Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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-v-aatTMrr-b„i,.,»--^—------ —; Nr. 50 Dr Vloch's Wochenschrift. Seite 921 Faselei und Bemäntelung! Fort mit dem „schwebenden Dunkel" der „Unentdecktheiten" und dem „Mysteriösen!" Hat das „bürgerliche Gesetz" — das kirchliche ist im Sinne der Synagoge nun einmal nicht verantwortlich für seine frevlerischen und mißrathenen Anhänger — keine Benennung für solche Unwesen, daß man sich schützen und hüten könnte vor ihnen? Giebt es in demselben keinen Paragraphen, der ihnen das Brandmal des Verbrechens und des Abscheus auf die Stirne drückte?! U. A. w. g. Dr. S. Mandl Rabbiner in Kostet. Rabbiner Dr. Salomon Fuchs. (Gestorben in Kojetein den 7. Deeember 1895.) In einer Morgenstunde des letzten Sabbaths, des 7. Deeember, hat in einem erneuten Anfalle plötzlicher Geistesnmnachtung unser unglücklicher Rabbiner Dr. Salomon Fuchs seinem jungen Leben ein vorzeitiges Ende bereitet. So war die Freude nur kurz, die alle Herzen unserer Gemeinde über die Wiederherstellung ihres von Jedermann geschätzten Lehrers erfüllte. Zu den hohen Festtagen dieses Jahres hatte er als ein Wiedergeborener und Neugcschenkter von Neuem sein Amt angetreten, in das er den reinsten Willen, das beste Streben und Können mitbrachte. Er schien ein Anderer geworden. Sein Lebensmuth war neu beschwingt, seine Stimme stärker, markiger geworden, seine Predigten zeigten erhöhtes Feuer, kraftvolleren Schwung. Die Spuren der vier furchtbaren Leidensmonate, auf die er zurückblickte, waren verschwunden. Keinie neuer und gesunder Entschließungen verhießen eine segensreiche Zukunft, in der bald und für immer vergessen sein würde, was Augenblicke unheilvoller Verwirrung über den Unglücklichen und seine theilnehmende Gemeinde gebracht hatten. Der Spruch der Wissenschaft hatte auf volle Genesung gelautet. Mit Einverständniß und auf Grund einer Empfehlung der maßgebenden Autoritäten hatte unser allzeit gutgesinnter Vorstand die Wiedereinsetzung des beklagenswerthen, jetzt aber dem Leben hoffnungsreich zurückgegebenen Mannes in sein Ami beschlossen. Ohne Last, blos mit dem Bewußtsein seiner unverminderten Rechte und Würden, sollte er wieder in sein Amt eingesetzt werden. Aber er fühlte sich so gestärkt und gesammelt, daß er auch seine Pflichten wieder im vollen Umfange erfüllen zu wollen erklärte, und die Gemeinde an allen Festen durch feine inhaltsvollen, aus dem reichen Schatze feines Wissens und Empfindens geschöpften Predigten erfreute. Auch den Faden seiner wissenschaftlichen Thätigkeit hatte er bereits da wieder aufzunehmen angefangen, wo er ihm in feiner schicksalsschweren Stunde entfallen war. Wer jemals den milden, sanften, trotz seiner Jugend abgeklärten und leidenschaftslosen Manne begegnet ist, wird die entsetzliche That, deren Opfer er geworden, nicht nur auf das Tiefste beklagen, sondern als ein undurchdringliches Räthsel anstarren. Man sieht, angesichts einer solchen Schickung, dem Verhängniß gleichsam ins Auge. In dieser stillen, friedsamen, nur dem Streben nach Wahrheit gewidmeten Seele war für so entfetzensvolle Entschließungen gar kein Raum. Wie eine Fügung, wie ein Zwang von Außen, wie eine Verwandlung durch Schicksalsmacht muß es über ihn gekommen sein, als in dem Sturm und Aufruhr seines Innern das stille milde Licht seines Geistes erlosch und das Irrlicht vor ihm auftanchte, das ihn in Nacht und Zerstörung trieb. Vergebens ringt man bei so unvereinbaren Gegensätzen des Gemüthes und der Handlungen nach einer ausreichenden Erklärung, vergebens aber auch, und das ist das Tröstliche in diesem Jammer, sucht die io leicht nach einer Schuld auslugende Verdächtigung in diesem schauerlichen Falle nach einem Schuldigen, nach einer Handhabe zur Anklage, nach einem Anhaltspunkte für Belastung und Bezichtigung. In dem Frieden unserer Gemeinde schien fein Sehnen nach arbeits- und ertragreicher Ruhe gestillt zu sein. Sein nie nach irdischen Gütern gerichteter Sinn hätte hier Befriedigung und Genüge finden können. Nach einer an Entbehrungen und Kämpfen überreichen Jugend war er hier am Ziele seiner Wünsche, im Hafen seines Verlangens angekommen. Da brach das Verhängniß, wie eine Wetterwolke lauernd, über den Unglücklichen herein. Entkräftet und von dem langjährigen, unter geistiger Anstrengung doppelt rasch