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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-27 · 52 (27.12.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 962 Dr. Blvch's Wochenschrift Nr. 53 Hoffen wir, daß unsere Glaubensgenoffen es nicht unterlassen werden, an dem genannten Tage dem verehrten Jubilar zu beweisen, daß seine erfochtenen Siege ihm nicht nur die Dankbarkeit der orthodoxen Juden, sondern auch die Anerkennung aller wahrhaft freisinnigen Männer erworben haben. Denn Dr. Demb o's Kampf um die Schechitah hatte nicht nur eine Ehrenrettung der jüdischen Religion, sondern auch eine Bereicherung der medicinischen Wissenschaft zur Folge. Uebrigens beabsichtigt Dr. D e m b o nicht, fortan auf seinen Lorbeeren zu ruhen. Er weiß, daß trotz seiner entscheidenden Siege die Schächtfrage doch nicht als erledigt zu betrachten ist. „wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt". Und böse Nachbarn haben wir noch überall, denen die geschächteten Ochsen und die sie verzehrenden Juden keine Ruhe lassen. Deswegen steht Dr. D e m b o noch immer kampfbereit und deswegen werden die ihm bei seinen Jubiläum dargebrachten Ehren- und Anerkennungsbeweise nicht nur ein Dank für die Vergangenheit, sondern auch eine Ermunterung und Anspornung für die Zukunft sein. Wollen wir also am 19. Jänner zeigen, daß die famose Einigkeit der Juden nicht nur eine dumme Fabel der Schöpfer des Socialismus der Dummen ist. Wollen wir zeigen, daß wir einig sind in der Anerkennung der Verdienste eines Mannes, der in echt jüdischer Weise, nicht um irdische Güter, sondern für Wahrheit und Gewissensfreiheit kämpft. Möglich, daß auch diese „Solidarität" dem „bösen Nachbar" mißfallen wird, aber — ach, wenn wir uns stets um die Ansichten des „bösen Nachbars" kümmern sollten, müßten wir ja schon längst zu existiren aufgehört haben, und das wäre dem bösen Nachbar erst recht nicht lieb, denn da wäre ihm ja ein so ausgiebiges Schimpfobject entzogen. Näheres über die Betheiligungsart an der Jubiläumsfeier ertheilt bereitwilligst der Präses des Comitss. wie auch die Redaetion des „Hamelitz" zu St. Petersburg. I. T a w j e w. Der Pariser Religionseongretz. bin Brief des Großrabbiners Zadoc Kahn an den Abb6 Charbonnet. Paris, 7. November 1895. Herr Abbe! Vom ersten Augenblick an habe ich der von Ihnen ausgegangenen Idee lebhaft zugestimmt, bei Gelegenheit der Weltausstellung von 1900 in Frankreich einen allgemeinen Congreß der Religionen einzuberufen, der ganz analog wäre dem Religions-Parlament, das sich seinerzeit in Chicago versammelt hat, und ich habe Ihnen auch schon die Versicherung gegeben, daß die Theilnahme des französischen Judenthums Ihrer großherzigen Idee nicht fehlen wird. Die Erfahrungen, die in Amerika gemacht wurden, sind entscheidend. Die Mehrzahl der in der Welt verbreiteten Religionen, vertreten durch ihre hervorragendsten Führer, haben sich dort zum Zweck gemeinsamer Berathung zusammengefunden. Sie hatten dort die volle Möglichkeit, die Lehren, die b'e verkünden und die Moral, die sie lehren, darzustellen. Diese Annäherung hat ihnen Gelegenheit geboten, sich näher kennen zu lernen und sich gegenseitig zu respectiren; sie haben dort lebhaft demonstrirt, daß sie, ohne von ihrem credo abzugehen, sich die Hand bieten können, um an der gleichen Mission der Cultur, der Barmherzigkeit, der ethischen Hebung und des socialen Fortschritts zu arbeiten; und wenn sie sich auch in wichtigen Fragen, wo ihr Glaube in Betracht kam, trennten, so haben sie doch ebenso viele Berührungspunkte gefunden, in vielen Wahrheiten sich getroffen, die ihnen gemeinsam sind, weil sie die Grundlage der Humanität selbst bilden. Das war ein Schauspiel, einzig bis jetzt in der Geschichte, von einer wirklich imposanten Größe, das im Ganzen der Sache der religiösen Idee, in welcher Form sie sich auch manifestirt, große Dienste geleistet hat. Warum könnte das, was mit solchem Aufsehen in der neuen Welt sich abspielte, nicht auch im alten Europa unter viel günstigeren Bedingungen, da viel mehr religiöse Gemeinschaften daran theilnehmen würden, sich wiederholen? Wir alle Geistliche, welcher Art es auch sei, haben die Pflicht, den unserer Obhut übergebenen moralischen Besitzstand zu wahren; haben wir nicht ebenso wie unsere amerikanischen College«, ja vielleicht noch viel mehr als jene, die heilige Pflicht, die Ideen, die Grundsätze und Hoffnungen, die uns beseelen, klarzustellen, um uns gegenseitig zu stützen in dem täglichen Kampf