Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 50 Seite 934 schönen, stillen, geweihten Stunden mir vor die Seele, die ich im Elternhaus genossen. Aus Nebel und Dunkel der Vergangenheit tauchen liebe, freundliche Gestalten auf, an denen das Herz mit all' seinen heißen, zärtlichen Empfindungen gekettet ist. — Draußen fallen weiße Schneeflocken lautlos nieder und bedecken die müde Erde mit wärmender weißer Hülle. Im Stübchen drinnen ist's hell und freundlich. Ein Hauch des Friedens und der Weihe zieht durch die erleuchteten Räume. Wehmüthig und doch freudig bewegt zündet der Vater das erste Chanukalichtchen an. Die alte Menora ist schon recht schwach und die beiden Löwen, die auf das kleine Oelflämmchen herunterblicken, find auch schon müde von dem langjährigen Gebrauche, aber dennoch erfüllt das kleine, sich immer mehr entzündende Licht seinen Zweck. Es spiegelt sich in den Augen des treuen Seelsorgers, der innig bewegt, voll froher Hoffnung und Dankbarkeit gegen Gott, den Segen spricht und sich seines stillen Glanzes freute. Seinen Arm schlingt er um die treue Gattin, die liebend zu ihm auffchaut, während die Kinder hell und fröhlich das allbekannte Lied singen. So lange das Lichtchen brennt, sitzen Eltern und Kinder froh vereint beisammen und genießen während der Arbeitszeit eine kleine Feierstunde. Erst der Abend ist ganz dem Feste gewidmet. Noch einmal wird halb ernst, halb scherzend noch der Bedeutung des Festes gefragt. Sind doch jedem Kinde diese Ereigniffe im zartesten Alter schon zur Kenntniß gebracht durch die schönen Erzählungen der Mutter, die nimmer müde wurde, den Lieblingen die einfach schönen Begebenheiten mitzutheilen und ihnen Herz und Sinn zu öffnen für die große Vergangenheit ihres Volkes. In ihnen ist die Vergangenheit lebendig geworden durch die lieben Worte ihrer treuesten Hüterin, sie haben durch sie das Gute lieben gelernt und die Ehrfurcht und Achtung vor allem Großen und Edlen ist ihnen durch sie eingeprägt. Lang ist's her, daß jene lieben Worte uns erfreut und entzückt. Der traute Familienkreis ist zerrissen. Das Schicksal hat mit harter, schwerer Hand eingegriffen und der Tod unerbittlich getrennt, was im Oben so fest und unlöslich vereint schien. Das Elternhaus cxistirt nur noch in Gedanken. Längst ist die liebe Hütte verlasfin und die Uebriggebliebenen haben ein anderes Heim gefunden. Eie sind von einander räumlich getrennt. Jeder schaltet und waltet am eigenen Herd. Aber eine Heimat ist Allen im Herzen aufgerichtet, ein stiller Winkel, in den sie sich flüchten, wenn des Lebens Sorge und Last drücken, wenn Freude und Glück sie bewegen, wenn Kummer und Schmerz an ihnen zehren. Diese Heimat ist der Glaube, den die zarte Hand der Mutter in das kindliche Herz eingepllanzt, mit dem Hauch ihrer Liebe erwärmt, mit dem Blicke ihres Auges behütet und mit dem Silberton ihrer Stimme wachgehalten, den sie täglich erfrischt und belebt hat. Sie hat, erfüllt von der Größe und Heiligkeit ihres Empfindens an Sabbathen und Festtagen, Herzlichkeit, Traulichkeit und Innigkeit, gleich himmlischem Duft, über ihr Wirken und Walten ausgegoffen und mit tausend unzerreißbaren Fäden die Herzen der Kinder an das ihre geknüpft und ihnen fast mit ihrem Herzblut die Liebe zu Gott und zu seiner Lehre in ihre Seele gelegt. Welch wohlthätiger Hauch schwebte über dem Hause! Wie fest vereint waren Eltern und Kinder, und Liebe, Wahrheit, Treue und Aufrichtigkeit wohnten unter ihnen. Wer solch ein Paradies in seiner Kindheit genoffen, wer in seiner Jugend so gelebt, in deffen Herz ist ein Schatz gelegt, der nie schwindet, der der Quell des Guten und Edlen zeitlebens bleibt. Wenn auch oft der Pfad des Wanderers durch pfadlos scheinende Irren und Wirren führt, wenn Denken und Grübeln auf andere Bahnen lenkte, ein kleines, unscheinbares Etwas führt wieder in jene Zeit zurück und mit aller Gewalt siegt der Schatz im Herzen über Verstand und zwingt zum Nachdenken und Ueberlegen. Ein einfach schlichtes Kindergebet, einst im Verein mit der Mutter gesprochen, welche Gefühle und Empfindungen zaubert es hervor. Der lichte Schein der Kerzen am Freitag Abend, wie mahnen sie mit ihren warmen stillen Strahlen an die Heiligkeit und Weihe des Sabbaths. Tausend kleine > itten und Gebräuche, die fast nichtig scheinen, sie sind uns theuer durch die Erinnerung. Sie leiten uns zurück in die Heimat