Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021112--05145-3029367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 924 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 50 den russischen Juden selbst die Sorge für die theologische Ausbildung ihrer Rabbiner überlassen, von Letzten nur einen gewissen Bildungscensus verlangend. Es war vielleicht nicht ganz väterlich liebevoll gehandelt — doch die Regierung trifft der kleinste Theil der Schuld .?. . Anfangs ward von den Rabbinatscandidaten verlangt worden, das; sie mindestens den Cursus einer Kreisschule beendet haben müßten. In der Folge (1886) wurden die Forderungen erhöht und als Minimum des Bildungsgrades — voller Gymnasialcursus verlangt. Da jedoch durch die Schließung der zwei Rabbinerschulen sich keine Candidaten fanden, welche die theologischen Kenntnisse mit dem geforderten Grade classischer Bildung vereinten und laut den Buchstaben nur derartige Bewerber erwählt werden konnten, so begann man Personen zu Rabbiner zu ernennen, die mit der jüdischen Religion und ihren Dogmen nicht im Geringsten vertraut waren, wenn sie nur das erforderliche Diplom hatten, da doch die Regierung diese Ernennungen (ob sich die Bewerber auch für die verantwortliche Function eignen) w der controliren wollte noch konnte. Nicht Moral, nicht religiöse Wissenschaft, nicht Befähigung wurde verlangt — man brauchte nur einen bedruckten Papierfetzen — ein Diplom. Und da geschah das Unerbörte, geradezu Beispiellose in der Geschichte der Juden aller Zeiten und Länder. Zu Rabbiner wurden Leute ernannt, die nicht nur keine Begriffe von den Dogmen unserer Religion haben, sondern — wie unglaublich dies auch scheinen möge, so wahr ist es — die sogar hebräisch nicht zu lesen verstanden. Ein Veterinär, dessen vierbeinige Patienten ihn im Stalle ihre kärglichen Subsistenzmitteln gewährten; ein Arzt ohne Praxis; ein Jurist ohne Clienten; ein Pharmaceut ohne Stellung; ein Zögling der Commerzschule, den keine Bank aufnehmen wollte; ein Bergingenieur oderForstcandidat.die am Hungertuche nagen; ein Technolog. den ein gleiches Schicksal bedroht u. dgl., mit Diplomen versehen, sonst aber ohne die geringste Berechtigung, wurden zu Rabbinern erwählt, ihnen wurde die Vertretung der geistigen Interessen der Gemeinden von den Behörden und der Regierung onvertraut; solchen Subjecten fiel die Sorge für die religiösethische Erziehung der jüdischen Jugend zu. Sie sollten der ihnen anvertrauten Heerde als leuchtendes Beispiel dienen!! . . Man kann sich leicht die chaotische Verwirrung vorstellen. die solch eine anormale Sachlage in dem geistigen Leben der von dieser Rabbinerseuche betroffenen jüdischen Gemeinden Rußlands hervorbrachte. Die junge Generation im ganzen großen Süden Rußlands und in den großen Städten des nordwestlichen Gebietes (ein kolossaler Länderstrich, in dem gegen 5 Millionen Juden wohnen) wuchs in vollständiger Unkenntniß des Judenthums heran, wurde ohne die moralischen Grundsätze erzogen, welche allein die Religion geben kann und auch gibt. Die jungen sogenannten Kronrabbiner wußten nicht, was sip thun. was sie der jungen Generation sagen sollen und die alten sogenannten geistlichen Rabbiner konnten der Jugend sich nicht verständlich machen, verstanden nicht ibr das einzuflößen, was sie selbst wußten. Es trat derartig eine finstere vollständige Verwilderung ein. V. Während der letzten Decennien hatte die russische Sprache bei den Juden Rußlands erhebliche Fortschritte gemacht; für die Heranwachsende Jugend war sie effectiv zur Muttersprache geworden und hatte den früheren Jargon ganz oder fast ganz verdrängt, wozu nicht wenig der Umstand dazu beitrug, daß in den Sechziger- und Siebziger-Jahren die Thore des Ghetto, wenn auch nicht sperrweit, so doch derartig geöffnet wurden, daß die Annäherung dem russischen Volke sich wirksamer als bisher vollziehen konnte. Die geistlichen Rabbiner indeß waren dieser Bewegung ganz fremd geblieben, so daß sich zwischen ihnen und der Jugend ein sprachlicher Abgrund bildete, der durch Nichts überbrückt werden konnte. Die Rabbiner sprachen nur den Jargon, die Jugend verstand blos das Russische. Und während die Gemeinde unaufhaltsam vorwärts schritt, (oft sogar weiter als es wünschenswerth war) blieben die Rabbiner stehen, und wer nicht vorwärts schreitet, schreitet rückwärts. Die Heerden und ihre Hirten verstanden sich nicht mehr. Im nordwestlichen Gebiete, wo sich die Culturarbeit weit langsamer vollzog, behielten die alten Rabbiner noch eine gewisse Autorität