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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 884 Dr. BLoch's Wochenschrift. Nr. 48 schiedenarügsten Nationalitäten Oesterreichs, den negativen leider — das Judenthum. Wenn die kleinen slavischen Nationalitäten, die erst vor einigenDecennien den „Kunstdünger" des deutschen oder italienischen Volkes gebildet und ohne irgend welche sichtbare politische Bedeutung in dumpsem Hinbrüten vegetirt haben, in jüngster Zeit ganze Legionen wackerer Männer hervorbringeu, denen zielbewußtes ernstes Streben sowohl wie Selbstlosigkeit und moralische Jntactheit auch von übelwollender Seite nicht abgesprochen werden kann, so ist dies zum größten Theile nur der minutiösen, aber intensiven Wirksamkeit ihrer nationalen Schulen zu verdanken. Diese Schulen bildeten nämlich die Brennpunkte ihres unter der Oberfläche glimmenden nationalen Lebens, die Kasernen, wenn ich mich so ausdrückcn darf, wo unter Abschluß von jeder anderen temporär noch so starken Strömung die Einzelausbildung vorgenommen wurde, so daß ein solcher nationaler Recrut, in den Kampf des Lebens entlassen, bewußt oder auch unbewußt den aufgencmmenen Geist bethätigen und treu zur Fahne halten mußte. Daher auch der Nimmersatte Heißhunger der kleinen Nationalitäten, natrouale Erziehungsanstalten von der Regierung zu erhalten, daher auch das Bestreben patriotisch gesinnter Männer, wo die Regierung oder die Ungunst der Verhältnisse diese verweigerten, sie durch private Mittel ins Leben zu rufen, denn je mehr Schulen, desto mehr Burgen der betreffenden Nation. Wie anders das Judenthum! Unter den erdenklich besten Auspicien, von der öffentlichen Meinung begünstigt, von den verschiedenen Regierungen jahrelang protegirt, mit finanziellen und moralischen Mitteln reichlich versehen, trat das Judenthum in das öffentliche politische Leben ein und steht heute decimirt da, ohneJugend, ohne Männer, ohne Führer ohne Volk! Wir glauben getrost den Ausspruch wagen zu dürfen, daß das Gefühl der Solidarität des Judenthums erheblich gesunken ist und daß unsere sogenannte gebildete Jugend, mit Ausnahme eines kleinen, in wenigen Vereinen gescharten Häufleins, Allem eher Interesse entgegenbringt, als den brennendsten Fragen des jüdischen Volkes! Und wahrlich, es konnte gar nicht anders kommen! Fehlte doch dem Judenthum die erste Voraussetzung jeder organischen Structur, die Einzelzelle: die Schule. Aus einem falsch verstandenen Liberalismus ließen viele Gemeinden ihre bestehenden Schulen verfallen oder eingehen, unterließen es selbstverständlich, neue ins Leben zu rufen und vertrauten die Zukunft der Jugend und dadurch des Judenthums der Laune des Zufalls oder nationalen Parteibestrebungen an. Verfolgen wir den Entwicklungsgang des jüdischen Kindes, der gar oft fein Martergang wird, und wir finden bald die Erklärung des Marasmus, der im heutigen Judenthum herrscht. Zart tritt das jüdische Kind in den fremden Kreis der öffentlichen Volksschule ein, wo ihm zum mindesten die kalte Gleichgiltigkeit der Lehrer und der Mitschüler begegnet und wo es an einer spöttelnden Bemerkung die erste Entdeckung macht — daß es einen jüdischen Namen führt. Mit einigen Narben versehen, die trotz ihrer Geringfügigkeit im jugendlichen Gemüthe heftig brennen, wird die Schwelle des Gymnasiums überschritten. Da werden bald dem Knaben das Griechenthum, das Römerthum, das Christenthum und das echte'oder vermeintliche Heldenthum der betreffenden Nationalität vorgeführt. Mit dem Steigen des Selbstbewußtseins des christlichen Schülers sinkt das des jüdischen Jünglings, denn von dem Aschenbrödel Judenthum hört er nur des Ausführlichen beim Abschnitte Titus, oder liest darüber bei Horaz. Chikanen