Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 940 Nr. 51 Dr Bloch's nähme versicherten. In demselben heißt es: „Mit innigster Theilnahme und tiefstem Schmerze verfolgen die ... . Bischöfe die schweren Kränkungen, die Ew. Eminenz bereits wiederholt, namentlich in den letzten Tagen in nnqnalificirbarer Weise zugefügt worden find, wobei man noch vermeinte, durch ein derartiges Vorgehen der heiligen Sache des Christenthums einen Dienst zu erweisen." Unterzeichnet ist dieses Schreiben: „Franz Cardinal S ch ö n b o r n, Fürsterzbischos von Prag. Johann Baptist Z w e r g e r, Fürstbischof von Seckau. Matthäus Josef Binder, Bischof von St. Pölten. Franz Salesius Baue r, Bischof von Brünn. Jacob M i s s i a, Fürstbischof von Laibach. Franz Salesius Doppelbauer, Bischof von Linz. Joseph K a h n, Fürsterzbischof von Gurk." Der außerordentliche Act dieser Condolenz wird erklärlich durch die besondere Niedertracht der dem Cardinal zugefügten öffentlichen Insolenz! Das Organ des Prinzen Liechtenstein hat diese großartige Enunciation des Episcopates einfach unterschlagen und cs bis heute noch nicht zur Kenntnis; der Leser gebracht. Welche illustre Reihe von Kirchenfürsten durch den Ausspruch Lueger's betroffen wurde, zeigt die folgende Zusammenstellung, die noch lange nicht auf Vollständigkeit Anspruch machen kann: In der vor sechs und einem halben Jahrhundert krlassenen Bulle des Papstes I n n o c e n z IV. heißt es : „Einige Geistliche und Fürsten, Edle und Mächtige eurer Länder erdenken, um das Vermögen der Juden ungerechter Weise an sich zu reißen, gottlose Anschläge gegen sie ... . Im Widerspruch gegen die ihnen vom apostolischen Stuhl gewährten Privilegien, gegen Gott und seine Gerechtigkeit, bedrücken sie durch Nahrungsentziehung, Kerkerhaft, andere Quälereien und Drangsale die Juden, legen ihnen allerhand Strafen auf und verdammen sie zuweilen sogar zum Tode, so daß sie, obgleich unter Fürstlichkeiten lebend, die das Christenthum bekennen, doch schlimmer daran sind, als ihre Vorfahren in Aegypten unter den Pharaonen. Da wir sie nicht gequält wissen wollen, so befehlen wir, daß ihr euch ihnen freundlich und gütig zeigt. Wo ihr ungerechte Angriffe gegen sie wahrnehmt, stellet sie ab und gebt nicht zu, daß sie in Zukunft durch solche und ähnliche Bedrückungen heimgesucht werden." Papst Paul III. erließ am 12. Mai 1540 eine Bulle zum Schutz der Juden. Er vernrtheilt es darin scharf, daß „gewisse Herren von den Städten, sowie einige Körperschaften und gewisse andere Machthaber von Haß und Neid oder, was mehr wahrscheinlich scheint, von Habsucht verblendet, damit sie das Hab imd Gut selbiger Hebräer mit einem gewissen Anstand sich anzueignen im Stande seien, ihnen fälschlich audichten, daß sie kleine Kinder umbringen, deren Blut trinken und andere verschiedene und mannigfache ungeheuerliche Verbrechen begehen — und in solcher Weise bemüht sind, die Gemüther der einfältigen Christen gegen sie aufzuhetzen." Ein Bild von christlicher Liebe war der im Juli 1891 verstorbene Cardinal Haynald, der durch seine Wohlthätigkeit ebenso wie durch seinen patriotischen Sinn der Liebling des Volkes geworden war. Als der Antisemitismus in Ungarn sich verbreitete und zu Excessen führte, da erließ er folgenden Hirtenbrief: „Der Antisemitismus — nennen wir doch das Kind beim rechten Namen — verdient überall, wo er wüthet und die Feindseligkeit gegen die Juden schür- oder gar in blutigen Excessen losbricht, die Verdamnumg eines jeden vernünftigen Geistlichen, der da weiß, daß wir die Diener jener Religion sind, welche das göttliche Symbol der Liebe , zu den Menschen vorausträgt und selbst zum Zwecke der j Verfolgung oder Bestrafung des entschieden Bösen weit i Wor^ rnfchrist. eher die Barmherzigkeit