Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 53 Dr. Vloch's Wochrnphrifi. Seite 963 Aber auch selbst dann, wenn Sie, was Gott verhüten j wolle, einen Mißerfolg davontragen sollten, werden Sie noch das seltene Verdienst haben, die Frage aufgeworfen zu haben, und Sie werden alle Ihre vergeblichen Bemühungen nicht zu bedauern brauchen. Es ist dies eine moralische und historische That, soweit mein Blick reicht, von großer Tragweite, daß die Idee eines Congresses der Religionen in Frankreich das Licht der Welt erblicken, daß sie mit unbestreitbarem Ernst discutirt werden kann und daß sie den Beifall aller großen Geister findet, die mit treuem Glauben eine große Erhabenheit der Anschauungen verbinden. Dies beweist in jedem Falle, und dieses eine Resultat wird sicher bleiben, daß doch ein Wechsel eingetreten sei in der Art, die Menschen zu sehen und zu beurtheilen, daß die religiöse Toleranz wirklich eine definitive Errungenschaft unseres Jahrhunderts sei. Im Mittelalter gab es Dispute zwischen den Vertretern der verschiedenen Glaubensmeinungen; aber sie hatten nur den einen offenbaren Ausgang, daß sie ein Werk des Krieges und nicht des Friedens stifteten. Sie, Herr Abbe, Sie unternehmen ein Werk des Friedens, der Toleranz, der menschlichen Solidarität, der socialen Bruderliebe. Ich wünsche von ganzem Herzen, daß dies Werk von Erfolg gekrönt sein möge. Es wird dies nicht der geringste Triumph einer Ausstellung sein, auf welcher sich die glücklichen Schöpfungen des zu Ende gegangenen Jahrhunderts in ihrer wunderbaren Entwicklung präsentiren werden. ZadocKahn, Großrabbiner von Frankreich. Nächstenliebe. Am 16. December 1895 erzählte Abgeordneter N o s k e folgenden Fall im Parlament. Eine arme Frau in der Provinz nimmt sich aus Wien ein Findelkind, welches das Unglück hat, ein j ü d i s ch e s zu sein, und setzt den Pfarrer des Ortes davon in Kenntniß. Mit einem Ausdrucke von Bildungsmangel wird die arme Frau behandelt, weil sie sich erlaubt hat, ein jüdisches Kind zu bringen, und der Fanatismus steigert sich noch, als dieses Kind stirbt. Der Pfarrer sagt: Dieses Judenkind lasse ich nicht auf dem Friedhofe begraben, verscharrt es auf dem Hutanger, und so geschah es auch. (Hört! hört! links.) In Folge Beschwerde des Rabbinats wird dieses Kind später exhumirt und auf dem Friedhofe beerdigt. (Hört! Hört!) Und so was nennt sich katholischer Priester! So etwas darf geschehen, ohne daß es die Erbitterung aller anständigen Leute herausfordert. Wann wird endlich der Kirchensürst aufstehen, der sagen wird: Ist das katholische Religion? (lebhafter Beifall links); wann wird er erstehen und wird die Religion der Nächstenliebe predigen und sagen: Ich darf nicht die Interessen der streitenden Kirche über die Interessen der christlichen Religion stellen (lebhafter Beifall links);jich^darf nicht zugeben, daß, weil eine Bewegung mir Handlangerdienste leistet, sie die katholische Religion und Alles, was den Katholiken heilig ist, in das Gegentheil verkehrt, ihm durch ein solches Vorgehen sein katholisches Bewußtsein raubt, weil er daran zweifeln muß, ob das jene Religion noch ist, die Christus seinerzeit gelehrt hat. (Lebhafter Beifall links.) Arischer Wucher in Egypten. Der bekannte Reisende Richard B u ch t a schreibt im „Ausland" (1882, S. 850f.) Folgendes: Die Griechen in Egypten sind die Handelsleute der höchsten und der niedersten Classe; die reichsten Bankiers Alexandriens, die Matadore dieser Handelsstadt sind^fast durchwegs Griechen, sowie die Krämer, Viktualienhändler in allen größeren und kleineren Städten ebenfalls Griechen sind. Die zahlreichen kleinen Wncherb anken, welche dem^Fellah zu enormen Procenten Geld auf seine Ernte vorschießen und die seine wahre Landplage geworden, sind meistentheils in griechischen Händen; die mittellos nach Egypten kommenden Griechen beginnen ihre Laufbahn gewöhnlich als^Cafetiers, werden sodann Restaurateure, Kaufleute oder sie treiben Schleichhandel, um als Wucherer und Bankiers reiche Leute zu werden. Die Griechen in Egypten sind sowohl von den anderen Europäern als von den Eingeborenen wenig geachtet, ja sie werden ihrer Geschicklichkeit halber, diese auszubeuten, von den Fellahs geradezu gehaßt. Sie verdienen das harte Urtheil, welches der Verfasier von r,I*’Egypte et L’Europe" über sie spricht: i'N„Die Griechen, welche das Mittelmeer überschreiten, um aus Kosten der Egypter ihr Vermögen zu machen, sind nicht die besten ihrer Nation, sie zeichnen sich durch -Lügenhaftigkeit, Betrügereien, Veruntreuung, Mangel an Würde und Frechheit aus. Es gibt ohne Zweifel individuelle Ausnahmen, aber keine m Bezug der verschiedenen Berufsarten, sie flößen allen Europäern, welche sie eingehender bedachtsten, entschieden Widerwillen ein. Bor den Tribunalen machen sich die Griechen durch