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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-20 · 51 (20.12.1895) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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iO»iSU>%!9 Nr. 51 Dr. Vlortz's Wochrnschrift. Seite 945 entsteht im orthodoxen Lager eine stürmische Protestbewegung, werden Pasquille, häufig sogar Denunciationen verbreitet, daß die fortschrittlichen Juden socialistische Ideen propagandiren, daß sie Nihilisten sind u. s. w. „Welch eine Garantie habt ihr," fragen gewöhnlich die Orthodoxen, „daß die Zöglinge eures Seminars besser sein werden, als die Zöglinge der ehemaligen Rabbinerschulen?" Nehmen wir sogar an, daß sie nicht besser sein werden, so dürften sie jedenfalls doch höher stehen und ihrem Berufe mehr entsprechen, als die vom Judenthum und dem Ritus nichts wissenden Veterinäre, Commerzenten u. s. w. Im Grunde genommen, befürchten jedoch die Gegner des theologischen Instituts durchaus nicht, daß die Zöglinge des künftigen Seminars schlecht sein werden, im Gegeutheil hegen sie die nicht unbegründete Befürchtung, daß sie gar zu gut sein dürften, was für ihre Pläne durchaus nicht paßt. Wenn man den Orthodoxen auseinandersetzt und darthut, daß man ihnen durchaus keine Concurrenz zu machen beabsichtige und daß es einer jeden Gemeinde freigestellt sei, einen Rabbinatscandidaten aus dem Seminar zu wählen oder zu verwerfen, so erwidern sie gewöhnlich : „Wenn jedoch ein Institut solide Gelehrte und dazu noch wirklich freie Rabbiner creiren will, — was dann? Und wenn diese Rabbiner noch außerdem Beredsamkeit besitzen werden, so kann es ja leicht geschehen, daß sie allmälig nicht blos von den fortschrittlichen, sondern auch von den orthodoxen Gemeinden erwählt werden, was doch ein großes Unglück wäre (310!). Und wo bleiben denn wir?" Braucht man noch besonders zu betonen, daß in diesen curiosen Lamentationen sich engherzige Selbstsucht bekundet. X. Im Jahre 1888 erschien eine hebräische Broschüre unter dem Titel „Diwre Scholem we Emes" (Worte des Friedens und der Wahrheit), eine Sammlung von Aufsätzen verschiedener Rabbiner, welche in dem Blatte „Ha Lewonon" veröffentlicht worden war. Die Devise aller dieser Aufsätze läßt sich kurz folgendermaßen resumiren: „Schaffet keine gebildeten Rabbiner, sondern machet die Rabbiner gebildet." Die Unaufrichtigkeit aller dieser Reden bekundete sich während der obenerwähnten Rabbinerversammlung. Man konnte nicht umhin, zu constatiren, daß jeder Rabbiner im Besonderen nichts gegen den Unterricht der russischen Sprache in den Jeschibohs einzuwenden hatte, sich jedoch fürchtete, ein bezügliches Protokoll zu unterzeichnen, damit 'hn die Collegen nicht als Ketzer und Abtrünnigen betrachten. Bedeutend aufrichtiger ist in dieser Beziehung der Herausgeber obenerwähnter Broschüre. In einem Aufsätze unter dem Titel „Rabbinat" führt Herr Lifschitz folgenden Gedanken durch: „Die hauptsächlichste, ja einzige Function der Rabbiner ist die Entscheidung von rituellen Taaesfragen und Ehescheidungsangelegenheiten. Diese sehr verzwickten Fragen erfordern tiefe Studien, denen selbst ein ganzes Menschenleben kaum genügen kann. Uebrigens könne bei außerordentlicher Befähigung der Rabbinatscandidat auch die Erlernung der russischen Sprache bewältigen, jedoch könne das blos unter der Bedingung geschehen, daß man den Rabbiner dazu nicht zwinge, daß man diese Kenntniß nicht als eonäitio sine qua non ihrer officiellen Anerkennung aufstelle. Daher müsse man das Rabbinat zu einer freien Institution machen, d. h., daß es einer leden Gemeinde anheimgestellt werde, zu ihrem Rabbiner eine jede beliebige, ihr genehme Persönlichkeit zu erwählen, daß die Regierung eine jede derartige Wahl sanctionire, ohne jeglichen Bildungscensus, ohne irgend welche Prüfung, und daß dieser Rabbiner aus dem Gemeindesäckel zu besolden sei. Wenn die Rabbiner satt und zufrieden sein werden, so werden sie während der Mußezeit auch die russische Sprache erlernen." Als im vorigen Jahre die vom Ministerium einberufene Rabbinercommission in Petersburg tagte, so circulirten in der Provinz behufs Sammlung von Unterschriften Petitionen, in welchen die Regierung ersucht wurde, die geistlichen Rabbiner officiell zu bestätigen. Man muß Voraussagen, daß diese Gesuche, wenn sie überhaupt eingereicht worden, keinen sonderlich günstigen Eindruck Hervorbringen