Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 954 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 51 Feuilleton. Das Testament. (Skizze von Anna Peierls.) Die glücklichste Person, welche mir auf meinem Lebenswege begegnete, ist Selig-Malchen. Wann und wo ich deren Bekanntschaft gemacht, ist mir nicht genau erinnerlich, — ich weiß nur, daß, als sie noch rüstig genug war, Trepp' auf Trepp' ab zu laufen, sie wöchentlich einmal mit ihrem Päckchen bei mir vorsprach, um Nähutensilien zu verkaufen. Bei ihrer Gewissenhaftigkeit, die Kunden nicht zu übervortheilen, zählte sie nicht nur Knöpfe und Setdenfäden, sondern auch Haar- und Stecknadeln ab, wobei sie mir immer etwas aus ihrer Lebensgeschichte erzählte, was allerdings ein öfteres Verzählen zur Folge hatte. Malchen's früherer Beruf, ehe sie sich der Posamentenbranche widmete, war: die Sprößlinge kinderreicher Familien, an Waschtagen, da alle häusliche Ordnung in's Wanken geräth, spazieren zu führen. Ihres stets heiteren und anspruchslosen Wesens halber war Malchen von Groß und Klein gern gesehen — eine Familie empfahl sie der andern und so vergrößerte sich ihr Bekannten- und dadurch späterer Kundenkreis. Die Geduld, mit welcher ich dem Geplauder des alten Mädchens lauschte, ermuthigten dasselbe zu der Bitte: ob ich ihr wohl an ihren einzigen noch lebenden Angehörigen, ihren vor Jahren ausgewanderten Bruder, einen Brief schreiben möchte, und ich erfüllte gern diesen Wunsch, da Malchens blaue Brille mich deren Augenschwäche vermuthen ließ und so verfaßten wir gemeinschaftlich ein wunderschönes Schreiben, das leider nie an seine Adresse gelangte, da Malchen mir nur dictiren konnte: Herrn Meyer Selig in Amerika. Dabei gestand sie mir unter Erröthen und vielen Entschuldigungen, sie könne es eigentlich nicht auf die Augen schieben — sie habe schreiben und lesen nie gelernt. Als zartes, mit Krämpfen behaftetes Kind, dem man nur kurze Lebensdauer prognofticirte, war sie nie in die Schule geschickt worden. So hatte ich endlich den Schlüssel zu Malchens steter Heiterkeit, der Zufriedenheit mit ihrem kärglichen Lose: sie konnte nicht lesen, nicht schreiben! Was war ihr der Parteien Haß und Hader, was die grübelnde Philosophie des sich seiner Unzulänglichkeit bewußten Menschengeistes? Glücklich war Malchen, so viel zu verdienen, um Wohnung und Kost zu bezahlen und nicht wie im Märchen, hätte man bei ihr vergeblich das Hemd des Glücklichen gesucht — sie besaß deren sogar drei. Für ihre weitere Garderobe sorgten ihre Kundinnen und Malchen konnte, strahlend vor Glückseligkeit, nach der bescheidenen Anfrage, ob es ihr gestattet sei, sich in einem Spiegel zu betrachten, sich in meinen, längst unmodern gewordnen Kleidern und Hüten bewundern, die ihr stets „ausgezeichnet" paßten. Ihr habe ich es zu danken, wenn ich mich von den Extravaganzen der Mode fern halte, denn, wie könnte ich es verantworten, sie beispielsweise nach 5 Jahren mit den allergreulichsten Ballon-Aermeln herumstolziren zu lassen? Glückliches Malchen — in die fertige Garderobe hineinschlüpfen zu können, ohne stundenlange Berathung und Anprobe bei Schneiderin und Putzmacherin! Auf dem Gipfel des Glücks aber war sie wohl, mir einst athemlos mittheilen zu können, sie habein der Lotterie gewonnen. Ob das Los, von dem sie einen 50Pfennig-Antheil spielte, mit 50.000 oder 500 Mark gezogen worden, hatte sie in der Eile und Aufregung vergessen. „Was haben Sie nur mit all' dem vielen Gelde angefangen?" fragte ich Malchen, als sie nach einiger Zeit wieder mit ihrem Bändelkram bei mir anlangte. „Ach, gnädige Frau, sie werden mich liederlich schelten — ich Hab' die Schrift auf dem Grabstein meiner seligen Eltern frisch vergolden lassen und ich bin so glücklich, wenn ich auf den „guten Ort" komme und es sieht aus, als wären sie erst vorige Woche gestorben." Seit einigen Jahren hat Malchen das Posamenten geschäst aufgegeben und wohnt im „Stift", welches die Stadt der Munificenz eines jüdischen Mitbürgers verdankt und wo arme, alte Leute ohne Unterschied der Confefsion Aufnahme