Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 928 Dr. Blvch's Wochenschrifl Nr. 50 diges Christritthum, aber diesen Mangel haben nicht Israeliten verschuldet, sondern Germanen, die möglicherweise Conservative sind. Der Antisemitismus ist nicht zur Basis einer volkswirthschasklichen Bestrebung geeignet, als Weltanschauung ist er gefährlich. In Christus steckt, io weil er Mensch war, ein Stück Scmitltzmus; es bleibt in ihm, wenn rs viele Böller auch nicht anerkennen wollen." Wir halten diese Erklärung für wichtig, weil viele befürchteten, das; die christlich-sociale Parier auch einmal in den Hasen des Antisemitismus einlausen könnte. Selbstständige jüdische Handwerker Berlins haben sich vor Kurzem in stattlicher Anzahl zu einem Verein zusammengethan. der die Hebung des Handwerks unter den Juden und die Vertretung der einschlägigen Interessen seiner Mitglieder zum Ziele hat. Auch eine Brnnnenvergistnng! In seinen Memoiren ..Unter Nicolaus I. und Friedrich Wilhelm IV." berichtet Th. v. Bernhardt über das Wüthen der Cholera in Rußland, speciell in St. Petersburg, 1848. Er erzählt p. 33 u. ff.: „Mein Diener Jacob berichtet von dem Straßengerede, an das er natürlich selbst glaubte: ,,Jn einem Hospital haben die Aerzte vor Freude über den Ausbruch der Cholera getanzt. — Vergifter sind von Polen aus in Bewegung gesetzt und 100.000 Rubel an einen Arzt gesandt worden, der hat alle alten Weiber und Männer aus den Hospitälern los gelassen und in Bewegung gesetzt u. s. w." . . . ,,Mein Nachbar der Schuster kommt zu mir und fragt, was von den Vergiftern, den Polen, zu halten sei. Auf dem Nikolski - Markte se: heute auf frischer That ein solcher ertappt worden, der das Gift in einem hohlen Stocke bei sich trug." 28 YI . . . ,,PH. A. Krusensteru war bei mir. Er erzählt von Feuersbrünsten in der Provinz; natürlich sollen die Polen daran schuld sein." •30 VI . . . Heute wurde aus unserer Straße ein Mann erschlagen, was mir drei Augenzeugen berichten. Jacob erzählt von einem Polen, bei dem ein weißes Pulver gefunden worden: in Wahrheit ist dieser Unglückliche ein Schwede gewesen, der Zucker bei sich führte." Otto Seeck, ein hervorragender Cülthurhistoriker, hat soeben eine ..Geschichte des Untergangs der antiken Welt", Band I erscheinen lassen (Berlin 1895. Siewenroth und Worms). Er hat die Anfänge Constantins des Großen und eine culturhistorische Analyse des Verfalls der antiken Welt zum Inhalte. Das groß angelegte Werk verspricht eine der hervorragendsten Erscheinungen unserer historischen Literatur zu werden. Vom Judenthum ist begreiflicherweise in diesem Bande nur wenig die Rede. Das Wenige aber verdient des warmen Tones wegen, der cs erfüllt und der gerade in unserer Zeit Inden gegenüber selten geworden ist, wörtlich angeführt zu werden. In einem Ueberblick über die Völker des Römerreichs fällt Seeck über die Juden folgendes Urtheil: „Dic Semiten haben am längsten einen Theil ihrer geistigen Frisch: bewahr!; dach soweit sie zum Reiche gehörten, sind endlich auch sie in das allgemeine Verderben hineingezogen. Nur einer ihrer Stämme hat sich bis aus den huitigen Tag in ungebrochener Kraft erhallen und der WBienltur Dienste geleistet, deren Größe außer allem BeUiältnis;;u seiner geringen Menschenzahl steht. Als das Alterihuin sich dem Untergänge zuueigle, hat er die christliche Religion als Vermächtnis; für eine bessere Zeit aus sich hervorgehcn lassen, dann durch die Schöpfung der neuplatonischen Philosophie auch das Heidcntbnm neu b.stcbl. Im Mittelalter hat er säst den gesammten Geldverkehr zu mouovolisiren verstanden, in der Neuzeit Europa einen keiner größten Denker geschenkt; und seit in unserem Jahrhundert die gesetzlichen schranken gefallen sind, welche ihn bis dahin einengten. gibt es kein Gebiet der geistigen und wirthschaftlichen Thätigkeit. andem ec nicht sogar der germanischen Nation zum ebenbürtigen ux'j oft üicrleg'nen Müdemwber würde. Und dieser Stumm ist nicht etwa ein Liebling des Glückes gewesen, sondern im ganzen Verlauf der Geschichte hat kein anderes Volk so viele Schläge und Niederlagen erlitten, wie die Juden". Wie A gemacht wird. Nach den berühmten Mustern hat auch der Geschäft s-A n t i s e m i t i s m u s in Frankfurt o. M. ein Boykottirungs-A d reßbuch herausgegeben, das sich gegen die rührige jüdische Concurrenz richtet. Wie es aber bei diesem Boykoltirungs - Adreßbuch z u g e g a n g e n ist, ersieht man aus einer ganzen Reihe von E r k l ä r u n g e n, die in der „Franks. Ztg." vo; Jihabern christlicher Firmen veröffentlicht werden. Diese Geschäftsleute verwahren sich sämmtlich dagegen, daß sie in dem aatis.