Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 922 Dr Vloch's Wochenschrift. Nr. 50 nicht wenig Aufsehen erregt hat. Es handelte sich darin um die Mission des Oberlehrers an der reformirten Kirchenschule in St. Petersburg. Dr. Hermann Henckel. der angeblich im Aufträge der russischen Regierung in's Ausland gegangen, bezweckend die Besichtigung dasiger Rabbiner- und Lehrerseminarien, da die Absicht bestehen soll, ähnliche Anstalten auch in Rußland in's Leben zu rufen. Obwohl hier von einer solchen, Dr. Henckel zugefallenen Mission nichts bekannt ist, so kann man doch voraussetzen, daß das Gerücht über dieselbe eine gewisse Berechtigung hat, da die Frage über die Nothwendigkeit der Gründung von israelitischen Seminarien schon längst ventilirt worden und seit der Schließung zweier derartiger Lehranstalten in Wilna und Schitomir (vor etwa 15 Jahren) zu einer brennenden geworden, da sich das Contingent von gebildeten Rabbinern stets verminderte und zwar in dem Maße, als die jüdische Bevölkerung wuchs. Auf diesem Gebiete haben sich, wie überhaupt in unserem gesammten socialen Leben zwei ganz entgegengesetzte Strömungen bemerkbar gemacht: die eine — progressive — verlangte vollkommen berechtigt, daß zu geistlichen Seelsorgern in der wirklichen Bedeutung dieses Wortes europäisch gebildete Männer herangezogen werden sollten, die ihren Gemeinden als leuchtendes Beispiel dienen auf dem Wege der Cultur und des Fortschritts; die zweite wollte davon nichts hören, derlangte als Rabbiner Talmudisten alten Schlages mit allen Nachtheilen. Selbstverständlich, daß in der Reformperiode Alexanders II. die erstere Partei die Oberhand erhielt. Doch in dem Maße, wie Dank der nihilistischen Bewegung und den rasch aufeinander folgenden mörderischen Attentaten die Reaction die Oberhand erhielt und schließlich unter Alexander III. definitiv siegte, kamen die jüdischen Orthodoxen wieder auf die Oberfläche auf ihr Gesuch wurden die erwähnten zwei Seminarien, die einzigen (wenn auch weit nicht idealen) Pflanzstätten jüdischer theologischer Bildung, geschlossen. Und in dem Maße, wie das Regime (Mai 1881 — October 1894) den russichen Juden die ihnen gewährleisteten Rechte wieder nahm, triumphirte die israelitisch - orthodoxe Partei. daß dem Impuls zur Bildung ein solcher Knutenschlag versetzt wurde. Und in dem Maße, wie der ausgeübte Druck immer stärker wurde, ward der Fanatismus immer provocirender und die orthodoxe Synagoge ward zur eeelesia miiitans. Infolge dessen spitzte sich die durch die Macht der Verhältnisse und den nicht ruhenden und rastenden Geist der Zeit an die Tagesordnung gestellte Rabbinatsfrage zu einer immer acuteren zu und der Kampf entbrannte auf beiden Fronten, zum großen Gaudium unserer Gegner, die sich daran ergötzten, wie sich das in zwei feindliche Lager getheilte Judenthum aufrieb in ziellosem, verbrecherischem, mörderischem Bruderkampfe. Die gegenwärtig in Rußland functionirende Organisation des Rabbinats ist eine so anormale, befindet sich in so grellem Widerspruch mit den elementarsten Anforderungen des gesammten Menschenverstandes, daß man eigentlich nicht umhin könnte, sich darüber zu wundern, wie die Regierung solche anarchische Zustände toleriren kann, wenn man niht wüßte, daß es sich um die Heloten der Menschheit handelt, um Parias, deren geistiges Wohl und materielles Gedeihen Niemand interessirt, da doch sonst nicht ein so intensiver Druck ausgeübt würde, der ein jedes Wachsthum nothwendig im Keime ersticken muß und auch theilweise erstickt. Werden Sie es z. B. glauben, daß zu Rabbinern einerseits Aerzte und Advocaten, Veterinäre und Pharmaceuten ernannt werden, die vom Judenthum, von der Religion Mosis keinen Begriff haben, für die selbst die Elemente der heiligen Sprache ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch sind, die sich blos mit der Einschreibung von Geburts- und Todesfällen, Hochzeiten und Kindstaufen beschäftigen (als ob dazu akademische Bildung erforderlich sei) — andererseits — orthodoxe Talmudisten, deren Functionen sich ausschließlich auf die Entscheidung von einzelnen, rituellen Fragen beschränkt, die wir in Bezug auf verschiedentliche Speisegesetze haben. Die erstem heißen Kronrabbiner, die zweiten — geistliche Rabbiner, beide gleich ungeeignet für die hohen verantwortlichen Functionen, die sie auszuüben berufen sind. Welch einen Begriff muß die Regierung von einer Nation und Religion haben, deren Geistlichkeit derartig beschaffen ist. . . Das Rabbinat in