und lästige Anspielungen von Seiten der Lehrer, Aversion und oft handgreifliche Anfeindungen der nationalstolzen Mitschüler rauben dem jüdischen Jüngling die Freiheit des Athmens, den Muth, die Selbstachtung. Beim Abgänge vom Gymnasium nimmt der jüdische Abiturient ' außer dem Zeugniß über die wissenschaftliche Prüfung auch das über die bestandene Leidensprüsung mit, um an der Universität in der indifferenzirten Masse der kleinlichen Egoisten und Materialisten zu verschwinden, oder, wenn in ihm noch ein edler Funke glüht, einer jüdischen Verbindung beizutreten, um erst hier die rühmliche jüdische Vergangenheit und deren Literatur ab ovo kennen zu lernen. Denn das Surrogat, das unter dem Titel: jüdischer Religionsunterricht an den öffentlichen Volks- und Mittelschulen geboten wird, ist wohl nur zu dem Zwecke von der Regierung dem Judenthum zugestanden worden, ut aliguiä fieii videatur. Schon die Stellung des jüdischen Religionslehrers am Gymnasium als Nebenlehrer, in Reih nnd Glied neben dem Lehrer des Turnen und der Stenographie, sowie das kärgliche Ausmaß der Religionsstunden an Volks- und Mittelschulen ist eine Farce, ein nicht genug zu schildernder Hohn, der auf das Ansehen und die Bedeutung des gelehrten Gegenstandes nachtheilig rückwirken muß. Der jüdische Religionslehrer müßte Wunder wirken, wenn er in dieser Stellung und in dieser knapp zugemeffeuen Zeit Erkleckliches leisten sollte, nicht minder müßte er über den Zauber einer machtvollen Persönlichkeit verfügen, um im jüdischen Jünglinge trotz aller Hindernisse den Idealismus erwecken und wachhalten zü können. Allein Wunder und Uebermenschen sind ja selten, und daher der tiefe Verfall des heutigen Judenthums, daher der tausendfältige Abfall, der unsere Reihen lichtet! So bilde denn Rückkehr, radicale Rückkehr bis zum Ursprünge, bis zur Schule die Losung, die uns retten möge! Errichten wir, wo und wie weit es möglich wird, jüdische Volksschulen und jüdische Mittelschulen, die von Andersgläubigen ebenso gut besucht werden könnten, wie die Volksschulen der Protestanten oder die Gymnasien der katholischen Orden und des griechisch - orientalischen Clerus in der Bukowina, deren Leitung aber unsere Kinder vor Verfolgungen und Kränkungen in der empfindlichen Jugendzeit schützen würde, an denen jüdischer Geist und jüdische Religion sie vor Verfall und Abfall, vor Verrohung und Entartung bewahren und uns eine edle, selbstbewußte, opferfähige Jugend erziehen werden. Aus diesen Erwägungen verdammen wir das Beginnen czechisch schillernder Gemeinden Böhmens, die bestehenden jüdischen Schulen ihrer deutschen Unterrichtssprache wegen aufzulassen — man führe an denselben die czechische Sprache ein und lasse sie auch fernerhin bestehen! Aus diesen Erwägungen ermahnen wir auch die jüd. Gemeinden Mährens, ihre Schulen mit allen Mitteln zu erhalten und sie — wo nöthig — modern umzugestalten. Besonders freudig begrüßen wir die Thätigkeit des Baron-Hirsch-Curatoriums, das in Galizien und in der Bukowina, wenn auch aus anderen Motiven, ein Viertelhundert jüdischer Schulen geschaffen, und heißen willkommen als ersten Versuch das Unternehmen des wackeren Rabbiners in Ungarisch - Brod, ein jüdisches Privatgymnasium in diesem Orte zu errichten, welchem Werke wir unser Glückauf zurufen und die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit hiermit zuweuden möchten. M. B, Das neue Haustrgesetz. Wien im November. Die Hausirerirage ist zur parlamentarischen Seeschlange geworden. Sie kann nicht zur Ruhe kommen, es rast der antisemitische See und will sein Opfer haben. Wohl handelt es sich um eine Classe der ärmsten der armen kleinen Gewerbetreiben-

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