Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 49 (6.12.1895)
- Date
- 1895-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021111--05117-3029338- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vr. 49. Dr- Bloch’s Jahrgang XL1 Centralorgan für die gesammtrn Intereffen des Iudrnthnms. «- E. Ir. Postsparltasten-Amt C l earingverlrrtz r Nr. 610.976. ReLaction und Administration: Wien >>., Antrrr BnLarlrristrastr 1a- Telepbon-Nr. 6535. - m= Wien, 6. Dezember 1895. - ■»£-» -M- *•*<''- Erscheint jeden Freitag. -—- Man abonnirt btt allen Vostanffaltrn des In- und Auslandes. 3K-- Srzugsvrris fiir Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — S JJr. Einzelexemplare 25 kr. lür’a Ausland: halbjährig & fl. 10 Ar. ganzjährig 10 „ — 20 Anzeigen: Die 4»al gespaltene PelitzeHe 12 kr. Inhalt: ßeitartitel: Die „neue Reformation". — Eduard Graf Taaffe. — Ein Wort an den Unterrichtsminister. — Dialoge. — Vom Iahrmarkt des Lebens: Fanatisirte Weiber. Das päpstliche Organ über die Wiener Antisemiten. Ein Manifest des Leibknappen Schönerer's. Antisemitische Hetze in Ischl. Jesuiten gegen Andersgläubige. Antisemitische Journalistik. Geschäfts-Antisemitismus. Judenkrawalle. Das Blutmärchen Schneidcr's. Ein Menschenopfer in Rußland. Der „Lueger"-Marsch. Wieder ein Ritualmord-Proceß. Der Landesansschuß und Vergant. Rector Kick gegen den Antisemitismus. Die Schneidergehilfen gegen die Christlich-Socialen. Die Lügen Bergansts. Der „Grazer-Lueger. — Musterstatut für die israelitischen Cultusgcmeindm in Galizien.— Corresp o ir d enzen: Wien, Prag, Czernowitz, Nagy-Karoli), Brüx, Skole, Frankfurt a. M., Lodz, Nizza, London, Sofia. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Krakau, Leipzig, Petersburg. — Feuilleton: Luxus und Wohlleben. — Briefkasten.— Inserate. Die „neue Reformation." Was wir an dieser Stelle oft und oft vorhergesagt haben, scheint nunmehr Wahrheit werden zu wollen: Die durch den L u e g e r-C u l t u s gesteigerte antisemitische Agitation beginnt eine ernste Gefahr für — die katholische Kirche zu werden. Das sagen nicht mehr wir allein, die bösen Juden, das sagt bereits in tiefstem Ernste das „Vaterland", das Organ des österreichischen Episcopats, welches in seiner Nummer vom 3. d. M. die überraschende Enthüllung macht, daß die sogenannte christlich-sociale Partei aus nichts Geringeres als ans die Gründung einer schismatischen „Deutschen Volkskirche" hinarbeitet. „In vielen Schichten der Bevölkerung", sagt das genannte Blatt, „hat die vordringliche Anempfehlung entschieden antikir ch lich er und notorisch kornblumenblauer Journale aufs Peinlichste berührt, umsomehr, als g e w i s s e Wühlereien behufs Gründung eine r „d e u t s ch e n V o l k s k i r ch e" schon lange den U n m u t h alle r gute n Katholiken i n W i e n erregt habe n." Dann heißt es weiter: „Wir Haben diese Wühlereien seit geraumer Zeit mit gebührender Aufmerksamkeit verfolgt. Heute berichtet man uns von glaubwürdiger Seite, daß ein deutsch-nationaler B e z i r k s - Au s s ch u ß jetzt die äußersten A n st r e n g u n g e n m acht, um eine „Partei zur R e f o r m i r u n g der katholischen Kirche" zu gründen. Das ist kein schlechter Spaß, sondern bitterer E r n st des Betreffenden." Um diesen „bitteren Ernst" zu illustriren, verzeichnet das „Vaterland" die Thatsache, daß die hiesige „Deutsche Zeitung", welche immer betont hat, daß sie sich christlich