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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 880 Dr. Bloch's Wotlrenfthrist Nr. 48 den Wotansverehrern aufgedrungene „Judäo-Christenthum". Die Junker und Christlich-Socialen wiederum wollten in dem . Jud en nur den Feind des Christenthums bekämpfen; die ahnenreichen Herren, deren Reichthümer von dem Schweiße der Bauern, die Jahrhunderte lang für sie gearbeitet hatten, herrührten, zeigten mit Händen, die nie eine Arbeit verrichtet halten, auf die jede schwere Arbeit scheuenden jüdischen Ausbeuter des Volks. Der Dynastie gegenüber trugen sie stets ihre Treue, Loyalität und unbegrenzte Opferwilligkeit zur Schau und waren auch stets bereit, sich zum Besten des Staats zu opfern und die höchsten Stellen in der Diplomatie, Verwaltung und Armee zu übernehmen, selbst auf die Gefahr hin — Befähigtere zu verdrängen. Innerhalb der zwei Hauptparteien hatte wieder jeder Einzelne sein bestimmtes Fach: der Eine unterschlug Gemeindegelder, der Andere fabricirte Blutritual-Märchen; der Eine machte falsche Stampiglien, der Andere war ein Specialist für Verleumdungen, der Eine war stets höchst loyal und patriotisch, der Andere spielte den deutschvolklichen Jrredentisten; der Eine predigte, daß es keine Sünde sei, Juden zu bestehlen, der Andere wie z. B. Baron H a mm erst e i n stahl bei Christ und Jud; der Eine, wie Pastor Stöcker, schwur fahrlässige Eide, der Andere erklärte alle Juden für Meineidige, u. s. w. u. s. w. Diese schöne Ordnung und Arbeitstheilung ist nun auf einmal ganz zerstört worden, seitdem dem Doctor Lueger die Bürgermeisterkette vor der Nase weggeschnappt wurde. Zwei oder drei Mal glaubte er sie schon in Händen zu haben und stets entwischte sie ihm, wie die saftige Frucht dem Tantalus. Schade, ewig Schade! Wie hätte die prachtvolle Kette dem „schönen Karl" gepaßt! Das konnte man schon an dem Porträt mit der Kette sehen, düs manche illustrirte Blätter als falsche Propheten brachten. Ich erlaube mir indessen die Frage, ob Dr. Lueger mit einer ausgeliehenen Kette dem Zeichner gesessen ist? Doch seht, wie die „Zaubererscheinung" wirkt! Da bin ich im Anschauen des „Erlösers von Wien" aus dem Conccpt gerathen, gerade wie eine hysterische Antisemitin, die auf der Galerie des Abgeordnetenhauses Scandal macht oder bei einer Frauenversammlung anbetend vor Dr. L u e g e r auf die Knie sinkt. Und ich wollte doch von den verwechselten Rollen in den Antifemitenlagern sprechen. A tout Seigneur tout lionneur. Nach der chronologischen Ordnung hätte ich eigentlich mit dem Abgeordneten Steiner beginnen sollen, aber Prinz Liechtenstein mit seinem blauen Blut hat den Vorrang. Abgesehen von seinen Ahnen, die durch saure, schwere Arbeit das bischen Habe erworben haben, von dem er jetzt so sorgenlos und ohne Mühe leben kann, als ob er als Hausirer die armen Christen ausgebeutet hätte; abgesehen, daß er eines der hervorragendsten Mitglieder des Parlaments ist — ich meine körperlich - habe ich noch ein besonderes Faible für ihn. Er erinnert mich an einen andern Grand Seigneur, jo einen noch vornehmer« aus dem vorigen Jahrhundert, an den Herzog Philipp von Orleans. Es ist ja bekannt, wie dieser Prinz, obwohl der königlichen Familie angehörig, gegen Ludwig XVI. und die Königin intriguirte, nach Popularität haschte, mit dem Pöbel fraternisirte und den Namen 'Egalite annahm. Seine Gegner behaupteten, daß er den König stürzen und auf den Thron gelangen wollte, er kam aber nur unter das Fallbeil der Guillotine. - Doch wie gesagt, es fällt mir nicht ein, den Prinzen Liechtenstein mit dem Prinzen „Gleichheit" zu vergleichen. Ich sage nur, er erinnert mich, wen« er beim „Blauen Luchsen" auftritt, an den französischen Prinzen. Dann ist auch die Art, wie Orleans Popularität zu erlangen suchte, eine andere als die des Liechtensteiners: Während einer