Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 49 (6.12.1895)
- Date
- 1895-12-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 49 Seite 91t Dr. Bloch's Wochenschrift Product der menschlichen Willensfreiheit, sie soll aber nach der biblischen Theorie nur eine Möglichkeit, nicht eine Wirklichkeit sein. Wenn die Sünde auf Erden auch noch so mächtig scheine, sagt ein jüdischer Religionsphilosoph, wenn sie auch die Menschen immer wieder bewege, begehrlich nach Befriedigung der Lust statt keusch, besonnen und heilig zu sein, wenn ihr Gift auch ansteckend sei wie eine verpestete Atmosphäre, wenn die Sünde der Einzelnen auch zum Laster der Stände und Völker anschwelle, so sei die Macht der Sünde doch nur Schein und vermöge gegen die Macht des Gottesglaubens und der Gottähnlichkeit im Menschen auf die Dauer nichts. Die Letztere müsse endlich bei der Gesammtmenschheit zum Durchbruche, zum Siege gelangen. Die Zeit dieser ersehnten wahren Freiheit der Menschen durch den Sieg ihrer Gottähnlichkeit über die Sünde ist die messianische, die Merkmale derselben: allgemeine Anerkennung des Israel zuerst geoffenbarten religiösen Sittengesetzes, allgemeiner Friede und Anerkennung der Israeliten als der Träger dieser Menschenleuchten durch die Jahrtausende der sittlichen Nacht. Nicht erst die Propheten verkünden diese Zeit, sondern der Geist der ganzen Bibel athmet diese Wahrheit, und wenn auch die Messiaszeit ebensowenig wie die Unsterblichkeit der Seele eine concrete Schilderung nach Wesen und Zeit in den Rahmen der Bibel verträgt, so leuchtet sie doch aus jedem Verse des Gotteswortes, wofür der Vortragende zahlreiche Beispiele von Noah bis zum jüngsten Propheten anführte. Zur messianische» Zeit wird aber durch die in Gott sich erfüllende Einigkeit Aller auch die Anerkennung Israels sich vollziehen, man wird die Dulder der Jahrtausende, die Heilsverkünder in Ketten, die Lichtpropheten der langen Nacht als Märtyrer anerkennen und verehren. Rauschender Beifall belohnte den Vortragenden. Czernowitz. (Die akademische Verbindung „Hasmonaea") hielt am Samstag Abend im festlich decorirten Saale des „Hotel Russie" die Eröffnungsfeier ihres IX. Semesters ab. Der derzeitige Präses der „Hasmonaea" stnä. jur. Schifter begrüßte die erschienenen Festgäste, insbesondere die Vertreter der alma mater, Se. Magnificenz Prof. Dr. Eusebius Popowicz, das Ehrenmitglied der Verbindung Prof. Dr. H i l b e r g und den Oberrabbiner Dr. Josef Rosenfeld. Nach Absingung des Farbenliedes ergriff der Präses der Verbindung Herr Schifter das Wort zur Festrede, deren geistvoller Inhalt die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf das Lebhafteste fesselte. Ausgehend von der moralischen Verfassung der modernen jüdischen Jugend, die in trauriger Selbstvergessenheit alle Bande zerreißen möchte, die sie an das Judenthum knüpft, besprach Redner das Verhältniß zwischen Nationalismus, W el t b ü r g e r i h u m und Socialismus. Hierauf schildete der Redner den tiefen Verfall alles Desjenigen, was das jüdische Volk in guten und in bösen Tagen ausgezeichnet, nämlich das mächtige Solidaritätsqefühl, das das Wunderwerk einer Jahrtausende langen Existenz zu Stands gebracht und dem durch Unglück und Leid aller Art gebeugten Stamme ein Rückgrat gegeben. Mit der verderblichen Selbstschmähung, mit der entehrenden Selbstverleugnung und der erbärmlichen Assimilationssucht habe das Judenthum jenen Halt verloren, den nur ein nationales G e s a m m t b ew u ß t s e i n geben kann. Das Judenthum zu kräftigen, aus dem drohenden Verfall herauszuziehen sei nur die nationale Idee berufen. Nachdem Redner auf das Massenelend der Juden in Galizien und Rußland hingewiesen, besprach er die sociale Seite des jüdisch-nationalen Programmes und schloß mit den bedeutsamen Worten Laffalle's: „Di e Geschichte hat Verzeihung für alle Ir rthümer, für alle Ueberzeugungen. sie hat keine für Ueberzeugungslosigkeit." Die wirkkungsvoll vorgetragene Rede machte einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer, die durch lebhaften Beifall ihrer Zustimmung Ausdruck gaben. Der Bicepräses der Verbindung stnä. jur. K 0 m m e r feierte in einer geistvoll durchgeführten Rede die alma mater Francisco-Josephina. Se. Magnificenz Prof. Dr. Eusebius Popowicz dankte für die der alma mater dargebrachte Huldigung, würdigte als gründlicher Kenner jüdischer Wissenschäften die hohe Bedeutung des Judenthums und hob es rühmend hervor, daß sich in der „Hasmonaea" Jünglinge gefunden, die in strammer Pflege der Geschichte des jüdischen Volkes seine nationale Fahne Hochhalten. Mit einem Toaste auf das Wachsen, Blühen und