gegen die immer mehr an Boden gewinnende Irreligiosität, gegen die traurigen Lehren, welche den Zweck verfolgen, die Humanität zu entthronen und sie ohne Schutz allen Gelüsten preiszugeben, besonders aber gegen den Jndifferentismus, der sich nicht einmal frägt, ob es keine höheren Interessen gebe als die des materiellen Lebens? Der künftige Congreß wird seine Aufgabe, und ich hoffe mit Ihnen, auch sein Resultat haben mit aller Macht den Ehrenplatz zurückzufordern, der der Religion in der Welt der menschlichen Erscheinung gebührt, Allen das Verständniß beizubringen, daß die Religion eine große sociale Macht ist, die zu vernachlässigen unvorsichtig und der keinen Glauben zu schenken ungerecht wäre; und das würde ein unberechenbares Vorurtheil für unsere unruhige und verwirrte Zeitrichtung sein. Das Judenthum, Herr Abbe, hat keinen Grund, aus dem Spiel zu bleiben bei einer solchen Manifestation. In d.n ältesten Zeiten seiner Geschichte sind alle seine Propheten gegen den Götzendienst und seine bösen moralischen Folgen aufgetreten; sie haben es ausgesprochen, daß die Gottesidee keiner organisirten Gemeinschaft fremd sei, daß überall auf dem weiten Erdenrund die Menschen Gott suchen und daß ihre Huldigungen, auch wenn sie nicht den richtigen Weg fanden, doch immer ihren Werth behielten: „An allen Orten bringt man mir Weihrauch und Opfer dar!" Ja, sie sind noch weiter gegangen; mit einer geradezu kühnen und erstaunlichen Auffassung haben sie die frohe Hoffnung verkündet, die leider auch in unserer Zeit noch ein ferner Traum ist, von der Vereinigung aller Menschen in demselben Glauben, der aus ihnen eine einzige Familie machen wird, die im tiefsten Frieden, von der höchsten Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe erfüllt, leben wird. Der allgemeine Religionscongreß wird nicht den Anspruch erheben, dieses große Wunder zu vollbringen! Seine Ziele werden weniger anspruchsvoll sein. Aber als sicher erscheint dieses, daß die Gottesidee in dieser feierlichen Sitzung, wo die verschiedenen Völker sich zusammenfinden werden, um ihren Glauben zu bekennen und sich vor der großen souveränen Macht, die die Welt beherrscht, zu beugen, in einem neuen Lichte erstrahlen wird. Und auch dies ist gewiß. Die Idee der Toleranz, der gegenseitigen Unterstützung, der Achtung, ja sogar der Sympathie für den Glauben Anderer, sie Alle können nur von dem friedlichen Zusammenwirken der Repräsentanten aller Culte Gewinn ziehen. Das ist der unmittelbare Gewinn aller möglichen Congresse. Aber der Sieg des Geistes, des Friedens, der Gerechtigkeit, des Wohlwollens wird ein viel größerer sein, wenn er der Thätigkeit Derjenigen zu verdanken ist, die die oberflächliche Volksmeinung sich gerne als grundsätzliche Gegner und unversöhnliche Feinde vorzustellen geneigt ist. Welch' eine Lehre, Herr Abbe für die Heißsporne aller Art, die nicht im Stande sind, eine ihrer Meinung nach irrige Auffassung zu bekämpfen, ohne Diejenigen zu beschimpfen und zu schmähen, die ihr anhängen! Ich für mein Theil bin glücklich, eine große Schuld der Dankbarkeit an das Religionsparlament in Chicago abzutragen, indem ich mir in Erinnerung rufe die hohe Unparteilichkeit, die es an den Tag gelegt, als es einstimmig eine Erklärung angenommen hat, die gegen die Anklage des Ritualmordes protestirte, unter welcher das Judenthum in den letzten sechs bis sieben Jahrhunderten so viel gelitten und unter der es auch heute noch viel zu oft in manchen zurückgebliebenen Ländern zu leiden hat, eine Anschuldigung, die ebenso ungerecht gegen andere religiöse Minderheiten erhoben wurde und die von Grund aus zu zerstören wohl an der Zeit sein möchte. Eine edle Manifestation, die schon allein hinreichen würde, um zu beweisen, wie leicht eine Versammlung von Männern von Herz und wahrem Glauben sich über die Vorurtheile der Menge erhebt, und um mir den lebhaften Wunsch einzuflößen, daß Sie Ihr schönes Ziel erreichen mögen. Ganz gewiß verschließen Sie sich, Herr Abbe, nicht der Erwägung, der sich kein denkender Geist verschließen kann, daß die Ausführung dieses Projects auf gar verschiedene Schwierigkeiten stoßen wird. Es sind ja schon Einwendungen erhoben worden, andere werden folgen; aber Sie haben Vertrauen in die Berechtigung Ihrer Idee, Sie behandeln sie mit großer Offenherzigkeit, mit einer starken und einwandssreien Ueberzeugung und einer unermüdlichen Thatkraft. Das sind die besten Garantien eines Erfolges.

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