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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-13 · 50 (13.12.1895) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 50 Dr BLoch'sWochrnschrifl Seite 935 Literatur. Jaroslav Lrchlicly und Friedich Adler. F o r t s e tz u n g.*) Wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit dem Gedichte „Das Neujahrsgebet" zu. Es war ein glücklicher Gevanke Vrchlicky's, die legendarische Entstehung des Neusahrsgebetes „unesane toket" poetisch zu bearbeiten. Daß z. B. Seligmann Heller, der Dichter des gewaltigen Epos „Ahasverus" dies Sujet sich entgehen ließ, ist seltsame Schreckte ihn, der das Wesen der hebräischen Poesie w tief ergründet. — ich erinnere nur an sein „Altjüdisches Bußgtlnt. Der Böse brütet Und wühlt und wüthel Im Busen fort — Für Deine Pfade Uns, Herr der Gnade, O sprich das Wort Vergebung!" — schreckte ihn, frage ich, der zum Theile gräßliche 'Vorgang zurück'? Oder vermied er es, die schaurige Erhabenheit des Gebetes „Unesane tokef“ anzulasten V — Auch Moriz Hartmann wäre hiezu geeignet gewesen, die alte Sage poetisch zu erklären; er vermied es jedoch seinen Dichtungen einen confessionellen Charakter zu geben. Auch Ludwig August Frankl, der — was vielleicht nur Wenigen bekannt ist — in seiner Jugend in czechischer Sprache dichtete — ließ diesen Stoff abseits liegen. Der czechische Dichter Vrchlicky bemächtigte sich nun mit raschem und sicherem Griffe des Stoffes; mit weltsehendem Blick erkannte Vrchlicky, daß an dieser Stelle ein Schatz zu heben sei. Es blieb ihm Vorbehalten, in die Fluth sagenhafter Vorzeit zu tauchen, und ein herrlicher Hort, der am Grunde verborgen lag, lohnte sein Bemühen. Wie glänzend Vrchlicky seine Aufgabe gelöst hat, beweist das dramatisch bewegte Gedicht, auf welches ich die Aufmerksamkeit jetzt lenken möchte. Betrachten wir, auf welche Art Vrchlicky sein Poem formte. Sich selbst beschränkend, vermied er es, das Gräßliche ausznmalen was zum Beispiel Freiligrath nicht unterlassen hätte. In der Paraphrase des „Iluesauk tokef“ erzielt er eine Wirkung, der sich Niemand — er sei denn ohne jedweden Sinn für Poesie — entziehen kann. Sonderbarer Weise vermied es Vrchliciy, die Stelle „Am Neujahrstage wird verzeichnet und am Versöhnungstage wird beschlossen" zu verwerthen. Hingegen entnimmt er der hebräischen Dichtung die großartige Schilderung der göttlichen Majestät. Folgen wir nur dem Dichter auf seinem Wege, hiebei die dem Original an Wirkung nicht nachstehende Ucblrsttzung Friedrch Adler's benützend: Rabbi Amnon ist häufig Gast des Mainzer Kurfürsten. „Saß mit Ihm beim Schachspiel häufig, doch bei Trank und Speis' nicht gern: Immer fand er eine Ausflucht, eilte in sein stilles Haus. Einmal nur hat er's vergessen, und viel Unheil wuchs ihm draus." „Auf dem Grund des Bechers schlummert Satan seit der Welt Beginn, Beugt den Stamm des festen Willens und macht schlaff granitnen Sinn." — Der Kurfürst macht nun seine Bekehrungsversnche. („Zwischen Deinem Gott und meinem ist der Unterschied nicht groß.") Amnon begeht den Fehler, drei Tage Zeit zum Ueberlegen sich zu erbitten: „Ö, drei trübe Tage waren's und die Nächte bang und schwer, Nutzlos warf auf seinem Lager sich der Rabbi hin und her, Gibt dem Teufel einen Finger und die Hand hat er erfaßt." -„Nur ein Schritt, nur überlegen — mehr gefordert war ja kaum, Noch kann er zurück — vergebens! Dem Verrath schon gab er Raum. Und er zeigt sich nicht bei Hofe." Darauf wird Amnon gewaltsam vorgeführt und bestimmt selbst feine Strafe: „Nicht mein Geist und nicht mein Wille, meine Zunge :e£?lte hier, Sieh', ich spreche selbst mein Urtheil. ausgerissen sei sie mir." -„Deine Zunge, sagst Du, Rabbi? Nein, die Füße tragen Schuld.- Abhau'n laß ich Dir die Glieder!" Und so geschah es. — Der gräßlich verstümmelte Rabbi läßt sich am Neujahrstage auf der Bahre in die Synagoge tragen. -„Horch, da in des Kadosch Klang, Bon dem Fuß- und Händelosen jetzt ein Laut herüberdrang!" „Halte!" rief er, und der Beter schwieg, im weiten Tempel still. „Hört mich, dessen letzter Athem seinen Schöpfer preisen will. „Jsak sah in seinem Hause Weihrauch zieh',! und Götter steh'n, Und er blendete die Augen, nicht des Herren Schimpf zu seh'n." „Und ich sage: der Neujahrstag ist dem Allgericht geweiht, Schon dröhnen die Posaunen. Du, mein Gott, sei benedeit? Viermal, eh' das Jahr sich wendet, richtest Du, o Herr, die Welt, Furchtbar ist Dein Spruch, doch größer ist die Milde, die uns hält." *) Siehe Nr. 46. „Bis in alle Ewigkeiten herrschest Du, Erhabener, nur Raum und Zeit umspannt Dein Auge, Trieb und Kraft ist Deine Spur, Deine Hände ohne Ende schützen Alles, nber's Meer, Mitten durch den Sturm zieht leuchtend Deiner Engel Schaar