Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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< Seite 960 Dr Vloch's Wochenschrift. Nr. 52 Haare gerathen würden. — Damit ist die Diskussion geschlossen. Ab- > geordneter S 1 rübe als Berichterstatter legt noch einmal den Standpunkt der Commission dar. Der Antrag der Commission wird sodann mit allen gegen zwei (von Stockho r n e r und P s i st e r e v) Stimmen angenommen. Der zweite Conservative, Kirche nb a u e r, fehlte. Baltasar Orbio de Castro. Einer der hervorragendsten jüdischen Märtyrer des 17. Jahrhunderts war Baltasar Orbio de Castro, der zu den bedeutendsten Gelehrten Ainsterdauls gezählt wurde. Baltasar (geboren 16!6, gestorben 1687) war der Sohn maranniicher Eltern, die von Portugal nach Spanien übersiedelt sind und ihm eine ausgezeichnete Erziehung angedeihen ließen. Bon der Vorsehung mit hohen Geistesgaben beglückt, studierte er mit großem Eifer und unermüdlichem Fleiße auf spanischen Universitäten Philosophie und Medicin. Nach Absolvirung seiner Studien wurde er zum Professor der Metaphysik an der Universität von Salamanca ernannt. Später kam er nach Sevilla, wo er sich als Leibarzt des Herzogs von Medina- Celi nicht unbedeutende Reichthümer erworben hatte. Er war bereits verheiratet und erfreute sich eines glücklichen Familienlebens, als die giftige, alles Edle und Bessere verzehrende und zerstörende Schlange (Inquisition genannt) ihn seiner heimlichen Anhänglichkeit an das Judenthum halber der ewigen Nacht des Kerkers preisgab, in welchem er drei Jahre lang schmachten mußte. Haarsträubend. Mark und Bein erschütternd sind die Schilderungen der Folterqualen, welchen er dort ausgesetzt war. Wenn er denn doch dieselben, die selbst einen Herkules hätten total vernichten müssen, glücklich überstanden und überdauert hatte, so hatte er es nur einem höheren Wunder zu verdanken gehabt. Das Jnquisitionstribunal sah sich genöthigt, ihn, da er trotz der unsäglichen Folterqualen kein Geständniß ablegte, aus Mangel an Beweis freizusprechen. Spanien jedoch mußte er für immer verlassen. Er begab sich nach Tonlose, wo er zum Professor der Medicin an der Universität und zum Rathe Ludwigs UV. ernannt wurde. Trotz der geachteten und höchst günstigen Stellung, die er hier einnahm, fühlte er sich denn doch nicht ganz glücklich, weil er noch immer gezwungen war, die Maske des Christenthums zu tragen. Ein Mann, der für die Wahrheit der göttlichen Lehre mit seinem Herzblute gekämpft, dem seine Ueberzeugung höher stand als alle zeitlichen Güter, konnte nicht lange heucheln. Die Verstellungskünste, die er gebrauchen mußte, wirkten deprimirender und quälender auf ihn, als alle Leiden des finsteren Kerkers. Um sich nun dieser ihm unerträglich gewordenen Lage entledigen zu können, gab er diesen Posten auf und reiste nach Amsterdam, wo er 1666 sich osten zum Judenthum bekannte und den Namen Isaak annahm. Hier erfreute er sich bald eines guten Rufes als Arzt und Gelehrter wie als wahrhaft frommer, für den Glauben der Väter begeisterter Jude. Wenn wir uns nur einigermaßen einen Begriff von der Grautamkeit, Tyrannei und dem furchtbaren, jedes menschlich fühlende Herz sef verletzenden und empörenden Barbarismus der spanischen Inquisition, die bekanntlich zur Ehre Gottes (?) unzählige unschuldige Menschen zur Schlachtbank geführt, machen wollen, so müssen wir Orbio die Castro selbst hören, wie er seine Leiden und Qualen im Kerker schildert. Er erzählt : Mein Vater hieß Don Caesar Orbio, er war einer der angesehensten Bürger in Madrid und im Besitze eines unermeßlichen Vermögens. Ihm gehörten