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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-13 · 50 (13.12.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 918 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 50 mit aller Energie zu bekämpfen und es werden zum Zwecke der Organisation größere Geldsendungen in Aussicht gestellt. Die Antisemiten wußten, daß ihr Candidat Herr Dr. Trachte nberg von der Lemberger Advocateukammer 1891 wegen „Vergehen gegen Standespflichten und Standesehre" zu sl. 300 und im Jahre 1892 „wegen Vergehen gegen „Staudespflichten" zu sl. 100 Strafe verurtheilt wurde. Heute thun sie, als ob sie davon überrascht sind, und wundern sich, daß „ein solcher Mensch zum Reichsrath gewählt werden konnte". Das „Deutsche Volksblatt" vom 8. Dez. — nota bene nach der Wahl — erinnert an die Wirksamkeit Trachtenberg v als Bürgermeister der Stadt Kolomea und berief sich auf das berühmte Rescript, welches der galizische Landes-Ausschuß im Jahre 1885, Z. 50.461, an den Gemeinderath von Kolomea erließ. Dieses Rescript schildert eine wahrhaft scandalöse Wirtschaft Dr. T r a ch t e n b e r g's. Aus diesem Rescripte wird citirt, daß der städtische Cassier sich Defraudationen zu Schulden kommen ließ, daß verschiedene Functionäre die G e m e i n d e g e l d e r jahrelang „bei sich behielten" , daß in der Gemeindeverwaltung die Tendenz vorherrschte, das Gemeindevermögen zu verschleudern. All' das geschah unter der Aegide Trachtender g's. Aus diesem Rescripte erfährt man allerdings, daß der Bürgermeister T r a ch t e n b e r g selbst fremde Cautionen in den Banken versetzte, was der Landes-Ausschuß eine ungesetzliche Handlung nannte, daß der Bürgermeister sich e x o r b i t a n t hohe Diäten und Provisionen an rechnete.. Das Rescript bietet Daten über eine ganze Reihe von Malversationen und Ungesetzlichkeiten in der Gemeindewirthschaft, die der Landes-Ausschuß als „anarchisch" qualificirte. Das Alles war aber allgemein bekannt, ist also gar keine neue „Enthüllung!" Nein, der „Ehrenbürger von Mühldorf" Pan Verganiw hat als Bürgermeister nicht ehrlicher gewirthschastet; er hat keine Ursache zu sittlicher Entrüstung. Und wenn die Antisemiten die Frage aufwerfen, ob der Polenclub einen solchen Mann wie Tracht enb erg als Mitglied acceptiren kann, so constatiren wir das Eine: Während des Wahlkampfes waren die Herren Lueger und seine Parteifreunde in Lemberg, in Krakau und Kolomea mächtige Protectoren des Herrn Trachtenberg. Danach ist das Auftreten L u e g e r's in der Samstag- Sitzung des Reichsrathes, in welcher er die Vergewaltigung Dr. B l o ch's in Kolomea dem Minister-Präsidenten Grafen Badeni vorhielt, zu beurtheilen. Wir unsererseits müssen diese Bundesgenossenschaft dankend ablehnen. Ja, mehr noch, die Art und Weise, wie D r. L u e g e r die Wahlvorgänge in Kolomea für seine Zwecke auszuschroten unternimmt, zwingt uns, über die traurigen Geschehnisse zu schweigen. Unsere Ausgabe kann es nicht sein, Herrn Lueger und Consorten Waffen zu liefern. Die Ereignisse in Kolomea ändern die Thatsache nicht, daß jeder patriotische O e st e r r e i ch e r den Grafen Badeni und seine große Mission im Dienste des Vaterlandes zu unterstützen hat. Das Muster einer Frauen Mobilistrung durch die Jesuiten. Maffen-Ausmärsche von Frauen zu politischenDemonstrationen, wie wir einen solchen am vergangenen 2. December in Wien erlebten, kennt die Geschichte mehrere. Der merkwürdigste ist jedenfalls der Zug der „Damen der Halle" von Paris nach Versailles am 5. October 1789, auf welchen Tags darauf die große Revolution "die Bluttause erhielt. Das Besondere in diesem Fischweiber-Aufzuge liegt aber nicht blos in seiner Massenhaftigkeit, sondern auch und mehr noch in dem Umstande, daß einzig und allein diese politische Frauen-Demonstration imDienste desForts chrittes stand,während alle anderen der Reaction dienten. Wir