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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-27 · 52 (27.12.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 52 Dr. Bloch's Wochenschrift. suchte vielmehr den Urheber meiner Tage zu rechtfertigen. Hierauf machte der Inquisitor ein Zeichen und zwei Männer kamen auf mich zu, welche lange schwarze Kleider trugen und den Kopf ebenfalls in einer Kaputze so sehr verhüllt hatten, daß nur die nöthige Oesfnung für Mund, Nase und Augen blieb. Diese Schrecklichen waren die Henker. Sie ergriffen mich, entkleideten mich gar der Lumpen, die meine Blöße kaum deckten; hierauf ermahnte mich der Inquisitor nochmals, die Verbrechen meines Vaters zu gestehen, und als ich das nicht vermochte, befahl er, mir die Tortur des Strickes zu geben. Man band mir die Hände auf den Rücken und zog mich vermittelst derselben starken Schnur, welche auch durch einen am Gewölbe angebrachten Globen ging, weit in die Höhe, ließ mich einige Minuten in diesem Zustande schweben, schnellte dann mit heftizer Ge- , Walt die Schnur zurück, daß ich wieder mehrere Fuß gegen den Boden herabfuhr, ohne ihn zu erreichen, und ichwebend über demselben hängen blieb. Der schreckliche Stoß verrenkte mir alle Glieder und der dünne starke Strick, welcher meine Hände zusammenschnürte, zerschnitt das Fleisch bis auf die Knochen. Ich war damals 23 Jahre alt, von kräftigem Körperbau und starkem, beharrlichen, Geiste, so daß ich diese abscheuliche Marter mit frischem Muthe ertrug und fortwährend meinen Vater für unschuldig erklärte. Man brachte mich nun zur zweiten Folter, welche mir vermittelst des Wassers gegeben wurde, man spannte mich nämlich auf eine hölzerne Folterbank in Gestalt einer Dachrinne, deren beiden Seiten nur durch einen Querstab verbunden waren, und auf welcher der Körper, indem er zurückfiel, vermittelst eines angebrachten Mechanismus eine solche Lage annahm, daß der Kopf tiefer abwärts hing, die Füße aber erhöht waren; diese Lage war Peinlich und meine Glieder empfanden von dem Drucke des Strickes, mit welchem sie fest gebunden waren, einen brennenden Schmerz. Hierauf brachten die Henker in meinen geöffneten Mund eine 1 feine, durchnäßte Leinwand, von welcher ein Theil meine Nasenlöcher bedeckte, goßen fortwährend in die Mundhöhle und in die Nase Wasser, welches so langsam sich durch die Leinwand seihete, daß ich in meinem Munde keine Maß Wasser zu verschlucken vermochte. Ich konnte nicht Athem schöpfen, machte die furchtbarste Anstrengung, die Tropfen hinunter zu schlucken, hoffend dadurch ein wenig Lust zu erschnappen; da aber die Leinwand mir die Kehle verstopfte und das Wasser zu gleicher Zeit durch die Nasenlöcher floß, so könnt ihr leicht begreifen, welche unsägliche Pein ich ertrug. Ich war nahe daran zu ersticke», und machte daher in meiner Verzweiflung ein Zeichen, daß ich sprechen wollte, worauf man mich von meiner Qual befreite und vor den Inquisitor führte. Ich bin Jude rief ich, verdiene den Tod und bitte Dich mir ihn auf der Stelle geben zu lassen, nur befreie mich von diesen fürchterlichen fruchtlosen Martern. Bon Dir ist nicht die Rede, entgegnete er mit einer Grabesstimme, sondern von Deinem Vater. Mein Vater ist unschuldig, behauptete ich mit Festigkeit. Nun wohl, entgegnete derselbe kalt, so bringe man ihn zur Folter des Feuers. Die Henker banden mir Hände und Füße so fest, daß sie unmöglich