Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 896 Nr. 48 Dr. Vloch's Wochrnschrifi. erhielt. Doch ohne dummen Streich ging es einmal bei unserem Morsche nicht ab. Wenn er manchesmal, was zwar selten geschah, zu spät mit der Spritze anlangie und das Feuer schon gelöscht war, da mußte trotzdem das betreffende Haus angespritzt werden und alle Drohungen des Hausbesitzers und der Inwohner konnten ihn nicht abschrecken, und unter den Bravorufen der lieben Straßenjugend verschwendete er große Waffermaffen bis die intervenirende Polizeiwache dem dummen Spiele ein Ende machte. Warum Moische Baal Milchome von den Gassenjungen bei seinem jeweiligen Erscheinen in der Judengaffe mit dem Spottnamen „Chaser"^ und dem diesem trefflich nachgeahmtes Grunzen begrüßt wurde, dies soll folgende hoch- ■ komische Episode aus Moische's thatenreichem Leben erklären. Moische's sehnlichster Wunsch, den er oft genug äußerte, war einmal die schöne vielgerühmte Haupt- und Residenzstadt Wien zu sehen. Zu damaliger Zeit war es nicht so leicht wie jetzt nach Wien zu kommen. Das Dampfroß, mittels welchem man jetzt von Preßburg aus die schön; Kaiserstadt an der Donau in 2'/» Stunden erreicht, verkehrte damals noch nicht und es mußte diese Strecke per Achse zurückgelegt werden. Da der Fahrpreis für einen zu miethenden Wagen oder Kutscher ein enormer war, so bildeten sich zwei bis dreimal in der Woche Reisegesellschaften, zumeist aus Kaufleuten, die zum Ein- oder Verkaufe nach Wien fuhren, bestehend, die sich zusammen einen Wagen mietheten. Da bei jeder kleinen Station Halt gemacht und gefüttert wurde, so dauerte eine Fahrt von Preßburg nach Wien manchesmal 1—2 Tage. Zu dieser Zeit gab es in Preßburg einen Spaßvogel Namens Lasel Schneider. Als unser Moische auch diesem gegenüber seinen sehnlichsten Wunsch, einmal Wien zu sehen, Ausdruck verlieh, da eröffnete ihm Lasel Schneider, daß er gewillt sei, ihn auf seine Kosten nach Wien mitzunehmen, doch mache er ihn darauf aufmerksam, daß jeder Fremde, der zum erstenmale nach der Kaiserstadt komme, die eiserne Kette bei der Wiener. Mauth durchbeißen müsse, bevor ihm Einlaß in dieselbe gewährt werde. Moische war durch diese Mittheilung sehr herabgestimmt, da er nicht Willens war, diese unangenehme Procedur zu vollziehen und ihm um seine guten Zähne leid war. Doch Lasel Schneider tröstete ihn, indem er Moische ein Mittel vorschlug, wodurch er das ihm so unangenehme Kettenbeißen ersparen würde. Er rieth ihm, eine Station vor Wien sich in einen Sack stecken zu lasten. Wenn der bei der Mauth postirte Finanzwächter um den Inhalt fragen sollte, so werde er ihn für ein geschlachtetes Schwein ausgeben und ihn so nach Wien hereinschmuggeln. Mit Freuden willigte Moische ein, und eines schönen Tages sehen wir ihn inmitten einer lustigen Reisegesellschaft an der Seite Lasels aus dem Wege nach Wien. Der Verabredung gemäß wurde er eine Station vor Wien von Lasel Schneider, begleitet von dem unterdrückten Lachen der Mitreisenden, in einen Sack gesteckt. In Wien angelangt, stieg Lasel zuerst aus, avisirte den dort postirten Finanzwächter von dem mit unserem Moische beabsichtigten Spaße. Der Sack in welchem Moische seinen einstweiligen Wohnsitz aufgeschlagen, wurde nun abgeladen. Doch als der von dem Jux verständigte Finanzwächter den Sack ergriff und gerade gegen die Magengegend Moische's einen heftigen Stoß führend an Lasel Schneider die Frage richtete: „Was ist da drinnen?" da ertönte zum Gaudium aller Anwesenden aus dem Sacke die grobe Stimme Moisches heraus: „E Chaser". Moische Baal Milchome hatte es sich also in seiner Klugheit nicht nehmen lasten, den Finanzwächter selbst die Auskunft zu ertheilen, daß er ein Chaser sei. Was Wunder, daß er seit diesem komischen Intermezzo bei seinem jeweiligen Erscheinen von den Spottvögeln der Judengasse mit dem Titel, den er sich selbst beigelegt, begrüßt wurde. Bon den sonstigen Erlebnissen Moische Baal Milchome's, läßt sich nicht viel mehr erzählen. Er blieb die Zeit seines Lebens unbeweibt. Doch wenn es ihm selbst versagt war, sich in den Hafen der Ehe zu begeben, so hatte er einen kleinen Ersatz an den Ehen Anderer, von welchen er den Nutzen hatte, daß er in den Häusern, wo die Hochzeitsdiners abgehalten wurden, gewöhnlich als Wächter genommen wurde, damit Ungeladene (Schnorrer rc.) nicht im Speisesaal eindringen und die Hochzeitsgäste belästigen konnten. „Der Kopf soll also leben wie mir kaner hereinkommt" konnte man ihn bei dieser Gelegenheit rufen hören, während er seinen großen Knotenstock drohend emporhob. Die so unsanft Abgewiesenen rächten sich mit den Spottrufen „Mehlsackschießer" und