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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-27 · 52 (27.12.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 964 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 52 Altar zu treten. — Sie hing ihrem Gatten in inniger Liebe au und rührend war es zu sehen, wie sie, die kinderlose, den Kindern ihrer Geschwister mütterliche Fürsorge widmete und in den Kinderstuben ihrer Freunde zu Rathe gezogen wurde. Ein großes Verdienst der Rahel bleibt es, Goethe bereits bewundert und verehrt zu haben, als dieser Dichterheros in Deutschland noch lange nicht allgemein anerkannte war. Und sie drängte sich nicht an ihn heran, bescheiden begnügte sie sich, ihn still aus der Ferne zu bewundern. Eine Begegnung mit ihm, als er mit Marianne von Vill-mer, der Suleika des „Westöstlichen Divan", in das Dörfchen Niederwald bei Frankfurt am Main kam, erfüllte sie mit Entzücken. In einem Briefe an ihren Gatten beklagte sie sich nachher, daß sie „fassungslos" gewesen sei — und nach einem Besuche Goethe's bei ihr schreibt sie: „sie komme sich — wie Prinz Louis Ferdinand einmal von ihr gesagt — um 10,000 Thalcr mehr werth vor, denn Goethe fei bei ihr gewesen." — Für die deutsche Sprache und Literatur hat diese Frau, die nie eine Seite drucken ließ, mehr gethan als die Scribenten und Professoren ihrer Zeit; ihr sehnlichstes Streben galt der Veredlung der deutschen Sprache: plan und klar müsse man reden sagte sie. Um den ganzen großen Einfluß zu verstehen, den Rahel geübt, ist es nöthig, ihren Freundeskreis wieder auferstehen zu lassen. Die Rednerin schilderte nun David Veith, den Philosophen und Arzt, der sich den Tod auf seinem Felde der Ehre, im Lazareth, geholt, den geistvollen Fürsten von L i g n e, der in seiner Todeskrankheit, wahrend deS Wiener Congresses, sagte: er sterbe den Ausländern zu Gefallen, damit diese das Begräbnis; eines österreichischen Feldinarschalls zu sehen bekämen, Friedrich von G e n tz, die rechte Hand Metternich's, Adam von Müller, der bei Hardenberg dieselbe Rolle wie Gentz bei Metternich spielte, den Engländer I o u i, g, den Italiener G e u e l l i, die Frauen, die sich um Rahe! gescharrt. Am meisten traten aus der erlesenen Schaar zwei Lichtgestalten hervor: die engeren Freunde Rahel's: Alexander Graf Marwitz und Prinz Louis Ferdinand, der bei Salfeldeu den Heldentod starb. Die wärmsten Worte fand die Vortragende für den Hoheuzollernspiößliiig, dessen Tod Rahel nie verwand. Sie schilderte noch den Eindruck, den Goethe's Heimgang auf diese gemacht. Rahels eigenes Hinfüchen, ihr Sterben nach lOjähriger glücklicher Ehe. Es war eine eingehende und geistvolle Studie, die Frucht fleißiger Forscher arbeit, welche Frau B o n d y bot; den Dank des zahlreich versammelten Auditoriums, das ihre Ausführung mit redlichem Beifall lohnte, brachte der Obmann des Vereins Herr Weizmann, in würdiger Rede dar. Arischer Dank und jüdische Bäume. Großes Gaudium erregte es in Mauer, als man die schönen Fichten, welche dem Vorgart n der Bernhard K o h n'schen Villa zur Zierde dienten, abgetanen und zum Theil auch zertreten fand. Offenbar ist die Schaulust der ehrsamen Bewohner von Mauer leicht zu befriedigen, denn der Zusammenlauf der schadenfrohen Spötter war so groß, daß der Anrainer der K o h n'schen Villa, Herr Karl Z i e g n e r, den Hausmeister dei selben aussorderte, er solle die Bäume wegräumen, damit wieder Ruhe sei. Der Hausmeister verständigte alsbald Herrn Bernhard K o h n, der nicht so sehr über den materiellen Verlust, als über die Rohheit entsetzt, die Anzeige erstattete. Heute hatten sich Karl Z i e g n e r, Franz Bensch und Franz M a ch a c z e k vor dem Strafrichter Dr. Zöllner über die