Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 886 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 48 kirchlicher Würdenträger, wie unsere Antisemiten ihr Emporkommen desgleichen solcher Protection, freilich auf protestantische Verhältnisse zugeschnitten, zu verdanken haben. Schlagend genug ist damit erwiesen, wie die „staatserhaltende" Reaction unmittelbar mit diesem revolutionären Catilinarierthum zusammenhängt." Diesen Aenßecunzen der antisemitischen Presse in Deutschland schließt sich ein Artikel der Pariser „Libre Parole" an, dessen Inhalt wir gleichfalls nicht einmal andeutungsweise wiedergeben können, weil wir uns damit einer Majestätsbeleidigung schuldig machen würden. Es wird darin nicht allein die Krone in der unverschämtesten Weise apostrophirt, sondern auch das Andenken einer im Grabe ruhenden, jedem Oesterreicher unvergeßlichen Persönlichkeit besudelt. — Man sieht, unsere deutschnationalen Antisemiten verschmähen auch die Mithilfe des „Erbfeindes" nicht, wo es sich um ihre Interessen handelt. Die internationale Organifatim des Antisemitismus macht Fortschritte und sie wird für alle Cnlturstaaten eine mindestens so ernste Gefahr werden, wie der internationale Anarchismus. Clericale über Antisemiten. Die „tiroler Stimme n‘‘ sirrden sich veranlaßt, die durch die Secession im H ohurw irt-Club geschaffene Lage ein wenig zu beleuchten. Das clericale Blatt erklärt, daß durch die erfolgte Lösung derLuege r-F rage das C h r i st e n t h u rn keineswegs in Gefahr sei. Insbesondere habe es keinen Anlaß, «sich für das durch die Wiener Antisemiten repräsentirte C h r i sie n th u m einzusetzen, welches imkatholischen Tcrol keinen Fortschritt, sondern einen argen RA ckschritt bedeuten würde. „Wir werden uns", sagt das citirte Blatt, „nicht dem Terrorismus beuge», der Alles verketzert und beschimpft, was nicht mitschreit im antisemitischen Chorus. Die Art und Weise, wie die Führer dieser Bewegung und ihre Presse gegen edle katholische Priester, die ihre Unabhängigkeit behaupteten, vorgegangen sind, hat uns am meisten irre gemacht an ihrem Werthe. Wir erinnern an die Beleidigungen gegen Abt T r e u i n f e l s, gegen Neet-or magnifictas Dr. M ü l l n e r, gegen den gelehrten P. Albert Weiß u. s. w. D>ese Mä mer haben nur den Fehler begangen, daß sie ein Gebot, mit Schneider und Steiner mitzuschreien, nicht anerkannten. Dabei denken wir, daß viel mehr Charakter und Unabhängigkeitssinn dazu gehört, sich einer solchen Bewegung gegenüber ruhig abwagend zu verhalten, als mit ihr zu laufen." Die „Tiroler Stimmen" bemerken weiter, daß die katholische Volkspartei nicht wegen der Lueger-Frage entstanden sei, daß die Äußerungen einzelner Mitglieder dieser neuen Fraction nicht die mindeste Aufklärung über die Gründe der Secession bieten, und erinnern den Abgeordneten E b e n h o ch, als den Hauptfaiseur der Secession, daran, daß er vollständig vergessen habe, welchen heftigen Angriffen der Katholische Volksverchn in Oberosterreich durch die Liechtenstein, Geßmann und Lueger ausgesetzt war und wie Herr Ebenhoch selbst begeistert in Wort und Schrift für den Grafen Hohenwart eingetreten sei. Jetzt sei ihm die Wiener Bewegung Hauptsache. Schließlich heißt es in dem Artikel der „Tiroler Stimmen": „Es bleibt für die neue Parteigründung noch ein Schlagwort übrig und das ist das bequemste von allen, mit dem man Alles rechtfertigen kann, von der schwärzesten Reaction bis zum rothesten Jacobinismus : es ist das Volk und der Volkswille. Wir wollen nicht darauf verweisen, wie dieser Volkswille zuerst künstlich erzeugt wird, daß dieselben, die sich darauf berufen, auck den klaren Volkswillen unterschlagen, aber eine Reminiscenz sei gestattet. In der Sitzung vom 8. Mai 1894 griff Fürst Liechtenstein den Grafen Hohenwart und die Deutschconservativen scharf an und vertrat die Cvalition „mit den Massen des Volkes". Damals erwiderte in sehr prononcirter Weise Freiherr von Dipauli, er bedauere lebhaft die Angriffe des Prinzen auf „unseren verehrten Obmann Grafen Hohen wärt". Er wies dessen Einmischung als eine Anmaßung zurück, vertheidigte die Cvalition und gab Sr. Durchlaucht zu bedenken, „daß wir (die Deutschconservativen) uns jederzeit für eine Bolkspartei im eigentlichen Sinne dieses Mortes gehalten haben". — Das war sehr richtig, ist's aber auch heute noch." In der vom Domherrn Dr. Lenkiewtcz redigirten „Lemberger Kirchenzeitung" äußert sich ein geistliches Mitglied des reichsräthlichen Polen- Club in folgender Weise über die Wiener Frage: „Die Motive der Nichtbestätigung Lueger's zum Bürgermeister sind so klar, daß nur ein böser Wille oder Verblendung in dieser Hinsicht die Situation verkennen kann. Die