Theuerung lies Jener Korn umsonst oder zu billigem Preise unter das Volk vertheilen, im Winter errichtete er Wärmestuben für die Armen und ließ , sie dort speisen. Solcher verwerflicher Mittel hat sich Prinz Liechtenstein nie bedient, Mechaniker Schneider hätte ihm sonst die Freundschaft gekündigt. Wärmestuben ' Volksküchen, Herabdrücken der Getreidepreise, dos sind alles jüdische Kniffe. Freund 'Schneider kennt, das, studirt er doch fleißig Bibel und Talmud, ja sogar Maimonides. Er citirt flink den Ezechiel und Jesaias, als ob er Jahre lang in einer Jeschuba gelernt hätte, und Prinz L i e chtenst e in ruft ironisch: „Bravo Jesaias!" Schade nur, daß die Durchlaucht und der Mechaniker ihre ganze freie Zeit dem Alten Testamente widmen und nicht hie und da einen Blick ins Neue werfen. Aber wie gesagt, die Rollen sind vertauscht, der clericale Prinz spricht, als ob er ein Schönerianer wäre; er verhöhnt einen Propheten des alten Bundes und weiß nicht, daß er damit das Christenthum auf das Schwerste beleidigt. Er, der Christ und Katholik, scheint nicht zu wissen, daß die Prophezeiungen dieses Juden Jesaias unter den Hauptbeweisen für die Wahrheit der christlichen Religion angeführt werden. Ja, es scheint mir, daß gerade diese von Schneider übrigens sehr ungenau citirte Stelle (Cap. 60, V. 12—16) von manchen Apologeten auf den Triumph des C h r i st e n t h u in s bezogen wurde. Aber eine noch höhere Autoritär als die der späteren Apologeten beruft sich auf das Zeugniß der jüdischen Propheten und besonders des Jesaias. An zahlreichen Stellen der Evangelien wird der ganze Wandel Jesu aus Erden als Erfüllung der Weissagungen des Alten Testaments dargestellt. So heißt es Matthäus IX. 14: „Auf daß er-, füllet werde, das da gef a g t i ft durch den Propheten Jesaias" und dann wird Jes. IX. 2 citirt. Matth. VIII. 17, heißt es nach dem Berichte, daß Jesus allerlei Kranke heilte, „auf daß erfüllet werde, das gesagt ist durch den Propheten Jesaias, der da spricht" u. s. w. (Jes. LIII. 4), Matth. XII. 17: „A u f daß erfüllet werde, das gesagt ist durch denProphetenJes a i a s" u. s. w. und darauf wird Jes, 42 Vers 1—3 citirt. Matth. XXI. schickt Jesus seine Jünger aus, um ihm eine Eselin und ein Füllen zu bringen: „Das geschah a b e'rAl lles, aufdaß erfüllet würde, das gesagt ist durch den Propheten — Saget der Tochter Zion" u. s. w. (Sacharja IX. 9).. Nach dem Berichte von der Kreuzigung heißt es im Evangelium Markus XV. 28: „Da ward die Schrift erfüllet, die da saget: Er ist unter diellebelthäter gerechnet" (Jes. 'LIII. 12). Im Evangelium Lucas (IV. 17—21) wird berichtet, wie Jesus die Stelle aus Jesaias LXI. 1 und 2, also aus dem nächsten nach dem von Schneider citirten Capitel, vor-, las und dann hinzufügte: „Heute ist dies e Schrift erfüllet vor euren Ohren". Selbst das von Vielen einem Griechen zugeschriebene Evangelium Johannes beruft sich (XII. 38) auf den Spruch des Propheten Jesaias. „Herr wer glaubet unserem Prediger?" (LIII. 1.) Die wichtigste Stelle ist aber Jesaias VII. 14, welche nach jüdischer Uebersetzung lautet: „Siehe das junge Weib wird schwanger", aber im Evangelium Matthäus I, 23 mit „Siehe e i n e I u n g f r a u wird schwanger" übersetzt wird, „auf daß erfüllet werde, das der Herr durch den Propheten gesagt h at". Die Bibel wird das Wort Gottes genannt, sie ist nach christlichem Glauben vom heiligen Geiste inspirirt und dies gilt besonders von den Büchern der Propheten. Ist also das in Jesaias Cap. 7 von der Jungfrau Gesagte göttliches Wort, so ist es auch das in Cap. 60, von der Herrschaft über alle Königreiche. Es steht den Bibelkritikern Schneider und L i e ch t e n st e i n frei, auch diese Stelle als Prophezeiung des Christenthums aufzufassen und im Ernst „Bravo Jesaias!" zu rufen, aber daun ist sie kein

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