vom staatsanwaltschastlichen Functionär Hand! erhobene Anklage der Ilebertretung des tz 468 (boshafte Beschädigung fremden Eigenthums) zu verantworten. Die Deposttionen des Herrn Bernhard K o h n und des Franz M a ch a c; e ck sind an sich so charakteristisch und interessant genug, daß ihre wortgetreue Wiedergabe genügt, um ein klares Bild von den augeklaateu Personen und ihren Motiven zu gewinnen. Angeklagter Franz Machaczek deponirt: „Wir sind in der Nacht zum 2. November aus dem Gasthause, wo uns der Z i c g n e r Bier gezahlt hat, nach Hanse gegangen, als auf dem Wege Z i e g n e r uns sagte: „Hvrr's, d a w o h n t a I u d, d e m t h u n wir was zu Fleiß." Ich darauf Hab'gesagt, das gehört keinem Juden; er hat aber geantwortet, er kenne den Juden, ist in den Vorgarten gegangen, hat die Fichten abzubrcchen begonnen und ein Messer verlangt und dieselben bei d e r W n r z e l angeschnitten. Zeuge Bernhard Kahn sagt aus: „Wir sind Nachbarslcute: io) habe den Ziegne r, mit dem ich am besten Fuße gestanden bin, öfters beschäftigt und ihm in solchen Fällen den occordirtcn Preis voraus bezahlt. Franz Bensch und nach längerem Leugnen auch Karl Z i e g n e r sagen conform mit M a ch a c z e k aus. Z i e g n e r gibt sogar, daß er von K o h n sehr gut behandelt wurde. Da der Beschädigte sich dem Strafverfahren nicht «»schloß und dem Angeklagten sogar verzieh, so begnüate sich der Richter mit Geldstrafen und verurtheiltc den (von D r. S e i d l e r wirksam Verlheidigten) Z i e g n e r zu 25 fl., die beiden Anderen zu je 3 st. Geldstrafe. Wenn man wie ein Jude aussieht. Der Calculant im Finanzministerium Bernhard B r e t s ch n e i d e r erstattete am 6. September bei der Polizei die Anzeige, er sei gegen II Uhr Nachts zufällig in ein Gasthaus in der Weihburggoss? geraihen, um ein Viertel Wein zu tcinken. Wiewohl er ein Katholik sei, habe ihn der Wirth Ludwig Kreil für einen Juden gehalten und mit den Worten empfangen : „Einen S . . judrn schenl' ich nix ein!" Auf eine En gegnung: „Ich bin zwar kein Jude, aber wenn ich einer wäre, würde ich mich dessen auch nicht schämen!" habe sich der Wirth an ihm vergriffen, ihm das Beinkleid zerrissen und geschrieen: „Der S . . jud darf mir nicht lebendig hinaus!" Diese Anzeige des Calculanten hatte einen merkwürdigen Erfolg, denn die gegen den Gastwirth Kreil eiugeleitete Voruntersuchung wegen boshafter Beschädigunguud gefährlicherDrohungwurde eingestellt, dagegen gegen den Anzeiger die Anklage wegen Verletzung der Sittlichkeit erhoben, worüber gestern vor dem Bezirksgerichte Alsergrund verhandelt tvurde. Wie der Richter, Adjunkt Dr. H o e r n e s, bekanntgab, wurde die Untersuchung gegen den Wirth deshalb eingestellt, weil die Beschädigung des Beinkleides keine beabsichtigte, der Wirth aber zu der Zeit total betrunken gewesen sei. Da aber der Anzeiger damals laut Aussage der Stammgäste — das Local wird von Damen der Halbwelt besucht — unsittliche Redensarten gebraucht habe, wurde er iu Anklagestand versetzt. Der von Dr. P u p o v a c vertheidigte Angeklagte versichert, daß er vom Wirthe unausgesetzt mit antisemitischen Beschimpfungen aufs Gröblichste verletzt wurde, ja derselbe verlangt der Angelagte solle beweisen, daß er kein Jude sei, worauf er eine Bemerkung machte, die man anstößig finden könnte, allein er habe naturgemäß darauf antworten müssen, und nicht er sei es, der ein Aergerniß Hervorrufen wollte. Da der Wirth das Gasthaus in der Weihbnrggasse Nr. 16 nicht mehr inne hat und gleich seinem Kellner bish >r nicht auffindbar war, beschloß der Richter die Vertagung der Verhandlung. Ern Atttisenirtenführer als Gewichtsverknrzer. Aus Baden wird uns berichtet: Der hiesige Kohlenhändler Johann S p ö r k, der