wollen auf die psychologischen Ursachen dieser Thatsache nicht näher eingehen. Gewiß ist nicht die letzte dieser Ursachen das Ewigweibliche. Die Führer der Reaction sind doch immer schmucke Cavaliere und junge Capläne — für Frauenherzen die bezwingendsten Argumente. Wenn man schon glaubt, den confessionellen Haß todt gemacht zu haben, wird er noch von den Frauen in der Gesellschaft lebendig erhalten, und nicht nur Juden gegenüber, sondern auch zwischen Katholiken und Protestanten. Und wie erst, wenn der Conseffionalismus auf der Tagesordnung steht! Da entwickeln die Frauen eine Schärfe und Feindseligkeit gegen Andersgläubige, welche dem sonst so gerühmten weiblichen Herzen wenig Ehre macht, sie vergessen ihre Frauenwürde und geben sich zu Demonstrationen her, die sie nur lächerlich machen. Nichts Komischeres als so ein Amazonencorps, mag es nun im Solde des Königs von Dahomey oder des schwarzen Prinzen von Wien stehen. Ein noch groteskerer Frauen-Ausmarsch als der dieserTage hier stattgefunden, fand vor 25 Jahren in St. Jago, der Hauptstadt Chilis, dieser gebildetesten der südamerikanischen Kreolen-Republik, statt, aber nicht wie hier mit der Spitze gegen die Juden, sondern gegen die deutschen Protestanten. Im dortigen Congreß hatte nämlich die Fortschrittspartei einen Antrag eingebracht, durch welchen der Artikel 5 der Constitution beseitigt werden sollte, welcher lautete: „Die Religion der Republik Chili ist die römisch-katholische unter Ausschluß der öffentlichen Ausübung irgend einer anderen." Die hervorragendsten Redner haben diesen Artikel zerfleischt, besonders Rocabarron, der auch auf die wirthschaftliche Bedeutung der beantragten Reformen hinwies und den Vorwurf, daß die Toleranz den Jndifferentismus erzeugt, mit dem Beispiele der Vereinigten Staaten widerlegte. Er sprach durch volle vier Stunden und wollte eben seine Rede um Mitternacht (die Cougreß-Sitzungen in St. Jago finden Nachts statt, wie im Londoner Parlamente) beenden, als sich ein Haufen von mehreren Hunderten Sennoritas an der Pforte des Congreß-Palaftes zusammenrottete unter dem Rufe: „Es lebe unsere heilige Religion, die katholische, apostolische, römische! Tod den elenden Ketzern, die sich dem Teufel verschrieben, die verdammt sind, diesen Räubern, Verbrechern!" u. s. w. Es mußte, da die Drohungen und das Schreien der aufgeregten Damen einen immer leidenschaftlicheren Charakter annahmen, zuletzt Militär aufgeboten werden, um diesem Mitternachtsspuk ein Ende zu machen und die frommen Seelen auseinander und in ihre Betten zu jagen. Der Arrangeur dieses Frauentumults war der Jesuitenpater Don Juan Ugarte, der durch seine berüchtigte Himmels-Correspondenz und den am 8. December 1863 stattgefundenen gräulichen Brand der Jesuitenkirche Compania in St. Jago während eines Festes zu Ehren der unbefleckten Empfängniß, wobei 2000 Menschen, meist Frauen, den Tod fanden, eine tragische Berühmtheit erlangt hat. Don Juan predigte in derselben Nacht, in welcher im Parlamente die Hauptschlacht geschlagen wurde, in der Kirche St. Augustin vor einem Damenpublieum über dasselbe Thema, das im Congresse auf der Tagesordnung stand. Er ermahnte seine „geliebten Schwestern" zum offenen Widerstande gegen die barbarische Gottlosigkeit der Männer, wies auf die Heldenthaten der Ester und Judith hin und forderte sie zu demonstrirenden Protesten auf gegen das, was sich im Congreß abspiele. Gleichzeitig erklärte er sich für einen „Kammerdeputirten Jesu Christi" und die „Nachtsessionen des Kongresses Jesu Christi" in seiner Kirche für eine Woche in „Permanenz" um jede Nacht die Unterhaltung, welche verruchterweise im ketzerischen Congresse geschehen, einer handgreiflichen Kritik zu unterziehen. Wie wenig es übrigens den Jesuiten gelungen ist, auch der Männerwelt dieselben fanatischen Ansichten beizubringen, wie den

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