Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Bloch's Wochrnfchrifl Seite 885 den, welche mit Noth ihre Existenz Listen; wohl geht der Zug der Zeit nach Schutz des kleinen Mannes, allein eine Frage, von welcher man berechtigt gewesen wäre, anzunehmen, daß sie vom gewerblichen, nationalökonomischen, handelspolitischen und volkswirthschaftlichen Standpunkte aus betrachte! und behandelt werden müßte, wurde, einem noch stärkeren Zuge der Zeit folgend, auf das confessionelle Gebiet hinübergespiett und derart der sachliche Standpunkt, der allein hätte maßgebend sein sollen und müssen, beiseite gelegt. Gegenwärtig bildet die Ha. sirerfrage neuerlich den Gegenstand parlamentarischer Behandlung, und zwar vorerst im Ausschusse.Die Hausirerfrage datirt eigentlich von derZeit der Erstarkung des Antisemitismus in Wien. Den kurzsichtigen antisemitischen Demagogen Wiens sind die relativ an Zahl geringfügigen jüdischen Hausirer ein Dorn im Auge, trotzdem bei den letzteren doch keine riesigen „ergaunerten" Vermögen wahrzunehmen sind. Man argumentirt, daß,"was der jüdische Hausirer an Waaren absctzt, den seßhaften Wiener Kaufleuten, die freilich die festesten antisemitischen Stützen bilderr, entgeht, ei-go muß das Hcirisirwescn unterdrückt oder richtiger gesagt, die Existenz der jüdischen Hausirer vernichtet werden. Den antisemischen Demagogen kommt leider die Thatj fache zu statten, daß schon seit einer langen Reibe von Jahren in zahlreichen Eingaben von Fachcorporationen, Beschlüssen von Landtagen, sowie Anträgen und Interpellationen im Reichsrathe die Regierung pressirt wird,' zur Hausirerfrage endlich Stellung zu nehmen. Es wird auf die bei Ausübung des Hausirhandels vorkommenden Mißstände hingewiesen und die Nothwendigkeit eines neuen Hausirgesetzes, welches eine einschränkende Tendenz zu verfolgen hätte, hervorgehoben. Gegen eine solche Tendenz eines Hausirgesetzes wird wohl Niemand etwas einzuwenden haben. Der Entwurf des neuen Hausirgesetzes enthält jedoch Bestimmungen, die die Befürchtung nur zu sehr rechtfertigen, daß sich dieselben ausschließlich gegen die jüdischen Hausirer richten. Den Städten soll nämlich das Recht eingeräumt werden, das Hausirverbot für ihr Weichbild zu decretiren, resp. ein derartiges Verbot behördlich zu erlangen, j Daß von dieser Facultät bei den gegenwärtigen Zeitläuften jede Stadt Gebrauch machen wird, ist selbstverständlich und damit wäre der sehnlichste Wunsch der Antisemiten, die jüdischer Hausirer aus den Städten zu verdrängen, aufs Gründlichste erreicht. Motivirt wird diese drakonische Maßregel, die im Handumdrehen Tausende von Existenzen vernichten würde, auch damit, daß das derzeit in Wirksamkeit stehende Hüusirpatent in zahlreichen Bestimmungen antiquirt erscheint und nicht mehr jenen Anforderungen entspreche, welche sich aus der feither eingetretenen Aenderung der Communications- und Verkehrsverhältnisse ergeben. Ein Bedürfniß der Waarenversorgung durch Hausirer bestehe, heißt es, heutzutage in weit geringerem Maße, daher die successive Einschränkung des Hausirwesens als leitender Gesichtspunkt festzuhalten sei. Diese Motivirung krankt an einer bedenklichen Logik und stellt Grundsätze h i n, die in social-politischer Richtung entschieden nicht gebilligt werden können. Sie bringt das nackte Princip zum Ausdrucke: der Schwächere müsse dem Stärkeren weichen. Könnte man nicht mit demselben Rechte das Axiom aufstellen, daß gerade in Folg? der verbesserten Berkehrsverhältnisse den Hausirern ihr bisheriges Terrain zur Ausübung ihres Gewerbes zu belasten und die Etablirung ständiger Waarenverschleißer zu untersagen sei, sintemalen die Landleute letztere infolge der verbesserten Verkehrsmittel entbehren können, da sie doch mit Leichtigkeit und wenig Geld die Verkehrscentren zur Befriedigung ihres Waarenbedarfes zu besuchen vermögen. Man beruhigt uns freilich damit, die völlige Beseitigung oder Unterbindung des Hausirhandels sei nicht beabsichtigt, da der Hausirhandel noch immer von unbestreitbarer Wichtigkeit ist für den Consumenten der vom Eisenbahnverkehr abgelegenen Gegenden, ferner im Interesse des Absatzes der Rückstände der Großindustrie, der besseren Verwert h u n g der Products der Hausindustrie, schließlich als Nahrungszweig für zahlreiche zu anderer Beschäftigung nicht geeignete Personen, namentlich der B ew o h ne r