die herrlichsten Paläste, die prachtvollsten Landsitze, Geld in Menge, die kostbarsten Geräthe und eine zahlreiche Dienerschaft. Diese Reichthümer sind nicht von ihm, sondern von seinen Voreltern erworben worden, welche, um sie zu erhalten, sich sehr große Opfer auferlegen mußten. Ihr alle habt ohne Zweifel schon von dem ungerechten geheimen Gerichte reden gehört, welches man die Inquisition nennt und welches unter dem Vorwände, die katholische Religion zu beschützen, sie mit untilgbaren Blutflecken beschmutzt hat. Von dem ersten Erscheinen dieses Gerichts in Spanten an verfolgte es die dortigen Juden, bis es sie endlich zwang, am 3l. März 1492 ihr Vaterland zu verlassen. Man muß unter dem herrlichen Himmel dieser Halbinsel gelebt, ihren an Vegetation so reichen Boden betreten haben, um zu begreifen, wie schwer es fällt, ein so schönes und liebliches Land zu verlassen, sich auf ewig von ihm zu trennen. Meinen Voreltern war es daher unmöglich, mit ihren Brüdern in's Exil zu wandern und sie zogen es vor, dem äußeren Zwange nacbgebend, ihrer Religion dem Scheine nach zu entsagen und sich den israelitischen Familien anzuschließen, welche unter dem Namen Marannen oder Onsim bekannt dort leben und welche, da ihr Uebertritt aus Zwang und nicht aus Ueberzeugung geschah, nur äußerlich dem Ehristenthume, dem Herzen nach aber dem Judenthum angehörten. Obwohl dem Kenner des menschlichen Herzens diese Erscheinung eine ganz natürliche sein wird, so war dennoch die Inquisition gegen die Scheinchristen ungemein erbittert, ergriff die strengsten Maßregeln gegen sie und ihre unmenschlichen, barbarischen Bestrafungen werden künftigen Geschlechtern als Gemälde einer wahnsinnigen Einbildung erscheinen, so schwer wird es fallen, diese mit kaltem Blute verübten und alle Beschreibung übertreffenden Grausamkeiten zu glauben. Mein Urgroßvater, obschon er fleißig die Kirche besuchte und die Rolle eines guten Katholiken spielte, hatte im Geheimen seinen Sohn, meinen Großvater, beschneiden lassen, welcher es ebenso mit meinem Vater, Don Caesar, machte; dieser aber, bei welchem der Eifer für die väterliche Religion erloschen war, ließ mich taufen und im katholischen Glauben erziehen, das that er aber nicht etwa als eine Pflicht, die ihm das Gewissen vorschrieb, denn er selbst war nicht gläubig, sondern als er mit Schrecken sah, daß die fürchterliche Rache der Inquisition von Tag zu Tag zunahm und derselben immer mehr Opfer fielen, so beschloß er, gänzlich dem Judenthum zu entsagen und seine Kinder zu vollkommenen Katholiken heranzubilden. Seine Pläne scheiterten, aber an der Willenskraft meiner Mutter, die, noch einen Rest vom Judenthum im Herzen habend, mich, meine zwei Brüder und meine Schwester von der zartesten Jugend an gewöhnte, das Heil unserer Seele nur im jüdischen Glauben zu finden. Dadurch entstanden zuweilen in der Familie kleine Streitigkeiten, welche aber bald beigelegt waren, weil Don Caesar seine Frau zärtlich liebte. Wir wuchsen heran, unsere Erziehung rückte ihrer Vollendung nahe. Ich bestimmte mich den Studien der Medicin und machte nicht unbedeutende Fortschritte darin; meine Schwester, von bezaubernder Schönheit, wurde an einen vornehmen Hidalgo verheiratet und Alles schien sich zu unserem Glücke zu vereinigen, als wir mit einem Schlage vom Gipfel desselben herabgestürzt wurden. Eine verheerende Seuche raubte mir in einer Woche Mutier, Schwester und beide Brüder. Mein Kummer war grenzenlos; jedoch die Verzweiflung meines Vaters zu schildern, ist unmöglich. Der am Mark seines Lebens nagende Schmerz brachte ihn an die Pforten des Grabes und