ihre Lage verändern konnten; hierauf rieben sie mir die Füße mit Oel ein, setzten mich an ein hellbrennendes Feuer, bis das geröstete Fleisch aufsprang und man die Nerven und Knochen von allen Seiten erblickte. Der unbeschreiblich fürchterliche Schmerz raubte mir in diesem Augenblicke die Sinne, ich fiel ohnmächtig vom Stuhle und wußte nicht mehr, was mit mir ferner vorging. Später erfuhr ich, daß der verkleidete gegenwärtige Arzt erklärt habe, ich könnte ohne zu verscheiden, nichts mehr ertragen. Nun trug man mich in meinen Kerker zurück und es bedurfte einer mehr als halbjährigen Frist, mich von den fürchterlichen Torturwunden, mit welchen man in dieser schrecklichen Nacht meinen Körper zerfetzte und zerfleischte, zu heilen; dennoch blieb mein Geist ruhig, denn ich hatte mir nichts vorznwerfen, weil ich meinen armen Vater nicht anklagte. Nachdem ich endlich wieder so ziemlich hergestellt war, wurde mir angesagt, daß ich bei dem nächsten Autodasß erscheinen müßte. Dieses spöttische Wort, welches so viel als „Glaubensact" bedeutet. ist der Name, welchen mau der Vollziehung der Jnquisitionsbeschlüsse gab. Einige Tage nach dieser Bekanntmachung wurde ich auch in der That mit einem Sanbenito, eine Art Hemd ohne Aermel mit einem großen gelben Kreuze auf Brust und Rücken, bekleidet und mir eine Mütze, von Pappendeckel, auf welcher Teufel und Flammen gemalt waren, aus's Haupt gesetzt und ich gezwungen, einer feierlichen Proceision zu folgen. Der Zug ging von einer Kirche aus, wo das Todtenamt abgehalten wurde und begab sich von dort ans einen großen öffentlichen Platz, wo aus der e'ncn Seite für die Eingeladenen eine Schaubühne und auf der anderen Seite für die Verurtheilten ein Amphitheater errichtet war. Ich bildete mir nichts anderes ein, als dem Tode entgegengeführt zu werden, und dieser Gedanke beglückte mich dergestalt, daß ich mit einer gewissen Fröhlichkeit dem Ziele meiner Leiden entgegensah. Aber nach einer Ermahnungsrede, welche ein Mönch an uns hielt, las man unser llrtheil vor und ich vernahm mit Schrecken, daß ich verurtheilt wurde, meine Tage in einem Kloster zuzubringen, wo ich dos Gelübde der Entsagung und der Armuth oblegen sollte, und Seite 961 daß alle Güter meiner Familie zu Nutzen der Inquisition consiscir wurden. Indem ich seufzend meinen Blick gen Himmel warf, be merkte ich einen Greis, der sich mir wankenden Schritten mir näherte; sein Sanbenito war schwefelgelb, in seinen zitternden Händen flackerte eine gelbe Wachskerze; seine weißen Haare bedeckten nur spärlich eine von Kummer und Leiden gefurchte Stirne; cs schien mir, als ob diese abgemagerten Züge mir bekannt wären, und nrtheilet selbst, tvie mir zu Muthe ward, als ich auch sein Urtheil mit lauter Stimme ablesen hörte, welch,s ihn zum Tode verdammte, und als man den Namen meines Vaters Caesar Qrbio aussprach ... die heiligen Mörder hatten in weniger als zwei Jahren ans dem kräftigen Mann? einen hinfälligen Greis gemacht. Meiner Sinne nicht mehr mächtig, wollte ich meinem armen Vater um den Hals lallen; aber die Barbaren gönnten uns selbst diese letzte Freude nicht und auf ihren Wink wurde mein Vater auf einen Scheiterhaufen gelegt und verbrannt. Sterbend ries er noch mit einer Allen vernehmlichen Stimme mir zu: „Ich habe den Tod verdient, weil ich gegen die Mahnungen meines Gewissens den Glauben meiner Väter verleugnere. Ich bin Jude und sterbe im jüdischen