Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 958 Dr. Vlvch's Wochenschrift. Nr. 52 Wir gehen neuen Mühen und Kämpfen entgegen, aber wir verlangen angesichts derselben nichts als die alte Liebe und Treue unserer Freunde, die uns, so hoffen wir bestimmt, gerade in diesem schwierigen Augenblicke nicht entzogen werden wird' Lehrer als Hehspostel. Aus Floridsdorf wird uns geschrieben: In der letzten Woche haben hier zwei große antisemitische Versammlungen stattgefunden: Am Mittwoch eine christlichsociale, in welcher Dr. Lueger und der Wiener Bürgerschullehrer Ferdinand Rausche r sprachen, und am Sonntag eine deutschnationale, in welcher die Herrn Dr. Knotz und Gar »hast ihr Licht leuchten ließen. Die Unterscheidung in christlich-sociale und deutschnationale Antisemiten ist eine reine Formalität. In Wahrheit gehen beide Gruppen in allen Fragen zusammen und speciell bei den bevorstehenden Wahlen in die neue Vertretung der Großgemeinde Floridsdorf werden sie geschloffen stimmen. Das ist ja auch sehr begreiflich, denn die führenden Persönlichkeiten sind da ilnd dort Lehre r, welche mit einer geradezu verblüffenden Scrupellosigkeit die antisemitische Hetze betreiben. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat jüngst von einem seltsamen Vorfall in der Schule Notiz genommen. Eine Schülerin der fünften Classe der Floridsdorser Volksschule vertheilte vor Kurzem gelbe Zettel mit der durch eine Stmnpiglie hergestellten Devise: „Deutsche, hütet Euch vor Juden!" Allgemein wurde nach dem intellectuellen Urheber dieserseelischen Vergiftung gefragt und auch die Poliz i legte sich ins Mittel. Da fand sich denn, daß der Besitzer der Stampiglie der Bruder des Kindes, derVolksschullehrer H e r d i n, ist, der zu den Antisemiten dentschnationaler Couleur gehört. Im Bezirksschulrathe kam die Sache zur Sprache und da suchte der Herr Bürgerschuldirector Hans Smital die Sache als einen ganz unschuldigen Vorfall darzustellen. Das ist von Herrn Smital sehr begreiflich, denn trotz seines czechischen Namens hat auch dieser Herr eine unverfälscht deutschnational-antisemitische Gesinnung und ergab derselben erst jüngst dadurch Ausdruck, daß er als Erster ein Memorandum unterschrieb, in welchem der Floridsdorser Cafetier aufgesordert wurde, die „Ostdeutsche Rundschau" zu abonniren. Dieses Memorandum trug fast ausschließlich Unterschriften von Lehrern, die also, obwohl sie vom Staate bezahlt werden, sich für ein antiösterreichisches Blatt einsetzen. Der Adlatus des Herrn Smital ist der Bürgerschullehrer Franz M i t t e r b a u e r, ein junger Mann, der jede freie Minute — und die Herrn Lehrer haben deren sehr viele — zu politischen Agitationen benützt. Obgleich die Herren S m i t a l und Mitterbauer klug genug sind, bei jeder Gelegenheit andere Personen vorzuschieben, so sind sie doch, insbesondere der Letztere, die Seele der deutschnational-antisemitischen Bewegung und leisten auch den Christlich-Socialen gern und eifrig Succnrs. So hat bei der jüngsten L u e g e r-Versammlung gerade Herr Mitterbauer mit seiner Cumpanei am eifrigsten applaudirt, als Herr Lueger die christliche Nächstenliebe nach dem Recepte des Pater Schnabel auslegte und hiefür den anwesenden Katecheten Pater Stefan S k o u p n i k zum Zeugen anrief. Dieser Pater Stefan ist der spiritus rector der Christlich-Socialen, denen auch der Oberlehrer an der Floridsdorfer Knaben-Volksschule, Herr N a g l, active und passive Gefolgschaft leistet. Die Verleugnung der Berufspflichten geht so weit, daß einzelne Lehrer, trotz des entgegenstehenden Amtseides und Verbotes, im Ausschüsse des deutschnationalen Hetzvereines sitzen, ohne daß