Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-20 · 51 (20.12.1895) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021113--05170-3029393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Beite 948 Nr. 51 i 'Mi 1 II! i hl Dr. Vlvch's Wochenschrift. Nach einem eingehenden Plaidoher des Dr. Schorn stein, worin er mit Schärfe den Nachweis der eingetretenen Verjährung erbrachte, sprach der Schwurgerichtshof in Ge mäßheit dieser Ausführungen. Herrn Alexander Schorr frei und verurtheilte David und Lazar Münzer in die Kosten. Hiemit ist allerdings die Münzer'sche Sache noch nicht vollends aus der Welt geräumt. Denn in nächster Zeit wird noch eine Verhandlung vor dem Bezirksgerichte stattfinden, welche uns Gelegenheit bieten soll, den jüngsten der Brüder Jacob Münzer, in seinem ,,rechtschaffenen Lebenswandel" beleuchtet zu sehen. Epilog zum Chanukafeste. Von Dr. Adolf Biach, Rabbiner in Brüx. Wenn dem Leser diese Zeilen zu Gesichte kommen werden, so ist unser Chanukasest schon vorüber; gleichwohl aber dürften sie immerhin noch von Jntereffe sein. „Noch nach Jahrtausenden wird unser Volk das Fest von Juda's Tempelweihe feiern!" So lautet ein Wort des Dichters O. Ludwig in seinem Trauerspiel „Die Maccabäer". Als ich vor Kurzem diese Worte des Dichters las, wurde ich von tiefer Wehmuth erfüllt. Man bedenke: Ein Dichter, der nicht unserem Glauben angehört, begeistert sich derart für die Zeit der Maccabäer, daß er nicht nur Juda Maccabia zum Helden einer deutschen Dichtung macht, sondern, von der hohen Bedeutung des Chanukafestes durchdrungen, die Mutter des Haupthelden ausrufen läßt: „Noch nach Jahrtausenden wird unser Volk das Fest von Juda's Tempelweihe feiern!" Und das indifferente Israel der modernen Zeit in kleinen und großen Städten weiß kaum, wann wir Chanuka haben und was dieses Fest zu bedeuten hat. Der moderne Jude glaubt oft gebildet zu sein, wenn er die Perlen, die das Judenthum besitzt, in den Staub tritt und dagegen mit fremdem, erborgten Glanze prunkt. Das alte Israel wußte die hohe Bedeutung des Chanukafestes zu schätzen, es wußten daß dieses Fest den Sieg des Lichtes unserer heiligen Thora über die Finsterniß des heidnischen Aberglaubens bedeute, es wußte, daß die Chanukalichter ein heiliges Symbol dafür seien, daß der jüdische Stamm nicht erlöschen werde.solange er nicht sein eigenes Licht, die Thora, erlöschen lasse; darum legte es einen so hohen Werth auf das Anzünden der Chanukalichter, daß es den Grundsatz aufstellte: „Selbst der Aermste, der auf Almosen angewiesen ist, hat die Pflicht die Chanukalichter anzuzünden. Ein sehr hoher Percentsatz des modernen Israel aber bat kaum eine Ahnung davon, daß die Chanukalichter ein Symbol für die Worte des Hallelgebetes „lau omu8 ki ecbje“, ein Symbol für die Unsterblichkeit des jüdischen Stammes sind, es zündet daher keine Chanukalichter an. wohl aber feiert es mit einer Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit. die nichts zu wünschen übrig läßt, das Weihnachtsfest. Um in dem Leser keine falsche Meinung zu erwecken, so schicke ich voraus, daß das Christenthum sich ein nicht zu unterschätzendes Verdienst erworben, daß es ein rein heidnisches Fest in sinnreicher Weise anzudeuten verstanden hat. Daraus folgt aber beiweitem noch nicht, daß der Jude ein Fest mitfeiern darf, das zur Religion des Judenthums gar keine Beziehung hat. Man gestatte mir einen Vergleich. Das Pessachfest gehört durch die Sederabende zu den schönsten Familienfesten. Ist es nun jemals schon einem Bekenner einer anderen als der jüdischen Religion eingefallen, die Sederabende zu feiern? Gewiß nicht! Und mit Recht! Denn der Sederabend hat blos Sinn und Bedeutung für die Bekenner der jüdischen Religion. Und in ähnlicher Weise hat auch das Weihnachtsfest nur für die Bekenner der christlichen Religion eine hohe Bedeutung; zum Judenthum aber hat es gar keine Beziehung. Darum ist es ein Zeichen von mangelhafter Bildung und von mangelhaftem oder keinem Selbstbewußtsein, wenn der Jude in falscher Nachahmungssucht Feste feiert, die zu seiner Religion in gar keiner Beziehung stehen, es aber unterläßt, jene Feste zu feiern, welche, wie das Chanukasest, am meisten dazu geeignet