die anwesenden Gaffen- 3) Schwein. jungen secundirten diese Rufe mit den obligaten Grunzen des uns Juden verbotenen Thieres. Doch sollte auch unser Moische ennnal von dem Gespülte und Chikanen der böswilligen Menschen befreit werden. Eines Tages sahen wir den Siberei4 5 *) Berlin Meß Mizwohb) rufend mit der Chewrabüchse«) m den Häusern der Judengaffe die Runde machen. Auf die Frage, wer gestorben sei, antwortete er gleichgiltig: Moische Baal Milchome „Zdeko tazil mimoweth7)". Ein Schlaganfall hatte dem Leben Moische's ein jähes Ende bereitet. Tags darauf brachte der Halwajewagei?) Moische's sterbliche Hülle unter Begleitung sämmtlicher jüdischer Träger und Gewölbwächter uach den „guten Ort". Die Spotlvögel in der Gasse hatten einen großen Verlust erlitten. Durch seinen plötzlichen Tod hatte er der bösen spottsüchtigen Welt noch einen Schabernack gespielt, indem er ihr ein Hauptobject des Spottes für immer entzog. Das alte Preßburger Judenghetto hatte eine ihrer seltensten „Antiquitäten" verloren. Briefkasten. Herrn M. Holländer, Tarnow. Die Reichsrathswahl in Kolomea findet am 5. December statt. Für die freundlichen Gesinnungen, welchen sie in Ihrem Briefe Ausdruck gegeben, besten Dank! Wie Sie, so denken alle unsere Glaubensgenossen, die es mit dem Judenthume ehrlich meinen. G W. Ja wohl! Auch die in Mannheim erscheinende „Laubhütte" stellt sich auf den gleichen Standpunkt, indem sie schreibt: „Wir' sind der Ansicht, daß k e i n I u d e als Gegencandidat gegen Doctor Bloch auftreten darf. Wer es bei der mitgetheilten Sachlage doch thut, der ist nicht Candidat der Juden in Kolomea - Buczacz- S n y a 1 i n, sondern des Prinzen Liechtenstein, des Lueger, Schneider und Genossen. Ein Jude, der Dr. Bloch als Candidat entgegentritt, hat sich für ehrlos erklärt." Altstädter in Prag. Glauben Sie? Optimismus wäre da übel angebracht! Lesen Sie nur die Sonntagsnummer des „Deutschen Volksblatt" über die böhmischen Landtagswahlen, in welcher es heißt: „daß es den Antiliberalen auch in Deutschböhmen möglich ist, Erfolge zu erzielen, haben die eben vollzogenen Wahlen bewiesen; errungen werden sie aber nur werden, wenn alle a n t i l ib e r a l e n E l e m e n t e dieselbe T a k t i k b e f o l g e n, die uns in Wien zum Siege geführt hat". Das ist doch eine deutliche Aufforderung zum Tanze, und die Herren B a r e n t h e r. Jr o, Prad e und Schlicker werden derselben das nöthige Verständnlß schon emgegenbringen. Erfreuen sie sich doch der Patronanz desselben Pater Ambrosius Opitz, der ein Geschästsgcnvsse des Spitzer- Weimar und ein Intimus des Prinzen Liechtenstein ist. Kritikus. Bergani beklagt sich in seinem Parlaments-Resume, daß im Abgeordneteuhause die Tendenz besteht, Abgeordnete erster und zweiter K a t g o r i e zu schassen 'und demgemäß zu behandeln. Das wäre doch ein Sieg der antisemitischen Tendenzen, die Staatsbürger erster und zweiter Kategorie schaffen wollen. Bergani wird doch bei den Abgeordneten keine Ausnahme machen wollen? Hubertus. Ihre Charakteristik der österreichischen Parteiverhältnisse ist längst überholt. Es gibt nur noch Judenknechte auf der einen und Antisemiten aus der anderen Seite. Auch Gras Hohenwart ist bereits rettungslos dem I n d e n l i b e r a l i s m u s verfallen. Wenn Sie uns nicht glauben, lesen Sie nur die Montagsnummer des „Deutschen Volksblatt", in welcher der ausführliche Beweis erbracht wird, daß Graf Hohenwart einem „liberalisirenden Zuge" folge und schon mit dem Ministerium G i s kra-H er b st „liberale Orgien" feierte. Der Racker! Wie er sich zu verstellen gewußt hat! Wir können übrigens Herrn V er g an i noch ein sensationelles Geheimniß verrathen: Graf Hohenwart ist nicht nur im innersten Herzen ein Judenliberaler, sondern sogar ein Judenstämmling. Sein Stammbaum reicht bis zu den vorgeschichtlichen Gestalten "des Alten Testaments zurück. Dr.A. L. in B. Sie schreiben uns: Dr. Lueger sagte von sich in einer Wählerversammlung, er sei ein alter Fuchs,und citiren darauf das Dictum Kaiser Justinians: Valxes est animal, sine mente atque ratione, zu deutsch: „Der Fuchs ist ein Thier ohne Verstand und Ueberlegung". Einverstanden! E. I. In nächster Nummer. I. S. Nagy-Karoly. Für diese Nummer zu spät. Nach Gliniany. Dem Inhalte Ihrer Zuschrift ist in vorliegender Nummer mehrfach Rechnung getragen. Besten Dank für Ihre freundliche Gesinnung. 4) Leich enwächter. 5) Einen Todesfall anzeigend. 0) Sammelbüchse des heiligen Vereines. 7) Wohlthätigkeit rettet vom Tode, s) Leichenwagen. Herausgeber u. verantw. Redakteur: Dr. Josef €>. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien, VIII., Lerchenselderstr. 46.