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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift. ^eite 887 Meisters mar sein Ziel, auf das alle seine Thätigkeiten gerichtet waren. Und nun, so nahe am Port, verduftet Kette sammt Anhängsel. Kein Wunder, daß er darob im höchsten Grade erbittert ist und daß diese Erbitterung bis zur höchsten Stelle hinanreicht. In zweiter Linie kommen die Wähler Lueger's in Betracht: So ein Gemeinderath meint überhaupt weiß Gott wer er sei. Nun noch der Rath einer Refidenzhauptstadt! Der betrachtet seinen Willen als oberstes Gesetz, dem sich Jedermann zu beugen hat. Es war deshalb bestimmt vorherzusehen, daß auch bei der zweiten Wahl Lueger als Erbarmer ausgerufen werden wird. Und wäre es auch nur, um der Consequenzreiterei willen, der Rathsstolz — eine eigene Sorte — hätte sich wider ein Desaveu der ersten Wahl entschieden aufgebäumt. i In dritter Reihe erscheint das Publicum. Will man aufrichtig sein, so muß man eingestehen, daß die große Masse oppositionell gesinnt und gegen die Regierung eingenommen ist. Die tonangebenden Kcakehler sind fest überzeugt, daß sie alle Dinge besser wissen als die Regierenden, pnd es schmeichelt zugleich ihrer Edelkeit, gegen oben Front machen zu können. Die misera plebs hat kein selbstständiges Uctheil, was ihr vorqeplappert wird, plappert sie nach. Dico ego, tu dicis, denique dicit et ille; post tot dicta nil nisi dictavides. Die Grundtriebe, die den Fall Lueger so sehr aufgebauscht, sind demnach verletzter Ehrgeiz, gekränkter Stolz und dummdreiste Nachbeterei; die Aufgabe der Regierung kann demnach nur sein, diesen bösen Trieben mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und bei den einmal gefaßten Beschlüssen auszuharren, mag kommen was da will. Das leiseste Nachgeben und es erfolgte das Triumphgeschrei: „De Regierung hat capitulirt." Die Aufgabe aller U iparteiischen und Wohlgesinnten kann in dieser Sache keinem Zweifel unterliegen. Sie haben muthig und entschieden für Wahrheit und Recht einzustehen. Wie könnte der Monarch — so müssen sie laut und offen argumentiren — einen solchen Juden- und Magyarenfresser bestätigen, dessen Intimus der Schußgeld-Schneider ist, eine solche Heuchlergesellschaft bevorzugen, die unter dem Aushängeschild „Christenthum" das Grundwesen des Christenthums verleugnet. Nein, nie und nimmer! — Darum Dank dem Kaiser, Dank Baden!." Zur Affaire Munk-Rosenfeld. Die vier Officiere, welche an d'r Affaire Munk-Rosenfeld betheiligt waren, haben bekanntlich nach der am 3. October d. I. stattgefundenen öffentlichen Gerichtsverhandlung selbst um die Einleitung einer militärischen Untersuchung gegen sich gebeten. Wie von unterrichteter Seite gemeldet wird, ist „diese militärgerichtliche Untersuchung bezüglich der scheinbar widersprechenden Aussagen der Betheiligten nunmehr abgeschlossen und hat dieselbe jeden Borwurf behoben". Weiße Nelkenzucht. Ein im Verborgenen welkendes antisemitisches Wochenblättchen erzählt aus der denkwürdigen Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 16. November verschiedene Fragmente. Unter Anderem heißt es da: „Auch die Diplomatenloge war besetzt. Dieselbe wurde aber nicht geräumt, trotzdem besonders der deutsche Gesandte Graf Eulenburg Herrn Lueger geradezu zujubelte." Nun weiß aber jeder Zeitungsleser, daß erstens Graf Eulenburg kein Gesandter, sondern Botschafter ist, und daß zweitens der Graf am 16. November noch gar nicht in Wien war, folglich ist es auch klar, daß der ganze Jubel nur auf einer Erfindung' beruht. Nachklänge zu den letzten Wahlen. Bekanntlich wurden nach den letzten Gemeinderathswahlen beim Strafgerichte zahlreiche Untersuchungen wegen Beeinfluffung, Storung und Erpreffung von Wahlen eingeleitet, von welchen namentlich die gegen die Consectionsfirma M. und I. Mandl und die gegen mehrere Möbelhändler geführten Borerhebungen größeres Aufsehen erregten. In beiden Fällen handelte es sich darum, daß die Lieferanten und Arbeiter der Firmen durch Circulare und persönliche Einflußnahme bewogen werden sollten, im liberalen Sinne zu stimmen. Wie wir nun erfahren, wurde die Untersuchung gegen die Firma M. und I. Mandl noch vor Erhebung der Anklage gegen die Möbelhändler — d i e am 21. d. M. freigesprochen wurden — mangels jeden strafbaren Thatbe st an des eingestellt. Fürst Bismarck über geistliche Politiker. Das Mitglied des amerikanischen CongresseS Richard B a r t h o l d, ein geborener Deutscher, besuchte im September d. I. den Altreichskanzler in Friedrichsruh und wurde von demselben freundlich empfangen. Im Gespräche mit Barthold soll Fürst Bismarck die politischen Verhältnisse in Amerika berührt und seinen Gast gefragt haben, ob auch in seiner neuen Heimat die Jndenfrage bestehe. Die Antwort soll verneinend ausgefallen sein. Dieses Thema veranlaßte den Fürsten, sich in ausführlichen Bemerkungen über priest erliche Politiker, politische Priester und G e ist l i ch e zu ergehen, und er machte aus seiner Abneigung gegen diese Persönlichkeiten keinen Hehl. Mit besonderer Schärfe wandte er sich gegen „strebende Kanzelpolitiker", deren es leider auch unter den Protestanten gebe, und als Beispiel erwähnte er Stöcker. Antisemitische Verrohung. Wie weit innerhalb der Stöcke r-Hammer st ei n'jchen Atmosphäre die innere Verrohung platzzegriff-'n hat, zeigt eine angebliche Zuschrift an das „Volk", über deren Verfasser man übrigens keinen Augenblick im Zweifel zu sein braucht. Bekanntlich hat der Abgeordnete Freiherr von Zedlitz-Neukirch mit anderen angesehenen Männern aus verschiedener Parteirichtung neuerdings einen Aufruf zum Besten des schwer heimgesuchten Pastor Witte von der Golgathaklrche erlaffen, lieber den „klingenden Erfolg" wird nun in der erwähnten Zuschrift gehöhnt, insbesondere wird es auch als charakteristisch für unsere Verhältnisse hingestellt, daß die kirchlich freisinnige „Voffische Zeitung", eine Sammelstelle zum Besten eines kirchlich-orthodoxen, angeblich (?!) unschuldig verfolgten Geistlichen eingerichtet habe. Und dieser Umstand — jo heißt es weiter — gewinne noch eine erhöhte Bedeutung durch die Thatfache. daß als unterstützende Freunde des orthodox n Lutheraners Witte in dem Gabenverzeichniß sich Namen wie Flatow, Schlesinger Landsberger u. s. w. finden. Da dürfen Freiherr von Zedlitz und Genossen — so heißt es — schon zufrieden sein. Das sei ein Erfolg, wie man ihn sich für Stöcker nicht bester wünschen könne!! Man muß gestehen: hier documentirt sich ein wahrer Abgrund von Rohheit und Gefühllosigkeit, wie man ihn selbst im Stöcker'schen Dunstkreise nicht erwarten sollte. Man sammelt lediglich für eine Familie, die unverschuldet in große Roth gerathen ist. Ob die Familie oder ihr Haupt orthodox ist oder nicht, kam dabei gar nicht in Betracht; man will nur gegen Noth und Elend helfend mit eintreten. Dies wollen die Geber, die auch nicht nach Religion und Confession fragen, sondern nur einer unglücklichen Familie zu Hilfe kommen. Und wenn darunter auch jüdische Mitbürger sind, so zeigen sie nur, daß sie, indem sie ein Werk der Liebe und Humanität unterstützen, mehr Religion besitzen als diejenigen aus der Stöcker'schen Sippe, die dafür weder Gefühl noch Berständniß haben. Im Uebrigen scheint Herr Stöcker bei dieser Angelegenheit eigentümliche Empfindungen zu haben, da er es für nöthig gehalten Hai, in seinem kirchlichen Leiborgan seinen Gesinnungsgenossen und Freunden ausdrücklich die Versicherung zu geben, daß es durchaus falsch sei, wenn man ihn mit dem über Witte gebrachten Unglück in Verbindung bringe. Demgegenüber kann nur immer wieder erklärt werden, daß andere Leute, welche die Vorgänge näher kennen, durchaus anderer Meinung sind, und daß insbesondere der . Pfarrer Witte die eigentlichen und letzten Ursachen zu alle dem, was über ihn und seine Familie gekommen ist, bei Herrn Stöcker sucht und findet. Ein Priester als Mörder. Ein Priester ans einer Gemeinde des Districtes Pntna, mit Namen.Jancu Haidin, wird von der Staatsanwaltschaft in Focschani gesucht, da der dringende Verdacht besteht, derselbe habe das Fräulein Olga Kreuzer, eine Verwandte des Bnkarester Clavierhändlers S a m i t ka, ermordet. Ein interessanter Fand. Anläßlich einer Erdaushebung wurde in Großwardein ein silberner Becher mit folgender Inschrift gesunden: „Moses ben Szoser der Großwardeiner jüdischen Gemeinde 1450". Dieser Fund beweist, daß in Großwardein schon vor fünfthalbhundert Jahren eine Judengemeinde bestanden haben müsse.

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