Glauben u. s. w. (Sinai 25, S. 204). Obschon Jsak de Castro in Amsterdam den größten Theil seiner Zeit und Kraft seinem ärztlichen Berufe geweiht und gewidmet hatte, war er doch aus aller Kraft bestrebt, in mehreren von ihm verfaßten Schriften als Kämpfer für die Wahrheiten des Jndemhnms, dem er mit allen Fasern feines Lebens treu anhänglich war, auszutreten. Seiner hohen und edlen Tugenden, wie seiner eminenten Gelehrsamkeit halber gehörte er zn den beliebtesten, populärsten und geachtetsten Persönlichkeiten Amsterdams. Pisek, im December 4895. Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r. Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein Jubiläum des Dr. I. Dembo. Der Name des Dr. I. Dembo bat hoffentlich auch bei den Lesern der „Oesterreichischen Wochenschrift" einen guten Klang. Wer kennt nicht diesen opferfreudigen, tapferen, unermüdlichen Kämpen der Schechitah? Ja, opferfreudig ist dieser gelehrte jüdische Arzt, denn in den letzten Jahren hat er seine bedeutende ärztliche Praxis fast gänzlich aufgegeben, um gegen die ochsenfreundlichen Judenfeinde aller Herren Länder in den Kampf zu ziehen und, ausgerüstet mit umfaffender Gelehrsamkeit und mit bewunderungswerther Ausdauer, gelang es it.m überall, glänzende und entscheidende Siege, zum größeren Ruhme der jüdischen Lehre, über ihre erbittertsten Feinde davonzutragen. Ja, seine Siege waren entscheidend; jetzt ist's männiglich bekannt, daß das Schächten, sowie alle übrigen jüdischen Religionssatzungen nicht nur göttlich, sondern auch rein menschlich sind, basirt auf echter Humanität, ans der wahren Ethik und auf wahrhaft wissenschaftlicher Grundlage. Jetzt weiß man. was auf die ignorante Thierschützelei unserer Feinde zu geben ist und welcher Werth ihren Schmähungen gegen die jüdische Religion beizumessen ist. Es ist übrigens nicht die Absicht dieses Artikels, die Verdienste des edlen, wahrhaft uneigennützige,! Kämpfers für die Ehre des Judenthums hier aufzuzählen. Zweck dieser Zeilen ist, die Freunde und Verehrer, die Tr. Dembo unter den Lesern der „Oesterreichischen Woschenschrisl" besitzt, aus die Gelegenheit aufmerksam zu machen, die sich ihnen jetzt darbietet. dem ausgezeichneten Manne ihre Anerkennung seiner Verdienste um das Judenthum in passender Weise zu zollen. Am 7./19. Jänner 1896 (4. Schebat nach jüdischem Datum) vollenden sich 25 Jahre, seitdem Dr. Dembo seine medicinischen Studien an der Militär-chirurgischen Akademie zu St. Petersburg absolvirt hat. Die Petersburger jüdische Gemeinde hat nun beschlossen, diesen Tag als Ehrentag des Dr. Dembo zu feiern und zu diesem Zwecke hat sich dort ein Comite eon« stituirt, um die Jubiläumsfeier in großartiger Weise zu arrangiren. Das Comite, unter dem Präsidium des Orientalisten Baron David Günsburg, besteht aus den Herren: Oberrabbiner Dr. D r a b k i n, Rabbiner Olschwanger, Herausgeber und Redacteur des „Hamelitz", Leon Rabin?vitch. Secretär des bekannten politischen Tageblattes „Nowosti", und noch einige Honoratioren der Petersburger jüdischen Gemeinde. Das Comite erwartet mit Recht eine rege Betheiligung an dieser Feier, nicht nur seitens der russischen Jndenheit, sondern auch seitens unserer auswärtigen Glaubensgenossen, welche die Verdienste des Jubilars um die Ehrenrettung der Schechitah und der jüdischen Lehre im Allgemeinen zu würdigen verstehen.

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