Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 49 (6.12.1895)
- Date
- 1895-12-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seiie 906 Dr. BLoch's Wochenschrift. Nr. 49 Freund der stadirenden Jagend bekannt, wußte sich stets in innigen Verkehr mit seinen Hörern zu fetzen, und deshalb sind die Worte, die er gestern bei einem Cammers des st identischen Lese- und Redeveceinss „Germania" sprach, nicht als die Polemik eines Parteimannes, sondern als wohlgemeinter Rath eines väterlichen FreundesderSmdenten anzusehen. Fm Sophiensaale, wo der Cammers stattfand, hatten sich trotz der Ungunst des Wetters zahlreiche Studenten fast aller deutschen akademischen Verbindungen von Wien, zum Theile in Begleitung ihrer Angehörigen, eingefunden. An der Ehrentafel der Pcofesioren hatte neben eingen Pcivatdocenten Rector Kick als der einzige Professor, welcher der Einladung der Studenten gefolgt war, Platz genommen In der Festrede, welche ein Student hielt, wies derselbe auf die Lücken am Professoren tische hin und behauptete in ziemlich unverblümter Weise, daß es die „Liebedienerei der Professoren nach Oben" lei, welche die akademischen Lehrer abhalte, der Einladung in einen Saal zu folgen, welcher aus der Schörerer-Periode her eine gewisse Bedeutung für die deutsche Studentenschaft habe. Rector Kick blieb die Antwort nicht schuldig. Ec verwies auf das ideale geistige Band, welches Studenten und Professoren einigen solle: Dies sei das gemeinsame Streben nach Erkenntn ß und Bildung. Auch er beklage die Abwesenheit der Professoren von einem studentischen Feste. Diese Abwesenheit drücke aber nur das Bedauern darüber aus, daß jene einträchtigen Verhältnisse, welche seinerzeit in der deutschen Studentenschaft Wiens bestanden, zwiespältigen Strömungen gewichen sind, „die Solche ausschließen, welch: gleich uns durch Jahrhunderte im Lande wohnen, welche deutsch denken und mit uns empfinden". Dies sei keinesvegs „Liebedienerei" und der Grund für das Fehlen der Professoren, die es vermeiden wollen, durch ihr Ecscheinen die gerügte Strömung in der Studentenschaft gleichsam zu billigen. Zum Schluffe seiner Ausführungen, die auf die erhitzten Köpfe der Studenten sehr abkühlend wirkten, sagte der Rector: „EZ lag mir daran, die Studentenschaft über meine Auffassung nicht im Zweifel zu lassen, damit ich nicht zu Versammlungen geladen werde, die meinen Wünschen und D enken widersprechen. Mögen in zehn Jahren wieder dieselben Zustände herrschen wie vor zehn Jahren!" Hierauf entfernte sich Rector Kick. vr. jur. Schalk („Liberias") —wir folgen von hier ab den Berichten deutschnatioaler Blätter — antwortete unter dem Beifalle der Studenten mit den Worten: „Mögen die abwesenden Professoren mit den Juden gehen, wir Studenten gehen mit unserm Volke." Hierauf sprach Reichscaths-Abgeordneter Professor Hofmann v. Wellenhos auf die Einigkeit der deutschnationalen akademischen Jugend. Antisemitische Studenten beantworteten lagsdarauf die Ausführungen des Rectors mit einer Demonstration im Hörsaale des Professors Kick. Dieser las wie gewöhnlich von 12 bis 1 Uhr Mittags für Hörer der Maschinenkunde des vierten Jahrganges über mechanische Technologie. Es fanden sich mehr Studenten als sonst zu dieser Vorlesung ein und der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. In der Versammlung befanden sich auch fremde Elemente, darunter auch einige llniversitätshörer, was Professor Kick, der seine Hörer kennt, sofort bemerkte. Kaum daß der Rector den Saal betreten hatte, erhob sich ein furchtbarer Lärm, und die Rufe: „Uerest Kick! Nieder mit Kick! Abzug Kick!" wurden laut. Auch einzelne Pfiffe wurden hörbar, so daß die von anderen Studenten uusgebrachten Prosit-Rufe in dem Lärm nahezu verloren gingen. Mitten in diesem Trubel nahm Professor Kick ruhig an seinem Borlesepulte Platz und fixirte unverwandten Blickes die schreiende Studentenschaar. Nach einigen Minuten verließen dann die Demonstranten, durch die ernste Haltung des Rectors eingeschüchtert, den Saal und nur die Hörer Professor Kick's blieben zurück. Die Demonstranten versammelten sich dann im Hofe des Gebäudes an und setzten dort ihr lärmendes Treiben fort, bis es schließlich dem gütigen Zureden mehrerer Professoren gelang, die jungen Leute zum Verlassen des Hauses zu bewegen. Nachmittags um 4 Uhr hielt Professor Kick eine Vorlesung für die Hörer des zweiten Jahrganges. Als er in Begleitung seines Assistenten den Saal betrat, in welchem sich wieder zahlreiche Studenten, jedoch zumeist Hörer des Rectors und Liberale, anzesammelt hatten, erschollen donnernde Prosit- Rufe. Die deutschnational-antisemitischen Studenten halten sich in einen Winkel zurückgezogen und suchten durch die fortwährenden Rufe: „Ruhe! Pst!" eine Störung hervorzurufen. Dies