finden, aber von Juden ist es am wenigsten befucht — für Stipendare liegt es zu weit ab von der Stadt, für „Minjenleut" zu entfernt von der Synagoge. Jedem Bewohner des Stifts wird außer dem leeren Zimmer auch ein Stück Gartenland zugewiesen, und Malchen ißt mit Stolz von ihrem selbstgebauten Kohl und Kartoffeln; aber des Sommers erste Erdbeeren und letzte Rosen gehören ihren Gönnerinnen und selige Freude des Gebens verklärt ihr faltiges Gesicht, wenn sie diese im blättergeschmückten Körbchen bringt. Im Winter wagt Malchen freilich nicht mehr den Gang in die Stadt, seit der Hausmeister des Asyls sie aus dem Schnee heraus geschaufelt hatte, welches Glück die halb Erfrorene gar nicht genug preisen konnte, aber vergangenen Sommer machte sie mir noch ihren Besuch, mit einer großen, drückenden Bitte auf dem Herzen. „Was ist's, Malchen, — womit kann ich aushelfen?" „Geliebte, gnädige Frau" stammelte sie, — „ich möchte mein Testament machen!" Bei der Eröffnung dieses Anliegens mag ich die Augen wohl noch weiter aufgerissen haben, als bei der Nachricht ihres Lotteriegewinnes. „Malchen" rief ich, — „haben Sie einen Schatz gehoben, oder in einem alten Strumpfe Gold entdeckt?" Nein, von alledem nichts — aber sie war vor Kurzem, als sie am Sterbebette ihrer Nachbarin stand, Zeuge gewesen, wie fremde Hände in deren Sachen gewühlt, als sie kaum die Augen geschloffen und Alles aus Kisten und Kästen umher gestreut hatten, — und das sollte mit ihrem, so sorgfältig geschonten und gehüteten Eigenthum nie geschehen! Könnten doch nur „bekowette" Leute damit erfreut werden, die es zu achten verstehen! Der Herr Vorsteher, an welchen sich Malchen auf mein Anrathen wandte, versprach, ein mitleidiges Lächeln nicht unterdrückend , sich für die Angelegenheit zu interessiren, nur müsse Malchen ihr Inventar aufnehmen lassen, damit er das weitere besorge. So erfüllte ich denn ihren diesbezüglichen Wunsch, ihr dabei behilflich zu sein, und wir verabredeten den Tag, an dem ich mit Tinte, und Feder bewaffnet, eine Aufstellung ihres Besitzthums zu entwerfen, zu ihr kam. Man glaubt in einen Feenpalast einzutreten, wenn man die Schwelle von Malchen's Zimmer überschreitet. An den Wänden glitzert und gleißt es von hundert verschiedenen goldnen und farbigen Tapetenstückchen, deren sich, bei verschiedenem Wohnungswechsel ihre Bekannten gern als unnützen Plunder's entledigten, und wenn auch Malchen in Ausübung kunstgewerblicher Thätigkeit beim Tapezieren von der Leiter fiel, so gab ihr dies nur erneute Gelegenheit, die Güte der Aerzte und die ausgezeichnete Pflege im Hospital zu preisen, wohin sie gebracht worden, ihr verrenktes Bein zu heilen. Dem Zuge der Zeit folgend, deren Losungswort „Styleinheit" ist, besteht auch die Bettdecke aus lauter bunten, kunstvoll zusammen gefügten Flicken, daß Einem ganz türkisch vor den Augen wird, wie ebenso beim Anblick von Malchen's Haube, deren zahllose bunte Maschen einem Bandhändler als Musterproben dienen könnten. In einer Ecke des geräumigen Zimmers befindet sich die Küchenabtheilung; blanke Töpfchen von meist alterthümlicher, aber auch moderner Form, deren Schäden discret der Wand zugekehrt sind, und alle an bunten Bändchen aufgehängt. Malchen hat viel Schönheitssinn, das zeigt mir auch das Innere ihres Schrankes, dessen kleinere Hälfte ihre Wäsche birgt, ebenfalls sorgfältig gefaltet und gebunden auf Spitzenpapier ruhend. Mit Stolz zählte mir Malchen außer den bereits erwähnten drei Hemden, auch ihren übrigen Wäschereichthum vor. Blendend sauber sind die weißen aus Mull, Filet und Häckelspitzen zusammengestückelten Fenstervorhänge und die Deckchen, welche den Beschauer über Form und Farbe des Lehnsessels, den 5e schmücken, im Unklaren lassen. Auf der Commode feiern allerhand alte Kästchen und Nippfiguren, deren Schäden durch bunte Bändchen und Papierblumen kunstvoll verdeckt sind, eine fröhliche Auferstehung. All' den Tand aber überstrahlt das Prunkstück, die gläsernen, den Effect von Silber vortäuschenden Leuchter, das Erbstück von Malchen's Eltern. Die Leuchter, über denen die