und Einfluß. Im Süden jedoch sanken Autorität und Einfluß auf Null herab und das niedrige moralische Niveau der Kronrabbiner war nicht vermögend, das Ansehen der geistlichen Rabbiner in den Augen der Gemeinde zu heben. Unter dem Einflüsse trostloser ökonomischer Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung begannen viele junge Leute, welche früher nie an eine Rabbinercarriöre gedacht, für welche sie nicht den geringsten Beruf hatten, sich dieser Function als Erwerbsquelle zu widmen. Andererseits (aus Gründen, in die wir nicht eingehen wollen, da dies uns zu weit führen würde) fanden die Koryphäen unserer talmudischen Gelehrsamkeit es für opportun und nützlich, recht viele Atteste auszutheilen, welche das Recht der Entscheidung in rituellen Fragen verleihen und auf solche Weise fand eine ganz ungewöhnliche Ueberproduction geistlicher Rabbiner statt. Der junge Talmubist, der bei seiner Heirat etliche hundert Rubel als Mitgift erhielt, entschließt sich, Rabbiner zu werden, wie er früher Hausirer oder Krämer geworden sein würde, als sich dieses Geschüft lohnte oder möglich war. Glücklicher- oder, wie man will, unglücklicherweise ist die Sterblichkeit unter den Rabbinern sehr gering, der heilige Beruf scheint die Leute gegen Krankheit und Tod gefeit zu haben. Wenn also irgendwo eine Vacanz entsteht, so findet sich eine ganze Legion von Bewerbern ein und es entsteht ein Wettkampf, ein Kampf ums Dasein und tägliche Brot, wie er widerwärtiger nicht gedacht werden kann. — — Sie können sich ungefähr vorstellen, welcher Achtung und Liebe sich der Concurrent, dem es gelungen ist, den Sieg davonzutragen und in dieser wüthenden Lteepls ebase den Rabbinerposten zu erlangen, bei seiner Gemeinde erfreuen kann, auf welche Autorität er zu zählen vermag. Während der letzten Jahre sind die jüdischen Preßorgane Rußlands voll von Schilderungen dieser Wettkämpfe, die uns in den Augen der christlichen Bevölkerung so sehr bloßstellen. Die Schilderung dieser sc^ndalösen Wahlscenen bringt einen tiefen schmerzlichen Eindruck hervor, einen umso niederschmetternderen, da einstin dieser Sphäre stets die idealste Ethik herrschte. VI. Das ist in allgemeinen Zügen die traurige Situation des Rabbinats in Rußland. Sie werden begreifen, daß gegenwärtig wahrlich nicht der geeignete Zeitpunkt ist. an einschneidende Reformen auf diesem Gebiete zu denken. Wir würden vollkommen befriedigt sein, wenn es uns gelingen sollte, einige Besserungen in dem alten Organismus zu realisiren, das Rabbinat zu rehabilitiren. Es ist Zeit, auf die Illusion zu verzichten, als ob es in Rußland möglich wäre, einen Rabbinertypus zu schaffen, der den gegenwärtig functionirenden ersetzen sollte. Welch gelehrte Talmudisten auch aus den Seminarien hervorgehen sollten, die große Menge wird sich nie und nimmermehr an sie behufs Lösung von Ritusproblemen (Schalles) wenden. Andererseits existiren viele Gemeinden, die außerdem noch nach dem lebenden Worte dürsten, die des stärkenden und tröstenden Zuspruchs der Religion dringlichst bedürfen. Mit einem Worte, es gibt viele Gemeinden, die des Religionslehrers, des Predigers, und zwar in russischer Sprache, bedürfen. Wo soll man diese hernehmen? Ob unsere „Jeschibots" gut oder schlecht organisirt sind — wollen wir dahin gestellt sein lassen; jedenfalls muß man jedoch zugestehen, daß sie das nothwendige Contingent der More-Haroes (geistliche Rabbiner) stets genügend ergänzen können. Woher aber die gebildeten Prediger für die Gemeinden nehmen, welche derselben dringendst bedürfen und angelegentlichst nach ihnen verlangen? Die Gegner des theologischen JnstitutesmögensichindemsüßenWahnewiegen.daßin Folge Abwesenheit eines Institutes zur Heranbildung gelehrter Prediger es für sie leichter sein würde, bei der Regierung die officielle Anerkennung der geistlichen Rabbiner zu erwirken. Vergebliches . Hoffen! Bereits ein Vierteljahrhundert ist seit Schließung der Rabbinerschulen verflossen, und im Laufe dieser Zeit hat die Regierung den Bildungscensus für die Rabbiner, nicht nur nicht reducirt, sondern im Gegentheile erheblich erhöbt. Und kann man denn auf eine Nachgiebigkeit der Regierung rechnen? Darf man darauf rechnen, daß sie so wichtige Functionen Leuten anvertraut, welche die Landessprache nicht kennen und nicht den entsprechenden Bildungsgrad haben? In Rußland sind außer den Juden noch zahlreiche Mohammedaner, und wird nicht an deren geistlichen Schulen die russische Sprache gelehrt, sind nicht die allgemeinen Bildungsgegenstände daselbst