Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 893 Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift dürfe, er wisse von nichts und dennoch durch die Beichte etwas wisse. „Ein Jahr und drei Monate Gefangniß" lautete das Urtheil. Pfarrer B. will. Revision einlegen. - Kutaum (Kaukasle n). Der „Hameliz" Nr. 236 bringt einen Bericht über eine Judenhetze welche sich unlängst in dieser Stadt in folgender Weise abspielte: Bei den hiesigen Inden herrscht der Brauch, daß am Freitag Nachts die jüdischen Frauen öffentlich in den Judengassen die Heiligkeit des Sadbaths verkünden und dessen Ankunft mit Jubel und Musik begrüßen. Äeltere Frauen greifen an die Instrumente und Mädchen erlustigen sich am Tanze. Bei einer dieser Sabbathvvalioneu tanzte unter den jüdischen Mädchen auch eine andersgläubige Frau, die für irrsinnig gehalten wurde, was zu einer Ansammlung von Buben Anlaß gab. Zwei vorübergehende grusinische Männer, die hielten sich hierüber aus, worauf sie zur Antwort bekamen, daß jene Frau keineswegs von den anderen Jüdinnen gerufen worden sei und sie würden sich noch über deren Abtreten freuen! Die beiden Grusinier schienen von der Antwort nicht befriedigt zu sein und fingen zu loben an. Auf einen Mahnruf eines Juden, den Fall ruhig vorübergehen zu lassen, stieg die Aufregung eines Grusiniers so weit, daß er den Juden mit seinem Säbel tödtliche Wunden versetzte. Hochgradig über die Thal entrüstet, ergriffen die Juden den Grusinier, um ihn mit Schlägen zu traktiren. Jedoch beide liefen davon, um nach der anderen Seite des Rionslusses. die Flucht zu ergreifen. Die Juden warfen ihnen Steine nach; einer von'ihnen stürzte in der Eile in den Fluß, wo er seinen Tod gefunden. Dieser Zwischenfall gab zu blutigen Kämpfen Anlaß. Eine Grnsinierschaar, die dies zusah, griff die Juden wutheud an, und es kamen bei beiden Parteien schwere Verletzungen vor. Der Aufregung des Pöbels, die sich auch am folgenden Tag bemerkbar machte, konnte mau erst durch polizeiliche Maßregeln Einhalt thun. Eine Frau, die Mutter des Ertrunkenen, die am dritten Tag weinend in der Stadt umherging, schürte tu.s Feuer wieder an. Diesmal wurden die Jndengassen von den Grusiniern in Aufruhr verhetzt und daselbst Tumulte und stürmische Excesse verursacht, so daß Hab und Leben der Inden der größten Gefahr ausgesetzt war. Die bedrängten Juden suchten bei dem Gubernator S ch a l i k v w Schutz, welcher auch Kosaken zur Verhinderung weiterer Excesse schickte; Letztere konnten sich aber der Menge, die den Eingang in der Judengasse, wo sich die blutigen Scenen abspielten, nicht zuließen, nicht bemächtigen. Der Zorn der Grusinier nahm nun immer bedeutendere Dimensionen an. Es erschien endlich der Gubernator in Begleitung zahlreicher Truppen. Diesmal wurde der aufgeregten Menge anheimgestellt, daß jeder Angriff aus die Juden mit dem Tode bestraft würde. Nun längst legte sich der Zorn der Grusinier, gegen welche eine strenge Untersuchung eingeleitet wurde. Die Juden durften aber einige Tage darnach auf der Straße nicht erscheinen. Ch. S. B i r n b a u m. Wien. (Personalnachricht.) Der Kaiser hat gestattet, daß der Industrielle Herr Gigmund Thal b erg in Wien den ottomanischen Osmanie-Orden avnehmen und tragen, dürfe. Wien. (Dr. Ad olf Fisch Hof-Medaille.) Wie wir vernehmen, wurde ein Theil des Erträgnisses dieser dem Andenken des verstorbenen Volksmannes gewidmeten Erinnerungsmedaille von den Spendern direct dem Grabdenkmal-Comite zugeführt. Diejenigen Beiträge, welche dem Neffen des Verstorbenen, Herrn Br. Jacques Fischer, zugekommen sind, wurden zur Errichtung einer G e d ä ch t n i ß-S t if t u n g verwendet, welche mit einem Capitale von sechshundert Gulden österreichischer Rente bereits activirt worden ist. E. B. Wien. (Dr. Sigmun d Herzber g-F r ä n k e l,) außerordentlicher Professor der allgemeinen Geschichte, wurde von Sr. Majestät dem Kaiser zum ordentlichen Professor des bezeichneten Faches an der Universität in Czerno- Witz ernannt. Wien. (B a r-m i z w a h.) Am 23. d. M. feierte der Sohn des Obercantors Herrn Sch o r r im israelitischenTempel nach polnischem Ritus seine Bar-mizwah. Den Tempelbesuchern ist der Knabe als trefflich geschulter Chorsänger bekannt. Nachmittags fand sich im Hause des Obercantors der gesammte Vorstand nebst Herrn Rabbiner I. B. K o h n ein und wurde