einher." „Offen ist das Buch der Rechnung, alte Namen steh'n darin. Jeder Traum und Zug der Seele ist enthüllt, wann und wohin - gleich wie Wogen angezogen kommt der Völker bang Geschlecht, Und Du richtest, theilst und schlichtest und Du wägst die Schuld gerecht." „Ohne Ende Deine Tage, Deine Jahre uferlos, Deiner Macht und Größe Fülle ist für jede Zahl zu groß, Ein Geheimniß ist Dein Name, ahnungsvoll vor seinem Klang Zittern Cherubine und halten Sterne ein irr ihrem Gang." „Vor dem Schmettern der Posaunen bebt der Erde tiefster Kern, Und des Meeres dunkles Raunen grüßt in Ehrfurcht Dich als Herrn. In dem Stande, Schmach zum Raube, liegt vor Dir der Götzen Zahl, Segen fluthen wird den Guten und den Bösen wird die Qual". Mit der Bision des Rabbi schwindet auch sein Leben und derber Borbeter setzt den unterbrochene. Kadosch wieder fort. Die Gerechiigkeit eines Poeten übend, schließt Vrchlicku sein Gedicht ir.it den Wori n des in peinlicher Ungewißheit harrenden und von Gewisstnsbisien gequälten Kurfürsten: „Unterm Bildnis; der Madonna, warum brennt das Licht io bleich'? Sieh', wer kommt, das ist der Henk r, 's ist der Rabbi . . rcckr den Stumps Seiner Hand zum Himmel" . . . Nieder siel der Kurfürst schwer und dumpf. H olles cd a u, im 'November 1895. Nlar W i n d e r. Tie Staatslehre Spinoza's. Bon Dr. Josef H o ff. Die großen Geistesthaten des jüdischen Philosophen aus Amsterdam sind noch immer ein dankbares und ergiebiges Feld der Forschung geblieben. Ist ja Spinoza erst am Ende des vorigen Jahrhunderts neuerdings mehr als sonst in den Vordergrund getreten. Sein von Gott so sehr nberströmender Pantheismus ist garinnig mit dem Gott abdrängendeu Monismus unseres Jahrhunderts verwandt, und andererseits bleibt er auch das nie verlöschende Gestirn echter Philosophie und meiapbysijcher SpecnlaUon. Sein trotz der so oft betonten innern Herzenssrohlichkeit dtiinoch verödeter pebeilSgaug mitianimt dem uns heute so peinlich berührenden, über ihn verhängteit großeir Banne erscheinen wie der düstere Schattenumriß eines erwählten Geistes, der berufen war, der Menschheilsentwicklung eine neue Wendung;n geben. Was er gegen das Judenthum auch gesündigt hat, hat er diuch die reiche Ausbeute jüdischer Glundanschauungen für sein System vollkommen gesühnt. Das Judenthum offenbarte iym eine große Erkenntniß, der er mit eiserner Conseqnenz, mit gewaltigem Verstände in seiner mathematilchen Methode nachgegangen ist, so daß nur noch die Lücken, die er auch hat schließen können, die Möglichkeit bieten, dem Spinocismus zu entrinnen. Da darf man sich auch nicht ivundern, daß die Ethik, das Hauptwerk Spinozas, in erster Reihe die Welt erregte und daß seiner Staatslehre, wie Dr. Ho ff in seiner Schrift mit Recht bemerkt, verhältnißmäßig nur sehr geringe Beachtung, zulheil wurde. Ueberdies gelingt es auch Dr. H o f s, in feiner Schrift in überzeugender Weise darzulhun, daß Spinoza in seiner Staatslehre keineswegs so originell wie in seinen anderen Werken ist. Da hantirt er mit Begriffen und Grundsätzen, die bereits durch Hobbes, Macchiavelli und Grottins eingesührt waren. . H o s f's Bestreben gilt nun zunächst dem gewiß dankenswerthen Versuche, die Staatslehre im Zusammenhänge mit dem theologisch-politischen Traclate zu beleuchten, und es gelingt ihm dadurch, das Interesse an der ersteren durch das an dem letzteren, welcher seinerzeit so epochal wirkte, in bedeutsamer Weise zu erhöhen. Er konnte hierbei auch einen Anschauungswechsel seitens Spinoza feststellen, den er sachlich und chronologisch begründet. Füger; wir noch hinzu, daß er Spinoza's Staatslehre in überaus klarer Uebersichtlichkeit znr^Darstellung bringt, so erachten wir, die Bedeutung der vorliegenden Lchrift im Wesentlichen gekennzeichnet zu haben. Eines bliebe jedoch noch zu leisten. Die Beleuchtung der Staatslehre jm Zusammenhänge mit der Ethik! Nach Spinoza ist die gesammte Körper- und Geisteswelt in allen Einzelheiten und in Ewigkeit genau und nvihwendig, so wie alles vermöge der Natur und Wesenheit Gottes nach ewigen Gesetzen in dem uns bekannten causalen Zusammenhänge vvraezcichnet und bestimmt ist. In uns denkt Gott, in der Körperwelt gibt sich dir Wesenheit Gottes nach dem Attribute der Ausdehnung kund. Unsere Werke, selbst unsere Wissenschaften und Erkenntnisse gleich allen anderen Dingen vollziehen sich nothwendig so, wie Alles eben nach der Natur und nach dem Wesen Gor'es sein muß. Bei solcher Weltanssassnng komne Spinozanicht umhin, sich ernstlich die Frage vorzulegen, was der Staat da noch zu bedeuten habe. Ist es nicht, als ob nicht die Menschen in der Vereinigung zu Staat.n gegen Gott zurückwirken wollten? Der Staat soll die Menschen be»

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