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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-27 · 52 (27.12.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 959 Mutterreligivn verhöhnt, den Hunden die Judenknochen hinwirft? Oder dürften in Wahrheit die berufenen Hüter der Kirche von einem L u e g e r solch' Danaergeschenk annehmen? Wechseln nicht die Strömungen? Ist es schon vergessen, wie in den Parlamenten die Gambettas und seinesgleichen gegen die Kirche gedonnert haben und deren Vertheidiger kleinlaut machten, indem sie alte Sünden, die Inquisition, die Scheiterhaufen, die Unduldsamkeit, die Lügen, die Verdummung und Verhetzungen, die Hexenprocesse, vorbrachten? Will die Kirche ihren Feinden ein neues Arsenal verschaffen, wenn, wie nicht daran zu zweifeln, bald wieder ein anderer Hauch über die Erde weht und flammende Apostel einer neuen Geistesströmung die niederschmetternde Anklage erheben, die Kirche beruhe auf Verhetzung und Verleumdung? Denn Lueger hat es öffentlich erklärt, des Heiligen Vaters sei er sicher. Wir möchten es dennoch mcht glauben und vielmehr auch diesen Ausruf nur für einen Versuch halten, auch dem Heilgen Vater zu suggeriren. Doch sei dem, wie es wolle, vergessen wir nicht, daß wir Alle, C h ri st en wie Juden, außerdem noch einen heiligen Vater haben — den heiligen Vater im Himmel, den dreimal Heiligen, den Gott der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe! Dr. M. L. Stern _ Driesch. Die II. badische Kammer über den Schulchan-Aruch. Karlsruhe, in Baden, 18. December. Am 12. d. M. verhandelte die II. badische Kammer über einen Antrag auf staatliche Prüfung und Uebersetzung des Schulchan-Aruch. Wir entnehmen den Blättern nachstehenden Bericht: Abgeordneter Strub e berichtet über die Petition des Deutschsocialen Reformvereines Heidelberg und des gleichen Vereines in Mannheim und Hoffenheim mit ir.sgesammt 81 Unterschriften um Uebersetzung des Schulchan-Aruch. Die Commission habe sich lediglich streng an den Inhalt der Petition gehalten, und deshalb nur geprüft, ob eine Uebersetzung genannter Schriften geboten sei. Der schriftliche Bericht sei infolge dieser Beschränkung kurz gefaßt. Der Schulchan- Aruch bestehe aus vier Z heilen, von welchen der dritte Theil, vom Civil- und Criminalrecht handelnd, der wichtigste und, weil er alle die angefochtenen Stellen enthalte, derjenige sei, welcher zum Gegenstand der Angriffe hauptsächlich gemacht wurde. Es werde also insbesondere die Uebersetzung dieses dritten Buches verlangt. Dieses sei aber schon von einem Professor in Königsberg, und erst voriges Jahr von einem Lehrer am ealleAk än saerS coear in Lyon übersetzt worden. Abgesehen von alledem sei das in Rede stehende Buch, wie er auch schon in dem Bericht ausgeführt habe, kein canonisches. Außerdem hätten wir ja unsere Gesetze, die uns doch genügend gegen einen derartigen Versuch schützen könnten und würden. Andernfalls könnte ja mit demselben Rechte verlangt werden, daß auch bezüglich der wissenschaftlich-theologischen Werke der übrigen Religionen '"es Landes Erhebungen und Untersuchungen angestellt werden. Der Berichterstatter unterzieht sodann die in der Petition angeführten Bücher „Das jüdische Geheimgesetz und die deutschen Landesvertretungen", sowie „Die Aufhebung der Judenemancipation und ihre rechtliche Begründung" einer Kritik, wobei er an der Hand verlesener Stellen nachweist, daß dieselben von einseitig