gewisser erwerbsarmer Gegenden, die von alters her theil weise vom Hausirhandel leben. Wie gnädig! der arme jüdische Haufirer, besten Tagesverdienst minim ist, soll nach wie vor den Büttel für den arischen Großindustriellen machen und ihm die Rückstände — lies Pofel — seines Fabrikates verschleißen, allein nicht in den Städten, wo ihm die Möglichkeit hiezu gegeben ist, sondern in den vom Verkehr abgelegenen Gegenden, wo ein Bedarf in sehr geringem Maße besteht und die Tageslosung nicht dazu hiureicht, das nackte Leben zu fristen, geschweige die abgesetzten Waaren auch zu bezahlen. Die vom Eisenbahnverkehr abgelegenen Gegenden : die Alpenländer, das Riesen- und Erzgebirge, die Sudeten, welche kaum je noch der Fuß eines jüdischen Hausirers betreten, werden ihm als zukünftige Domänen zugewiesen! Dagegen wird für die Bewohner gewisser erwerbsarmer Gegenden, die von altersher vom Hausirhandel leben, in rührender Weise ein Monopol gesichert, es sind dies die Gotscheer, Krovoten, Patschelaken u. s. w., sind sie doch ausschließlich Arier. Der Tenor des neuen Hausirgesetzentwurfes richtet sich, ob beabsichtigt oder nicht, bleibe dahingestellt, gegen die jüdischen Hausirer. Nun haben wir gerade vom specifisch jüdischen Standpunkte gegen allgemein einschränkende Bestimmungen im Hausirwesen nichts einzuwenden, ja wir begrüßen dieselben insoweit, wenn damit erreicht wird, daß sich Juden demHausirgeschäft, das ihnen sehr kleinen Verdienst, dagegen sehr großen Schimpf und Schande bringt, nicht zuwenden. Thatsache ist es auch, daß die ärmsten Schichten der Judenschaft, sich schon seit Jahren immer weniger dem Hausirwesen widmen und daß nur Alte, Gebrechliche zu demselben als Rettungsanker greifen, um dem Bettel nicht verfallen zu müssen. Es muß aber entschieden dagegen Einsprache erhoben werden, daß die gegenwärtig bestehenden jüdischen Hau' rer d.possedirt werden. Man sttze sie. auf den Aussterbeetat, allein dem Hungertode oder der öffentlichen Mildthätigkeit sie zu überliefern, wäre die höchste Grausamkeit und einer modernen Gesetzgebung gänzlich unwürdig. Leider besteht nur geringe Hoffnung, daß auch nur die größten Härten des neuen Gesetzes eine Milderung erfahren werden. Die liberale Partei wetteiiert förmlich mit den Antisemiten, bei Einführung reactionärer Gesttze, die ihre Spitze, wenn auch nicht offen, so doch indirect gegen dieJuden richten, Pathenstelle zu vertreten. Es rast der antisemitische See und will sein Opfer haben, und dieses Opfer sind stets die Juden. Ed. Beer. Vom Jahrmarkt drs Lebens. „Loyalität auf Kündigung." In der politischen Wochenübersicht der eben heute eingetroffenen Nummer schreibt die „Natron": „Herr Dr. Lueger, der vom Kaiser von Oesterreich als Bürgermeister Wiens nicht bestätigt wurde, und die Freunde des Herrn Lueger haben, wie längst bekannt, gute Beziehungen zu den ihnen verwandten Elementen bei uns im Deutschen Reiche. Diese Beziehungen treten jetzt zu Tage und wir haben sogar Veranlassung, anzunehmen, daß das, was die österreichischen Antisemiten in ihrem engeren Vaterlande nicht zu sagen wagen, nunmehr den österreichischen Ministern und dem Kaiser von Oesterreich auf dem Umwege über Deutschland vor die Augen geführt werden soll. Diese Art des Kampfes ist gleich charakteristisch für die Loyalität der österreichischen wie für die Loyalität der deutschen Antisemiten gegenüber einenr uns verbündeten Staate und seinem Monarchen, mit dem wir in inniger Freundschaft leben." Und nun citirt die „Nation" einen Artikel des in Berlin erscheinenden „Deutschen General-Anzeigers" dem man in der antisemitischen Preffe Deutschlands die weiteste Verbreitung zu geben wußte, und zwei Artikel aus dem „Deutschen V o l k s r e ch t", dem Organ Böckel's und Ahlwardt's, desselben Ahlwardt, den man sich aus Berlin zur Lueger-Feier verschrieben und den man im Kreise der Wiener Antisemiten überschwänglich gefeiert hat. Unter dem Schutze der Immunität wäre es in der heutigen Debatte vielleicht möglich gewesen, den Inhalt dieser Artikel wenigstens anzudeuten; wir müssen uns selbst die leiseste Andeutung der schmählichen Begeiferung versagen. Die „Nation" begleitet ihreCitate mit der folgenden Bemerkung: „Diese Leute find die Freunde des Herrn Lueger und Herr Lueger ist ihr Freund. Herr Lueger ist aber wiederum der Freund österreichischer hoher Adeliger und hoher