Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 49 (6.12.1895)
- Date
- 1895-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 900 Dr. Bloch's Wotlrrnfchrifi Nr. 49 besten Brief an den Clever Gerichtshof zuerst flüchtig gelefen, dessen Schlußsatz lautet: „im Angesichte des Todes und meines ewigen Richters kann ich nicht anders reden und muß bekennen, daß die Blutbeschuldigung Wahrheit ist.- Mein Vertrauen zur bessern Natur des Menschen sträubte sich gewaltig gegen die Möglichkeit, daß ein im Gottes Ebenbilde geschaffenes Wesen — gleichviel welcher Confession und Nationalität — fähig sei, „im Angesichte des Todes und seines ewigen Richters" vorsätzlich falsch zu schwören. Diese Vertrauensseligkeit hatte zur Folge, daß ich fortan Rohling nur noch des fahrlässigen Meineides verurtheilte. Während ich bis dahin ihn des vorsätzlichen Meineides beschuldigte, schien er mir nur noch einbetrogenerBetrüger. Erst nachdem ich das Schreiben nochmals und mit mehr Muße gelesen und den schlau verhüllten Sinn erkannt, konnte mir das wahrhaft Teuflische in Menschengestalt nicht länger noch verborgen bleiben. Trotz sorgfältiger Vermummung kam ich hinter die Verschlagenheit dieses katholischen Priesters und k. k. Proseflors der Theologie in ihrer ganzen Nacktheit. In der Eidesformel, mittelst welcher der katholische Priester und Heranbilder katholischer Theologen seine Beschuldigung der Juden des rituellen Mordes bekräftigen wollte, grinst uns ein sittliches Scheusal an, von welchem der Genius des Menschengeschlechtes beschämt sich abwendet. Rohling, in dem das Gewissen einen Augenblick erwacht schien, scheut den Meineid, weshalb er sich listigerweise einer reservatio mentalis in optima forma bedient. Im Angesicht des Todes und seines ewigen Richters bekennt nicht Rohling, daß der Ritualmord der Juden Wahrheit ist; auch nicht, daß der Blutschuld Thatsächliches oder Wahrheit zu Grunde liege. Er bekennt lediglich, daß die Blutbeschuldigung Wahrheit ist. Und in der That, wer Rohling's Brandschriften, den Tißa- Eßlar.r Proceß oder die Berichte über die Vorgänge auf Corsu gelesen, muß mit Rohling die Wahrheit bekennen, daß die Juden des Gebrauches von Christenblut beschuldigt sind. Schlau wußte der Canonicus und katholische Theologie-Profeflor dem Meineid aus dem Wege zu gehen, aber nicht aus ethischer Sündenscheu, sondern aus feiger Furcht vor der Strafe, mit der Gott jeden heimzusuchen droht, der seinen Namen zuw Falschen anruft. Ob aber Jemand, der unter Anrufung des „ewigen Richters" ein rechtsprechendes Richtercollegium durch Formulirung seiner Aussage geflissentlich täuscht, ihm die klare Einsicht in seine Depositionen stiehlt und so bewirken will, daß die Unschuld schuldig gesprochen wird, vor Gott dem allwissenden Weltenrichter weniger strafbar als ein Meineidiger befunden wird, das zu untersuchen, liegt nicht mir ob. Zwar wird die reservatio mentalis von der christlichen Ethik ebenso wie von der jüdischen perhorrescirt. Denn wenn Christus den Satz in die Bergpredigt ausgenommen: „Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein," so hat er blos recapituürt, was vor ihm ein Pharisäer aus der Bibel deducirt: „Dein Ja sei aufrichtig und dein Nein sei aufrichtig, d. h. du sollst nicht anders reden und im Herzen anderen Sinnes sein". Jndeß ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß Rohling von Böhmens Heiligen, zu denen er durch sein Avancement in beständiger Continuität steht, größere Nachsicht als vom alttestamentarischen Gott erwartet, der unbeschadet seines Attributs „vergebene Schuld und Missethat und Sünde" in Bezug auf den Meineid als ein Gott sich offenbart hat, „der nicht ungestraft lasten wird den, der seinen Namen zum Falschen ausspricht". Aber der Herr Unterrichtsminister darf sich sicherlich keiner