Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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JJSeite 944 Dr. Bloch's Wochenfchrifi. Nr. 51 kein Rabbinercandidat hat das Recht, dieses orthodoxe Verbot zu snnullik««." Ich weiß nicht, inwiefern unsere orthodoxen Rabbiner mit dieser extravaganten Manifestation solidarisch sind; ich weiß nur, daß es jetzt bereits das zweite Jahr seit Schließung der Jeschiboh von Woloschny ist und unsere Rabbiner - Koryphäen, denen das Schicksal dieser Anstalt doch besonders mehr am Herzen liegen mußte, haben keinen Schritt gethan, um bei der Regierung die Wiedereröffnung derselben zu erwirken. Bei dem jetzt in Regierungssphären vorherrschenden sympathischen Verhalten bezüglich der religiöspädagogischen Bedürfnisse der Juden (was aus dem Auftreten der Regierung in Bezug auf die Melamdim und Cheder bemerklich ist) konnte man fast mit Gewißheit erwarten, daß ein solches Gesuch berücksichtigt werden würde; selbstverständlich unter der Voraussetzung einer verschärften Regierungscontrole und daß der Unterricht der russischen Sprache nicht wie bisher ein blos fictiver bleibe. Leicht möglich und sogar höchst wahrscheinlich, daß dieser letztere Umstand auch als Ursache der räthselhaften Gleichgiltigkeit ist, mit welcher unsere Gegner sich zum Schicksal dieser ältesten Pflanzstätte talmudischer Gelehrsamkeit verhalten. Eine andere Erklärung kann man sich kaum denken, da man sonst gezwungen wäre, diesen seltsamen Jndifferentismus durch den Wunsch der Vertreter anderer Jeschibohs deuten zu müssen, dem Wiederaufleben eines gefährlichen Concurrenten entgegenzuwirken, was jedoch gleichbedeutend mit dem Zweifel an der Reinheit der Bestrebungen dieser Leute wäre, welche sich stets mit ihrer strengen idealen Ethik brüsten. . . . Angesichts dieses panischen Schreckens unserer russischen Rabbiner vor der europäischen Wissenschaft drängt sich unwillkürlich der Gedanke auf: auf wie schwacher Grundlage muß die jüdische Religion basiren, wenn sie das Licht der europäischen Wissenschaft sogar nicht in der mikroskopischen Dosis vertragen kann, welche in dem Cursus des Lehrprogrammes einer Kreisschule enthalten ist. Man dürfte ernstlich um das Schicksal der mosaischen Religion besorgt sein, wenn wir nicht wüßten, daß es im Westen nicht wenig wirkliche orthodoxe Rabbiner gibt, die es verstanden, fromme Juden zu bleiben, obgleich man sie zu Doctoren der Philosophie promovirte. Wie dem auch sei. Die Idee, „die Schönheiten Japhets in dem Zelte Sems" zu verpflanzen, wie sympathisch sie an und für sich auch sein möge, ist noch weit davon, sich zu realisiren und deren Verwirklichung würden natürlich vor Allem die gegenwärtigen Anordner im Zelte Sems sich widersetzen. Jedesmal. wenn die Frage über die Gründung eines theologischen Instituts angeregt wird, erheben sie sofort ihre protestirende Stimme: Wozu bedarf man eines derartigen Instituts, gebt uns bessere Lehrer der russischen Sprache und wir werden Euch die vorzüglichsten gebildeten Rabbiner vorbereiten, wirkliche Gelehrte im Sinne Krochmal, Rapoport und Chores (wie der Verfasser des Briefes sich ausdrückt). Wie wenig ernst jedoch diese Worte gemeint sind, davon können Diejenigen Zeugniß ablegen. welche vor acht Jahren der Rabbiner- Versammlung beiwohnten, die auf die Initiative des verstorbenen Poljakow einberufen worden war. Von den 42.000 Rubel des Jahresausgaben-Budgets der Jeschiboh von Woloschny könnte man doch die geringfügige Summe von 500 Rubel entnehmen, um einen Lehrer der russischen Sprache zu engagiren.wenn man dieses wirklich gewünscht hätte. Im äußersten Falle hätte man sich an die Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands wenden können, welche sicherlich sich nicht geweigert hätte, diese Bagatelle herzugeben. Wir können dem Autor obencitirter Epistel die Versicherung geben, daß besagte Gesellschaft in ihren Reformbestrebungen weit bescheidenere Ansprüche als er selbst macht. Die Gesellschaft denkt nicht daran, alle Zöglinge der Jeschiboh in Rabbiner ä la Krochmal und Rapoport zu verwandeln. Wenn es wünschenswerth ist, daß sie das Russische erlernen, so geschieht das blos deshalb, damit ihnen dce officielle Anerkennung zu Theil werde; ihre hauptsächliche Bestimmung ist jedoch gründliche Kenntniß des israelitischen Ritus, damit sie ihren Functionen entsprechen. Ueber diesen Gegenstand schrieb vor etwa 15 Jahren eines der bedeutendsten Mitglieder derGesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den russischen Juden, der bekannte Gelehrte Dr. Harhawi (Ha-Lewonon, Nr. 32, Jahrgang 1880: „Es ist bekannt, daß jede mehr oder weniger bedeutende