Rußland befindet sich größtentheils (die wenigen löblichen Ausnahmen bestätigen nur die Regel) in einem solchen Zustande der Zersetzung, daß man sich ernstlichen Besorgnissen für die nächste Zukunft nickt verschließen kann. Und wenn man die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleicht, so kann man nicht umhin, zu Schlußfolgerungen zu kommen, daß das I etz t keinen Vergleich mit dem Einst aushalten kann. Früher wurden zu Rabbinern würdige, gelehrte Männer erwählt, die ihre Aufgabe ernst nahmen, die ernstlich bestrebt waren, den an sie herantretenden Anforderungen zu entsprechen und Führer der Gemeinden zu sein, die sich ihnen anvertrauten, die ihnen ein bedingungsloses Zutrauen entgegentrugen. Und was sehen wir jetzt? Der Rabbiner ist zum „Tschinownik" herabgesunken, der mechanisch seine Function versieht, ohne dieselbe zu lieben oder zu achten. Die Gemeinde hat auch zu derartigen Seelsorgern (?!) nicht das geringste Zutrauen; die orthodox-fanatische Menge wendet sich blos an den Rabbiner in Speisegesetz - Conflictsfragen. beachtet ihn jedoch sonst gar nicht; die aufgeklärte Partei sieht in ihn blos einen verachtungswerthen Parasyten, der sich vom Fette der Gemeinde nährt, einen Schmarotzer. In den vernünftigen gebildeten Kreisen der jüdischen Bevölkerung Rußlands hat sich schon längst die Ueberzeugung Bahn gebrochen, daß dergleichen anormale Zustände auf die Länge hin unhaltbar sind und daß eine Fortdauer derselben zu höchst bedenklichen Resultaten führen müsse. Und es bildete sich eine Partei wohldenkender jüdischer Patrioten, welche sich die Aufgabe gestellt, bei der Regierung mit dem Projecte der Gründung eines Seminars, einer rationellen Rabbinatspflanzschule durchzudringen. Doch kaum hatte sich das Gerücht über diese bevorstehende Neuerung (die noch freilich im Embryo war) verbreitet, als auch die orthodoxe Partei sich zu regen begann, um dieser Eventualität erfolgreich entgegenzuarbeiten und die Idee einer theologisch - israelitischen Hochschule im Keime zu ersticken. II. In der jüngsten Zeit haben die Gerüchte über die Gründung eines Rabbinatsseminars so sehr an Consistenz gewonnen, (wie ich unten eingehend auseinandersetzen werde) daß unsere Orthodoxen darüber ganz außer sich geriethen und gleichfalls den Zeitpunkt für gekommen erachteten, activ aufzutreteu und ihre Contreminen spielen zu lassen. Besonders macht sich diese antiprogressive Bewegung im südwestlichen Gebiete (wo auch die Secte der Chassidim sehr zahlreich vertreten ist), bemerkbar und scheint man da fest entschlossen, der jüdischen Intelligenz den Fehdehandschuh Hinzuwersen und gleichzeitig die Heranwachsende Jugend vom Wege der Aufklärung und Bildung abzulenken. Der „Woschod", unser einziges, aber trefflich redigirtes und von den besten, edelsten Absichten beseeltes jüdisches Organ in russischer Sprache, registrirt das höchst betrübende Factum, das in verschiedenen orthodoxen Kreisen Petitionen an den Minister des Innern und andere hochgestellte Personlichkeiten von Hand zu Hand behufs Sammlung möglichst zahlreicher Unterschriften circuliren, in welchen die Petenten bestrebt sind, darzuthun, daß die Gymnasial- und Universilätsbildung mit der genauen Kenntniß aller ritueller Gebräuche der mosaischen Confession ganz unvereinbar ist (?!) Indem die Autoren dieser Bittgesuche über die früheren Rabbinatsschulen in Wilma und Schitomir herfallen, deuten sie darauf hin, daß auch die nach dem Vorbilde deutscher Seminarien jetzt in Rußland geplanten theologischen israelitischen Hochschulen für das jüdische Volk ganz unnütz sind, das keines europäisch gebildeten Rabbiners bedarf. „Derartige Institute", heißt es in einem dieser Bittgesuche (die in verschiedenen Varianten, wenngleich stets e rn Ziel verfolgend von Hand zu Hand, von Stadt zu Stadt gehen), sind nicht nur nicht im Stande, Leute heranzubilden, die in Glaubenssachen und Ritualgebräuchen competent sind, sondern sie bedrohen sogar die Existenz der jüdischen Nationalität, weil, außerhalb der rituellen Ceremonien keine Möglich! it existirt, das Judenthum und dessen Glauben zu conserviren- (sie!) Die Juden bedürfen anderer Rabbiner, als die gegenwärtigen More-Haroes, die durch das Mißtrauen, welches ihnen die Regierung erweist, erniedrigt und beschämt sind und deren Prestige folglich stets fällt. Das ist auch der Grund, warum das Volk, das derartig seiner einzigen Führer verlustig gegangen, die Lehren der großen Väter der Synagoge vergißt und in's Leben tritt ohne jeg-