Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 938 Dr. Bloch's Wochrnschrifi Nr. 51 dem Amazonencorps des Herrn Lueger in Einen Topf zu werfen! Man müßte ja sonst an der erhabenen Bestimmung des Weibes verzweifeln! Aber, daß eine solche Bewegung im Namen des Christenthums, zur Zeit eines der schönsten, vom Zauber der Dichtung und der Humanität verklärten Feste des Christenthums möglich ist, daß sich einer solchen Bewegung auch, viele Hunderte von Frauen der befferen Stände anschließen können, welche auf Ehrbarkeit und weibliche Würde Anspruch erheben, das enthüllt einen tiefen Gegensatz zwischen dem Empfinden der jüdischen und jenem der christlichen Frau, und Diejenigen, die diesen Gegensatz zu Ungunsten der Letzteren geschaffen, wird der Fluch treffen, einen der kostbarsten Schätze der Menschheit, den Edelsinn des Weibes, in den Koth der Gemeinheit herabgezerrt zu haben. Mag immerhin der Schlachtruf: „Nieder mit den Juden" von zarten Lippen ertönen, mag immerhin das christliche Weihnachtsfest von christlichen Frauen durch die verhetzende Losung: „Kauft nicht bei Juden!" begangen werden — umso reiner und schöner erstrahlt die Liebe, mit welcher die jüdische Frau in diesen Tagen der Pflicht des Wohlthuns obliegt! Der Papagei Schneider'«. Ernst Schneider, dem commis voyageur in Ritualmorden, ist in dem verunglückten Wiener Bürgermeister - Candidaten Dr. Lueger ein gefährlicher Concurrent erstanden. Herr Lueger macht auch schon in „Ritualmorden", er hat am vorigen Montag im Abgeordnetenhause die Geschichte des „A n d r e a s vom Rin n" und jene des „S im o n von Trient" aufgetischt. Er wies darauf hin, daß es in der katholischen Kirche mehrere selig gesprochene Personen gibt, welche dem Hasse der Juden zum Opfer gefallen feien. Bezüglich des „Ändert vom Rinn" lud er die Abgeordneten ein, die betreffende Kirche unweit von Innsbruck zu besuchen. „Sie werden dort die Geschichte finden", fügte er orakelhaft hinzu, „es ist noch der Stein vorhanden, an welchem die Märtyrung des armen Knaben von den Juden vollzogen worden ist". Dann kam Herr Lueger auf „Simon von Trient" zu sprechen und sagte: „Ich könnte sogar mit der Photographie des Kindesmordes durch die Juden dienen". Das stenographische Protokoll verzeichnet hier „schallendes Gelächter" im ganzen Hause. Das ist sehr begreiflich, denn die Photographie wurde erst am Anfänge unseres Jahrhunderts erfundenund die angeblicheErmordung des„Simon von Trient" wird in das Jahr 1475, jene des „Andreas vom Rinn" in das Jahr 1462 verlegt. Herr Lueger drechselt seine Worte nach dem Verständnisse des „dummen Kerls von Wien". Beim „Luchsen" mag es ja Leute geben, welche überzeugt sind, daß vor 400 Jahren irgend ein Amateur-Photograph, der in den Tiroler Bergen bummelte, just zurecht kam. als die bösen Juden Christenkinder abschlachteten. Das wäre dann ein unumstößlicher Beweis für den Ritualmord überhaupt. Aber leider hat es — wie gesagt — damals noch keine Photographen gegeben, und was Herr Lueger besitzt, das ist blos die Photographie eines Bildes, welches sich in der von ihm erwähnten Kirche befindet und in überaus grobschlächtiger Manier die Abschlachtung eines Christenknaben darstellt. Solche Photographien des „Judensteines" und der Kirche verkauft der Photograph Otto S ch u r i ch t in Hall nach Belieben, und eine derselben hat im vorigen Jahre der damalige Abgeordnete Dr. Bloch dem damaligen Ministerpräsidenten Fürsten W i n d i sch g r ä tz präsentirt. Wenn nun Herr Lueger das Parlament zum Besuche der Kirche einladet mit den Worten: „Dort können Sie die Geschichte finden", so heißt das keineswegs, daß dort vielleicht gar das Schächtmeffer oder die Opferpfanne zu finden ist; es ist nichts als ein schlechtes Gemälde zu sehen, welches oberhalb des Reliquienschreines angebracht