Gedeihen der „Hasmonaea" schloß der Rector seine mit stürmischen Prositrufen aufgenommene Rede. — Oberrabbiner Dr. R 0 s e nf e l d sprach den Tendenzen der „Hasmonaea" volle Anerkennung zu und versicherte die Mitglieder dieser Verbindung seiner Hochachtung und steten Sympathie. — Noch manches Wort wurde gesprochen, noch manches ernste und heitere Lied wurde gesungen, bis spät nach Mitternacht der officielle Theil des Abends geschlossen wurde. Nagy-Karoly. Ein Heros auf dem Gebiete des talmudischen Wissens ist vor nicht langer Zeit in Nagy-Karoly von dem Schauplatze des Lebens abberufen worden. Der weithin berühmte Rabbiner Mayer P e r l s, die Zierde des ungarischen Judenthums und der berechtigte Stolz seiner Gemeinde, hat seine irdische Laufbahn beschlossen, betrauert von der ungarischen Judenheit und von seiner verwaisten Gemeinde. Nun trat an diese Gemeinde eine schier unmöglich zu lösende Aufgabe heran. Sie sollte dem großen Mann einen Nachfolger geben. Man hat in und außerhalb der Gemeinde mit Recht die Frage gestellt:,Wer hat die Berechtigung und die Eignung, der Nachfolger des Talmudfürsten zu sein? Die Gemeinde zu Nagy Karoly bat also, indem sie den durch das Ableben ihres nunmehr in Gott ruhenden Rabbiners vacant gewordenen Rabbinerposten durch den Rabbiner zu Hatvan, Herrn Franz Fürth, der nebst entsprechendem talmudischen Wissen auch moderne Bildung und oratorische Begabung besitzt, besetzte durch diese ihre getroffene Wahl weder ihren gewesenen Rabbiner unterschätzt, noch den neugewählten Rabbiner überschätzt. Indem die Ausgabe und Mission des modernen Rabbiners nicht so sehr in der Unterweisung und Leitung der Erwachsenen als in der religiösen Leitung und der jüdisch-wissenschaftlichen Heranbildung der in und außerhalb der Schule stehenden Jugend und der Zukunftsgemeinde besteht, und indem ferner Herr Rabbiner Fürth vermöge seiner modernen Bildung und streng jüdisch-religiösen Richtung der Gemeinde Nagy- Karoly die Garantie bietet, daß er der durch längere Krankheitsdauer und das hohe Greisenalter des verblichenen Rabbiners in den jüdischen Disciplinen arg vernachlässigten Jugend ein treuer Hirt sein und diese mit Eifer und Hingebung auf den G"fi'den der Religiosität und der jüdischen Literatur leiten und dadurch zur Förderung des jüdischen Geistes in der Gemeinde wesentlich beitragen wird, so kann dessen Wahl zum Oberrabbiner der Gemeinde Nagy-Karoly eine eben so glückliche genannt werden, als seinerzeit dies bei dem nunmehr in den Gefilden Edens ruhenden Rabbiners M. P e r l s der Fall war. Brüx. Unsere Gemeinde erleidet bmdi den Abgang eines seiner verdienstvollsten und g-'achteisren Mitglieder einen schweren Verlust. Herr Abraham H i r s ch verlaßt unsere Stabt, in der er als Kaufmann 40 Jahre gewirkt, und sich sowohl in seinem geschäftlichen Gebühren, als auch in jeder anderen Beziehung die Achtung, sowohl der christlichen als auch jüdischen Bevölkerung erwarb. Die Gründung der hiesigen Cnltusgemeinde ist sein Werk, und es ist geradezu staunenswerth, wie dieser Alaun es verstand, ohne jede Mittel und ohne nach beliebten Mustern die Wohlthätigkeit auswärtiger Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen, den Bau des Tempels zu bewerkstelligen. Heute ist unsere Gemeinde eine der angesehensten in Böhmen und wurde es, weil deren Begründer und erster langjähriger Vorsteher Herr A. H i r s ch von Beginn an Werth daraus legte. Frieden in der Gemeinde zu erhalten. Beim letzten Samstag-Gottesdienste nahm Seine Ehrwürden .Herr Dr. B i a ch die Gelegenheit wahr, um namens der Gemeinde Herrn H i r s ch zn danken und den Segen des Himmels auf ihn für seine fernere Lebensdauer herab,zuslehen. Es blieb kein Auge trocken, als Herr Dr. B i a ch das Jeworechccho anssprach. Nack dem Gottesdienste veringte sich der Gesammtausschuß in die Wohnung des Herrn H i r s cf), um von diesem Abschied zu nehmen. Herr H i r s ch dankte tiefgerührt und bemerkte, daß ihm in der Scheidestunde der Abschied sehr schwer werde, daß er jedoch die Leitung der Gemeinde in guten Händen wisse und immer mit Stolz ans seine Gemeinde znrnckblicken werde. Möge der wackere Alaun noch recht lange Jahre sich in voller Ni'lstigkeit des Glückes seiner Kinder freuen. Der Ausfall der Landtagswahlen zu Gunsten des liberalen Cand'daten hat deutschnationale' antisemitische Helden veranlaßt, im israelitischen Tempel die Fenster einzuschlagen. Skale. Der jüdisch-literarische Verein „Dorschei Mada", der hier voc einigen Monaten gegründet wurde, gedeiht trotz mannigfacher Anfeindung und nimmt die Zahl der Mitglieder stetig zu. Zur Hebung des Wissens unter der hiesigen wißbe-