gelang ihnen aber nicht, und Professor Kick, der sehr erregt schien, begann sodann seine Vorlesung, ohne daß ein weiterer Zwischenfall eingetreten wäre. Die Schneidergehilfen gegen die Christlich-Socialen. Ja der V-ilkshalle des Nlthhauses fand am 2. d. M. unter dem Vorsitze des Gehilfen-Obmannes S m i t k a eine von mehr als truseid Schneidergehilfen besuchte Versammlung statt. Der Vorsitzende kritisirte das Vorgehen der Meister gegenüber den Lehrlingen auf das Schärfste. Schävlich für die Gehilfenschaft sei das Stückmrist-er-, Sitzgesellenwesen und die Wochenschueioerei, gegen welche die Gehilfenschaft seitens der gesetzgebenden Körperschaften Abhilfe verlange. Prinz Liechtenstein anerkenne zwar die Schädlichkeit der Hausindustrie, allein die Arbeiterschaft müsse an dessen ehrlichen Absichten zweifeln, da ein großer Theil der Wähler in Hernals, die einen „Fürsten" zu ihrem Vertreter gewählt haben, Stückmeister und Wochenschneider seien. Auf dem Franz-Josephbahnhofe sei ein förmlicher Sclavenmarkt für ankommende Lehrlinge erricbtet, woselbst für jeden Lehrling 50 kr bezahlt würden. Auch sei eine Anzahl von Gehilfen von einem Meister des XVIII. Bezirkes um je 2 fl. an einen Meister in Bielitz verkauft worden. (Rufe: So ist es!) Die gegenwärtige Genossenschrfts-Borstehnng, die im christlich-socialen Fahrwasser segle, finde es mit ihrer christlichen Nächstenliebe vereinbarlich, daß schwarze Listen an gefertigt werden, welche die Namen jener Gehilfen tragen, die ihr Recht beinr Sch tedsge richte a nrufe n. W e wäre es, wenn die G Hilfenschaft schwarze Listen jener Muster machen würde, die schlechte Löhne zahlen rc.? Gehilfe Urban polemisicte gleichfalls gegen die christlich-socialen Meister. Aus dem Bittwege zur christlich-socialera Partei werde weder das Kleingewerbe iroch die Arbeiterschaft etwas erreichen. (Lbhafter Beifall.) Der christlich-sociale Gehilfe H o l o u b e k begrüßt die Action des Gehilfenausschusses und bemerkt, Dr. Lueger habe selbst gesagt, es werde lange dauern, bis dieselbe aas die Tagesordnung des Abgeordnetenhauses kommen werde. (Rufe: Aha!) Z int Schlüsse wurde eine R lolutio i einstimmig angenommen, in welcher unter Anderm die Abschaffung des Befähignngs-Nrchveises. Einführung eines Reichs-Versicherungsamtes, einer Arbeitsböcse. obligatorische Einführung von Einigungsämtern, von Staatslehrwerkstätten, Einschränkung der Lehrlingszüchtung und Ausdehnung der U lfalloersichernng ans das Kleingewerbe verlangt wird. Die Lüge» BerganUs. Bas „Deutsche Bolksblatt" ist gezwungen, in seiner Nummer vom 2. December folgende Berichtigung abzudrucken: „An die Redaction des „Deutschen Volksblatt", Wien. Im Sinne des Pceßgesetzes ersuche ich Sie, die in der Nummer 2477 vom 25. November d. I. enthaltenen, meine Person betreffenden Behauptungen im Folgenden zu berichtigen: Es ist unwahr, daß ich Börsengeschäfte betreibe, und es ist unwahr, daß ich Börsengeschäfte durch einen Makler Namens B. B l u m betreiben lasse, da ich einen Makler dieses Namens gar nicht kenne und mich an Börsengeschäften oder anderen Speculationen niemals — weder mittelbar noch unmittelbar — betheiligt habe. Es ist ferner unwahr, wie in Ihrem Blatte behauptet wurde, daß ich während der letzten Börsenderouten oder wann immer, sei es 150.000, sei es 400.000 Gulden oder irgend einen Betrag, verloren hätte. Im Sinne des Preßgesetzes erwarteich, daß Sie diese meine Berichtigung an derselben Stelle ihres Blattes und mit denselben Lettern veröffentlichen werden, in welcher Weise die mich betreffenden unrichtigen Behauptungen in die O effentlichkeit gebracht wurden. Budapest, den 29 November 1895. Dr. Alexander Wekerle, uugarischer Reichstags- Abgeordneter." Hiezu bemerkt Ehren-Vergani mit heuchlerischem Augenverdrehen, daß sein Pester Berichterstatter in der fraglichen Correspondenz hinsichtlich des Dr. Wekerle lediglich wiedergegeben hat, was man sich in dortigen politischen und finanziellen Kreisen darüber erzählt. Entspreche das den Thatsachen nicht, um so besser für Herrn Dr. Wekerle. Der „Grazer Lueger". Bei den letzten Ergänzung? - wahlen des dritten Wahlkörpers in den Grazer Gemeinderath haben die antisemitischen Kandidaten gesiegt. Der Führer der dortigen Judenhetzer ist der unter dem Spitznamen „Grazer Lueger" bekannte Scandalmacher F e i cb t i n g e r. Wie nun aus der steirischen Hauptstadt gemeldet wird, hat der Landesschulrath dem Antisemitenführer Feichtinger, welcher ein Privat - Untergymnasium führt, die Concession entzogen, weil er weder die vorgeschriebenen Professoren bestellte, noch Schulberichte erstattete. Uebrigens hatte Feichtinger seit mehr als einem Jahre nicht mehr als einen Schüler im Institut und dieser war ein Jude." Gewiß ein charakteristisches Moment.