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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 48 Seite 883 Vr. Vlvch'» Wvchrnfchrftr. scheint. Wir meinen Gottlieb Mittelberger's Reise nach Pennsylvanien im Jahre 1750 und Rückreise nach Teutschland im Jahre 1754. Enthält nicht nur eine Beschreibung des Landes nach seinem gegenwärtigen Zustande, sondern auch eine ausführliche Nachricht von den unglückseligen und betrübten Umständen der meisten Teutschen, die in dieses Land gezogen sind und dahin ziehen. (Frankfurt und Leipzig 1756, 120 Seiten.) Wir wollen - den rechtschaffenen Schwaben, so viel es angeht, selber erzählen lassen. Er war im Mai 1750 von Eazweyhingen in Württemberg nach Heilbronn gegangen, um eine Orgel nach Pennsylvanien zu bringen. Er fuhr mit ihr den Neckar und den Rhein hinab nach Rotterdam und von dort in einem Transportschiff, auf welchem sich etwa 400 Württemberger, Durlacher, Pfälzer und Schweizer befanden, nach „Kaupp" (Cowes). in England; erst am 10. Oktober, also nach Verlauf eines halben Jahres, kam er in Philadelphia an. Von Schwaben bis Rotterdam, heute eine Reise mit dem Dampfer, die anderthalb Tage dauert, war er sieben Wochen unterwegs; die Seereise von Rotterdam nach Pennsylvanien dauerte fünfzehn Wochen! Mittelberger wollte seine Landsleute vor den bösen Ränken der Neuländer warnen, ihm that der erbärmliche und kummervolle Zustand Derer leid, „die aus Teutschland nach diesem neuen Lande wandern: ihn verdroß das unverantwortliche und unbarmherzige Verfahren der holländischen Menschenhändler und ihrer ausgesandten Menschendiebe, der sogenannten Neuländer, denn sie stehlen gleichsam die Leut aus Deutschland unter allerhand schönen Vorspiegelungen und liefern sie den holländischen großen Seelenverkäufern in die Hände." In Rotterdam und Amsterdam wurden die Menschen in die großen Seeschiffe wie Häringe zusammengeladen, denn manchmal waren bis zu sechshundert Köpfe an Bord. Die Schiffe mußten bei Eowes anlegen, dort Zoll entrichten, weil sie nach einer englischen Colonie fuhren, und lagen oft vierzehn Tage, ehe sie abgefertigt waren-Nachher begann der Jammer auf See. „Gestank, Dampf, Grauen, Erbrechen, Seekrankheit, Fieber, Ruhr, Kopsweh, Hitze, Verstopfungen, Geschwülsten, Scharbock, Krebs, Mundfäule, Hunger, Durst, Näffe, Angst, Noth, Ungeziefer, Wehklagen ^ünv noch vielerlei anderes Ungemach. Unter den Gesunden wird manchmal die Ungeduld so groß und grausam, daß einer den anderen oder sich und seine Geburt verflucht, und daß sie einander bald um's Leben bringen. Am allermeisten aber schrien sie Rache über die Menschendiebe. Man hat in unserem Schiff just an einem Tage, da wir starken Sturm gehabt, eine Frau, welche gebären sollte und es in diesen Umständen nicht konnte, durch einen Laden im Schiff geschoben und in's Meer fallen lassen. Kinder von ein bis sieben Jahren überstehen die Seereise selten, und die Eltern müssen sehen, wie sie verschmachten und in's Wasser geworfen werden. Ich habe solchen jämmerlichen und sehr betrübten Zustand leider an zweiunddreißig Kindern aus unserem Schiffe gesehen, die man in's Meer versenkt hat." Das Schiff erreichte Philadelphia, aber an's Land durften nur die, welche ihre Fracht bezahlten oder gute Bürgen stellten; die anderen mußten noch lange liegen bleiben, „bis sie gekauft und durch ihre Käufer vom Schiffe losgemacht werden". Eine Reise aus Deutschland nach Pennsylvanien kostete damals 200 Gulden. Den Menschenhandel auf dem Schiffmarkt beschreibt Mittelberger in folgender Weise: „Alle Tage kommen Holländer, Engländer und hochteutsche Leute aus der Stadt Philadelphia und sonsten aller Orten zum Theil sehr weit her, wohl an die 20 bis 40 Stunden, und gehen auf das Schiff, welches Menschen aus Europa gebracht und feil hat, und suchen sich unter den gesunden Personen die zu ihren Geschäften anständigen heraus. Sie handeln mit denselben, wie lange sie vor ihre auf sich habende Seefracht, welche sie gemeiniglich noch ganz schuldig sind, dienen7wollen. Wenn man nun des Handels eins geworden, so geschieht es, daß erwachsene Personen für diese Summe nach Beschaffenheit ihrer Stärke und Alters, 3, 4, 5 bis 6 Jahre zu dienen sich schriftlich verbinden, die ganz Jungen aber, von 10 bis 15 Jahren, müssen serviren, bis sie 21 Jahre alt sind. Biele Eltern müssen ihre Kinder selbst verhandeln und verkaufen wie das Vieh, damit nur die Eltern, wenn die Kinder ihre Frachten auf sich nehmen, vom Schiffe frei und los werden. Da nun die Eltern oft nicht wissen, zu was für Leuten oder