die rasfinirtesten Chicanerien, durch unterschobene Verträge, gefälschte Urkunden und endlich durch den gemeinsten und erbarmungslosesten Wucher und durch den Mangel von Achtung vor dem Besitze Anderer bemerkbar." Griechen und Malteser machen sich den Rang streitig in dem Contingent von Mördern, Räubern, Dieben. In Kairo und Alexandrien werden Spielhöllen von Griechen gehalten, in denen es notorisch lebensgefährlich ist, Gewinner größerer Summen zu sein. Geradezu empörend ist der Betrug, denn die griechischen Wucherer, viel seltener jene anderer Nationen, an dem armen egyptischen Bauer ausüben. Durch die während der Regierung Ismail Paschas sich vollziehende Verarmung der Fellahin sahen sich diele gezwungen, theils um die Steuern zahlen zu können, theils um Samen zu kaufen oder die zur Bewässerungsarbeit nothwendigen Thiere ersetzen zu können, bar Geld aufzunehmen, welches ihnen zu einem Prozentsatz von meist 7 — 8 Perzent, durchschnittlich aber 5 Perzent pro Monat geliehen wurde. Nicht zufrieden mit diesem schwindelnden Zinsfüße, trachteten die Wucherer ihr Geld durch Capitalisirung der Interessen zu vermehren. Zahlte der Fellah am Verfallstage seinen Wechsel, 36ne(i, nicht, so wurde ein neuer ans die schuldige Summe pl«s die Interessen ausgestellt und für alles wieder die exorbitanten Interessen gerechnet. Durch dieses Verfahren wurde das ursprüngliche Capital im Laufe von 5 Jahren verzehnfacht; der Fellah unfähig zu zahlen, wurde aus seinem Grund und Boden herausgejagt und zum Bettler gemacht. Die andere Art von Ausbeutung des Bauern bestand im Ankauf der zu erwartenden Ernten, für welche, obwohl im schriftlichen Vertrage die Marktpreise zugestandeu wurden, ein weit geringerer Betrag wirklich gezahlt wurde." Eine charakteristische Anekdote erzählt der „Corriere israelitico“. König Karl von Rumänien wollte anläßlich seiner Anwesenheit in Constantz einige Verbrecher begnadigen. Man repräsentirte ihm eine Liste, auf welcher Griechen, Bulgaren, Muselmänner, Armenier, mit einem Worte alle Racen und alle Confessionen vertreten waren, nur keine Juden. Der König, seine Rumänen kennend, fragte, warum denn keine Juden darunter seien: „Unmöglich, Majestät", antwortete der Minister. ..und zwar ans dem einfachen Grunde, weil es hier weder vcrurtheilte noch angeklagte Juden^gibt!" O, diese bösen Juden! Der Präsident der „Alleance i;isra61ite nnirer selles“. Herr S. H. G o l d s ch m i d t hat 200.000 Francs zu einem Bersorgungssond für Lehrer gegeben, außerdem erbaute der hochherzige Mann in Constantinopel eine Schule um den Preis von 150.000 Francs, welche feierlich im Beisein hervorragender Persönlichkeiten der türkischen Hauptstadt eröffnet wurde. Ein Geistlicher über die Hetzpläne. Im „P.-Lloyd" schreibt ein Dechant S i k o r s k y aus Töltszek unter dem Schlagworte „Falsche Apostel" Folgendes. „Die Beschuldigung der unerhörten Scandals trifft jene^Geistlichen,' welche in der Schule der Grobheit ausgewachsen sind, die — paris nominibns — der Würde ihrer Stellung vergessend, unter dem falschen Borwande des Schutzes der katholischen Religion ihre Pfarren verlassen haben und zwei Wochen lang die Gemeinden durchstreifend das brave Volk gegen seine Oberhirten und Seelenhirten aufreizten, die als großmäulige Denlagogen auf der Straße, zur Zeit, da, das Volk zur Kirche zu ziehen pflegt, aufreizende Reden halten, die in der Gesellschaft betrunkener Leute, in Dorfschänken das Programmder Volks- Partei entwickeln. Wohin wird dieses wahnsinnige Verhalten der Diener der Kirche führen. Wohin sie führen wird? Zur Untergrabung des Glaubenslebens des Volkes, zur Erschütterung des Vertrauens zu dem eigenen Geistlichen, was in erster Reihe diese falschen Apostel an ihrer eigenen Achillesferse trifft. Rahe! von Baruhagen und ihre Zeit. In der Monatsversammlung des Damencentralverein „Gabelsberger" sprach gestern Frau Ottilie Bondy über Nabel. In anziehender, lichtvoller Weise schilderte sie diese große Frau, die einen so dominirenden Einfluß auf ihre Zeitgenossen gehabt und deren Heim für Berlin und seine literarischen Kreise nahezu die Bedeutung eines Hotel Rambouillet gehabt. Sie bot einen Einblick in das Geistesleben dieser seltenen Frau, erzählte, wie sie ihr Leben lang, trotz schwankender Gesundheit sich nicht hemmen ließ, wie sie zum Beispiel im Winter 1813/14 in Prag, der ihr fremden Stadt, die Pflege der Verwundeten organisirte und kräftig dnrchführte. Die Vortragende erzählte, welch' glühende Patriotin Rahel war, mit welcher Liebe sie, die lange einsam Gebliebene, alle ihr Nahestehenden umfaßte und welche Hindernifle sich lange ihrer Berbinduna mit Varnhagen entgegenstellteu. Erst im Jahre 1814 ward es diesem möglich, mit Rahel Robert — seit ihrem Glaubenswechsel nannte sie sich so nach ihrem ältesten Bruder — an dem