nur nennt, weil sie nicht jüdisch sein wolle, in ihrer Nummer vom 2. d. Nt. im Zusammenhänge mit dem Kampfe gegen die Clericalisirung das Programm des „Altkatholik" (Organ der österreichischen Altkatholiken) abdruckt, in welchem die folgende herausfordernde, für jeden Katholiken geradezu empörende Sprache geführt werde: „Wer an die ll n f e h l b a r k e i t des Pap st es nicht glaubt; wer die in der römisch-katholischen Kirche allein herrschende Hierarchie verwirft und an deren Stelle die Allen in der Gemeinde gleiches Recht zuerkennende altkirchliche Ordnung wünscht, um dadurch den C l e r i c a l i s m u s fP f a f f entzerr s ch a s t) unmöglich zu machen; wer seine Sprache liebt und deshalb nicht in lateinischer, sondern in deutscher Sprache zu Gott beten will; wer sich weder mit einem H e i l i g e n c u l t u s, noch mit Gnadenorten, Wallfahrten, Scapnlieren und Rosenkränzen befreunden kann; wer das „Geschäftliche" aus seiner Kirche entfernt und an Stelle der S 1 o l a g e b ü h r e n ein bestimmtes Einkommen (Gehalt) d:m Priester zugewiesen sehen möchte; tver es wünscht, daß der Priester auch i n d e r F a m i l i e mit gutem Beispiele seinen Angehörigen voranleuchte, sich mit seiner Gemeinde in Freud und Leid eins fühle, also eine legitime Ehe eingehen dürfe (von Christus nicht verboten, sondern' erst viel später eingeführt!), um nicht auf die P f a r r e rs k ö ch i n angewiesen zu sein; wem jede Unduldsamkeit, B e r d a m m u n g ss u ch t und Verfolgung, weil unchristlich, widerstrebt; wer den Priestern jegliche Einmischung in weltliche Angelegenheiten iParteihader, Politik) entzogen — kurz die Kirche wieder ihrer wahren religiösen Bestimmung zugesührt sehen möchte, ist a l tkath o lisch. Es gibt Millionen Katholiken, die diese altkatholischen Grundsätze im Herzen theilen, aber doch nicht Altkatholiken sind, weil sie — wie sie sagen — den Glauben nicht ändern wollen. Mit Verlaub! Als im Jahre 1870 das Dogma der Unfehlbarkeit verkündet und den Gläubigen vorgeschrieben wurde, diese bis dahin in der katholischen Kirche nicht bestandene Neuerung anzuerkennen, da protestirten viele tausende überzeugungstreue Katholiken dagegen und bildeten die sogenannte „altkatholische" Gemeinschaft. Ist das ein Abfall von der katholischen Kirche? Kann das Festhalten an den von Christus gelehrten Wahrheiten, losgelöst von allen späteren menschlichen Zuthateu, als ein Abfall überhaupt gedeutet werden? Gewiß nicht! Seien wir doch aufrichtig! Kann das ein Glaube sein wovon das eigene Herz nichts wissen will. Aufrichtig ist aber nur der, welcher seine Ueberzeugung nicht versteckt, nicht blos mit leeren Worten zur Schau trägt, sondern offen bekennt. Was nützen z ü n b e n b e Reden gegen den Ultramontan i s m u s, w e n n man sich dabei ruhig von einem Ultramon tauen trauen, begraben, ja die eigenen Kinder von demselben unterrichten läßt. Gottesdienst in der Muttersprache! Von jedem Einflüsse befreite P r i e st e r. Söhne des eigenen Volkes! Sind das nicht schon allein mit Freude zu begrüßende Reformen, nicht die Grundpfeiler einer sich selbst verwaltenden unabhängigen V o l ksk i r ch e?" Wien,so ruft das „Vaterland" erschrocken aus, soll zur Statte einer neuen R e f o r in a t i o n gemacht werden! Und fürwahr, der Nothruf des bischöflichen Blattes scheint auch noch in anderen Ereignissen begründet zu sein. Man erinnere sich der Verunglimpfung und Ver-