die politische Behörde bis jetzt an dieser Thatsache Anstoß genommen hätte. Die Praxis der Polizeibehörde gegenüber der antisemitischen Hetze scheint überhaupt eine sehr laxe zu sein. Wir gebrauchen diesen Ausdruck, um nicht polizeiliche Functionäre der stillen Sympathie mit den Hetzern beschuldigen zu müssen. Bezeichnend für diese milde Praxis ist der Umstand, daß bei vielen antisemitischen Versammlungen und so auch jüngst bei der Lueger-Versammlung in Floridsdorf Lueger-Broschüren und Lueger-Photographien zu Hunderten unter dem Auge des Regierungsvertreters colportirt werden burften, während z. B. ein armer jüdischer Hausirer, der in einer Arbeiter-Versammlung Cravattennadeln mit dem photographischen Bilde von Carl Marx verkaufte, vom Regierungsvertreter sofort zum Commissariate gestellt und dann sehr empfindlich gestraft wurde. Das sind Zustände, die nicht länger unbesprochen bleiben können! Ist es ja schon vorgekommen, daß in Floridsdorf jüdische Leichenzüge von Schulkindern auf offener Straße verhöhnt und daß jüdische Schulkinder von ihren christlichen Kammeraden thätlich mißhandelt wurden. Das sind die sichtbaren Folgen der antisemitischen Gesinnung eines großen Theiles der Lehrerschaft und der offenen, alle Gesetze und behördlichen Anordnungen verhöhnenden Bethätigung dieser Gesinnung! Wir wollen hoffen, daß diesen Herren der Standpunkt doch endlich einmal von maßgebender Seite klargemacht werden wird. Ein Rückblick auf die letzten Reichsraltzsdebatten. Lueger hat anläßlich der Reichsraths-Debatte über den Dispositionsfond in seiner Hetzrede den Ministerpräsidenten, die Polen und die Juden beschimpft, die Bischöfe unter seine Vormundschaft gestellt und gegen die Juden wieder das grausige, eigentlich doch nur die Christen beschimpfende Blutmärchen vor dem Einrosten zu bewahren gesucht. Mann auf Mann der bösartig Angespuckten sahen wir sich erheben, um dlirch wenige Worte den eklen Speichel von sich abzuwischen. Keiner blieb der oft vorgespiegelten Theorie treu, daß mau den Berhetzer ohne Schaden ungestört reden zu lassen habe. Der Ministerpräsident stellte gelassen eines edlen Mannes wiederholte Behauptung der Lüge gegenüber. Die Polen wehrten den Vorwurf der Verthierung gegen die polnischen Bauern mit Entschiedenheit ab. Die Clericalen, Baron Morsey, Graf P a l l f y, suchten den Luege r'schen Streich gegen die Bischöfe durch einen Lanzenstich auf den Abgeordneten N o s k e abzuwenden. Auf den Juden allein ist Alles sitzen geblieben ohne Berichtigung ohne Gegenspruch. Dr. Bloch ist nicht mehr Mitglied des Parlamentes; wo aber war sein — Nachfolger? Schimpf, den keiner der Edlen auch von einem Lueger hat auf sich sitzen lassen, hat er ruhig für die Juden hingenommen. Lueger erklärte, des Papstes sei er sicher, das klingt fast, als ob auch der Papst nicht nach der Wahrheit den Glauben auslegen dürfe, sondern nach den politischen Vortheilen, wie sie Dr. Lueger vorspiegelt. Wieder hat Lueger den crassen Unsinn zum Besten gegeben, daß er den Clerus wieder zu Ehren gebracht, das kirchliche Leben wieder erweckt habe. Nein, nicht gehoben fürwahr hat Lueger das religiöse Leben, sondern vergiftet hat er den Strom, den ernstere und bessere Männer als er, mühsam und kunstvoll hergeleitet hatten. Und ahnt Lueger gar nicht, welchen Schimpf er damit der katholischen Religion anthut. Wie, die katholische Religion hat nicht in sich selbst die Wahrheit, beseligende Kraft und Hoheit, die Menschenherzen zu erobern? Sie kann die Massen nur beherrschen, indem sie sie fanattsirt, den Haß gegen Andersgläubige anfacht, Andere herabsetzt, den Leidenschaften schmeichelt, den Neid wachrust, die