-mitischen Machwerk „empfohlen" werden. Ihr Name sei o h n e i h r W i s s e n u n d i h r e n , Willen in das Adreßbuch hineingekommen, und sie protestiren j energisch gegen den Mißbrauch ihres ehrlichen und anständigen Namens, den natürlich Niemand gern mit antisemitischen Manövern in Verbindung gebracht sieht. Unter den Erklärern finden wir Conditoreien, Bäckereien, Schuhmachermeister, Schornsteinfegermeister, Geschäfte anderer Art, Bankiers rc. ec. Einzelne dieser Firmen behalten sich gerichtliche Schritte gegen die Veranstalter des Adreßbuches vor, da es auf der Hand liegt, daß die Empfehlung in einem antisemitischen Buche für viele Geschäftsleute einer schweren Schädigung gleich ist. Maeaulay von Juden bestochen. In der Sitzung des österreichischen Reichsrathes vom 10. December leistete der antisemitische Abgeordnete Steiner folgenden Satz: „Der Abgeordnete Demel citirte auch Macaulay. Ich bin seit der Veröffentlichung, welche vor zwei Jahren in der „Neuen Freien Presse" von Lambroso erschien, vorsichtig, weil man immer wissen muß, wer die Ahnen des Betreffenden sind und wer ihn gezahlt hat." Der antisemitische Hochverrath. Die bei der Preß- I agitation der Wiener Antisemiten als ..christliches Organ" zur! Verbreitung empfohlene „Ostdeutsche Rundschau" lheilt in der Nummer vom 11. December ihren Lesern mit unter dem Schlagwort: „Für Cilli." Unter den in letzter Zeit für dasStu- | dentenheim eingelangten Spenden befand sich unter Anderem I auch eine solche im Betrage von 20 Mark des Universitäts- Professors Dr. Emil Strohal in Leipzig mit dem gewiß erfreulichen Begleitschreiben: „Harren Sie niuthig aus; man beginnt im Reiche allgemach zu begreifen, um was es sich in den alten deutschen Südostmarken handelt, und die Z e i t ist nicht ferne, wo Alldeutschland dem verlassenen Bruderstamme werkthätige Hilfe bringen wird." Wegen Meineids wurde der katholische Pfarrer Alfons B u r tz vom Schwurgericht in Mülhausen im Elsaß zu fünfzehn Monaten Gefängniß verurlheilt. Das wäre natürlich an sich nicht geeignet, Aufsehen zu erregen oder irgendwelche Bemerkungen daran zu knüpfen, wenn sich nicht der Angeklagte zur Bertheidigung auf das Beichtgeheimniß berufen hätte. Der Sachverhalt stellt sich in folgender Weise dar. Im Nachlaß eines Bauers, der der Kirche seines Seelsorgers Burtz auf einem Zettel 10.000 Mark hinlerlassen hatte, fehlten drei Wertpapiere im Werthe von 1950 Francs. Der Pfarrer wurde darüber verhört und erklärte unter Eid. er wisse nichts. Als ihm nun nachgewiesen wurde, daß die Papiere in seinem Besitze gewesen seien, kam er wegen Meineids vor dos Schwurgericht, wo er behauptete, die Werthpapiere seien ihm unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses übergeben worden, weshalb er weder die Thatsache noch den Zweck habe verrathen dürfen. Als er trotz dieser Verantwortung wegen Meineids verurlheilt wurde, erklärte das clericale Hauptorgan, die „Kölnische Volkszeitung", ohne bei den anderen Blättern ihrer Partei Widerspruch zu finden, das Urtheil für ungerecht. Ein katholischer Priester dürfe einen falschen Eid oblegen, wenn er durch die Wahrheit das Beichtgeheimniß verletzen müßte. Die badischen Antisemiten unter sich. Die anläßlich der badischen Landtagswahlen zwischen den Antisemiten und den Con- , servalivcn entstandene Fehde wird mit wachsender Erbitterung fort-! gesetzt. Auf einen scharfen Angriff des antisemitischen „Bad. Bolksboten" in Heidelberg entgegnet der Redakteur der auf Stöcker'schem Baden stehenden conservativen „Landvost", Herr Röder, in einem mit Namensunterschrift versehene:: Artikel. Mit besonderem Nachdruck weist er die Behauptung zurück, daß die Israeliten für ihn agitirt hätten' er habe sogar gerade in seiner Eppingcr Candidatenrede seinen „antisemitischen Standpunkt viel schärfer betont", als es sonst seine Uebüng sei. Herr Röder bekennt sich also ausdrücklich als Antisemit, trotzdem entschlüpft ihm die interessante Bemerkung: „Da nachgerade jeder Lump in Antisemitismus m acht, so ist es für einen conservativen Mann ein Gebot der Vornehmheit, in diesem Punkte vorsichtig zu sein". Arisch-germanischer Geschäftsgeist. Aus Stettin wird der „Bolks.stg." geschrieben: Die hiesigen Antisemiten gedachten in der aus Berlin stammenden „Volksrundschan" sich ein tüchtiges Agitationsmittcl verschafft zu haben. Nachdem die „Rundschau", stolz auf ihr „nationales" Princip, an der Spitze des localen Theils Monate hindurch die Parteigenossen um Ins e r a t e gebeten hatte, weil sie Annoncen „jüdischer Firmen" zurückweise, hat sie in voriger Woche zu Ehren dieses Princips bei allen inserirenden jüdischen Firmen herumgeschickt, um Annoncen für eine Propoganda-Nummer von 40.000