Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 925 obligatorisch? Werden denn die Mufti außer der Regierungscontrole herangebildet? Die Regierung oder die Ortsbehörde hat sehr häufig Gelegenheit, sich behufs Aufklärung über diese oder jene Ritualfragen an den Rabbiner zu wenden. Sind unsere geistlichen Rabbiner vorbereitet auf dergleichen Fragen, die erforderliche Antwort zu ertheilcn? VII. An einer anderen Stelle sagt Dr. L e w y: „Durch die Bildung, die man ihnen zusührte, seien sie zwar intelligente Menschen, nicht aber gebildete Juden geworden." Diese Hinweisung auf die Mißerfolge der ehemaligen Rabbineischulen ist vollauf berechtigt. Wir wissen jedoch jetzt, durchwelcheUrsachen diese Mißerfolge bedingt worden, und werden wissen, uns vor deren Wiederholung in Acht zu nehmen. Die Hauptmängel dieser Lehranstalten waren: 1. An der Spitze des Instituts standein christlicher Director, der beim besten Willen die Erziehung der Zöglinge nicht im Geiste der jüdischen Religion leiten konnte; das hatte einen religiösen Jndifferentismus zur Folge, als dessen Repräsentanten die Zöglinge wurden, und daher auch das Mißtrauen der Masse zu den ihr octroyirlen derartigen Rabbinern; 2. die Schule hatte den Charakter und das Programm einer mittleren Lehranstalt, in welcher zehnjährige Knaben Aufnahme fanden, die natürlich keinen sonderlichen Beruf für den geistlichen Stand fühlen konnten. Die geistliche Carriöre muß Sache freier Wahl und unbeeinflußten Bewußtseins sein; 3. der allgemeine Charakter des Programmes und die Möglichkeit, die den Zöglingkn geboten wurde, nach Absolvirnng des Cursus die Universität zu beziehen, machte, daß die Schüler dieser Anstalt sich durchaus nicht als künftige Rabbiner betrachteten, sondern als künftige Aerzie. Juristen und dergleichen und daher sich nicht für verflpichtet hielten, sich zu religiösen Fragen mit dem nöthigen Ernste zu verhalten. Alle diese Mängel können jetzt leicht vermieden werden. VIII. Was die Frage über die Geldmittel und das Lehrerpersonal für das künftige theologische Institut anbetrifft, so kann man nicht umhin, demselben eine große Wichtigkeit beizulegen. Ich sehe mich dennoch veranlaßt, diese Frage mit Stillschweigen zu übergehen, eben wegen ihrer außerordentlichen Wichtigkeit. Daß sich sowohl Geldmittel als Lehrkräfte finden werden, sobald man Beider bedürfen wird, ist für uns zweifellos. Damit werden die in dem citirten Artikel gegen das Projectirte Institut in's Treffen geführten Gründe hinfällig. Der Autor des durch die ..Oesterreichische Wochenschrift" (Nr. 35) veröffentlichten Artikels räth ferner, die Idee der Gründung eines Seminars aufzugeben und die zu diesem Zwecke gesammelten Geldsummen den bereits existirenden „Jeschibots" zur Verfügung zu stellen, dieselben „unter der Leitung von R. J'tzchak Elchman Spektor und R. Samuel Mohilewer zu stellen und in ihnen Lehrstühle für jene profanen Wissenszweige, die für einen gebildeten Menschen unbedingt nothwendig sind, zu errichten." Der geschätzte Verfasser des citirten Artikels weiß äugenlcheinlich nicht, dag eine solche Jeschibot unter der Leitung von R. J'tzchak Elchman Spektor bereits seit vielen Jahren existirt, ist'die sogenannte „Jeschibot schel Peruschim" und wenn bis seht noch daselbst der Unterricht der russischen Sprache und der anderen für jeden gebildeten Menschen nothwendigen Lehrnegenstände nicht eingeführt worden, so geschah dies sicherlich nicht aus Mangel an Geldmitteln. Daran würde die Sache nie und nimmer gescheuert sein. Der Grund ist ein ganz anderer. Seit 1812 verlangte die russische Regierung von jedem Rabbiner Kenntniß einer der drei Sprachen: der russischen, deutschen oder polnischen. Dieses Gesetz ist seitdem ein todter Buchstabe geblieben bis zur Gründung der Rabbinerschulen. Seit der Schließung dieser Lehranstalten ist fast ein Vierteljahrhundert vergangen, und was geschah im Laufe dieser langen Zeitperiode, um den Boden für Anerkennung der geistlichen Rabbiner seitens der Regierung vorzubereiten? Absolut nichts! Vor etwa acht Jahren (1887) ward in Petersburg auf Initiative des weiland Ssamuel Ssamuilowitsch Poljakow, des bekannten Eisenbahnkönigs, eine ConferenzvonRabbiner-Koryphäen einberufen worden. Es war in derselben die Frage angeregt, die russische Sprache als Lehrgegenstand in den Jeschibois einzuführen. Es begann ein Schachern und Feilschen über die