pflugeisen, die Lanze zur Sense werden wird— wählte bereits ihre Functionäre. Unter diesen finden wir folgende Glaubensgenoffen: Caffier: Ladislaus Neugebauer; Rechnungsrevisor: Wilhelm Ormond y. Im Ausschüsse: Moritz Geller!, Frau Wil h. Ormondy, Josef Deutsch de H a t v a n, Dr. Samuel Rothfeld, Reichsrathsabgeordneter Dr Moritz Mesei, Dr. Cornel Lichtenberg, Dr. Leopold Kätscher und Frau Rense Krauss- Wahrmann. Graz, 20. December. (Aus dem Grazer G emeinderathe.) Gestern hat sich in unserem Gemeinderathe anläßlich der Berathung betreffs der Errichtung der elektrischen Stadtbahn, in welchem Gegenstände zwei Einläufe Vorlagen, eine interessante Episode abgespielt, die gewisse „Führer" der antisemitischen Gewerbepartei recht deutlich charakterisirt. Das „Vaterland" vom 21. December 1895 meldet: „Es lagen, wie gesagt, zwei Projecte vor; jenes der Tramwaygesellschaft und jenes des Privaten Andrea Franz, deffen R^chtsfreund und Vertreter der Gemeinderath Dr. Starkel ist. Wie der Referent in genannter Angelegenheit constatirte, ist Herr Andrea Franz durch eine Jndiscretion zur Kenntniß der Vertrags Offerten der Tramwaygesellschaft gelangt. Gemeinderath Dr. Starkel hielt dann eine Rede zum Gegenstände, in welcher er sich gegen die Annahme des Tramwayprojectes aussprach und schließlich einen Vertagungsantrag stellte. Gemeinderath Grzesicky erklärte hierauf, es sei eine Tact- und Rücksichtslosigkeit, daß der Rechtsanwalt des Herrn Andrea Franz deffen Interessen im Gemeinderathe vertrete und daß derselbe in dieser Angelegenheit den vertraulichen Sitzungen angewohnt habe. Grzsicky stellte den Antrag, der Gemeinderath sei zu fragen, ob Dr. Starkel in dieser Sache als Vertreter des Unternehmers Franz noch reden dürfe. Dafür rächte sich Doctor Starkel, indem er seinem Collegen den Ausdruck Gemeinheit in's Gesicht schleuderte, worauf ihm der Vorsitzende Bürgermeister Dr. Portugall den Ordnungsruf ertheilte. Gemeinderath Dr. D e r f ch a t t a erklärte sodann im Namen der jetzt im Gemeinderathe befindlichen Advocaten und jener Advocaten, welche demselben früher angehört haben, daß so etwas bisher nicht vorgekomm n ist und auch nicht Vorkommen konnte. Wenn ein Advocat, der Gemeinderath ist, Geschäfte mit der Gemeinde habe, so müsse er dieselben außerhalb des Gemeinderathes abmachen und dem Gemeinderathe ferne bleiben. Der Antrag des Gemeinderathes Grzesicky, dahingehend, es sei zu constatiren, daß Dr. Starkel im Gemeinderathe Privatinte reffen vertrete, wurde mit 24 Stimmen angenommen. 36 Gemeinderathe waren anwesend. Mit den Worten: „Ich werde mich an die Statthalterei wenden", verließ Dr. Starkel den Sitzungssaal. Im Anschlüsse an diese heikle Episode sei noch eine heitere aus derselben Gemeinderathssitzung mitgetheilt. Im Vorjahre rief einmal ein Gemeinderath anläßlich der Debatte über eine Beleuchtungsfrage pathetisch ans: „Schon Schiller sagte: Mehr Licht!" In der gestrigen Sitzung nun gelegentlich der Debatte über das Stadtbahnproject hat Herr Feichtinger ein kostbares Pendant hiezu geliefirt. Warnend rief er in den Saal hinein: ^Niweo vausos, et äons. tereut68!" sagten schon die alten G r ie ch en." Lemberg. Das Präsidium des Oberlandesgerichtes von Krakau und von Lemberg hat, wie eine Localcorrespondenz berichtet, auf Veranlassung der galizischen Statthalterei den Bezirkshauptleuten verboten, die Beamten jüdischer Confession zur Theilnahme an den aus Anlaß von Geburts-, Namens- und Todestagen im Kaiserhause veranstalteten Festgottesdiensten in den katholischen Kirchen einzuladen. Ein Commentar ist überflüssig. Stanislau. Ein äußerst seltenes Fest wurde hierorts am 17. December 1895 gefeiert. Es war dies das 25jährige Jubiläum des Bestandes des Wohlthätigkeitsvereines „Chesed Weemeth", deffen Aufgabe außer der Unterstützung seiner erkrankten Mitglieder die Heranbildung armer verlassener Waisen zum ehrbaren Handwerkeist. Nicht Ziffern zeigt dieser Verein, sondern wohlhabende sich allgemeiner Beliebtheit erfreuende Handwerker, die in dankbarer Erinnerung ihre Existenz diesem Vereine verdanken. Der Festabend wurde vom Vereinsobmanne L i p a H a l p e r n mit einem Hoch auf unseren allergnädigsten Landesvater, dem Schirmer