judenfeindlichem Standpunkte geschrieben sind. Der Berichterstatter kommt zu dem Antrag im Namen der Commission, das Haus wolle über vorliegende Petition zur Tagesordnung übergehen. — Nach Elöfsi.ung der Diseussion erhält das Wort Abgeordneter v. Stockhorner (cons.) Er habe schon auf dem letzten Landtage gegen den Antrag auf Uebergang ' zur Tagesordnung gestimmt und werde es wieder thun, denn er halte die Petition durchaus für berechtigt. Gerade die Verschiedenheit der Uebersetzungen spreche dafür, daß die Sacke endlich einmal durch richtige Uebersetzung klargelegt werde. In einem Zustandekommen der Uebersetzung sehe er den Bortheil, daß die guten Elemente unter den Juden Front machen werden gegen die schlechten, und daß sie dahin wirken werden, daß bessere Beziehungen unter den Nationen zu Stande kommen. Er stelle den Antrag, die Petition derRegierung zur Kenntuißnahme zu überweisen. — Abgeordneter Muser (Volksp.): Der einzig richtige Antrag sei der der Commission; tu dieser Ueberzeugung könnten Einen auch die Ausführungen des Herrn v. Stockhorner nicht wankend machen. Der Zweck der Petition sei nicht der angegebene, eine Uebersetzung herbeizuführen, sondern der wahre Zweck fei der, eine antisemitische Hetzerei hervorzurufen. Es gebe wohl schlimme Juden, aber nicht weniger eben solche Christen, selbst Conservative, wie z. B. H a m m e r st e i n. Das sei aber das Gemeine und Niederträchtige am Antisemitismus, daß er generalisire, die schlechten Eigenschaften Einzelner einer ganzen Nation anhänge. Mit gleichem Rechte wie gegen Juden könnte man gegen jede Nation, jede Religionsgesellschast Vorgehen. Für Baden vollends habe die in Rede stehende Petition gar keine Bedeutung, da der Schulchan-Aruch nirgends mehr im Gebrauch sei. Eher, als daß der Staat solche Bücher, und zwar zum Zweck der Parteiverhetzung übersetzen lasse, solle er aus Mittel sinnen, wie man der niederträchtigen verhetzenden antisemitischen Presse das Handwerk legen könne. Er sei für den Antrag der Commission; wie das Volk denke, so denke auch das Haus über den Antisemitismus. Abgeord. von S l o ck h o r n e r: Der Vorredner exemplisicirte auf Baden; gerade da seien solche Lehrbücher ausgefundeil worden, die in Bezug auf die Sittlichkeit wie aus allgemeinen Gründen zu beanständen waren. Wenn man mit der Einwendung komme, dieser Schulchan- Aruch habe nur insoweit Geltung, als er in den Quellen bestätigt sei, so habe diese Erklärung gar keinen Werth. Es falle Niemanden ein, auf die Quellen zurückzugehen; wer eben ein solches Lehrbuch und Religionsbuch, wie das in Baden gebrauchte Kizzur Schulchan-Aruch, in Händen habe, der handle auch danach. Der Vorrednkr habe auch die antisemitische Presse erwähnt und sie eine gemeine verhetzendegenannt V o in c o n s e r v a t i v e n Standpunkte aus sei i h m d i e Presse ä la Ahlw ardt auch zuwider, aber sonst habe er in antisemitischen Blättern schon manches ihm Zusagende gelesen. Abgeord.F i e s s r (nationalliberal): Er glaube zunäcysl der'Commission und dem Berichterstatter für die eingehende BehandlungderSache danken zu müssen. Für Jeden sei ersichtlich, daß mit dieser Petition lediglich eine Agitation beabsichtigt gewesen sei. Er freue sich mit dem Herrn Collegen Muser heute vollständig einverstanden sein zu können. Gerade für die christlich-humane Cultnr sei diese antisemitische Agitation ein Schlag ins Gesicht. Er habe nichts dagegen, wenn man gegen