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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-13 · 50 (13.12.1895) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 50 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seile 923 lichen moralischen Halt .... Die Lüge ist sehr geschickt mit Wahrheit gemischt und die Mahren Folgen werden durch erdichtete Ursachen erhärtet. Nach diversen Lamentationen über das Sinken der Moral und Religiosität ersuchen die Petenten, ihre gegenwärtigen geistlichen Führer zu bestätigen und die Idee der Gründung einer theologischen Hochschule zu verwerfen. Das Charakteristische dieser Bewegung ist, daß an der Spitze Männer von Ansehen stehen, die es mit ihrem Volke aufrichtig gut meinen und die wähnen, daß sie das Bestehende erhalten, während sie doch eifrig an dessen Zerstörung arbeiten. m. Daß in Ihrem Artikel: „Bestrebungen zur Verbreitung von Cultur und Bildung unter den Juden in Rußland" manche Ansichten ausgesprochen wurden, die, fälschlich aufgefaßt, leicht eine gewisse Begriffsverwirrung hervorbringen und der guten Sache schaden könnten (besonders in jüdischen Kreisen Rußlands, wo die „Oesterreichische Wochenschrift" viel gelesen wird und sich einer ganz besonderen Autorität, dank der kühnen, ungeschminkten Sprache, die sie führt, dank ihrer Ueberzeugungstreue, erfreut), so erlaube ich mir gewisse Punkte zu erläutern, andere richtig zu stellen. So z. B. hob Herr Dr. L e w y (Vorsitzender des Lehrercollegiums im jüdisch-theologischen Seminar zu Berlin) in seiner längeren Unterhaltung mit Dr. H e n ck e l besonders hervor, daß „an die Spitze solcher Anstalten Männer gestellt werden müßten, zu denen die russische Judenheik nicht blos in wissenschaftlicher, sondern auch in religiöser Beziehung das vollste Vertrauen hätte". Das ist eine vollkommen berechtigte Forderung und unterliegt es keinem Zweifel, daß die allerhöchst bestätigte Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands, welche die Initiative in dieser Sache ergriffen, von der Wichtigkeit dieses Umstandes für den Erfolg des projectirten theologischen Institutes überhaupt durchdrungen fein und nicht ermangeln wird, sich seinerzeit an die Koryphäen talmudischer Gelehrsamkeit zu wenden, daß dieselben aus ihrer Mitte einen Mann wählen, der es verdient, an die Spitze einer derartigen Institution gestellt zu werden. Wir würden vom ganzen Herzen wünschen, daß die wohlgemeinten Bestrebungen des vorgeschrittenen Theiles des russischen Judenthums, zur Hekung des religiösen Bewußtseins der Heranwachsenden Generation in den Herzen der Vertreter unserer Orthodoxie ein sympathisches Echo fänden, daß wir viribus unitis Vorgehen, um das sehnliche Ziel zu erreichen. Doch leider sehen wir uns veranlaßt, an der Realisirung dieser pia äesiäeria zu zweifeln. Als vor etwa einem halben Jahrhundert in Wilna und Schitomir Rabbinerschulen eröffnet wurden, so trug man die Directorfunetion den durch seine Gelehrsamkeit und Frömnligkeit damals weit und wohlbekannten Rabbiner S a l a n t an, der jedoch leider diesen ehrenvollen Antrag resolut ausschlug. Die Weigerung war von wahrhaft verhängnißvollen Folgen für die weitere Culturentwicklung der russischen Juden begleitet, da dadurch das Judenthum in Rußland sich in zwei feindliche, einander stets und erbittert bekämpfende Lager theilte. Natürlich war man ja zu der Voraussetzung berechtigt, daß diese 50 Jahre harter Erfahrungen und böser Enttäuschung auch für unsere Orthodoxen nicht umsonst vorübergehen würden, da sich auch in diesem conservativen Lager Biele fanden, welche recht wohl begriffen, wie wichtig es im Interesse der Religion sei, daß sie Hand in Hand mit der westlichen Cultur gehe. Leider ist jedoch, wie ich eben auseinander gesetzt, ein solcher Optimismus unberechtigt und unsere Orthodoxen scheinen durch eine halbhundertjährige Erfahrung nicht gewitzigt worden zu sein; sie haben das Neue nicht begriffen und fahren fort, sich krampfhaft ans Alte zu klammern. Nicht nur in dem südwestlichen, sondern auch in dem nordwestlichen Gouvernement (diesen weiten russischen Ghetto), fahren sie fort, anonyme Pasquille circuliren zu lassen, in welchen die edlen Patrioten, welche für die Errichtung eines theologischen Institutes in die Arena getreten und ihre besten Kräfte einsetzen, um diese als vital erkannte Frage zu lösen, als Feinde Israels dargestellt werden. Wir zweifeln nicht daran, daß die aufrichtigen überzeugten Anhänger des orthdoxen Judenthums nichts mit diesen sich im Dunkeln bergenden Denuncianten gemein haben, daß sie