Absolution getrösten, wenn er seine verheißene Schonung der religiösen Empfindungen der katholischen Bevölkerung nicht einlösen sollte. Die Katholiken sind aber in ihren religiösen Empfindungen auf's Tiefste verletzt. Ihre ganze sittliche Zukunft ist in Frage gestellt, so lange sie mit der Heranbildung ihrer Geistlichen einen Mann betraut wissen, der kein gläubiger sondern abergläubischer Katholik ist. Oder ist es nicht krasser Aberglaube, von Gottes Heiligkeit zu wähnen, sie nicht zu entweihen, wenn man durch einen wohlerwogenen Hintergedanken die öffentliche Meinung berückt? Herr v. Gautsch ist nicht blos Cultus-, sondern auch Unterrichtsminister. Als solcher kann er sich unmöglich der Pflicht entschlagen, auf die Gefühle derjenigen Katholiken, die Universitätsprofefforen sind, ebenfalls Rücksicht zu nehmen. Weiß es denn der Herr Uuterrichtsminister nicht, daß die Reputation aller vaterländischen Professoren stark engagirt ist, wenn an einer österreichischen Hochschule ein Mann docirt, dem außer den moralischen Gebrechen, die da sind: Lüge, Fälschung, Meineid und sittlicherDieb stahl, noch der Makel absoluter Unfähigkeit avhaftet? An allen wclllichcn Facultäten unseres Vaterlandes wirken wisstnschastlickc Erößci', deren Ruhnr weit über die schwarzgelben Grenzpfeiler hinausgedrungen ist. Vollends die Zierden unserer medicinischen Facultäten verbreiten ihren Strahlenglanz über den ganzen Erdball. Und doch hat die medicinische Wissenschaft nur die Bestimmung gegen die Krankheiten des Leibes anzukämpsen. Und die theologische Facultät, die für die Gesundung der Seelen Obsorge tragen soll, verdankt ihren Weltruf den Herostratenstreichen Rohling's! Wie lange noch gedenkt Se. Excellenz der Herr Unterrichteminister Freiherr v. Gautsch diesen Mann an der Universität zu dulden? Hni non vetat peeeare, quum possit, jabet. Lomnitz im December 1895. D r. Simon W o l f f s o h n. Rabbiner. Dialoge. B r ü n «. Pfarrer Deckert: „Es ist doch eigenthünllich, wie sich die Zeiten ändern. Vor zehn Jahren hat Lueger einen feierlichen Eid geleistet, daß ihn: die Gleichheit der C o n f e s s i o n e n das Höchste sei und heute gehört er gottlob zu den Unseren...." Canonicus Rohling: „Ja, gottlob! Und wissen Sie, lieber Pfarrer,. wegen des veralteten Eides sollte man gar nichts reden. Nach zehn Jahren verjährt ja auch nach dem Gesetze so Vieles...." ch * * Dr. Geßmann: „Wie man Dich behandelt, Lueger, das ist doch schon unerlaubt!" Dr. Lueger: „Ich werde es ihnen noch zeigen, was ein freier Mann vermag, dem man die — Kette vorenthält!" * * * (I n der Kneipe) Erster A n t i s e m i t (beim zehnten Glase): „Der Bad en i . . . na ... der soll sehen ... er wird nicht fertig mit uns, (taumelnd) wirst eh en fest..." Zweiter Antisemit (lallend): Ja, hast Recht, Bruder, wir stehen fest aus dem Boden des Gehetzes!" * * * Prinz Liechten st ein: „Warum so schwermüthig, lieber Lueger?" Dr. Lueger: „Durchlaucht können leicht reden! Sie brauchen nicht erst die Bestätigung für das, was Sie sind ... aber ich .. Prinz Liecht enstein: „Nur nicht verzagen! Ein Mann, dem es alleseins sein konnte, ob man die Juden h ängt oder köpft, braucht niemals selbst den Kopf hängen zu lassen...." * * Dr. Caspar Schwarz: „Nun, Herr Doctor, was glauben Sie... Vielleicht werden doch Sie, der Sie ein guter C h r i st sind und nie gegen den hohen Episkopat hetzten, statt des Dr. Lueger .... Hm .... Sie verstehen ...." Dr. I. P o r z e r: „Lieber Freund .... das wäre Alles schön... aber die Vergangenheit... Der Sinai steht zwischen mir und dem Ziele. S i e wissen ja am besten, man verzeiht uns nicht... daß wir .... Sie verstehen..." D r. Caspar Schwarz: „Die Undankbaren! Und doch sollten sie es ja längst erkennen, die gewesenen Juden sind gegenwärtig diebesten Christen!" -!- ' * -r-