bei der Festmahlzeit eine Reihe trefficher Reden, welche das verdienstvolle Wirken des Herrn Obercantors würdigten, gehalten. - Wien. (Gedenkfeier.) Sonntag den 8. December, 11 Uhr Vormittags, findet in den Räumen der israelitischen Kinderbewahranstalt II. Schiffamtsgasse 15, eine Gedenkfeier für die verewigte Präsidentin dieses Institutes, Freifrau Sophie von T o d e s c o, und gleichzeitig die Chanuka-Betheilung der kleinen Zöglinge statt. Wien. (Der Proceß gegen Pfarrer Decker t.) Am 21. December findet vor dem Schwurgerichte, die Verhandlung gegen Pfarrer Dr. Deckert wegen Aufreizung nach § 302 unter Vorsitz des Landesgerichts-Vicepräsidenten Hofratb Dr. Ritter v. Holzinger statt. Wien. (Gr und st e ln l eg u n g des israelitischen Tempels im X. Bezirke.) Montag den 2. December findet die feierliche Grundsteinlegung des neu zu erbauenden israelitischen Tempels im X. Bezirke statt. Der Tempel wird im maurischen Styl und mit einem Fassungsraum für circa 800 Personen von dem beftrenommirten Tempelbauer Herrn Architekten I. G a r t n e r und Herrn Baumeister P e r e g r i n Z i m m e r m a n n erbaut; beide Herren haben bereits sehr viele schöne Bauten ausgesührt, und wird der X. Bezirk, der wenig monumentale Bauten ausweist, um einen solchen bereichert werden. Wien. (Jüdisch-akademische Lesehalle.) Der für das Wintersemester 1895/96 neugewählte Ausschuß hat folgenden Aufruf an die jüdischen Hochschüler Wiens erlassen: Commilitonen! In unseren Tagen, in welchen das Judenthum durch äußere Angriffe und innere Zersetzung in seiner Existenz bedroht ist, thut es uns mehr als je noth, über unsere Lage nachzudenken und zur Klarheit über uns selbst zu erheben. Die allgemeine Ausgabe des Menschengeschlechtes, sich selbst und die Welt zu erkennen, tritt mit besonderem Ernst an die jüdische Studentenschaft heran. Nur wenn es uns gelingt, die Vergangenheit des Judenthums in ihrer ganzen Größe zu erfassen, können wir uns ruhig über die herrschenden Borurtheile der Gegenwart hinwegsetzen; nur wenn wir uns aus besten Kräften bestreben, durch Wissen und Charakter hervorzuragen, können wir sie widerlegen. Darum hat die Jüdisch-akademische Lesehalle beschlossen, die beiden Seiten ihrer Aufgabe, die jüdische und die akademische Seite derselben, mrt der ganzen Strebsamkeit und Zähigkeit, die uns von Freund und Feind nachgesagt wird, zu erfassen und festzuhalten. Bon berufenster Seite sind ihr Vorträge über die Vergangenheit des Judenthums zur Verfügung gestellt worden. Wer sich ein gerechtes Urtheil über die Geschichte, civilisatorische Bedeutung und Eigenart des Judenthnms bilden will, statt ein historisches Phänomen großartigster Natur an den Fehlern einzelner Individuen zu meffen, dem ist hier die authentische Quelle der Belehrung und in den Discussionen Gelegenheit zu wissenschaftlicher Kritik geboten. Die Jüdischakademische Lesehalle soll aber über ihren jüdischen ihren akademischen Charakter nicht vergeffen. Unter der Anleitung von Fachmännern sollen in Sectionen die wichtigeren Zweige menschlichen Wissens gepflegt werden. Auch eine reichhaltige Bibliothek wird sich aus den in Aussicht gestellten Widmungen zusammenstellen lassen, falls wir durch eine imposante Mitgliederzahl der öffentlichen Meinung, unseren Freunden und Gönnern Achtung einzuflöß n verstehen. Auch soll die körperliche Ausbildung nicht vernach. lässigt und der gesellige Verkehr gepflegt werden. Endlich will die Jüdisch-akademische Lesehalle durch Vermittlung von Lectionen und dergleichen den ärmeren Collegen den Kampf ums Dasein erleichtern. Darum trete Jeder, ob arm oder reich, in die Lesehalle ein, wo wir uns physisch kräftigen und moralisch stählen wollen, um, wenn es gilt, freudigen Muthes ins öffentliche Leben einzutreten. Möge die Jüdisch-akademische Lesehalle ein wahres Centrum der jüdischen Hochschüler Wiens werden. Der Ausschuß: Med. Adolf Schaechter, Präses; Med. Leonh. G er bel, Vicepräses; Jur. Hans H alp er n, 1. Schriftführer; Jur. Bernhard Ehren freund, II. Schriftführer; Chem. Felix Rappaport, Caffier; Jur. Friedr. Berg, I. Bibliothekar; Jur. Wolf D a v i d, II. Bibliothekar und Med. Emil H a i m, Zeitungsverweser. Wien. (W o h l t h ä t i g k e i t s v e r e i n „Frauenhort".) Zur Kinderbekleidung spendeten: Frau Betlv Thakb erg st 50, Frau Riga Thalberg fl. 10. Frau Reg'ne