Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-06 · 49 (6.12.1895) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
49 (6.12.1895)
Date
1895-12-06
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021111--05136-3029357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 916 Nr. 49 Dr. Bloch's Wochenschrift Zur Zeit der Reformation war der Luxus „das fressende Gift in Stadt und Land, unter Edlen und Unedlen, Hand- Werkern und Bauern". Als im Jahre 1524 die Stände in Nürnberg versammelt waren, wiederholten sie, was frühere Reichstage oft betont hatten: „Es ist ziemlich und gebührlich, daß ein jeder seinem Stand nach durch mäßige und unterscheidliche Kleidung und Geschmack von den Fremden erkannt und geehrt werden möge. Darin wird aber dieser Zeit der Widersinn gehalten, also daß viel Leut von geringer Geburt sich mit Kleidüng und Geschmack viel köstlicher halten, denn die, die viel mehreren Standes sind. Bei unseren Aeltern in deutscher Nation ist solche üppige Köstlichkeit nicht vorgekommen, sondern in kurzen neulichen Jahren also eingebrochen. Alljährlich werde es schlimmer; die Kleider seien nicht blos über Gebühr köstlich sondern sie würden auch „schier alle Jahre erneuert und verändert"; dazu komme „überschwengliche Köstlichkeit im Essen und Trinken". Das Alles gereiche dem Lande zu „mördlichem Schaden, Nachtheil und Verderben", immer beschwerlicher empfinde man die Minderung des Geldes und Goldes in hochdeutschen Landen". Kurfürsten und Fürsten sollten an ihren Höfen bei dem Adel und ihrem weiblichen Hofstaate solchen Ueberfluß in Kleidung, Juwelen und Geschmeiden abschaffen, darüber aber auch mit ihrem Lebens- und Dienstadel gute Ordnung berathen und beschließen. Für die Bürger, Handwerker und Bauern sollten neue eigene Kleiderordnungen gemacht werden, und damit diese ausgeführt würden, sollte Jeder aus dem Volke das Recht haben, den Uebertreter bei dessen ordentlichem Gerichtsstände zu belangen und für sich erhalten, was von dem Beklagten gesetzwidrig getragen worden. Man würde sonst nicht im Stande sein, das immer weiter um sich saffende Uebel auszureuten. Um der Völlerei entgegenzntreten, müffe man das Gesetz erlassen, daß die in der Trunkenheit begangenen Verbrechen stärker bestraft würden, als andere. Der ständische Ausschuß, der über diese Luxus- und Sittengesetze verhandelte, machte mit Recht darauf aufmerksam, „daß bei den Gliedern und Unterthanen eine Besserung nur erreicht werden könne, wenn die Häupter selbst in ihren Ausschwe.ifungen sich besserten"^. Der ständische Ausschuß, der den „Häuptern" den Rath gab, sich erst selbst zu bessern, besaß jedenfalls mehr Einsicht, als die „Kreuzzeitung", die für den Luxus der Gegenwart die Juden prügelt. Aehnliche Aussprüche gegen Luxus und Wohlleben ließen sich aus allen Jahrhunderten in überwältigender Fülle Zusammentragen. Fast immer zeigte sich die Erscheinung, daß die „unteren" Stände nur den „oberen" folgten. Eine Klageschrift vom Jahre 1523 sagt: „Man hört, daß die Fürsten und Herren und die edle Ritterschaft auf den Reichstagen, anderen Zusammenkünften und an ihren Höfen in überköstlicher Kleidung, Lammet, Seide, Damast, Perlen und Straußfedern, in überschwänglichem Bankettiren einer den anderen übertreffen suchen, ich geschweige gemeiner Laster und des wüthigen Spiels um Geld." Die „Kreuzzeitung" scheint bei ihrem Angriff auf den Luxus der reichen Juden speciell diejenigen Berlins im Auge gehabt zu haben. Wenn der Luxus Berlins wirklich „orientalischjüdischen Ursprungs" wäre, so müßte doch das Berlin vor IM Jahren eine ehrbare und brave Stadt gewesen sein, da sie ja fast kaum einen reichen Juden beherbergte, aber die Geschichte hat ein anderes Urtheil. Georg F o r st e r, der 1779 Berlin besuchte, schrieb von da an seinen Freund I a c o b i: „Berlin ist gewiß eine der schönsten Städte Europas. Aber die Einwohner! Gastfreiheit und geschmackvoller Genuß des Lebens, ausgeartet in Ueppigkeit, Prasserei und Gefräßigkeit.. die Frauen allgemein verderbt". Und im Jahre 1787 erschien in Leipzig ein Werk des Hannoverschen Kadinetsrathes E. Brandes „lleber die Weiber", der über die Frauen seiner Zeit wie folgt urtheilt: „Die Neigung zum Putze und die Begierde, durch Aufwand zu glänzen, stehen gegenwärtig in gar wenigem Zusammenhänge mit der Gefallsucht der Damen. Es geschieht mehr, um andere Frauen auszustechen, als um uns Männern zu gefallen . . Alle Ansprüche auf Rang und Stand, auf unnützen Aufwand, die den Männern so manche Qual, so manche trübe Stunde verursachen, ihre Ausgaben über ihre Einkünfte steigen lassen, entspinnen sich dort (d. h. in den Kaffeegesellschaft-!!). Die hat ein neues Kleid, eine neue 5) Joh. Janssen. Gesch. des deutsch. Volkes, Freiburg i. $8. 