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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-06 · 49 (6.12.1895) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
49 (6.12.1895)
Date
1895-12-06
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 49 Dr. Vloch's Wochenschrift. Beispiel constatiren, daß in unserer Gemeinde die Frage der „Neuen Freien Presse": „Wo ist der Abgeordnete Dr. Bloch?" anläßlich der blutrünstigen Rede des Mechanikers Schneider im Abgeordnetenhause den lautesten Widerhall gefunden hat. Auch die Candidatur des Dr. Trachtenberg für das Abgeordnetenhaus in dem Wahlbezirke Kolomea, Sniatyn und Buczacz wird hier viel besprochen. Allgemein gilt bei uns die ungeteilte Meinung, daß Herr Doctor Trachtenberg mit diesem seinem Schritte weder seinem Namen noch dem jetzt so bedrängten Judenthum Ehre bereitet. Wie immer die Wahl in dem genannten Wahlbezirke ausfallen wird, die Sympathien der wohlgesinnten Judenheit gehören dem muthigen Volksvertreter Herrn Dr. Bloch. 8. Leipzig. (Bei den Stadtverordneten, wählen) haben die Antisemiten eine Niederlage erlitten. Von 13.872 abgegebenen Stimmen erhielten die Socialdemokraten 8228, die conservativ - nationalliberalen Cartellparteien 4265, die Bürgerpartei 633, die Antisemiten 546 (!) Stimmen. Die Socialdemokraten erlangten sechs, die Cartellparteien zwei Mandate. München, 11. November. In einer politischen Versammlung sagte Professor Dr. Günther u. A.: Die Agitation in Niederbayern gibt zu ernsten BeLknken Amaß, die sich aber noch steigern, wenn wir die c o n s e r v a t i v e Partei ins Auge fassen. Der Leitstern, den diese Partei sich ausersehen hat, ist der schlimmste: der Antisemi ti smus, dessen Thun und Trachten darauf ausgeht, einen Bruchtheil der deutschen Nation lobt zu machen und sich mit dessen vermeintlichen Reichthümern sein eigenes Portemonnaie zu füllen. Die freisinnige Partei erfülle nur dann ihre Aufgabe, wenn sie diesen auf das Energischeste bekämpfe. Nachdem Redner noch die Monopolirungssucht der Jetztzeit kur; gestreift und die Socialdemokratie als die Partei bezeichnet, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, meint er, diese dürfe man nicht mit Ausnahmegesetzen bekämpfen, sondern dadurch, daß man das Volk über ihre Utopien aufkläre. — Herr Dr. Reischle fragt den Referenten, ob cs nicht den freisinnigen Grundsätzen entspreche, daß man wünschte, die Regierung in Wien hätte die WahlLueger's bestätigt? — Dr. Günther erwidert : Wenn er Lueger zu bestätigen gehabt hätte, einen Mann, in dessen Reden Alles, was an Unmoralität und Schändlichkeit denkbar ist, bei jeder Gelegenheit offen zu Tage trete, durch dessen Thätigkeit die Juden in Wien geradezu vogelfrer geworden seien, würde das auch nicht gethan haben. Er halte es für richtig, daß einer solchen Persönlichkeit die Bestätigung versagt wurde, von der man wohl sagen könne, daß sie der öffentlichen Moral mehr geschadet habe, als ein Dutzend schwere Verbrecher. Petersburg. (Jüdische Handlungsreisende in Rußland.) Die neue Gesetzvorlage über die Handlungsreisenden bestimmt, daß bei Handelsfirmen in der Eigenschaft von Handlungsreisenden in Dienst stehende Juden zwar das den Juden zum ständigen Aufenthalt angewiesene Gebiet verlassen, sich aber in den Hauptstädten nicht länger als zwei Wochen, in den Gouvernementsstädten nicht länger als acht Tage und in den übrigen Ortschaften nicht länger als fünf Tage aushalten dürfen. Feuilleton. Luxus und Wohlleben.*) Im alten Rom hatten es die ersten Christen schlecht. Der fanatische Haß des Volkes schob ihnen die Schuld an allen Unglücksfallen zu. „Wenn der Tiber zu den Stadtmauern steigt" klagt Tertullian, „oder wenn der Nil nicht die Felder überfluthet, wenn der Himmel den Regen versagt, wenn die Erde erbebt, wenn Hunger und Pest das Land verwüsten, ertönt der Ruf: Die Christen vor die Löwen." Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Die Jahrhunderte gehen, aber das Volk liebt noch heute die Sündenböcke und Prügelknaben. Für gewiffe conservativ-orthodoxe Kreise sind es die Juden, die für allgemeine Schäden verantwortlich gemacht *) Aus der „VolkSztg." Seite 915 werden. Da findet sich in der „K r e u z z e i t u n g" vom 30. October eine etwas verfrühte Aschermittwochs-Predigt, in der gegen „Luxus und Wohlleben" zu Felde gezogen wird. Das ist ein an sich löbliches Bemühen; eine Geißelung jener unseligen Großmannssucht, die auf Kosten anderer in den Tag hinein lebt, wäre ehrlich gutzuheißen. Namentlich hätte Herr v. Z., der Verfasser des Artikels, eine so brave Gelegenheit nicht Vorbeigehen lassen dürfen, seinen Standesgenoffen gehörig den Kopf zu waschen. Aber den Muth der Selbsterkenntniß hat die „Kreuzzeitung" nie befeffen. „Geh' in Dich!" sagt sie in ihren frommen Sonntags- und Festbetrachtungen sehr oft, leider nur immer — Anderen. Und so tadelt wohl Herr v. Z. in der „Kreuzzeitung" verständig und löblich den Luxus und das Wohlleben der Stände, aber Schuld daran tragen nur die — Juden! Die alte Theorie des Prügelknaben taucht wieder aus Statt des poetischeren „Die Christen vor die Löwen" tönt es antisemitisch grob „Juden raus!" Eigene Schuld nicht erkennen, fremde Schuld tendenziös vergrößern, ist ein ebenso leichtes wie frivoles Verfahren. Die „Kreuzzeitung" schreibt: „So wie sich jetzt die Genußsucht zeigt, ist sie im Wesentlichen oriental-jüdischen Ursprungs, sie ist rein sinnlich und protzenhaft ... Es unterliegt keinem Zweifel, daß hierin dieMeisten über ihre Berhältniffe hinausgehen, daß man sich in materiellen Genüssen gegenseitig zu überbieten sucht und daß dadurch unserer Geselligkeit der Stempel jüdischer Protzenhaftigkeit aufgedrückt wird." Es fällt uns nicht ein, die paar reichen Juden in Schutz zu nehmen, welche durch wahnsinnige Verschwendungssucht ihre Unfähigkeit bewiesen haben, das Geld nach seinem Werthe zu würdigen, obschon man rein national-öconomisch vielleicht nichts dagegen haben kann, wenn eine Million aus unfähigen Händen in fähige übergeht. Den Juden aber die moderne Genußsucht auf das Conto schreiben zu wollen, sie für die unsinnige Ausbreitung des modernen Luxus verantwortlich zu machen, das zeugt doch von einer so großen historischen Unwissenheit, wie man ihr selbst in den Kreisender „KreuzzeUungs"-Mitarbeiter nur selten begegnet. Jede deutsche Culturgeschichte gibt genaue Auskunft darüber, wie Luxus und Wohlleben in jedem Jahrhundert mit puritanischer Lebensauffaffung abgewechselt haben. Nach einigen Jahrzehnten wahnsinniger Verschwendungssucht und üppigsten Wohllebens folgen Jahrzehnte bescheidenster Lebensführung und strenger, fast allzu harter Bedürsnißlosigkeit. Der Sinn für Schmuck ist in der ganzen organischen Welt verbreitet; die ganze Menschheit arbeitet daran, dem Leben möglichst behagliche Seiten abzugewinnen und weiß in diesem epicuraischen Bestreben oft nicht Maß zu halten. Für den Kenner der menschlichen Seele, für den Culturhistoriker, sind die sich in jedem Jahrhundert vorfindenden Klagen gegen den Luxus bekannte Töne und die Bußpredieer, die zur Umkehr mahnen, bekannte Erscheinungen. Diese Bußprediger waren ehrliche Leute, denn sie haben für die Schäden der deutschen Volksseele nur ihre eigene Menschlichkeit verantwortlich gemacht. Schon zur Zeit Karls des Großen war der Luxus so groß, daß im Jahre 808 der übermäßige Kleiderpomp von Staatswegen beschränkt werden mußte'). Im 15. Jahrhundert ging der Kleiderluxus unter Männern und Frauen einfach in's Maßlose. Ein schwäbischer Ritter, der am Hofe von Oesterreich in Diensten stand — sicherlich kein Jude — brachte in feine Heimat von dort eine Garderobe mit, deren überflüffige Stücke er nach Frankfurt für 1500 Gulden verkaufen ließ; für damals eine bedeutende Summe-). Sebastian Braut sagt über die sinnlose Kleiderpracht seiner Zeit: „Was eine Gans an der andern sieht, das mutz auch sie haben, es thut sonst weh^). Und Johann Geiler von Kaysersberg, seit 1478 Prediger am Straßburger Münster, gibt von dem Luxus und Wohlleben seiner Zeit so robuste Schilderungen, daß wir uns eine Wiedergabe versagen müssen. Als im Jahre 1461 der strenge Sittenprediger Johann de Capistrano in Ulm gegen den unsinnigen Kleiderluxus seiner Zeit predigte, hielt es der Rath für geboten, den strengen Eiferer aus der Stadt zu jagen'). ') Joh. Scherr, Gesch. d. dtsch. Frauenwelt Leipz. 1865 Bd. I. S. 134. 2) Ebendas. I. 294 f. 3) Ebendas. I. 295 f. 4) Ebendas. I.-300 f.

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