wohin ihre Kinder kommen, so geschieht es oft. daß nach dem Abscheiden vom Schiff manche Eltern und Kinder viele Jahre oder gar lebenslang einander nicht mehr zu sehen bekommen. Ein Weib muß für ihren Mann, wenn er krank hinein kommt, und eben so ein Mann muß für sein krankes Weib stehen und die Fracht aus sich nehmen, und also nicht nur allein für sich, sondern auch für feinen kranke« Ehegatten 5 bis 6 Jahre serviren. Oesters geschieht e-, daß auch ganze Familien, indem sie an verschiedene Käufer kommen, separirt und getrennt werden, sonderheitlich. wenn solche gar nichts von der Fracht bezahlen können. Entlauft in dieftm Lande jemand von seinem Meister, der ihn hart gehalten, so kann er nicht weit kommen. Denn man hat in diesem Stück gute Ordnungen darinnen, daß man einen Entlassenen gewiß bald wieder bekommt. Man gibt einem, der einen Deserteur anfhält oder wkederbringt, eine gute Belohnung." Der Entlaufene mußte als Strafe für jeden Tag, den er als Flüchtling verlebt h.ttte, eine Woche, für jede Woche einen Monat und für jeden Monat ein halbes Jahr zur Strafe „serviren". Wenn aber der Herr einen solchen Entlaufenen, den man ihm wieder brachte, nicht behalten wollte, so konnte er ihn auf so viele Jahre verkaufen, als derselbe noch dienstpflichtig bei ihm gewesen wäre. „Unsere Europäer, welche verkauffet werden, müssen immer hart arbeiten, weil man beständig neue Felder machet; dahero erfahren dieselben, daß wahrlich die eichene Stumpen so hart in Amerika als in Teutschland stehen." Der ehrliche Mittelberger erzählt sehr „merkwürdige und höchst fatale Exempel" von dem Mißgeschick, welches manche Leute betroffen. Der Boigt Daser aus Nagold in Württemberg kam mitFcau und acht Kindern zu Philadelphia in sehr kläglicher Lage an. Auf See hatte man ihm 1800 Gulden gestohlen. Ec verklagte deshalb den englischen Schiffscapitän, bekam aber Unrecht, mußte hohe Klagekosten und dann noch 600 Gulden Fracht zahlen. Aber das Geld war ihm geraubt worden, man versteigerte alw seine fahrende Habe. Als er Geld borgte, um einen Ackerhof zu kaufen, wurde er von den Gläubigern schmachvoll betrogen; sie hatten einen gefälschten Schuldschein von ihm unterschreiben laffen und nahmen den Rest seiner Habe ab. Seine Kinder wurden dann verbundene Knechte und Mägde . . . Im Jahre 1752 lief in Philadelphia ein Schiff ein, das volle sechs Monate auf See herumgetrieben worden war. Bon 34V Passagieren waren noch — 21 am Leben, die Uebrigen vor Hunger und Elend gestorben! Im Jahre 1754 kamen mehr als 22.000 Deutsche in Ppiladelphia an. Daran, meint Mittelberger, seien die Betrügereien und Beschwätzungen der Neuländer schuld, welche er in folgender Weise schildert: „Diese Menfchendiebe belügen die Leute von allerlei Stand und Profession; auch Soldaten, Gelehrte, Künstler und Handwerker. Sie verführen den Fürsten und Herren die Leute und liefern sie zum Verkauf nach Rotterdam und Amsterdam, wo sie von ihren Kaufleuten für eine jede Person, welche zehn Jahre und darüber alt ist, drei Gulden oder einen Ducaten erhalten. Dagegen bekommen diese Kaufleute in Philadelphia für jede Person 60, 70 ja 80 Gulden, je nackdem eine Person auf der Reise mehr oder weniger Schulden gemacht hat. Der Neuländer lieferte seinen Transport ab, blieb den Winter über in Holland, nahm im Frühjahr von seinen Kaufleuten wieder Geld auf Menschen, reiste umher, und log den Leuten vor, er komme aus Pennsylvanien, um Maaren einzukaufen. Er behauptete, Vollmacht zur Hebung von Erbschaften zu haben und Verwandte abzuholen. Leichtgläubige fand er immer. Leute von Adel und hohem Rang, die in Pennsylvanien als gemeine Taglöhner oder verbundene Knechte dienten und der harten Arbeit nicht gewohnt waren, traetiret man mit Schlägen wie das Vieh, damit sie die harte Arbeit lernen." Oesters geschieht es, daß die'Kaufleute in Holland mit ihrem Capitän und den Neuländern einen verborgenen Accord machen, damit diese die Schiffe mit den eingeladenen Menschen an einen anderen amerikanischen Platz führen sollen und nicht nach Pennsylvanien, wohin doch die Leute eigentlich wollen; sie gedenken dann die Leute besser zu verkaufen. Diese Darstellungen Mittelberger's entsprechen vollkommen der Wahrheit und finden ihre Bestätigung durch andere gleichzeitige Nachrichten über die „Seelentreiber". Jüdische Schulen. Es ist ein'altes, oft mißbrauchtes, aber trotzdem nicht minder wahres Wort, daß in der Schule die Zukunft des Volkes liege. Den positiven Beweis hiefür liefern die ver-

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