unserer Seele und erwecken in uns jenen kindlich frommen Sinn und den Glauben für das, was unseren Eltern lieb gewesen, für dessen Erhaltung sie gestrebt, das sie hoch gehalten, für das sie gekämpft, gelebt und gelitten haben. Eine solche Herzensheimat, wie wenigen Kindern wird sie noch heute zu theil, wie wenig Menschen besitzen sie. Wie 'schnell erlischt bei Vielen die Erinnerung an das Elternhaus, wie entbehrt sie jeder Weihe, jedes idealen Gedankens. Die Zeit mit ihrem Drängen und Hasten, mit der Jagd nach Gewinn und Genuß, sie verdrängt kne trauten Freuden, die Feier des Sabbath und der Festtage. Man hat keine Zeit, dieselben zu feiern. Man löst sich los vom Hergebrachten, man lächelt über die Ansübung des Ceremoniels. Die Kinder sehen im Hause nicht die Ausübung irgend welcher religiösen Pflicht. Sie kennen nur das ewige Werktagsleben. Ost werden wohl Einzelnen Freuden und Genüsse geboten, doch machen diese keinen erhebenden Eindruck auf das Gemüth. Sie lassen die Kinderherzen unbefriedigt und ewig nach Neuem, Anderem verlangend. Die Herzensöde wird größer. Die Familienbande, sie sind nicht so fest gefügt, keine gemeinsamen Erinnerungen, keine gemeinsamen Freuden haben sie genossen. Sie sind Juden und tragen ihr Geschick gleich einem Makel und suchen soviel wie möglich nach Außen hin es denen gleich zu thun, die die Macht und Herrschaft haben. Wenn dann Enttäuschungen und Kränkungen ihnen werden, dann suchen sie das Joch von sich zu werfen oder werden verbittert und ungerecht gegen ihre Glaubensgenossen. Ihre Fehler und Schwächen erscheinen ihnen in grellem Licht, sie urtheilen hart und streng und müßten doch selbst wissen, daß sie nicht frei von alledem sind, was sie ihren Nächsten zur Last legen. Sie glauben sich frei, wenn sie mit Allem brechen und sind doch Sclaven, da sie nicht den Muth und die Kraft besitzen, für das einzustehen, was ihnen theuer sein sollte. J>i, sie wissen und kennen nicht die hohen und sittlichen Forderungen der Religion. Sie können und werden nicht den Muth haben, gleich jenen tapferen Helden, für ihre Ueberzeugung, für ihren Glauben zu sterben. Die Canukalichter sehen sie nie leuchten, ihr Schein hat in ihnen keine Begeisterung erweckt für jene Männer, die ihr Leben dem Hohen und Idealen zum Opfer gebracht. Sie wissen ihnen nicht Dank für das, was sie uns erhalten. Der Jude kennt die Geschichte aller Völker, seine eigene will er nicht kennen. Er ist blind gegen die Vorzüge seiner Stammesgenossen, aber grausam streng gegen ihre Fehler. Mit Hast und Uebereifer schließt er sich Jenen an, die ihn nur dulden. Er feiert ihre Feste und übt ihre Sitten und Gewohnheiten in seinem Hause. Seine Kinder kennen einen Weihnachtsbaum, ein Chanukalicht ist ihnen fremd. Wohin führen diese gewissenlosen Halbheiten. Unsere Religion erfordert keinen blinden Glauben, sondern ein Erkennen und Begreifen. Wenn Eure Kinder Juden sein sollen, so lehrt sie es mit Bewußtsein sein und seid bemüht, daheim wie draußen es ihnen durch Wort und That zum Verständniß zu führen. Wollt Ihr das Judenthum zu neuem, frischen, kräftigen Leben erwecken, wollt Ihr die erhabene Sendung erfüllen, die Gott Euch übergeben, dann sorget für die Heranbildung von Männern, die, gleich den Propheten, das Judenthum verkünden. Nicht ein todtes, sondern ein lebendiges großes, ein gesundes, kräftiges. Ein Judenthum, dessen Grundpfeiler 8Vahrheit, Wahrheit im religiösen und bürgerlichen Leben; Freiheit, Freiheit des Gewissens, des Schaffens und Wirkens; Gerechtigkeit, Gerechtigkeit gegen alle Völker der Erde und Liebe zu Gott, zu den Menschen, zum Vaterlande sind. Die kleinen Chanukalichter, sie sollen Euch in die Herzen leuchten und Euch das Licht der Erkenntniß bringen. Sie sollen mit ihrem warmen Hauch die Begeisterung anfachen für die ruhmreiche Vergangenheit unseres Volkes, sie sollen den Muth beleben von Neuem, damit auch Ihr den Kampf, wenn auch in anderer Weise, aufnehmet, wie die Heldenbrüder, die Makkabäer, vor denen Jeder bis in die fernsten Tage Achtung und Anerkennung haben wird. Wenn solches Streben Alle einen wird, dann werden die Chanukalichter nicht vergebens geleuchtet, dann werden jene Helden nicht vergebens den Tod auf dem Felde der Ehre gefunden haben, denn neue erquickende Saat sprießt empor, es wird Licht, der verklärende Hauch idealer geistiger Freiheit führt sie edlen Zielen entgegen.