erschöpfenden Ringen mit Roth und Hunger abgezehrt, hatte sein gemartertes, blutleeres Gehirn den Wahnvorstellungen von Anfeindung und Verfolgung, die in ihm aufstiegen, immer weniger widerstehen können, bis im unbewachten Augenblicke die Rabenflügel der Geistesumnachtung um sein Haupt zusammenschlugen. Gebt Acht auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Lehre aus. Das edle Wort der Alten will angesichts dieses erschütternden Falles.nicht aus dem Sinn. Ach, daß man auch auf diesen so reich begabten Armen einst in der Jugend mehr Acht gehabt hätte! Ach, daß unsere Gesellschaft mehr von der Pflicht erfüllt wäre, die sie gegen die aus Nacht und Noth zu Licht und Freiheit 'ich emporsehnenden Kinder der Armuth hat, und nicht in verblendeter Verhärtung Blutschuld auf sich zu laden fortfahren wollte. Wie Viele, die sich durchgerungen haben, und nach übermenschlichen Kämpfen mit der Entbehrung und Verzweiflung am Ziele ihrer Sehnsucht anlangen, sinken entkräftet zusammen, da sie am Gipfel ihrer Sehnsucht angekommen sind, im Sterben das gelobte Land betretend, das ihrem Auge vorgeschwebt, die kummervollen Jahre ihrer langen Wüstenwandernng hindurch. Aber auch Gerechtigkeit gegen die Stätten jüdischer Wissenschaft, die in allen Culturländern sich ausbreiten, wird das tragische Opfer unserer Gemeinde lehren. Wie Wenigen, die ohne Führer, ganz ans sich selbst gestellt und an die eigene Leitung gewiesen, aus der Talmudschvle zu den Anforderungen des Lebens und der Wissenschaft den Weg gesucht haben, ist es gegönnt gewesen, ungebrochen an Leib und Seele, in den ersehnten Hafen einzulaufen. Die am Wege sterben zählt Niemand. Aber auch Manchen von denen, die sieghaft vorgedrungen sind bis an ihr Ziel durch eigene Kraft, in selbstständigem Ringen und Bemühen, rafft die Erschöpfung hin vor der Zeit, die Anspannung der Seelenkräfte, die unter der Hand des Führers sich nicht unnöthig aufgebraucht haben würden und wie ein erträgnißreicher Acker hätten aufgespart bleiben können für kommende Tage. Was die Schule als fertige Ueberlieferung dem bildungsfähigen Geiste reicht, muß in zeit- und kraftauszehrendem Tasten von dem sich selbst überlassenen Schüler mühsam erst entdeckt und errungen werden. Was dann als Selbstständigkeit und Wurzelhastigkeit angestaunt wird, ist oft um den Preis einer Unsicherheit und Unrast erworben, welche die Wurzel des Lebens angreift und dir Ruhe des Daseins verscheucht. Dr. Salomon Fuchs wäre aus eigener Kraft einer der hervorragendsten jüdischen Prediger geworden, aber auf dem Wege zu diesem Ziele ist er nmgefunken, aufgerieben von Seelenqual und geistiger Abspannung, die ihm Muster und Schule hätten ersparen können. lieber das Leichenbegängniß entnehmen wir einem Berichte aus Kojetein: In wie hohem Grade die Nachricht von feinem Ableben die ganze Bevölkerung unseres B' ies und dcr Umgebung ergriffen hat, hat sich durch die rege Betheilignng bei feinem heutige» Leichenbegängnisse gezeigt. Die Spitzen der politischen Stadtgemeinde und der Bezirksvertretni'g waren in dem schwarz ausgekleideten und hell beleuchteten Tempel, wohin der Sarg des Verewigten gebracht tvnrde, anwesend und gaben ihm mit einer starken Gefolgschaft der christlichen Bevölkerung bis zum Friedhöfe das letzte Ehrengeleite. Bon den zu dikserLeichenfeier erschienener! Rabbinern hielten im Tempel ergreifende Nachrufe: Herr Dr. Frankl-Grün ans Kremsier, Herr Dr. Kaminka ans Prag. Herr Dr. Freimanu aus Holleschau und Herr Dr. Spiro ans Mähr.-Sstrau. Ans dem Friedhöfe vor dem offenen Grabe sprachen noch ergreifende Abichiedswortc der greise Rabbiner unserer Nachbargemeinde Herr Dr. Eisler aus Epwanowitz und in hebräischer Sprache Herr Tr. Kaminka. Tie Leichenfeier war eine des Verblichenen vollkommen würdige und alle Theilnehmer tief ergreifende. Möge es unserer schwer geprüften Gemeinde vergönnt sein, bald einen würdigen Nachfolger des irmlichen Tr. Salomon Flichs zu finden und möge Gott Trost spenden seinen Eltern, Verwandten und Bekannten. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. XXXIV. Das Rabbinat und die theologische Hochschule. I. In der Nummer 35 der „Oesterreich ischen Wochenschrift" vom 30. August d. I. befindet sich ein Artikel unter der Aufschrift „Bestrebungen zur Verbreitung von Culiur und Bildung unter den Juden in Rußland",der in russisch-jüdischen Kreisen