Obmann des hiesigen antisemitischen Wählervereines, hat seinerzeit an den Stadtvorstand eine Eingabe wegen Gewichts- Verkürzung im Kohlenhandel gerichtet und mußte schließlich selbst erleben, daß er wegen Gewichtsverkürzung beim Verkaufe von Kohlen in gerichtliche Untersuchung gezogen wurde. Bei der gestern vor dem Strafrichter des hiesigen Bezirksgerichtes, Herrn Dr. Fischer von T r a u n a ch, gegen ihn durchgesüyrten Verhandlung wurde er schuldig erkannt und zu einer a ch t u n d v i e r z i g st ü n d i g e n A r r e st st rase verurtheilt. Sittlichkeitsverbrechcn eines Geistlichen. Preßburg, 18. December. Eine skandalöse Affaire beschäftigt jetzt den hiesigen Gerichtshof. Ein katholischer Pfarrer einer reichen Gemeinde steht unter der Anklage schwerer Sittlichkeitsverbrechen gegen 22 Bauernburschen seines Ortes, die als Zeugen vernommen werden. Der Fürstprimas ordnete selbstverständlich die sofortige Enthebung des Pfarrers an. Derselbe heißt Paul Ernye l und ist aus Also- Korompa. Bon der vollbesetzten antisemitischen Tafel. In einem Punkte, nämlich hinsichtlich der Judenhetze, gehen sie alle zusammen, die „wackeren" Parteigänger des Antisemitismus, aber in verschiedenen anderen Punkten bekriegen sie einander gleichfalls „wacker", und es gibt da zuweilen sehr ergötzliche gegenseitige Anrempelungen, in denen sie hinsichtlich dessen, was sie einander vorzuwerfen haben, der W-hrheit so ziemlich nahekommen. Da hielt beispielsweise der Redacteur der „Ostdeutschen Rundschau", Herr K. H. Wolf, ein Epigone Schönerer's, bezüglich dessen er aber als unzulässig bezeichnet, daß „etwa Einer um Haupteslänge über einen Anderen emporrage", eine stellenweise lehrreiche und erheiternde Rede. Herr K. H. W o l f wünscht unter Anderem, daß „der Wiener Antisemitismus sich rein erhalte, daß er nicht vor dem Taufbecken Halt mache, daß nicht e i « g c t n n f 1 e r I u d e und nicht ein v e r j u d e t e r Christ Herausgeber ch r i st l i ch e r T a g b l ä t t e r werden könne". Wenn Herr K. H. Wolf, Einer vom „dürren Holze" der antisemitischen Hetzpartei, selbst erklärt, daß ein „getaufter Jude" und ein „verjudeter Christ" in Wien „christliche" Tagblätter heransgeben — wie soll sich da ein waschechter Antisemit benehmen, dem man gesagt hat, daß ein Abonncmtsschein auf ein „christliches" Tagblatt das schönste Weihnachtsgeschenk ist? Mit dem getauften Juden scheint Herr K. H. Wolf den Herausgeber der „Reichspost", einen Herrn Weimar-Spitzer, zu meinen, und wenn wir nicht irren, will er als „verjudeten Christen" den Herausgeber des „Deutschen Volksblait", Bergan! hinstellen. Ob das richtig ist, d arüber können ja die Herren W e i n a r - S p i tz e r und Vergant den Herrn K. H. Wolf selbst befragen, nach dessen Anschauungen noch einige andere Antisemiten, wie z. B. Dr. Po rzer, Dr. Max L ö w, Dr. Kaspar Schwarz :c., vermöge ihrer Herkunft und trotz des Taufbeckens nicht berufen wären, sich als Zierden der Partei zu gerireu. Auch der Mechaniker Ernst S ch n e i d e r benimmt sich keineswegs nach dem Geschmacke des Herrn K. H. Wolf; ihm ist er zu „rüppelhaft" und die Rüppelhastigkeit sei im Kampfe nicht nothwendig. Weniger hat dem Ernst Schneider allerdings schon lange Niemand nachgesagt, als daß er sich eines rüppelhaften Tones befleißt. Herr K. H. Wolf weist auch die von Dr. Lueger hochgehaltene Bundesgenoffenschaft der Clericalen zurück. „Die Deutschnationalen — sagt er — dürfen nicht den Platz räumen den Christlich-Socia l e n und etwa der Katholischen V o l k s p ar t e i; sie dürfen nicht ruhig zusehen, wie ein C a p l ä n ch e n um das andere — namentlich in den letzten Tagen der Frauenversammlungen — sich in

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