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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-12-06 · 49 (6.12.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
49 (6.12.1895)
Date
1895-12-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 898 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 49 lästerung, welche das Alte Testament, diese Grundlehre des christlichen Evangeliums, seit Jahren von Seite der antisemitischen Wortführer erfährt! Man erinnere sich, wie katholische Priester, wie die D eckert, Sch eich er, Latschka, Schnabl, Battisti und Dittrich über die Bibel gesprochen haben! Man erinnere sich ferner der abgöttischen Verehrung, mit welcher Tausende zu dem Lueger - Bild im Gnadenkirchlein zu Maria-Enzersdorf wallfahrten, wie Tausende und Abertausende von christlichen Frauen sich herandrängen, um diesem selben Dr. Lueger, den man mit der Dornenkrone auf dem Haupte abbildet, den Saum des Gewandes küssen, ja wie selbst viele dieser Frauen vor dem „Märtyrer des christlichen Volkes" auf offener Straße in die Knie gesunken sind. Welchen Grad dieser weibliche Fanatismus, diese exaltirte Verehrung des „Märtyrers" bereits erreicht hat, zeigt der Bericht, den wir an anderer Stelle über den Zug Tausender von Lueger - Verehrerinnen durch die Straßen Wiens veröffentlichen. Man erinnere sich ferner der Rede des Abgeordneten Pater Weber, in welcher eine ganz merkwürdige Parallele zwischen Dr. Lueger und dem Stifter der christlichen Kirche gezogen wurde. An Symptomen der offenen Auflehnung gegen die Autorität der Bischöfe fehlt es schon seit Langem nicht. Man weiß, wie Prinz Liechtenstein für die Linzer Wanderversammlung des christlich - socialen Vereines sich den Segen des Papstes erschlichen hat, um mit demselben dem Widerstande der Bischöfe zu begegnen. Der niedere Clerus ist längst gegen den Episcopat mobilisirt. Am 2. d. M. veröffentlichte die „Reichspost" eine Erklärung von 22 Cooperatoren und Katecheten der Wiener Diöcesen gegen die vom „Vaterland" vertretenen Anschauungen. Unterzeichnet sind: Joh. W i d l, Cooperator am Rennweg. Friedrich Wilhelm P ö ß l, Cooperator in Hernals. Carl S p a t h, Cooperator in Wien, Liechtenthal. Jldephons P a s l e r, Cooperator in Heiligenstadt. Joh. Ev. Pichler, Pfarrer zu Maissau. P. Leopold Klei n, Cooperator in Gumpendorf. Philipp H o n i g s ch m i e d, Chorherr. Raimund B a s l er, Cooperator in Sievring. Ernst M ü l l e r, Katechet. Einr. H o l z h a u s e n, Katechet. Johann M e ch t l e r, Coopeperator bei St. Florian. Jos. R o ß n e r, Cooperator am Rennweg. P. Wolfgang Nedwid, Cooperator in Gumpendors. Wilhelm Fiedler, Cooperator, Brigittenau. L u k a s e d e r, Pfarrer in Altlerchenfeld. Joh. Pflüger, Cooperator in Altlerchenseld. Joh. T r e m l, Cooperator bei St. Othmar, Wien. Ferd. G u s ch e l, Cooperator, Wien, Am Hof. Carl K r a s a, Cooperator in Altlerchenseld. Heinrich L e e b, Cooperator in Schwechat. Michael Kain z, Cooperator bei heil. Elisabeth. Fr. S t a u r a c z, Kirchen - director. Gelegentlich der Hetzpredigt des Pfarrers D e ck e r t haben wir die Frage aufgeworfen, ob das fürsterzbischöfliche Consistorium angesichts des Hasses gegen die Grundlage des katholischen Glaubens, welcher sich auf der Kanzel breit macht, die Zeit noch immer nicht für gekommen erachte, den entsprechenden Schritt zu unternehmen. Die Antwort auf diese Frage ist ausgeblieben, heute aber zeichnet das „Vaterland" seinen Gläubigen das Schreckgespenst einer „neuen Reformation" an die Wand. Gegen Thron undAltar zugleich richtet sich der Sturmlauf der „Reformatoren", der Judenhaß ist in vollkommen logischer Entwicklung zum Christushasse geworden und aus der Mitte der katholischen Kirche selbst erstehen ihr die gefährlichsten Feinde. Wir wollen heute alte Wunden nicht aufreißen und dem „Vaterland" nicht einen Spiegelseiner eigenen Vergangenheit Vorhalten. Weltliche und kirchliche Gewalt haben diese Bewegung jahrelang geduldet, ja sogar vielfach gefördert in dem Wahne, daß die Bedrängung des Judenthums eine Stärkung der beiderseitigen Autorität bedeute. Nun ist man des verhängnißvolleu Jrrthums innegeworden, spät, fast schon zu spät! Die Fanatisirung des weiblichen Wien ist schier noch bedenklicher als die Corrumpirüng des männlichen Wien. Den Häuptern der katholischen Kirche brauchen wir nicht zu sagen, welche Rolle in einer religiösen Bewegung das Gefühlsleben der Frauen spielt. In einem Tagesblatte wurde der Zug, der sich Montag vom Prater zur Stefanskirche bewegte, der „Zug der Bacchantinnen" genannt! Mit Unrecht! Das war eine Frauenprocession, erfüllt von dem wilden Bekehrungseifer der Kreuzfahrer und Flagellanten! Die antisemitische Bewegung in Wien hat ihr wahres Antlitz enthüllt, sie bedroht nicht mehr das Judenthum allein, sie bedroht in noch viel höherem Maße das Christenthum! Gras Eduard Taaffe. Am vorigen Montag ist Gras Eduard Taaffe, der vierzehn Jahre lang an der Spitze der österreichischen Regierung gestanden, zu Grabe getragen worden. Wie kaum von einem Anderen, gilt von ihm das Wort Goethes: „Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte." Die zahlreichen Nekrologe, die über ihn geschrieben wurden, enthalten die widerspruchvollsten Urtheile über seine staatsmännische Wirksamkeit, alle aber lassen seinen persönlichen Eigenschaften, seiner Herzensgüte, seiner vornehmen Denkart Gerechtigkeit widerfahren. Es ist unleugbar, daß unter dem Regime des Grafen Taaffe der Antisemitismus in seiner jetzigen staats- und gesellschaftsfeindlichen Form in Oesterreich zum Durchbruche gekommen und die bedenklichsten Fortschritte gemacht hat. Ueber das Maß der Schuld aber, welche den Grafen Taaffe für die Ausbreitung dieser Bewegung trifft, sollte man nicht vorschnell absprechen. Graf Taaffe war keine gewaltthätige Natur, und auch das Emporkommen der jungczechischen Bewegung, die seine besten politischen Combinationen über den Hausen warf, beweist, daß er gegen neue Volksströmungen eine gewisse Indolenz — wenn man nicht lieber sagen will: Duldung — an den Tag legte. Auf jeden Fall wäre es ungerecht, ihn als U r h e b e r der antisemitischen Bewegung hinzustellen, die, von B i s m a r ck im Kampfe gegen L a s k e r angefacht, ihren Weg aus dem Deutschen Reiche zu uns gesunden hat. Daß er mit ihr rechnete, um die liberale Partei seinen Absichten gefügig zu machen, steht außer Frage, aber es liegen auch Beweise dafür vor, daß er den ehrlichen Willen Hatte, sie einzudämmen. Wir selbst haben auf eigene Erfahrungen in dieser Richtung hinzuweisen vermocht, und ein dem Grafen Taaffe bei dessen Lebzeitennahegestandenes Blatt, die „Montags-Revue", theilt in seiner letzten Nummer mit, daß er zweimal an die deutsch-liberale Partei mit der Aufforderung herangetreten sei, dieselbe möge gemeinsam mit ihm die Maßregeln zur Bekämpfung der Judenhetze berathen. Die Sache scheiterte an der schroff oppositionellen Haltung, welche die Liberalen damals einnahmen. Wie dem auch immer sei, persönlich ist Graf Taaffe nie ein Feind der Juden gewesen und trotz aller Bedrängnisse, welche unter seiner Amtsthätigkeit über unsere Glaubensgenossen kamen, haben wir keine Ursache, dem dahingegangenen Staatsmanne eine üble Nachrede zu halten. Ein Wort an den Unterrichts- Minister. Die edlen Wächter über das Heil des christlichen Volkes haben sich wiederum ganz entsetzt wegen der Gefahr, die ihm vom Blutrituale der Juden droht. Und wer ist der Gewährsmann des Gespenstes, das im Reichsrathe seinen Spu* trieb? Nun, wer anders als Canonicus Rohling? So scheint mir ein Wort an den llnterrichtsminister wohl an der Zeit.

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