Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 49 (6.12.1895)
- Date
- 1895-12-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 910 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 49 Correspondenmi. Wie«. (Zur Makkabäerfeier.) Wir leben in einer merkwürdigen Zeit. Auf der einen Seite klagen unsere Feinde über die Verjudung des öffentlichen Lebens und des Schriitthums, über die Herrschaft der „asiatischen Eindringlinge", auf der anderen Seite muß sich jeder echte Jude sagen, niemals habe in der tausendjährigen Geschichte der Hebräer ein solcher Verfall des wahren jüdischen Geistes bestanden wie jetzt. Die Zeiten, wo die Heldensöhne Judas mit Löwenmuth gegen die Riesin Roma kämpften, um den Untergang des jüdischen Staates abzuwehren, sind vorüber; die Jahrhunderte, wo die Juden mit Freuden den Märtyrertod für den Glauben ihrer Väter starben, sind dahin. Der „moderne Jude" hat jede Erinnerung an die große Vergangenheit seines Volkes, jedes Gemeingefühl mit seinen übrigen Glaubens- und Stammesgenoffen verloren. In der Zeit des Liberalismus und der allgemeinen Freiheit hätte die Judenbeit beweisen können, ob sie wirklich in sich die Kraft hat, sich gegenüber zersetzenden Einflüssen moderner Bestrebungen in Jahrtausenden trotzender Würde zu erhalten. Und was sieht man täglich? Man beschimpft den Juden, und er wehrt sich nicht, man reizt ihn, und er reagirt nicht, man stachelt seinen nationalen Stolz an, aber sein Selbstbewußtsein bäumt sich nicht auf. Sind das nicht Zeichen einer immer tiefer greifenden Degeneration? Nur Eines läßt den Juden, der den Glauben an den guten Genius des Volkes Israel sich noch bewahrt hat, nicht verzweifeln: der Geist, der in der Jugend erwacht ist Die Jugend will nicht mehr auf den Bahnen des schnöden Geldgewinnes und des gedankenlosen Materialismus, dem die Juden infolge des Zwanges der socialen Berhältniffe vielfach huldig-m. wandeln. Sie will nicht mebr den vergeblichen Versuch machen, sich in würdeloser Weise Nationen aufzudränaen. mit denen s'e eben zusammenlebt. Sie ist sich besten bewußt, daß auch das jüdische Volk eine große Vergangenheit bat. Während die Alten darüber noch discutiren. ob durch Lueger's Bestätigung oder Nichtbestätigung an den bestehenden Verhältnissen etwas geändert werde, hebt sich mit kühnem Schwünge der Geist der kommenden Generation über diese kleinlichen Fragen empor, hält Rückschau über die Großtbaten der Vorfahren und will anläßlich des herannohenden Ehanukasestes seiner glühenden Bewunderung für die Heroen des Judenthums, die Makkabäer, Ausdruck geben. Bon diesem Geiste getragen, hat sich die Verbindung „Unitas" entschlossen, morgen Samstagden?. December im Ballsaale Ronacher eine Feier zum Andenken an die Makkabäerkämpfe zu veranstalten. Der Eifer, mit dem dieser junge Verein seine Aufgabe erfaßt, echten jüdischen Geist zu pflegen, verdient die vollste Anerkennung! Mögen vor Allem die bürgerlichen Kreise, deren Stolz sie bisher bewahrt hat. vor dem Antisemitismus in der Taufe Rettung zu suchen, so zahlreich als möglich zu erscheinen! Wien. (Der Gewährsmann des Abgeordneten Geßmann.) In verschiedenen Versammlungen christlich-socialer Arbeiter trat der Postillon Josef Freitag als Redner auf und erhob hiebei eine Reihe von schweren Anschuldigungen gegen das Poststallamt. Freitag, welcher sein „Materiale" auch dem Abgeordneten Doctor Geßmann zum Gebrauche zur Verfügung stellte, wurde am 25. Juli l. I. von derPostdirection einvernommen und aab zu Protokoll, der Postexpeditor des Poststallamtes Herr Alois Hühnerbein habe sich bezüglich der Anmeldung und Zahlung für die Krankendersicherung der Postillone ^ein schleuderhaftes und korruptes Gebühren" zu Schulden kommen lasten, er, Freitag, sei daher von den Postillonen beauftragt worden, dem Expeditor Hühnerbein öffentlich das Mißtrauen auszudrücken. Weiters muffe er angeben, daß jedesmal, wenn der Erbpostmeister Herr Moritz Ritter v. Uhl auf Urlaub gehe, eine Mißwirtbschast platzgreife, indem der Hafer dann schlechter sei, so daß die Pferde denselben gar nickt fresten könnten. Die Postdirection leitete hierüber Erhebungen ein, deren Resultat ein vollständig negatives war, trat die Acten aber trotzdem dem Landesgerichte zur eingehenden Unterfnchnng ab. Dagegen erhob Herr Hühnerbein durch Dr. Pupovac gegen Freitag die Anklage wegen Verdächtigung. Wie bcberichtet, hielt Freitag bei der seinerzeit