ist. Die Jesuiten haben dazu eine Broschüre herausgegeben, welche die Approbation des Fürstbischofs von Brixen erhielt. Die Geschichte des Andreas vom Rinn ist eine pure Fabel, welche auf Guarinoni zurückgeht. Die Quellen Guarinoni's waren Aussagen der ältesten Leute im Alter von 85 bis 96 Jahren, die er im Jahre 1619 über das Martyrium befragte. Der 96 Jahre alte Mann war im Jahre 1523, also 61 Jahre nach dem Vorfälle von 1462 geboren, er mußte es also ganz genau wissen. Wäre im Jahre 1462 auch nur eine derartige Anklage gegen die Juden erhoben worden, so hätte dies sicher Judenverfolgungen zur Folge gehabt. Dies ist aber nicht der Fall gewesen. In Bezug auf Andreas vom Rinn betont Ganganelli, der spätere Papst: „Ich bemerke jedoch, daß die Diöcese von Bressanone vom Jahre 1462 bis zum 15. December 1753 hat warten müssen, um vom heil. Stuhl die Ermächtigung des Officiums und der Messe zu erlangen, und erst am 14. Januar 1754 ein vollständiger Ablaß jedem bewilligt wurde, der am 12. Juli die Kirche zu Rimente, in welcher die Reliquien des erwähnten heil. Andreas ruhen, besucht. Somit hat die Diöcese von Bressanone fast 300 Jahre warten müssen, bevor die Verehrung des Knaben Andreas von der heiligen römischen Kirche erlaubt wurde. Es genügt auf Steub „Altbayerische Culturbilder" (Leipzig 1869) hinzuweisen, welcher S. 83 kurz sagt: „Ins Jahr 1462 wird der Martertod des kleinen Andreas vom Rinn, des Heiligen vom Judenstein bei Hall, verlegt, eine Erfindung, deren Ruhm nach jetziger Meinung dem Haller Damenarzte Hyppolit Guarinoni, einem 1654 verstorbenen Italiener gebührt." Grund der Canonisiruug waren nicht die Erdichtungen Guarinoni's, sondern die — „Wunder", die der todte Andreas gethan haben soll. Die angebliche Ermordung des Simon von Trient durch die Juden ist hundertmal widerlegt und der wahre Vorgang klargestellt worden. Wir verweisen auf jene Artikel Bloch's gegen D eckert, zu deren Aufnahme sich vor zwei Jahren das „Vaterland" gezwungen sah. Herr Lueger rühmt sich, daß er den Ritualmord in photographischer Aufnahme besitze. Die Photographie-Sammlung Dr. L u e g e r's ist eine sehr reichhaltige und interessante. Er besitzt auch ein Gruppenbild, welches ihn inmitten einer großen Anzahl jüdischer Journalisten darstellt. Ist das ein Beweis für seine Judenfreundlichkeit? Die Geschichte des Simon von Trient ist genau nach dem Recepte des Mechanikers Schneider gemacht worden, der gerade recht kam, als in H o l l es ch au und Kolin eine christliche Magd verschwand, und die Bevölkerung glauben machte, es liege ein Ritualmord vor. Der Schneider des Jahres 1475 war der Franciskanermönch B e r n a r d i n von F e l t r e, welcher in der Osterwoche zu Trient gegen die Juden predigte und zum Schluffe ausrief: „Ich sage Euch, daß dieses Passahfest des Herrn nicht vorübergehen wird, bevor sie (die Juden) Euch einen Beweis ihrer Herzensgüte geliefert haben werden." Der Mönch B e r n a r d i wußte also voraus, daß am Grün-Donnerstag der Knabe Simon ermordet würde. Herr Lueger kennt die Geschichte genau und er weiß auch, durch welche unmenschliche Foltern die Juden zum „Geständnisse" gezwungen, wie die Acten gefälscht wurden und wie Papst Sixtus IV. lange nach Beendigung des Protestes, den Cultus, der dem Simon erwiesen wurde, verbot, weil „bisher noch gar nichts sicher oder bestätigt über einen angeblich von den Juden getödteten Knaben Simon von Trient". Hat nicht auch irgend ein Amateur-Photograph die schreckliche Marterung der angeklagten Trientiner Juden für Dr. Lueger ausgenommen? Das wäre ein hübsches Pendant zu der „Opferung", und das Bild wäre auch wirksam. Die Acten berichten, wie den Angeklagten die Glieder ausgerenkt, Brust und Gesicht mit Schwefelpfannen verbrannt, wie ihnen glühende Eier unter die Achselhöhlen gelegt wurden rc.