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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Seite 895 Nr. 4fr . r8LS>«L.^7ns»«:» rtc^aKsaK&^aaaftiif^^^'Zt^-.'VNte:.-.' Dr. Vloch's Wochrufchrtst. Feuilleton. Moische Baal Milchome?) Von Hermann L ö w i n g e r. Sonderlinge und die Spottlust erregende Individualitäten gedeihen am Besten nur in uralten Städten und jüdischen Gemeinden. Die von der Natur zumeist stiefmütterlich bedachten Menschen sind noch die Ueberreste einer vergangenen Zeitperiode die für diese armen bedauernswerthen Menschenkinder nur Spott und Neckereien hatten, während diese in unserer gegenwärtigen Zeit das Mitleid ihrer Zeitgenossen wachrufen. Bereits vor Jahren haben wir in diesen Blättern einige originelle Gestalten aus dem alten Preßburger Judenghetto den geehrten Lesern vorgeführt. Mit Gegenwärtigem gehen wir an der Zeichnung der nicht minder charakteristischen und komischen Figur Moische Baal Milchome's des Helden unserer Schilderung. -i- * * Lang war Moische Baal Milchome wie das Golus**) wie man in der Preßburger Judengaffe zu sagen pflegte. Mit seinem auf einem langen Halse fitzenden breiten Kopse mit dem vom Aurum verbrannten Gesichte, von dichten Augenbrauen beschälteteN großen Augen und seinem hervorstehenden Kinne hätte er recht gut, auf irgend einem Weingarten oder Felde hingestellt, eine Vogelscheuche abgeben können, wenn nicht eben auch die diversen Vögel mit ihm ihren Spott getrieben hätten, wie es nämlich die Kinder der Gaffe gethan, wenn seine holde Gestalt in ihrem Bereiche erschien. Denn kaum wurde Moische in der Preßburger Judengasse sichtbar, wurde er von denkleinen und großen Gaffenjungen mit den verschiedensten Spottnamen wie „Mehlsackschießer", „Moische mit der Spritz" begrüßt, welche Rufe von einem dem Schweine trefflich nachgeahmten Grunzen begleitet waren. Doch sein Hauptname, unt-r welchen er am besten bei allen Gemeindemitgliedern bekannt war, blieb Moische Baal Milchome, welcher Name noch von seiner Soldatenzeit her datirte, wenn er auch dem Kriegerstande nur einige Monate ängehörte, da man ihn schon nach kurzer Zeit als total unbrauchbar entlaffen mußte. Moische war so begriffstützig, daß die vielen Schläge und die kräftigsten Püffe seines Corporals nicht im Stande waren, ihm beim Exercitium den Unterschied zwischen rechts und links beizubringen. Wurde „rechts geschaut" eommandirt, so richtete Moische gewiß seine Glotzaugen nach links, ertönte das Commando „links geschaut", so war Moische wieder in die rechte Seite ganz vernarrt. Hieß man ihn das Gewehr präsentiren, so schulterteer dasselbe oder hielt es, als ginge es zum Sturme vor. Da Moische auch seine Uniform nicht rein hielt und an seinem Waffenrocke gewöhnlich zwei oder drei Knöpfe fehlten, so kam er aus denStrafen nicht heraus. Dunkelarrest, manchmal sogar verschärft mit Fasten, lösten sich bei ihm oft mit gewöhnlichen Kasernenarrest ab. Doch ein Stücklein, welches unser Moische vollführte, brachte die ohnehin hart auf die Probe gestellte Geduld seiner militärischen Vorgesetzten endlich zum Reißen und befreite ihn plötzlich vom Militärdienste, für welchen Moische weder Neigung noch Beruf in sich fühlte. Eines Tages, als Moische vor einem militärischen Depot Wachtposten stand und um einem menschlichen Bedürfnisse zu entsprechen, das Gewehr am Wachhäuschen anlehnend, seinen Posten verließ, wurde er plötzlich von einem höheren Officier am Posten nicht angetroffen, und in dieser unschönen Situation überrascht. Da er vor Schreck, daß er bei dieser Pflichverletzung ertappt wurde, ohne zuerst die Kleider in Ordnung gebracht zu haben, schnell das Gewehr ergreifend, dem Vorgesetzten in dieser unappetitlichen Stellung die militärische Ehrenbezeugung machte, wurde er, nachdem er zuerst einige Wochen beim Profoßen zugebracht, weil zum Dienste untauglich, aus dem Militärverbande entlaffen. Was wurde zu damaliger Zeit ein verabschiedeter jüdischer Baal Milchome, wie unser Moische einer war? Er vergrößerte die ohnehin respektable Zahl jüdischer Lastträger. So sehen wir auch eines schönen Tages Moische Baal Milchome am Platze „vor dem Wachthüttel", mit dem Wahrzeichen der Träger, nämlich mit dem Stricke und dem Tragbande um den Leib geschlungen, auf Aufträge warten. Doch da, wie schon erwähnt, Moische das Pulver nicht erfunden *) Soldat. ") Exil. und seine neuen Kameraden viel pfiffiger und anstelliger als er waren und ihm alle Aufträge vor der Nase wegschnappten, brachte er es auch der diesem Metier auf