1879. II. S. 411. Zimmereinrichtung, und nun strengt die Andere allen ihren Einfluß an, um ebenso etwas zu haben Für Möbel haben die Damen über- Haupt eine Zärtlich.eit, die an Abgötterei grenzt. Durch sie sind, glaube ich, die Schooßhunde verdrängt worden. Es ist unbegreiflich, wie sehr die Frauen zu Zeiten ihre Bequemlichkeit, ihre Ruhe, diesen Werkzeugen der Bequemlichkeit ausopsern und allen wahren Genuß deswegen hintansetzen." Somit ist der „orientalisch-jüdische" Ursprung des Luxus und Wohlleben wieder eine Erfindung der „Kreuzzeitungs"- weisheit. _ Briefkasten. I. W. Postlagernd Wien VIl/3. Das gewünschte Inserat kostet per Einschaltung fl. 1.50. Herrn I. E—bst—ti, Wien. Da Herr Dr. Bloch verreist ist, können wir Ihre Zuschrift erst nach der Rückkehr desselben beantworten. „Zeitungsleser". V e r g a n i schreibt in seinem Schmierblatte, daß Gras B a d e n i im Gegensätze zu denr Grasen T a a f s e, der fließend und temperamentvoll sprach, ein hartes und eckiges Deutsch preche. Immerhin spricht Graf Badens mit beit Antisemiten deutsch, und an seinen Härten und Ecken werden sich die Herren noch recht unangenehm die Köpfe anrennen. K. W. Der Abgeordnete Pater Weber, welcher den Vergleich Lueger's mit dem Stifter der christlichen Religion bis in die geschmacklosesten Details durchführte, kommt im „Vaterland" sehrübel weg. Es heißt dort: „Abgeordneter W e b e r hat es selbstverständlich nicht so gemeint, aber rein objectiv genommen, liegt in seiner Rede e i n e u n g l a u b l i ch e F r i v o l i t ä t. Diese Ehrenbeleidigungsangelegenheit des Dr. Lueger urit dem erschütterndsten und großartigsten Ereigirisse, das die Weltgeschichte kennt, in Parallele zu stellen, ist ein Vorgehen, das die ent. schieden st e Zurückweisung erheischt. Wohin soll das noch führen?"' Josef M—r. in Wien. Lassen wir die Herrschaften nur untereinander raufen. Ueber den Ritter Stamp glius schreibt die „Ostdeutsche Rundschau": „Zum Schlüsse noch etwas, was uns längst am Herzen liegt. Das Benehmen des Abgeordneten Schne id er ist ein derartiges, daß es entschiedene Zurückweisung und Verurt Heilung verlangt. Der schärfste parteipolitische Gegensatz rechtfertigt d e n r ü d e n, r o h e n T o n nicht, den dieser Abgeordnete im Hause anzuschlagen beliebt. Das ist mit einem Worte u n a nständi g und nützt der antisemitischen Sache nicht nur nichts, sondern schädigt dieselbe auf das Empfindlichste." Dagegen wendet sich nun Herr S ch n e i d e r in einem Eingesendet an das „Deutsche Volksblatt", in welchem er sagt, daß durch solche tadelnde Bemerkungen nur dem Judenthum genützt worden sei, weil die Judenblätter diese Bemerkungen abgedruüt haben. — Herr K. H. Wolf bleibt auch hierauf die Antwort nicht schuldig. „Wäre diese Beweisführung richtig", entgegnete er, „dann könnte man behaupten, Herr Schneider nütze dem Judenth m in ganz hervorragendem Maße, denn seine oft sehr gewagten Redewendungen werden von allen Judenblättern aufgegriffen und breitgetreten, weil eben die Judenblätter — oft nicht mit Unrecht — annehmen, damit dem Antisemitismus zu schaden. Wir sind nicht in der Lage, unser Urtheil über S ch n e i d e r's Benehmen — und von diesem wurde in erster Linie gesprochen — zu ändern, und bemerken nur noch, daß wir gerade in ganz entschieden antisemitischem Kreise des A b g e o r d n e t e n h a u s e s Z u st i m m u n g zu unserem Urtheile gesund en haben — man fand es höchstens zu milde!" W. 105. Nr. 46 ist gänzlich vergriffen. Herr S. Sp—g. Wenden Sie sich an ein Patentburean, solche Angelegenheiten liegen uns gänzlich ferne. F. C. Mährisch-Ostrau. Das sind Familien-Geschichten, in die wir uns umsoweniger einlasien können, als sie sich hinter der Maske der Anonymität verbergen. S. B. Prag. Die jüdischen Millionäre erfüllen ihre Pflichten gegenüber der Allgemeinheit noch immer besser als die christlichen. Beobachter. Das „Deutsche Volksblatt" läßt sich in seiner Nummer vom 23. November aus Budapest einen Fall berichten, wonach einem ungarischen Edelmann seine I u d e n l i e b e den Verstand geraubt hat. Das ist der Antipode L u e g e r's, dem der I u d e nh a ß den Verstand raubte. M. B. In der That, Herr Pani v. P a ch e r ist zu liebenswürdig, um das körperliche Heil der Juden besorgt. In einer Rede über die Presse erklärte er, es werde, wenn die Gleichberechtigung der Juden nicht ausgehoben werde, zu einem e l e m e n t a r e n Ausbruch des Volkswille ns kommen, und um diesem vorzubeugen, gibt er den Inden den wohlgemeinten Rath, sie mögen a n sw andern. Wir ziehen es vor, den angekündigten Ansbruch abznwarten, sind aber der unmaßgeblichen Meinung, daß die Geduld des Herrn v. P a ch e r auf eine ziemlich längliche Probe gesetzt werden wird. Wer hinter diesen Herrn steht, ist noch lange nicht das „Volk", das hat schon Dr. Krona Wetter ziffermäßig nachgewiesen. Herausgeber u. verantw. Redakteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien, VIII., Lerchenfelderstr. 46.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.