vertagten Verhandlung seine Angaben^vollinhaltlich aufrecht und bot den Wahrheitsbeweis an. Auch gab er an, sich als Anhänger der christlichsocialen Partei deren Bewegung angefchloffen zu haben, um das Los seiner Eollegen zu verbessern. Die gleichen Anschuldigungen wurden über Veranlassung des Angeklagten in Versammlungen, Journalen und bekanntlich im Parlamente vorgebracht, da die als Zeugen vernommenen Erbpostmeister R. v. Uhl und Postcommistär Blaschdie Anschuldigungen Freitag's als unwahr bezeichneten, da Hühnerbein mit der Caste gar nicht in Berührung komme, daher nicht in der Lage sei, Krankencaffebeiträge zu unterschlagen, erklärte der Angeklagte, durch Postillone das Gegentheil zu erweisen. Weiters erklärten diebeiden Zeugen, bei einer Lieferung von schlechterem Heu müßten alle Oberpostillone und auch der Thierarzt bestochen sein, was den Angeklagten zur Behauptung veranlaßte, die Bezeichneten seien auch wirklich bestochen. Laut Auskunft des Bezirksgerichtes Landstraße ist daselbst gegen Freitag keinerlei Strafsache anhängig. Weiters wird constatirt, daß die beim Landesgerichte geführte Untersuchung gleichfalls Mangels jeden Thatbestandes eingestellt wurde. Der betreffende, vom Richter Adjuncten Dr. Kurzweil verlesene Eknstellungsbeschluß der Staatsanwaltschaft lautet: „Bezüglich der Krankencastengelder liegt nur ein Jrrthum vor, welcher mit Rücksicht auf die Menge der Bediensteten leicht begreiflich erscheint. Eine Schadensabsicht kann darum nicht angenommen werden, weil Alois Hühnerbein nur die Liste zu verfassen hat, mit dem Gelde selbst in gar keine Berührung kommt und sohin jedes Motiv, den einen oder den anderen Bediensteten absichtlich nicht einzutragen, fehlt." „Bezüglich einer unlauteren Manipulation bei der Futterbesorgung haben sich nicht einmal Anhaltspunkte ergeben, daß das Futter zur Zeit des Urlaubes des Erbpostmeisters Ritter v. Uh^ wirklich schlechter gewesen war, als sonst. Es ist aber auch kein Berdachtsgrund vorhanden, daß irgend ein Einverständniß zwischen dem Postexpeditor Hühnerbein und den Lieferanten bestehe und kann ein solches mit Rücksicht auf den Vertragsabschluß nicht als wahrscheinlich angenommen werden." Nichtsdestoweniger hält der Gewährsmann des Abgeordneten Dr. Geßmann an seinen Verdächtigungen nach allen Richtungen hin fest, und sein Vertheidiger Doctor R a b enlech n e r, machte acht Personen als Zeugen des Wahrheitsbeweises namhaft, deren Vorladung auch veranlaßt wurde. Der Richter beschloß jedoch von Vornehmung der Zeugen Umgang zu nehmen, nachdem Herr Hübnerbein über das Verhältniß derselben zur Krankencasse der Postillone Aufklärungen un'er Vorweisung amtlicher Acten gab. Der Richter bemerkte hiebei zu Freitag: ,,Jm Behaupten sind Sie sehr leichfertig! Beim Beweisen nehmen Sie's nicht so genau! Es wird Ihnen Schlag auf Schlag nach- 1 gewiesen, daß Alles, was Sie angaben, nicht wahr ist!" Wie constatirt wird, hat die Postdirection nur deshalb um gerichtliche Untersuchung angesucht, weil Dr. Geßmann die Angelegenheit seinerzeit zum Gegenstände einer Interpellation im Abgeordnetenhause gemacht hat. Die Verhandlung endete mit der Verurtheilung des Angeklagten zu einer Woche Arrestes. Prag. (Vortrag.) Bor einem zahlreichen und distinguirten Auditorium hielt Donnerstag Abends Herr Dr. Alex. Kisch iw Afike Jehuda-Verein den «''gekündigten Bortrag über die Messiasidee im Judenthume. Der Redner erwähnte zunächst, ein Druckfehler in der Ankündigung seines Vortrages, welcher als Gegenstand desselben die Messiasideen im Judenthume angab, mache ihm die Umschreibung seines Themas leicht, denn gerade über die Messias id e en, das heißt über die Verschiedenheit der Vorstellungen und Dar- , stellungeu des messianischen Gedankens, die ganze Bibliotheken und die halbe Weltgeschichte anfüllen, wolle er eben nicht sprechen. Der Gegenstand seiner Darstellung werde nur der dem Judenthum entsprossene oder vielmehr jener Messiasgedanke sein, der dasselbe seit' seinen Uranfängen getragen und durchdrungen habe, ja der Grundgedanke des Schöpfungsplanes im biblischen Lichte sei. Es sei kein leeres Wort, daß der Talmud unter den sieben Dingen, die vor der Welt geschaffen worden seien, die Messiasidee renne. Die biblische Schöpfung findet ihr Ziel und ihre Krönung in der Schaffung des Menschen, der als Ebenbild Gottes sündenlos, aber doch frei sein soll. Die Sünde tritt in die menschlichen Kreise als