konnten, in Angesicht der ungeheuerlichen Motive, welche darin gegen die Bildung in's Treffen geführt wurden, im Angesicht der absurden Behauptung, daß die Aufklärung zum Socialismus und Anarchismus führt. Nehmen wir an, daß die Regierung es für möglich erachten wird, das Rabbinat als eine freie Institution zu erklären, wie dies die Petenten wünschen, warum soll man die gebildete Claffe des Judenthums dieser Freiheit für verlustig erklären? Die Chassidim und Misnagdim werden für ihre rituellen und Ehescheidungsangelegenheiten ein genügendes Contingent von RÄbiner finden, warum sollte man nicht ein Institut haben, ans welchem auch die intelligenten Juden ihre Seelsorger beziehen könnten? Cu* cuique! Es gibt endlich eine Menge Mischer Gemeinden in Rußland, welche außer der russischen kewer anderen Sprache mächtig sind und welche Rabbiner brauchen, die diese Sprache vollkommen beherrschen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Regine Hieldburghäuffer. Die Wiener jüdische Gemeinde, die Wiener, jüdische Frauenwelt und nicht zuletzt die Wiener jüdischen Armen haben einen schmerzlichen und unersetzlichen Verlust erlitten. Am 16. d. M. ist Regine Hieldburgh ausser im hohen Alter von 82 Jahren aus dem Leben geschieden. Ein wahrhaft gottgefälliges, allem Edlen und Schönen zugewendetes Leben hat seinen Abschluß gefunden. Der Name Regiue H i e l d b u r g h ä u s s e r bedeutete ein leuchtendes Vorbild für alle Guten, das Muster edelster Weiblichkeit und unermüdlicher, bis zur Selbstaufopferung geübter Wohlthütigkeit. Der dünne Regine Hieldb.urgh ausser bedeutete Trost und Hoffnung den Ärmere Stab und Stütze den Verlassenen und Verwaisten. Jahrzehnte hirrdurch stand die Verblichene an der Spitze des isr. Frauen- Wohlthätigkelts-Vereines, und was diese fromme Gemeinschaft unter ihrer Leitung an Werken der Nächstenliebe vollbracht, das ist auch ein Stück socialer Arbeit und zwar ein so großes, daß Bände nicht ausreichen würden, es zu schildern. Regine H i e l d b u r g h ä u s s e r, aus einer der geachtetsten Familien stammend, vereinte in sich jene gediegene Bildung des Geistes und des Herzens, welche namentlich an den Frauen der Wiener jüdischen Patrizier familien so wohlthuend berührt und welche im Franen-Wohlthätigkeits-Vereine ihre sichtbare Bethätigung fand. — Auch ein glückliches Familienband wird hier durch den Tod zerrissen. Um die Dahingeschiedene trauert der greise Gatte, der als Vertreter unserer Cultnsgemeinde seit langen, langen Jahren seine beste Kraft dem Wöhle seiner Glaubensgenossen widmet, trauern Kinder, Enkel und Urenkel, in deren liebevollem Kreise ihr Aller einem schönen, hiudämmernden Herbstabend glich. Tausende und Abertausende werden das Andenken Regine H i e l d b u r g h ä u s s e r's segnen und mit ims sich vereinigen in dem frommen Spruche: „Friede ihrer Asche! Ehre ihrem Angedenken Ein wunder Punkt. Dcrsvön den Christen geschriebene „Fr. Bl." schreibt unter? vorstehendem Schlagmort: „Es ist in Anbetracht der allgemein menschlichen Hharaktereigenthümlichkeit leider nur zu begreiflich, daß sich die. reichen Juden durch den Antisemitismus auch nicht einmal einSyuper verderbm lassen; aber wir finden keinen schonenden Ausdruck dafür, daß sie die Peiniger ihrer armen jüdischen Glaubensgenossen noch in ihrem unmenschlichen Treiben finanziell unterstützen; während die Antisemiten in Massenmeetings die Aussperrung der ihnen unbequemen Preffe predigen, mästet fich der bekannte antisemitische Äorruptionsjournalist an festen Bankpauschalien, prangen in einer gewissen Presse, neben den schmählichsten Beschimpfungen aller Juden Inserate bekannter jüdischer Firmen u. s. w. Es müssen persönliche Motive niedrigster Art sein, welche einen Juden bewegen können, sich feine Schergen großzufüttern, während er es ängstlich meidet, durch die offene und kräftige Unterstützung der nicht in letzter Linie in. feinem Interesse für Freiheit und Recht kämpfenden Preffe, Mr der Oeffentlichkeit, sich als Jude zu declarioen. Wir hören nichts davon, daß die Parole der Antisemiten: „Judenzeitungen hinaus!" mit der einzig richtigen Antwort: „Antisemitenpreffe hinaus" heimgezahlt werde; im Gegentheil, dieselbe wächst, blüht, gedeiht und wird zu einem profitablen MeschäfteH ganz ausschließlich Dank der freundlichen Unterstützung und Nachfrage seitens der — Juden."

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