unwillig eine jede Solidarität mit dieser Bande von sich abschütteln. Trotzdem muß man mit Bedauern constatiren. daß auch diese Männer, deren Ehrenhaftigkeit nicht in Frage gestellt werden kann, eine instinctive, durch nichts motivirteFurcht vor dem theologischen Institute hegen. Und wenn Herr Dr. L e w y Herrn Dr. H e n ck e l gegenüber die Ansicht aussprach, daß unsere Glaubensgenossen mit solchen Reform, und Cultusbeftrebungen leider sehr bittere Erfahrungen gemacht, so kann man sich mit dieser Meinung nicht ganz einverstanden erklären, besonders wenn man sic in Bezug auf das theologische Institut und gebildete Rabbiner anwenden möchte. IV. Doch von welchen Reformen spricht Herr Dr. L e w y? Niemand denkt bei uns an irgend welche Reformen in der Religion oder auf dem Gebiete der Vertreter des religiösen Cultus. Wir wollen nichts zerstören, wir wünschen nur zu consolidiren, zu erhalten. Was gewisse Reformen in der Sphäre religiöser Gebräuche anbetrifft (an welche in der That vor 20—30 Jahren die Vertreter unserer Intelligenz dachten und für die so Biele damals schwärmten), so haben dieselben jeglichen Boden verloren, und denkt Niemand mehr daran. Diese Reformen wünscht jetzt Niemand mehr. Für Diejenigen, welche alle durch den Schulchan-Aruch vorgeschriebenen Ritualgebräuche gewissenhaft befolgen und ausüben, sind diese Gebränche ja keine Bürde, die als zu schwer sie von sich abschütteln möchten; Diejenigen jedoch, welche die Befolgung dieser Gebote für sich als unbequem und inopportun betrachten, wußten sich von ihnen zu emancipiren, ohne zu irgend welchen officiellen Reformen ihre Zuflucht zu nehmen, ohne die Genehmigung eines Rabbinerconcils einzuholen. Ebensowenig denkt man an irgend welche Abänderung in der Stellung der Rabbiner, wie sie gegenwärtig ist, und in den Bestrebungen des vorgeschrittenen Theils des russischen Jndenthilms. der sich an die Spitze dieser progressiven Bewegung c estellt, ist kein Element vorhanden, welches die materiellen oder moralischen Interessen der sogenannten geistlichen (durchwegs, im Gegensätze zu den Kasjomije. d. h. Kronrabbincr) officiell nicht anerkannten Rabbiner irgendwie tangiren würde. Soweit uns bekannt ist, halten es alle Anhänger des theologischen Institutes für einen Act der Gerechtigkeit, daß die Regierung diese „geistlichen" Rabbiner anerkenne und deren Stellung legalisire. Zum mindestens ist dieser Wunsch kategorisch in dem Bittgesuche ausgesprochen, welches die Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands dem Herrn Unterrichtsminister Grafen D e l ja n o w überreichte. Wenn man die Beschwerden der Orthodoxen hört, so sollte man glauben, daß bei den russischen Juden, in Bezug auf die so acut gewordene Rabbinatsfrage. Alles so gut bestellt ist, daß nichts mehr zu wünschen übrig bleibt, daß die More- Haroes nicht nur vom jüdischen Volke, sondern auch von der russischen Regierung als legale, wohl bestallte Seelsorger und geistliche Führer betrachtet werden und daß die mit dieser Sachlage unzufriedenen Repräsentanten der Intelligenz bei der Regierung darum petitioniren, die alten Rabbiner durch neue zu ersetzen, und zur Ausbildung der letzteren wird die Er- Öffnung eines Seminars projectirt. Gegen diese falsche Ansicht halte ich es für angemessen, im Namen der jüdischen Intelligenz Rußlands energischeste Verwahrung einzulegen. Trotzdem, daß die alten Rabbiner weit hinter dem Zeitgeiste zurückgeblieben sind; trotzdem, daß sie ihre Unfähigkeit bekundet, die geistigen Führer. Erzieher und Berather der jungen Generation zu fein, würden wir bei der gegenwärtigen Lage der russischen Juden einen solchen brüsken Bruch mit der Vergangenheit, ein derartiges plötzliches Niederreißen des alten Bestehenden (wie sehr es auch den neuen Verhältnissen nicht mehr entspreche) für nicht zeitgemäß, für unzweckmäßig erachten. In der That jedoch ist es jetzt schon ein halbes Jahrhundert, daß die Institution der geistlichen Rabbiner zu existiren aufgehört hat, in den Augen der Regierung sind sie durch Kronrabbiner, die ihren Lehrcursus in den Seminarien von Wilna und Schitomir absolvirt, ersetzt. Und wenn die Regierung es für nothwendig befunden, diese zwei Rabbinerschulen im Jahre 1873 zu schließen, so that sie dies durchaus nicht aus dem Grunde, um die More-Haroös als cfficielle Rabbiner zu betrachten. Indem die Regierung die Rabbinerschulen schloß (aus Gründen, in deren tieefere Erörterungen ich hier nicht eingehen will, die ich jedoch oben angedeutet), wollte sie damit blos

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