Dimensionen des russischen Unterrichts. Einige Mitglieder der Commission, unter Anderen der bekannte jüdische Patriot Tr. Med. Katzenelson, die ihre Glaubensgenossen wirklich lieben, wandten sich denn an die anwesenden Rabbiner mit den ermahnenden Worten: „Hört doch zu feilschen und zu schachern auf. Wenn euch die Interessen des Rabbinats wirklich Werth sind, so fasset einen Beschluß, daß von nun ab Niemand mehr die für den Rabbinerposten unerläßlichen „Sniiches" erhält, der nicht präventiv das Examen der ab'olvirten Kreisschule aushält. Dadurch wäre mit einem Schlage die Rabbinatsfrage in Rußland erledigt. Anstatt eines zweiköpfigen Rabbinats würde ein einköpfiges entstehen, doch ein kraft- und lebensvolles, gleichzeitig von dem jüdischen Volke und der russischen Regierung anerkanntes." Das war rationell und lnav gesprochen. Doch die Rabbiner wollten ängstlich davon n'ckis hören. „Ich bitte Sie," war die stereotype EinwtndtN'g, „was tuirb das für ein Rabbiner sein, der die russische Sprache und Arithmetik beherrscht!" Als ob nicht unterrichtete, gebildete Männer auch große Talmudisten sein können! (Fortsetzung folgt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Den Teutfchnationalen ins Stammbuch! In den soeben erschienenen „Ausgewäblten Briefen" von D. F. Strauß, die sein Freund, der berühmte Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie, Professor Zeller in Berlin, herausaegeben hat, kommt der Verfasser auch aus Heine zu sprechen. Seine Worte sind, gerade weil Strauß nichts weniger als ein Judensreund war und andererseits im Hinblicke auf den hohen sittlichen Ernst, der ihn auszeichnete, von doppelter Beweiskraft. In einem Briefe an den. Aestbetiker Bischer heißt es: „Du behandelst Heine immer ziemlich negativ, läßt ihn abfahren. Ich kann Heine nicht so erlogen und perfid finden wie Du. Der deutschthümlichen Sentimentalität gegenüber scheint mir seine Frivolität ungleich wahrer, historisch berechtigter. Es ist ganz richtig, daß er eigentlich dasjenige ist, was Hegel unter dem Namen der Ironie verfolgt; ich finde aber die Art, wie er sich über die ironisch verflüchtigten Interessen der Liebe :c. stellt, weit unschuldiger, prätensionsloser. weit mehr Bonbcn ie und Epicuräismus darin, als bei den Romantikern. Ich balte den Heine im Grunde für einen guten Kerl, vergleiche ihn in Vielem mit seinem Vetter Gans s. A. und verzeihe ihm von hier aus auch seine Eitelkeit eher als einem Pathetiker wie Herwegh. Ueberdies glaube ich, daß ihm von geistig-sittlichen Interessen das politisch-liberale wirklich ernst ist. Es wäre doch der Mühe Werth, wenn Tu bei Gelegenheit seiner eben erschienenen neuen Gedichte (großentheils politisch—der Kaiser von China sehr gut) den Proceß des Mannes von vorn instrnirtest." Und an einer anderen Stelle heißt es: „Gegen die Heine-Politik von Pfizer habe ich meinem Aerger Lust gemacht. Trefflich, was Du hierüber schreibst. Ueber den 2. Theil des Salon, namentlich was er von Kant sagt, denke ich ebenso. Dann halte ich auch auf seine „romantische Schule" sehr viel. Man bekommt die Leute doch immer vors Gesicht, von denen er spricht, und auch wo es ihnen kehlt. trifft er nieistens. Die fixen Ideen vom Christenthnm :c. sind freilich Unsinn, aber begründet im Zusammenhang, im geschichtlichen Werden dieser Richtung, was Pfizer gar nicht ahnt oder ahnen will. Er sagt: manche Lieder von Heine wären schön, wenn sie nicht so ironisch abschnappten! Gerade, als wollte einer sagen, es wäre ein gutes Essen um einen Häring, wenn er nur nicht so herb wäre, oder um eine Muskatellertranbe, wenn sie nicht, wie man sagt, nach Katzendreck schmeckte." Falsche Beschuldigungen werden seitens einer Majorität stets gegen eine Minorität erhoben. Dafür haben wir ans der Religions- und Culturqeschichte eine Anzahl Beispiele angeführt. Eine interessante Zusammenstellung dieser Art hat das „Ausland" (1883 S. 610 f.) veröffentlicht. Es saat: „Mit Bezug auf die Ketzer heißt es bei Grimm') : „Bei ihren Zusammenkünften sollen sie Kinaer geschlachtet, deren Blut in Mehl oder Asche geknetet und nach Löschung der Lichter Unzucht getrieben haben." Die eine wie die andere Beschuldigung kommt auch sonst oft vor, so z. B. bei den „Lichtauslöschern", wie im Orient mehrere Seelen, eben mit Bezug i) Deutsche Mythologie. Z. 890 n. Joldan, Geschichte der Herenprocesse, neu bearbeitet von Heppe I 162.