keinen grünen Zweig. Trotzdem er als Baterlandsvertheidiger sich keine Lorbeeren geholt, war er doch auf seine kurze Dienstzeit als solcher stolz. Als gewesener Soldat hielt er Viel auf's gegebene Wort und wenn er einmal für einen Dienst einen Preis gestellt, so ging er davon nicht ab. Lieber ließ Morsche die Kunde fortgehen, bevor er von dem geforderten Lohn etwas abhandeln ließ. Eine kleine Episode aus Morsche Baal Milchome's Trägerleben wurde in der Gasse viel belacht. Moische hat für einen Reisenden einen schweren Koffer vom Dampfschiffe in's Hotel befördert, ohne von Jenem früher um den hiefür beanspruchten Lohn befragt zu werden. Als nun dieser den von Morsche geforderten Lohn zu theuer fand und davon abhandeln wollte, drohte Moische den schweren Koffer zum Schiffe zuruckzutragen, welches Schildbergstücklein er auch zum Gaudrum aller Gasfensteher in Wirklichkeit vollführte. „Der Kopf soll eso leben wie ich nit weniger nehm." Mit diesen Worten nahm er den schweren Koffer auf den Rücken und trug ihn umsonst unter dem Geschimpfe des Reisenden zum Schiffe. „Der Kopf soll eso leben", diese Worte gebrauchte er, so oft er etwas betheuern wollte, während er mit dem Zeigefinger auf seinen Dickschädel deutete. Wie aber Moische zu dem Titel „Mehlsackschießer" kam, das möge folgendes ergötzliche Geschichten erklären. Außer seinem nicht besonders einträglichen Metier als Träger bekleidete er in der Judengaffe noch das Amt eines Nachtwächters, welches er feiner Eigenschaft als gewesener Soldat zu verdanken hatte. Es war in der bewegten Zeit des Jahres 1848, als nach der Plünderung des Judenviertels fich allerlei verdächtiges Gesindel in den Gaffen Preßburgs Herumtrieb, da wurden der gefährdeten Sicherheit wegen die Nachtwächter mit Gewehre versehen. Kaum daß die Uhr vom Domthurme die zehnte Stunde verkündet hatte, konnte man Moische Baa! Milchome im Vereine milden übrigen jüdischen Gewölbwächtern in Uniform und Czako, bis an die Zähne bewaffnet, ausrücken sehen. Es war in einer finsteren regnerischen Nacht; die in der Judengaffe nur spärlich angebrachten Oellaternen beleuchteten nur wenig die Gaffe. Besonders auf dem Platze „vor dem Wachthüttel" am Ende der Judengaffe herrschte dichte Finsterniß. Bor einem dort befindlichen Mehlgeschäfte waren mehrere Säcke Mehl abgelagert worden. Als unser Moische auf feinem Rundgange dort vorüberkam und in der Finsterniß etwas Weißes schimmern sah, wurden die Mehlsäcke von Moische mit „Wer da!" angerufen. Doch es kam keine Antwort und als natürlich auch nach dreimaligem Anrufen die Mehlsäcke keine Antwort ertheilen konnten, so feuerte Moische sein Gewehr auf sie ab. Durch den Schuß alarmirt, eilten seine Kameraden und auch viele Bewohner der Judengaffe herbei. Als sie nun den angeschoffenen Gegenstand näher betrachteten, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus, da sie zu ihrem Tröste sahen, daß der von Moische Baal Milchome abgefeuerte Schuß keinen Judenfeind oder Dieb, sondern nur einen harmlosen Mehlsack getroffen hatte. Seit dieser tapferen That, die wie ein Lauffeuer sich in der Judengaffe verbreitete und durch welche Moische noch mehr zur Zielscheibe des Spottes wurde, erhielt er für die Zeit ieineS Lebens den Spottnamen „Mehlsackschießer". Doch wenn Moische in seinem ganzen Leben es zunichts Ordentlichem bringen konnte, soleistete er doch in einem Fache Respectables, nämlich als zweiter Commandant von „Kohols Feuerspritze". Wenn er in dem Vereine mit dem Obercommandanten Koppel Leble, Beide mit Czakos am Kopse, das Sturmband hinter dem Kinne, bei einem ausgebrochcnen Brande vom Schloßberge, wo das Spritzendepot der jüdischen Gemeinde fich befand, wie rasend mit der von den jüdischen Trägern gezogenen Koholsspritze herunterfuhr, da tauschte er gewiß mit keinem Fürsten. Wie strahlte sein Gesicht, wenn er, von dem alten in diesem Falle ihm zustehenden Rechte Gebrauch machend, die schönsten Pferde der ihm zuerst entgegenkommenden Wagen oder Equipagen ausspannen und vor Koholsspritze spannen konnte. Seinen höchsten Stolz setzte er aber darein, wenn dieselbe als die erste am Brandplatze anlangte und wenn diese, da sie die größte und ihre Wasserstrahlen die weitreichendsten waren, vom angesammelten Volk mit dem Freudenrufe: „Die Judenspritze ist da! Jetzt ist das Feuer bald gelöscht!" begrüßt wurde und der Spritzencommandant für das erste Anlangen am Brandplatze den obligaten Preis von einen Ducaten vom Magistrate

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