Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 929 Exemplaren zu erbitten. Die Acquisiteure sind vielfach hinansgewiesen worden, aber sie sind immer wieder gekommen, und auf di.- Mittheilung : es annoncire schon eine ganze Anzahl jüdischer Firmen, da wir, die „Volksrundschau", mit dem antisemitischen Princip (im Jnseratentheil!) gebrochen haben, haben sich auch vier jüdische Firmen entschlossen, mit ihrem Gelde den Jnseratentheil des antisemitischen Blattes zu befruchten. So hat der arisch-germanische Geschäsisgeist wieder einmal einen Triumph über den „semitischen" davongetragen! Arischer Wucher in Rußland. Der Wucher christlicher Russen ist in den einseitig zugestutzten Hetzartikeln der Antisemiten nicht vorhanden, indeß der jüdische ganz Rußland in Banden halten soll. Da ist es von Interesse, die Autorität eines unbefangenen Beurtheilers zu vernehmen. Ueber den Wucher der russischen Kleinbauern schreibt Professor Dr. G. v. Schulze-Gaevernitz (Freiburg) in der „Socialen Praxis" vom 3. October 1895 (Seite 6): „Den reichen Bauern ist ein großer Tbeil der Gemeinde so sehr verschuldet, daß sie sich frei unter den Ackerloosen der Armen das ihnen passende Land auswählen. . . . Einige wenige halten das Dorf in vollster Abhängigkeit; wenn sie über die Straße gehen, verneigt sich der Mujik ebenso tief, wie einst vor dem Gutsherrn. In der Gemeinde-Versammlung herrschen sie durch die Stimmen ihrer Schuldner. Der Gemeindebesitz, den gerade sie festhalten, wird zum Mittel der verschleierten Ausbildung einer neuen Arbeitsverfassung und die Verschwommenheit des Besitzrechtes, welches Ihatsächlich Sonderrecht weniger ist, wird zum Mittel der Auswucherung der Nachbarn." Christenhatz in China. Der Literaturkanzler Wanlamp an in Canton hat bei der Jahresprüfung den Studenten eine in Verse gebrachte Ausgabe einiger kaiserlicher Verordnungen geschenkt, in welchen gewisse heterodoxe Lehren, mit denen nur das Christenthum gemeint sein kann, streng verurtheilt werden. Eine dieser versificirten kaiserlichen Anordnungen lautet: Die dumme schwarzhaarige Race gründet verschiedene Secten und achtet ihres eigenen Lebens nicht, sondern behauptet, daß sie wieder unsterblich auferstehen wer^e. Männer und Frauen versammeln sich und benehmen sich, ihre Keuschheit aufgebend, wie obscöne Vögel und Bestien. Gläubige Consncianer mü'sen sie wie die Eulen des Waldes niederschießen, dieselben wie die Fledermäuse in den Straßen steiniaen und sie ohne Gnade enthaupten. Ich, der Kaiser, befehle den Behörden, dieses Unkraut und Gewürm auszurotten, die Schlangen zu tödten und sie den Wölfen und Tigern vorzuwerfen, weil es keine Rettung vor ihnen gibt, sowohl gegen vom Himmel gesandte Calamitäten als gegen Unglück, das durch Menschen verursacht wird. Ackerbauminister Ignaz Daranyi — Jude. Mit dieser erschütternden Meldung überrascht die Hermannstädter „Tribuna" ihre gutkatholischen Leser. Das geistvolle und vornehme rumänische Blatt vergißt darob in einem spaltenlangeu Artikel „Israel im Ministerium" Krokodilsthräuen und klagt: „Ach, armes Ungarn, was ist aus Dir geworden?! Deinen christlichen Charakter hast Du verloren; mit Deinen früheren Traditionen hast Du gebrochen; die jüdische Industrie hast Du einen solchen Aufschwung nehmen lassen, daß Du sogar schon in die Ministerfauteuils Juden setzest. Oh. oh!" „Magyar Hirlap" bemerkt zu dieser Schauermär: Die „Tribuna" kann ruhig sein. Erstens ist nicht Jeder ein Jude, der Ignaz heißt; zweitens hat sich die jüdische Industrie in Ungarn noch nicht so weit aufgeschwungen, daß jüdische Minister die Regierung in Händen haben; drittens war Ignaz Daranyi kein Jude, ist gegenwärtig keiner, und es liegt auch absolut kein Grund vor, daß ex in der Zukunft zum jüdischen Glauben übertreten sollte; viertens und letztens aber mag Ignaz Daranyi Jude sein, oder nicht, warum zerbricht sich die „Tribuna" den Kopf über das Schicksal des armen Ungarn. Darum Antisemit. Aus Graz wird uns gemeldet: Der Landesschulrath erklärte das Privatuntergymnasium des Ant'semitensührers Feich ting er für geschlossen, weil dieser die Schulvorschriften gänzlich vernachlässigte. Uebrigens befand sich seit mehr als Jahresfrist ein einziger Zögling im Institut, und dieser ist — ein Jude. Eine prineipiell bedeutungsvolle Entscheidung wurde vor Kurzem in einer Schöffengerichtssitzung zu Karlsruhe gegen den verantwortlichen Redacteur der antisemitischen „Deutschen Volksmacht" Christian Faaß gefällt. Er hatte in mehreren Nummern seines Blattes folgenden Aufruf veröffentlicht: „Vertraut Euer Recht keinem jüdischen Advocaten, vertraut Euren Leib keinem jüdischen Arzt und vertraut Eure Kinder keinem jüdischen Lehrer an, damit sie nicht Schaden leiden an ihrem Leib und ihrer Seele. Eine Anzahl jüdischer Vertreter der bezüglichen Stände stellte deshalb Strafantrag wegen Beleidigung. Im Anschluß an die Ausführungen des Rechtsanwaltes Dr. V i n z kam das Gericht zu der Anschauung, daß durch den Wortlaut die beleidigten Personen genügend individualisirt seien, und verurtheilte den Angeklagten zu 14 Tagen Gefängniß und zur Veröffentlichung des Ürtheils in der „Deutschen Wacht" und in der „Badischen Landeszeitung". Freiherr v. Springer. AusNeutra wird gemeldet: Die Poronczer israelitische Cultusgemeinde repartirte im vorigen Jahre auf die in Jatto begüterten Freiherrn Gustav und Alfred Springer in Wien die übliche Cultussteuer. Die Freiherren v. Springer verweigerten die Zahlung der Steuer, weil sie eine selbstständige Schule in Jatto erhalten und auch in Wien eine Cultussteuer entrichten. Der Stuhlrichter und das Municipium wiesen die Cultusgemeinde zurück, der Cultusminister jedoch entschied, daß die Freiherren v. Springer die Steuer zu entrichten haben. Der Umstand, daß sie in Wien eine Cultussteuer zahlen, enthebt sie nicht von der Entrichtung der Steuer in Ungarn, da auch die ungarischen Israeliten in Oesterreich unter gleichen Verhältnissen zahlen müssen. Bemerkenswerth ist, daß Alfred Freih. v. Springer die Zahlung leisten muß, trotzdem von seiner Seite die Einwendung erhoben wurde, daß er der jüdischen Confession nicht mehr angehöre. Der Minister motivirte diese Entscheidung damit, daß der Uebertritt des Freiherrn von Sprin ger nicht documentirt wurde und selbst in diesem Falle wäre er noch innerhalb fünf Jahren nach dem Glaubenswechsel zur Zahlung der Cultussteuer verpflichtet. Correspondenzen. Wien. Es gibt keine Lindwürmer und Drachen mehr, und wenn man es Euch dennoch einreden will, so glaubt es nicht! Glaubt es vor Allem nicht, daß der Antisemitismus solch' ein romantisches, mittelalterliches Fabelthier ist. Er ist ein ganz ordinärer neuzeitlicher Köter, der sich heiser bellt, wohl auch Dem und'Jenem bissig an die Wade fährt, aber feige den Schweif einzieht, wenn er die Peitsche spürt. Freilich, es ist nicht Jedermanns Sache, sich mit solchen Bestien abzugeben, und eine Zeitlang konnte sich der Köter ungestört selber einreden, daß er ein feuerspeiender Lindwurm sei. Diese Einbildung ist ihm aber wohl durch die letzten Vorgänge im Parlamente gründlich benommen. Zwei Parteien, welche freiheitliche Grundsätze auf ihre Fahnen geschrieben, haben endlich die Energie gefunden, mit den Racen-Stänkerern Abrechnung zu pflegen — die Jungczechen und die Deutschliberalen. Jahrelang durfte sich der antisemitische „Bera" jeden Exceß, jeden Schimpf, jeden Scandal erlauben, er stieß nirgends auf entschiedenen Widerstand. Die Einen ließen ihn aus allgemein oppositionellen Gründen, die Andern aus Gründen einer geheimen politischen Strategie, die bei den letzten Gemeinderathswahlen ihr Königgrätz erlebt Hai, gewähren. Aber schließlich kamen die Jungczechen in Gefahr, nicht mehr für Demokraten zu gelten und die Liberalen empfanden die dringende Nothwendigkeit, sich die Berechtigung ihres Namens wieder zu erobern. Die Absage, welche der Abgeordnete Dr. K a i z l namens seiner Eonnationalen an die Herren Lueger und Genossen richtete, traf diese wie ein Blitz aus heiterm Himmel! Umsonst war also der Liebe Müh', welche den Ritter Stampiglius nach Prag und Kolin geführt hatte, umsonst waren die Werbungen und die Gunst Vasaty's und Brzeznovsky's — die parlamentarische Vertretung des czechischen Volkes will von den Wiener Judenhetzern nichts wissen und erklärt direct, daß es für sie kein Zusammengehen mit einer Partei geben könne, deren Eardinalforderung die Persecution einer einzelnen Confession sei. Wenn in den Kreisen der Jungczechen wirklich die eine oder andere Stimme einmal die Anschauung vertreten haben sollte, daß mit den Wiener Antisemiten als einer ernsthaften Partei zu rechnen und eventuell zu pactiren wäre, die halb wahnsinnigen, halb lächerlichen Declamationen und Aufzüge, welche die Antisemitenführer in den letzten Wochen veranstalteten, hatten sie eines Befferen belehrt. Sie hatten in ihren böhmischen Gefilden singen und sagen gehört vom „Wiener Lindwurm", und sie fanden — den Köter, der den Mond anbellt. Aehnlich, nur im umgekehrten Sinne, ging es den Liberalen. Auch sie glaubten an den Lindwurm und fürchteten