den jüdischen Wucher und andere Gewinnsuchtsvergehen energisch vorgehe; aber die Gerechtigkeit verlange auszusprechen, daß dies Auswüchse sind, die auch in anderen Ländern und anderen Religionen Vorkommen, nicht nur bei den Juden. Wenn die beanstünoeten Bücher derartige gemeingefährliche Stellen enthalten sollren, so kämen diese aus einer Zeit, wo die Juden ein rechtloses, geknechtetts Volk waren; diese Bücher seien in unserer Zeit jetzt noch vorhanden, aber ohne Bedeutung. Der wahre Grund d c s A n t i s e in i t i s m n s sei aber nicht d i e B e f ü r ch t u n g d e r a r t i g e r G eheimgesetze, sondern der Neid aus den Fleiß und die daraus entspringende Wohlhabenheit d e r I u d e n. Er müsse sich wundern, daß bei der ganzen Debatte der Antisemit, der im Hause fei, sich noch nicht habe vernehmen lassen. Vor jüdischen Gkheimgesetzen brauchten wir, falls wirklich welche vorhanden wären, uns nicht zu fürchten, unsere Gesetze gewähren genügenden Schutz. Was die Petition anbelange, so wunvere es ihn, daß der Antisemitismus das Werk nicht schon auf eigene Kosten habe übersetzen lassen. Er sei sich wohl bewußt, daß seine Ausführungen seinen Parteigenossen und ihm manche abfällige Kritik zuziehen würde n, daß sie vielleicht auch manche Stimme verlieren, aber er nehme alle Co: sequenzeu auf sich. Diese unmoralische Agitation gegen alle Juden bezeichne er als einen Schandfleck unsererZeit; gegen sie sollten Gesetze erlassen werden, um diesen Fleck zu vertilgen. — Abgeordneter Pfisterer (Antisemit): Er schließe sich den Ausführungen des Herrn v. Stockhorner vollständig an. Gerade Diejenigen, die gegen die Petition sind, seien meistens keine Christen, wenn sie sich auch so nennen. (Große Heiterkeit) — Abgeordneter Muser: „Es würde die Wirkung der Worte seines Vorredners abschwächen, wenn er auf dieselben antworten wollte. Er wollte Herrn von Stock Horner nur Einiges erwidern. Herr von Stockhorner habe gesagt, der Friede unter den Religionen, beziehungsweise Nationen verlange die Uebersetzung; das glaube ihm weder innoch außerhalb dieses Hauses Jemand. Ferner habe Herr von Stockhorner einen Trumpf auszuspielen geglaubt, als er sagte, der Kizzur Schulchan-Aruch sei bei den Schulen in Baden erwischt worden; Herr von Stock Horn er habe aber verschwiegen, daß der Oberraih dafür sorgte, daß in diesen Schulen das Buch verboten wurde. Abgeordneter Koelle (nationall.): Der Abgeordnete Pfisterer werfe den Nationalliberalen vor, sie seien keine Christen. Er glaube daß sie getreuer nach den Grundsätzen des Christenthums handeln als die Antisemiten. — AbgeordneterP fisteren Ich kann doch nicht stehlen und morden lassen. — Abgeordneter F i e s e r; Wer erlaubt denn das? — Abgeordneter Pfisterer: Der Herr Berichterstatter hat es doch gesagt. (Große Heiterkeit). — Abgeordneter Köhler (Centrum): Er wolle nur noch eine Bemerkung gegen Herrn von Stockhorner machen. Herr von Stockh o r n e r mache den Juden den Vorwurf, sie seien abgeschlossen. Diesen Borwurf könne man auch anderen Kreisen, insbesondere denen des hohen Adels machen, welche hinwiederum, trotz ihrer Exklusivität, sich manchmal aus gewissen Gründen gern herbei ließen, die Verbindung mir dem Judenthum herzustellen. Was die Uebersetzung des Schulchan-Aruch betreffe, so sei eine authentische Transferirung deshalb unmöglich, weil sich dann wieder die Gelehrten selbst in die

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