sind, sein Selbstbewußtsein zu heben. Wenn wir schon nachahmen wollen, nun dann mögen tote von pen Behennern anderer Religionen ihr andächtiges Bmehm^v^ iw /MtteDhause ünh ihr pünktliches Erscheinen bei ben^Häupttzöberen lernen?' Dis' MÄrlpsÄmeii"'<g^ö^ru'H»it zu den herrlichsten Schöpfungen nicht nur der jüdischen, sondern der Weltliteratur und gleichwohl weisen zumeist die Gotteshäuser eine gähnende Oede und Leere auf, wenn diese Gebete verrichtet werden sollen. Die wie eine Krankheit sich forterbende und immer und immer wieder auf's Neue wiederholte Bemerkung, das Judenthum kenne nicht den Gott der Liebe, wird schon durch den 1. Hallelpsalm, den wir beten, widerlegt. „Wer ist wie der Ewige, unser Gott, der so hoch und erhaben thront und doch so tief herniederschaut. Er richtet auf den Armen aus dem Staube, erhebet aus dem Kothe den Türftigen. Wie hoch steht diese Anschauung selbst über die des bedeutendsten Philosophen des Alterthums, über Aristoteles, der in seiner Metaphysik (Buch Lamda) Gott für zu hoch und zu erhaben erklärt, als daß er sich um den einzelnen Menschen kümmern sollte. Welch' herrliches Gottvertrauen zeigen ferner die Worte in den Hallelpsalmen: „Gott steht mir zur Seite, ich fürchte Nichts! Was vermag mir zu thun der Erdensohn? Besser ist's zu vertrauen auf Gott als auf den niedrigen Erdensohn, besser ist's zu vertrauen auf Gott als auf Fürstensöhne!" Gleichwohl kennt ein großer Theil Israels diese Perlen unserer Literatur nicht und hält es für ein üllzugroßes Opfer, rechtzeitig im Gotteshause zu erscheinen, um diese herrlichen Psalmen zu beten. Ermanne dich daher, modernes Israel und lerne deine Bibel, deine Vergangenheit, deine Geschichte kennen; Selbstbewußtsein wird dann wieder bei dir einkehren und bei aller Hochachtung für die Ansichten und Ideen bei den Bekennern anderer Religionen wirst du niemals dazu kommen, ein gedankenloser Nachahmer fremder Feste zu werden. An den Rabbinern derHauptgemeinden aber wird es besonders liegen, die Gründüng jüdischer Literatur vereine, wie sie in Deutschland bereits überall verbreitet sind, und jüdischer Gemeindebibliotheken in's Leben zu rufen, alsdann werden auch die übrigen Gemeinden dem Beispiele der Hauptstädte folgen und mit dem richtigen Verständnisse für die eigene Geschichte und eigeneVergangenheit wird auch Israel zudem ihm höchstnothwendigenSelbstbe. wußtsein in religiösen Dingen kommen. Correspondenzen. Wien. Samstag beging der WienerAsylverein fürObdachlose den Gedenktag des 25jährigen Bestandes seiner beiden Asylhäuser und in der aus diesem Anlasse veröffentlichten Publication richtet er die Bitte an die Wiener um Beiträge zur Erbauung eines neuen Asyls. Wien ist in anderen Städten mit gutem Beispiel vorangegangen, aber während in anderen Städten die Zahl der Asyle vermehrt worden ist, hat in Wien keine Vermehrung stattgefunden. Als vor 25 Jahren die Nothlage der Obdachlosen erkannt wurde, trat ein Mann auf, der mit warm fühlendem Herzen in Schrift und Wort sich für die Armen einsetzte und dessen Mahnruf, in der „Presse" veröffentlicht, einen so mächtigen Widerhall hervorrief, daß von diesem Momente an dem Comite bedeutende Summen zuflossen, die es in den Stand setzten, an die Erbauung zweier Häuser für Männer und Frauen zur Aufnahme der Obdachlosen zu schreiten. Julius Hirsch war es, der in der „Press e" mit geradezu hinreißender Beredsamkeit für die Armen und Elenden das Wort ergriff, wie auch die anderen Wiener Blätter mit allem Nachdruck dafür plaidirten. Wir heben dies hervor, weil in der Publication, die der Verein für den Gedenktag ausgegeben hat, der Thatsache der Mitwirkung von Julius Hirsch nicht gedacht hat, der sein aller Herzen bewegendes Wort zu Gunsten des Asyls erhoben hat. Heute gedenkt man seiner nicht, weil er ein Jude war . und die wohlthätigen Werke der Juden müssen verschwiegen bleiben. Wien. (Jüdische akademische Lesehalle.) Ein Jahr ist seit der Gründung der jüdischen akademischen Lesehalle verflossen. Ein Blick in den vom vorigen Präsidium veröffentlichten Jahresbericht zeigt uns, daß die Lesehalle in diesenr.ersten Jahre ihres Bestandes viel, ja sehr viel ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.