Commune in Rußland zum mindesten aus zwei Parteien besteht: Einerseits Leute der jungen Generation, welche ihre Erziehung in den Gymnasien und Universitäten genießen, welche nicht die geringste Idee vom Judaismus oder denselben ganz vergessen haben. Diese Leute stehen in den meisten Fällen an der Spitze der Gemeinden, weil sie von den Vertretern der Regierung und Bevölkerung geachtet werden, und zwar auf Grund der socialen Stellung, die sie einnehmen. Andererseits, die ungebildete, am Altherkömmlichen hängende Bolksmaffe, welche vom Fortschritt nichts wissen will." „Als hier die Rabbinerfrage auftauchte, so dachten wir zuerst, daß es uns gelingen werde, einen Mittelweg ausfindig zu machen, um solche Rabbiner heranzubilden, welche beide Parteien befriedigen könnten, d. h. Rabbiner, welche gründliche Kenntnisse des Talmud und der Responsen in dem Maße besäßen, wie sie von geistlichen Rabbinern verlangt werden, welche jedoch gleichzeitig von solch' allgemeiner Bildung wären, wie sie von unserer Regierung verlangt wird. Denn, wenn gleich die Rabbinerschulen geschlossen sind, so ist das Gesetz über den Bildungsgrad der Rabbiner nicht aufgehoben worden. Nach reiflicher Ueberlegung kamen wir jedoch zu der Schlußfolgerung, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen es der „Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands" schwerlich gelingen dürfte, die Forderungen der beiden extremen Parteien zu versöhnen. Daß unsere orthodoxen Brüder keinen gebildeten Rabbiner anerkennen werden, selbst wenn er die erforderlichen „Smichos" von den Rabbinern besäße, die bei uns die größte Autorität genießen, und ein Jeder mit der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung der Juden Rußlands in irgend welchen Beziehungen stehende Rabbinatscandivat wird eo ipso von der orthodoxen Menge als ein seinem Berufe nicht entsprechender geistlicher Functionär betrachtet werden. Das ist feststehend." „Andererseits kann die progressive Partei sich nicht mit der Anstellung von solchen Rabbinern einverstanden erklären, welche der russischen Sprache nicht mächtig sind und nicht in der Landessprache oder in einer anderen europäischen Sprache predigen können und die nicht auf dem Niveau ihres eigenen Bildungsgrades stünden und nicht befähigt seien, die Vermittlerrolle zwischen der Gemeinde und der Regierung zu übernehmen, daher wir uns gezwungen sehen, den Pfad der Compromisse zu verlassen. Wenn es uns gelingen sollte, etwas auf dem Gebiete der Ausbildung von Rabbinern zu erreichen, so muß das nur nothwendigerweise in dem Sinne geschehen, welcher den Anforderungen der fortschrittlichen Partei entspricht, d. h. solche gebildete Rabbiner zu creiren, die es zu Wege bringen könnten, einen großen Theil der indifferenten Mitglieder dieser Partei in den Schooß unseres Glaubens wieder zurückzuführen, daß sie ihre Kinder in den Grundsätzen unserer heil. Religion erzögen." „Wenn andererseits die Anhänger der orthodoxen Partei sich an uns wenden sollten, wie es die Progressisten gethan, mit dem Ersuchen, daß wir ihnen bei der Ausbildung geistlicher Rabbiner behilflich sein sollten, damit dieselben auch von der Regierung als solche anerkannt werden, so würden wir selbstverständlich uns beeilen, diesem Verlangen nachzukommen." Alles dieses war vor 15 Jahren ausgesprochen worden und kann man voraussetzen, daß auch das jetzige Comitä der „Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands" dieselbe Ansicht hat, da seit der Zeit in dem Leben der russischen Juden in Bezug auf die Rabbinerfrage keine Aenderung vorgegangen. Wie früher besteht auch jetzt eine jede Gemeinde mindestens aus zwei Parteien und in den meisten Fällen sogar aus drei, da die orthodoxe Gruppe wiederum in Cassidim und Misnagdim zerfällt, die sich bekämpfen, ihre besonderen Rabbiner haben und es an Candidaten derer nicht nur nicht fehlt, sondern, wie wir bereits oben bemerkt, sich auf diesem Gebiete sogar eine Ueberproduction bemerkbar macht. Blos die Fortschrittspartei hat keine Bezugsquelle für Rabbiner. Wie früher, fordert die Regierung die Anstellung von gebildeten Rabbinern, hat sogar denBildungscensus erhöht, so daß man, um diesen Anforderungen zu genügen, sich gezwungen sieht, Leute zu erwählen, die durchaus nicht für derartige Functionen geeignet sind, die man aber wählen muß, weil sie den als Norm festgesetztenBildungsgrad besitzen. Und jedesmal, wenn der höchst natürliche und berechtigte Wunsch rege wird diese die Function von Rabbinern ausfüllenden Thierärzte, Pharmaceuten, Jngenieuee und tutti quanti durch andere, diesem Berufe mehr entsprechende Persönlichkeiten zu ersetzen,