nur nach langer Zeit erlangte er Leben und Bewußtsein des erlittenen, unersetzlichen Verlustes wieder. Von dieser unheilvollen Zeit an war sein Charakter völlig verändeit; er war mürrisch, empfindlich, seine Augen wild, rollend und ich erkannte bald, daß peinliche Gefühle beständig sein Herz bestürmten. Es stand auch nicht lange an, so erfuhr ich das schreckliche Geheimniß, welches ihn quälte. Mein Vater, von unaufhörlichen Gewissensbissen glfolteit, schrieb der Lauheit seiner religiösen Gesinnungen die ihn betroffenen Unglücksfälle zu und diese Stimme des Gewissens sagte ihm, daß die Zeit der Verstellung vorüber sei und daß er auch vor den Augen der Welt als das erscheinen müsse, was er längst schon im Herzen war. Vergebens bewies ich ihm die Gefahreines solchen Unternehmens, vergebens schilderte ich ihm die Leiden der Unglücklichen, die in die mörderischen Hände oer Inquisition gerathen, vergebens beschwor ich ihn bei seiner Liebe zu mir; er wollte mich nicht anhören. Ich bin strafbar vor Gott und muß meine Sündenschuld sähnen, rief er verzweiflungsvoll. Und machte ich den Vorschlag, aus Spanien zu fliehen, so entgegnete er mir, ich muß da sterben, wo die Hülle meiner Gattin richet. Bald war zu unserem Unglücke sein Betragen kein Geheimniß mehr und eines Abends wurden wir Beide angehalteu und in die Gefängnisse der heiligen Inquisition geschleppt. Worte vermögen nicht die Abscheulichkeiten zu schildern, welche dieser Gerichtshof in seinem Verfahren beobachtete. Nach dem ersten Verhöre, in welchem man sich alle Mühe gab und kein Mittel scheute, mich zu solchen Aussagen zu bewegen, aus welchen mau eine Anklage gegen meinen Vater schmieden könnte, ließ man mich in einem finsteren, feuchten und ungesunden Kerker verschmachten, in welchem ich ohne Bücher, ohne ein menschliches Wesen in meiner Nähe zu erblicken, der fürchterlichen Einsamkeit preisgegeben war. Ich würde es meinen schändlichen Quälern gern verziehen haben, daß sie mich knebelten, wenn ich schrie, mich schlugen, wenn ich laut weinte, mich ohne Geräthe, ohne Bedeckung auf der Erde schlafen ließen, verschimmeltes Brot mir zur Nahrung reichten, in verpesteter Luft meine Gesundheit vernichteten; — aber daß sie mir nicht ein einzigesmal gestatteten, den geliebten Vater zu sehen und zu sprechen, daß sie mir nicht antworteten, wenn ich ängstlich nach seiner Gesundheit, seinem Leben mich erkundigte, daß sie grausam lachten, wenn ich die Zeit meiner Vermtheilung wissen wollte; — das kann ich ihnen nimmermehr vergeben. Endlich kamen eines Nachts zwei Gesangenwärter von finsterm und unheimlichen Ansehen, mich zu holen und führten mich durch ein Labyrinth von Gängen. Ich hatte das Gehen verlernt und taumelte in meinen Fesseln wie ein Berauschter; überdies blendete mich der ungewohnte Schein des Lichtes dermaßen, daß ich selbst den blassen Glanz der Fackeln, welche meine Führer in der Hand hatten, n cht ertragen konnte r.id diese waren grausam genug, statt mich zu unterstützen, mich mit Schlägen vorwärts zu treiben. Wir traten in eine unterirdische Höhle, in welcher ein unheilschwangeres Schweigen herrschte und über welcher die schrecklichen Worte standen: M arte rk a m m e r. Mitten in dieser Tigerhöhle standen die Werkzeuge der Tortur und aufeiner Erhöhung saßen drei Inquisitoren, das Gesicht unter einer Kaputze verborgen, als ob sie sich fürchteten, in ihrer wahren Gestalt vor ihren Opfern zu erscheinen. Der eine von ihnen verlangte von Neuem von mir, meinen Vater der Anhänglichkeit an das Judenthum zu beschuldigen; mit Abscheu widersetzte ich mich diesem unnatürlichen Verlangen und