Gottes, als die Mittel des Hasses zu Hilfe ruft. Es ist daher eifrig und frouun Alles zu . vermeiden, die Bewegung gegen die Inden wie der sogenannte theoretische Antisemitismus, von den man im Voraus nicht absehen kann, welche Formen er schließlich annehmen werde. Das Eine wissen wir: woher jede solche Bewegung stammt und wie sie im Anfang aussieht: aber wie weit sie gehen wird, wohin sie gelangt, welche Gestalt sie in der Empörung des Volkes und in der Aufwühlung der menschlichen Leidenschaften annehmen wird, das vermag Niemand vorherzusagen. Im Namen der christlichen Menschenliebe muß daher zum Schutze der verfolgten Juden das Symbol unseres Glaubens, das Kreuz, erhoben werden." Der Cardinal Erzbischof M a n n i n g, der sich in England des allgemeinsten Vertrauens und Ansehens erfreute, hat sich wiederholt gegen den Antisemitismus ausgesprochen. Zn der unter Vorsitz des Lordmayors von London veranstalteten Versammlung gegen die Verfolgung der russischen Juden (am 1. Februar 1882), an welcher sich zahlreiche Mitglieder der höchsten Aristokratie und Geistlichkeit betheiligten, sprach auch Cardinal Manning. U. A. sagte er über den Antisemitismus in Deutschland: *) „Und nun muß ich noch einen Punkt berühren, der mir äußerst schmerzlich gewesen ist. Wir Alle haben während des letzten Jahres (1881) die Antisemitenbewegung in Deutschland verfolgt. Diese Bewegung flößte mir vor allen Dingen einen heftigen Abscheu ein, weil sie dahin zielt, die Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens zu zerstören, und dann erfüllte sie mich mit noch größerer Besorgniß, daß sie den Haß ansachen würde, der in der That Rußland bereits in Flammen gesetzt hat und sich, wer weiß, wohin, noch ausbreiten kann." Bei einer andern Gelegenheit, als ihm bei der Feier seines 25jährigen Bischofsjubiläums eine Adresse überreicht wurde, erwiderte er u. A.: „Es gibt, glaube ich, drei unzerstörbare E l e m e n t e i n der m e n s ch l i ch e u Geschichte: das Volk n n b der Glaube Israel s, die daraus entsprungene katholische Kirche und die Welt, welche beide v e r f o l g t h a t. Wir haben uns manchmal vielleicht Unrecht gethan. Viel dunkle und schreckliche Thaten sind zweifellos gethan worden, an denen Israel als Volk unschuldig ist, sowie bezüglich mancher anderer Unthaten die katholische Kirche ohne Makel ist. Es sind nicht alle Christen, welche sich so neunen, und nicht alle von Israel, welche Israeliten genannt werden. Die Welt recrutirt sich fortwährend von beiden Seiten durch diejenigen, welche des Namens unwürdig sind, den sie führen. Je größer die Welt der Menge nach wird, desto mehr wächst sie an Bosheit.. Im britischen Reiche, wo ihnen jede gerechte und ehrenhafte Laufbahn offen steht, sind unsere jüdischen Mitbürger loyal, friedlich und edelmüthig. Sie nehmen Theil an unserer Stärke und erhöhen dieselbe. Leider ist das in andern Ländern nicht so. Die Menschen werden dies, was ihre Regierungen aus ihnen machen. Strafgesetzbücher machen loyale Menschen illoyal. Sociale Bedrängniß erzeugt Erbitterung, welche die Menschen zum Wahnsinn treibt. Je großer die Macht, d e st o größer sollte d i e M e n s ch l i ch k e i t und Duldsamkeit gegenüber denjenigen s e i n, w e l ch e I a h r h u n d e r t e u n t e r d r ü ck t w a r e n." Der Erzbischof von Gnesen-Posen,Döctor von Stablew s k i, sagte in einer Unterredung mit dem Correspondenten der „N. Fr. Pr.": „Der Socialismus, den wir solange glücklich von uns ferngehalten haben, klopft vernehmlich an unsere Thore, und wir erkennen ihn wohl, auch wenn er sich i n das h ä ß l i ch e G e w a n d d e s A n t i s e m i t i s- *) Die Londoner Rathhansversammlung für die verfolgten k russischen Inden. Berlin, 1882. Louis Gerschcl,Verlagsbuchhandlung