Regierung hat sich gegen die Bestätigung Lueger's einzig und allein mit Rücksicht auf die Person pes Gewählten erklärt, da dieser gegenüber den fanatisirten Massen jeden Halt verloren hatte. Die Regierung wollte es nicht auf den Versuch ankommen lassen, ob der enragirte Agitator ein Administrator und Repräsentant der Reichshauptstadt werden könne, und sie zog es vor, eher einen unerquicklichen Conflict mit den Antisemiten zu riskiren, als fortwährend auf der Hut vor dem drohenden Sturme zu sein, dessen Dimensionen und Consequenzen nicht abzusehen wären. Kein vernünftiger Mensch habe übrigens erwarten können, daß die vereinigten Antisemiten die Parteisache mit der persönlichen Angelegenheit Lueger's identisch erküren werden. Eine derartige Haltung bereitete der antisemitischen Partei einen größeren Schaden als der Regierung. Wenn anfänglich die katholischen Elemente mit der antiliberalen Bewegung sympathisirt haben, so müßte jetzt diese Sympathie schwinden und dem Befremden Platz machen, daß, wie es nunmehr offenbar wurde, bei der antisemitischen Partei die Person Lueger's die Stelle eines Programms vertritt. Die Partei hält an dieser Person fest und will sonst von nichts Anderm wissen. Ihr einziges Ziel ist die Bürgermeisterschaft Lueger's. Aus einen solchen Abweg hat die Partei das natürliche Bündniß mit den Deutsch-Pationalen gebracht. Der Antisemitismus allein vereinigt sie, sonst müssen sie ganz auseinandergerathen. Bisher war der Antisemitismus ihre Losung, und da dieses Losungswort sich schön abgenützt hat, griffen sie zu einem neuen Auskunftsmittel: zum Kampfe für Dr. Lueger. Die Partei documentirt damit, daß nicht nur dem Doctor Lueger die Eignung zum Bürgermeister fehlt, sondern auch, daß sein ganzer Anhang zu nichts Anderm als zur Agitation fähig ist. Durch ihre Wirthshausmanreren haben diese Herren, von Steiner angefangen bis auf den Prinzen Liechtenstein, bei allen ruhigen und gemäßigten Leuten jede Sympathie eingebüßt. Es haben mit Ihnen jetzt Alle gebrochen, welche aus verschiedenen Gründen ihnen früher beizustehen beabsichtigen. Ihr unerhört brutales Vorgehen hat Abscheu und Entrüstung hervorgerufen, und auch die Art, wie Ihre Blätter schreiben, wird zur Folge haben, daß man fortan diese Organe mit Verachtung und Ekel fortwerfen wird. Es fällt wahrscheinlich schwer, die Frage zu unterdrücken, wie noch immer katholischePriestersich indieffemLager befinden können? Zu bedauern sei es, daß die Fraction Dipauli-Ebenhoch sich aus gänzlich unbegreiflicher Freundschaft bewogen gefühlt habe, mit den Christlich - Socialen Hand in Hand zu gehen, hat doch die Angelegenheit Lu eger's mit der katholischen R-ligion absolut nichts zu schaffen. Ministerpräsident Sturdza und die Inden. Bukarest, lieber den Empfang einer jüdischen Deputation durch den Ministerpräsidenten in Roman, erfährt die „Egalitatea" noch folgende Details: In seiner Ansprache betonte Sturdza, daß bei den Juden der Kastengeist herrsche und heute noch die hervorragendsten Juden von Jassy und Bukarest mit der „Alliance israßlite", der erbittertsten Feindin Rumäniens, in Verbindung stehen, was der Regierung und dem ganzen Lande doch unmöglich recht sein könne. Der Minister sprach über eine halbe Stunde lang und führte aus, daß die Juden auch im Auslande eine besondere Kaste bilden, wiewohl sie sich aller bürgerlichen Rechte erfreuen. Er empfahl der Deputation Geduld und versicherte, d a ß er die in Rumänien wohnenden Juden für Bürger betrachte, aber durchaus nicht wünsche, daß ihre Anzahl durch neuerliche Invasionen anwachse. Zum Schluffe sagte der Ministerpräsident wörtlich: „Ich habe .eigens Ihr Blatt „Egalitatea" abonnirt und sehe mit Bedauern, daß diese Zeitung in allen ihren Nummern uns in der gemeinsten Weise beschimpft." Als die Deputation von der Schließung der öffentlichen jüdischen Kinderschulen sprach, sagte der Minister, er habe diesbezüglich ganz andere Ansichten gehabt und sei heute noch dafür, daß alle Kinder in den Staatsschulen ihre Ausbildung erhalten sollen. Er sei gegen alle Privatschulen und speciell gegen die orthodoxen jüdischen Unterrichtsanstalten. Herr Sturdza braucht diese ungerechtfertigten Beschuldigungen gegen die Juden, um das Vorgehen seiner Regierung gegen dieselben wenigstens scheinbar begründen zu könnend Ein katholischer Geistlicher über Dr. Lueger. Herr Consistorialrath Dr. Schöpf äußert sich über den „Fall Lueger" folgendermaßen: „Die unter dem Namen Lueger aufgetauchte Angelegenheit begreift mehrere Momente in sich. Zunächst handelt es sich um die Person des Agitators. Wer Lueger's Vergangenheit kennt, weiß, daß er ein i höchst ehrgeiziger Streber ist. Die goldene Kette des Bürger-