unserer Freiheit, eröffnet und erschienen als Festgäste der ehemalige Vereinsobmann und Cultuspräsident Her sch Halpern und viele Andere. Nach erhebenden Toasten des Cultuspräsidenten und Vereinsviceobmanues HerschWeishaus, Kiesl er, Wittels und Anderen nahm der Abend einen erhebenden und begeisternden Verlauf, indem jeder der Bereinszöglinge in kindlich liebevollen und ergreifenden Worten seine Dankbarkeit für den für sie sorgenden Verein bekundete, und erreichte seinen Höhepunkt, als dem nunmehrigen Vereinsobmanne eine Dankadresse, gefertigt von sämmtlichen Vereinsmitgliedern, in Anerkennung dessen aufopfernder Thätigkeit um das Gedeihen des Vereines vom Festcomite überreicht wurde. LI. B. Berlin, 18. December. Das Ergebniß der Wahlen für das Repräsentanten-Collegium der hiesigen jüdischen Gemeinde steht im Vordergründe des öffentlichen Interesses und wird sicherlich über den Kreis der unmittelbar Betheiligten hinaus Beachtung finden, je nach dem religiösen Standpunkte verschiedenartige Beurtheilung erfahren. Als Repräsentanten sind gewählt: Josef Fränkel mit 4550 Stimmen, S. Leichentritt (2990), G. Löwenberg (2895), Sanitätsrath Blumenthal (2890), Geh. Rath Kirstein (2874), Geh. Rath Senator (2741), Justizrath Heymann (2697), Professor Lewin (2651), L. Sieskind (2636), I. Oppenheim (2601). Als Stellvertreter: Prof. Baginski mit 2561 Stimmen, R.-A. Apolant (2540), Isidor Sachs (2538). M. Neufeld (2525), A. Breslauer (2514), I. Blumenthal (2500), O. Berlin (2478), R.-A. Holz (2419), M. Heilmann (2403), M. Weiß (2369), Justizrath Makower (2365), Dr. I. Stern (2354), Geh. Rath Boas (2347), Js. Löwe (2326), Js. Gutmann (2284). Es ist also die Liste des „Centralvereins", welche den Sieg davontragen. Außer Herrn Maurermeister Fränkel sind von der Liste des „Liberalen Vereins" nur die Herren Moritz Heilmann, Justizrath Makower, Geheimrath Boas und Isidor Löwe als Stellvertreter gewählt worden. Berlin, 21, December. Die neueste Beitragsliste der Stöcker'schen Mission zeigt überraschender Weise auch die Namen der Frau Cosima Wagner und Isolde v. Bülow, der Tochter Hans v. Bülow's. Die eine Dame hat 25 und die andere 10 Mark für Stöcker's Bestrebungen gezeichnet. Hinter den C o u l i s s e n des A n t i s e m i t i s mus spielen sich gar oft Dinge ab, von denen das gute Publicum, das nur die Bühne mit den feierlich aufgeputzten Comödianten zu sehen bekommt, sich nichts träumen läßt. Am Montag brachte ein hiesiges Blatt eine solche Coulissengeschichte. Sie handelte von den trostlosen Zuständen, die in der Druckerei und der Redaction des unter der sachkundigen Leitung des deutschen Gastwirths Bodeck stehenden „Deutschen Volksrechts" herrschen. Man kann es dem biederen Bodeck nicht verdenken, wenn er über diese Jndiscretionen erbost war und dem Berräther auf die Spur zu kommen suchte. Das ist ihm auch gelungen. Am Montag Abend erschien, so erzählt die „Berl. Ztg.", in seinem Local ein unbekannter Mann, der sich als politischer Freund und Schriftsetzer vorstellte und ihm im Vertrauen mittheilte, daß der Verfasser jenes gehässigen Artikels Niemand anders sei, wie sein eigener früherer R^dacteur Josef Cerny. Wuthentbrannt begab sich Bodeck am Dienstag Früh nach der Wohnung des Missethäters in der Charlottenstratze und hatte das große Glück, Herrn C e r n y anzutreffen. Als C e r n y leugnete, den Artikel geschrieben zn haben, bemerkte ihm Bodeck: „Wenn Sie dies ableugnen, dann sind Sie in meinen Augen ein ganz elender L . . p!" Cerny erklärte nunmehr, das sei eine gemeine Beschuldigung, er solle später mit seinem Cartellträgerverhandeln. Herr B od e ck hatte aber darnach kein Verlangen, zog eine Reitpeitsche hervor und bearbeitete damit C e r n y so lange, bis dieser unter einem Tische die nöthige Deckung gefunden hatte. Nachdem sich der wüthende Mann des deutschen Volksrecht entfernt hatte, begab sich der übel zugerichtete Redacteur zur Polizeiwache, um gegen seinen Verfolger die Anzeige zu erstatten. Somit wird diese Sache^wohljnoch ein gerichtliches Nachspiel haben. Frankfurt a. Main, 17. December. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur schilderte am Molitag Abend Herr Professor Dr. A. Sulzbach einen Aben