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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-22 · 47 (22.11.1895) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47 Dr Bloch's Wochenschrift. Seite 869 Verwalter enthoben worden. An seine Stelle wurde Dr. I Rosen selb als Massaverwalter und Dr. Hock als dessen Stellvertreter gewählt. Auf Anzeige der neuen Massaverwaltung leitete die Staatsanwaltschaft die Vorerhebungen gegen Dr. Gerl ein, und in diesem Stadium befand sich unlängst noch die Affaire. Bei der Tagfahrt, die einen ungemein erregten Verlauf nahm, theilte Dr. Rofenfeld mit, daß die Familie des Dr. Gerl der Concursmassa 8000 fl. zur Verfügung stellt, wenn die Gläubiger die Rechnungslegung und die Expensnote genehmigen. Ueber diese von der Familie Gerl gestellte Bedingung entwickelte sich eine sehr erregte Debatte Dr. Theodor G u t tm a n n bezeichnet es als einen Schlag in's Gesicht, daß Dr. Gerl den traurigen Muth finde, seine Expensnote noch verteidigen zu wollen. — Dr. Zucker meint, es sei am besten, den Vorschlag der Familie zu acceptiren, und den Dr. Gerl seinem Schicksale zu überlassen. — Mehrere Gläubiger erklären, unter keiner Bedingung eine so unerhörte Expensnote und die willkürliche Rechnungslegung zu acceptiren, und bestehen darauf, daß die Strafanzeige gegen Dr. Gerl zu erstatten sei. — Der Concurscommissär, Landesgerichtsrath Dr. Petschacher, constatirt, daß nach dem Rechnungsabschluß die Einnahmen des Concurses 150.000 fl., die Ausgaben 100.000 fl. betragen. Dabei sei die Expensnote in der Höhe von 25.000 fl. in Rechnung gestellt. — Dr. Rosenfeld erklärte, daß er an dex Hand der Belege nicht in der Lage gewesen sei, die Richtigkeit der Rechnungslegung zu verbürgen. — Dr. Guttmann gab seiner Verwunderung Ausdruck, daß die Staatsanwaltschaft die Affaire, die so großes Aufsehen gemacht hatte und bei der es sich um so bedeutende Beträge gehandelt habe, nicht von Amtswegen verfolgt habe. Bei einem anderen Falle, bei dem ein Advocat, der sich in drückender Nothlage befand, nicht ganz 300 fl. eines Clienten für sich verwendet hatte — es war dies ein Dr. F i s ch l —. wurde derselbe in Haft genommen und vernrtheilt. — Der Concurscommissär gab nun die Aufklärung, daß die Affaire bei der Staatsanwaltschaft noch im Stadium der Vorerhebungen sich befinde. — Schließlich acceptirte die Majorität der Gläubiger- Versammlung die Genehmigung der Expensnote, die von 25.000 fl. auf 23.000 fl. reducirt wurde^ und die Rechnungsablegung sowie — die Annahme der 8000 fl., die die Familie zur Verfügung gestellt hatte. Blutaberglaube in Italien. Der weltbekannte französische Schriftsteller Paul B ourget erzählt in seinen Reisebeschreibungen aus Italien (Sensations d’Italie, Paris, Alphonse Lemerre 1891. Seite 277): „Herr Joseph Gigli erzählte mir, daß er auf seinen Besitzungen Ausgrabungen vornahm, in der Nähe des berühmten Brunnens, dessen Plinius erwähnt und dessen Wasserstand sich stets gleich bleibt, den man niemals weder steigen, noch fallen sah. Als ich diese Ausgrabungen besichtigte, kamen mehrere Bauern an mich heran, nahmen mich abseits, um mir mitzutheilen, daß in demselben Grundstücke ein zweiter, mit diesem communicirender Brunnen wäre, in welchem ein Schatz verborgen ist. Sie wußten es sicherlich von ihren Vätern. Um den Schatz zu heben, müßte ich jedoch ein fünfjähriges Kind in den Brunnen hinabwerfen oder müßte eine schwangere Frau während der ganzen Zeit der Ausgrabungen eine Schlange auf ihrem nackten Busen tragen. Im Augenblicke, wo man des Schatzes habhaft wird, verschwände die Schlange durch den Zauber. Im Meierhofe zu San Domenico, welcher dem Marquis Ayala-Valva gehört, soll ein Schatz von einem Dämon gehütet sein. Ein Julfeftgeschenk. Das zufällig in Wien erscheinende Organ eines Häufleins von Wotan-Aubetern, die „Ost: eutsche Rundschau", enbält folgende nette Reclamenotiz: „Ein schönes Julfeftgeschenk für deutsche Familienangehörige ist der .Deutschnationale Taschenmerk-Kalender 1896' in feinem Roth ledereinband mit Goldpressung (Kornblumen) und doppelten Notentaschen. Als Titelbild bringt dieser vortreffliche Kalender das kunstvoll ausgeführte Kleinbild der K ö n i g i n Luise nach dem Prachtgemälde von R. Richter. ..." Inter essant ist, daß dieses Blättchen auch von dem „Wegweiser" des Vereines „Christliche Familie" natürlich als „ch r i st l i ch e s" Blatt empfohlen wird! Herr Stöcker veröffentlicht in seinem Blatte Folgendes: „Wir erfahren aus zuverlässiger Quelle, daß die Ehrensache B rech er-S t ö cker seinerzeit im Einverständniffe mit letzterem zur weiteren Verfolgung an den Vorsitzenden des Berliner conversativen Parteirathes übergeben worden ist. Der Vorsitzende hat Professor Dr. Brecher aufqefordert.dkc Thatsachen anzugcben. auf welche er seine gegen Stöcker gerichteten Behauptungen stützt. D r. Brecher hat such hier jede Auskunft verweigert und lediglich auf die Gerichte verwiesen". — Vor den Gerichten scheint aber Herr Stöcker eine gründliche Abneigung zu haben. Es ist ihm dort mitunter recht schlecht gegangen. Die Garam Kis-Salloer Blutbeschuldigung. Der Gastwirth Ignaz Adle r, der seit vierzig Jahren in Garam- Kis-Sallo lebt und gegen den die wahnwitzige Blutbeschuldigung sich richtet, ist fortwährenden Vexationen ausgesitzt. Vor Kurzem wurde sein Sohn Alexander Adler von Johann Valazs mit einem Beile bedroht. Ba'azs drang auch in die Wohnung der kranken Gattin Adler's und bedrohte dieselbe am Leben. Adler erstattete die Anzeige beim königlichen Bezirksgerichte in Bamos - Mikola, wo die Untersuchung bereits im Zuge ist. — Auch der Lakaer Schächter Ignaz Landesmann wird von fanatischen Bauern verfolgt und beschimpft. Kürzlich stürzte sich auf ihn der Bauer Ludwig Jonas mit den Worten : „Du hast die Juliska Balazs getödtet, wart', jetzt werde ich mit Dir fertig werden!" Zum Glücke eilte der Bauer Andreas Balkovics herbei und befreite Landesmann aus den Händen seines fanatischen Angreifers. Landesmann bat durch Dr. Soma u t h i die Anzeige gegen Jonas erstatten lassen. Ignaz Adler wird von der dortigen Bevölkerung derart terrorisirt, daß er Furcht hat, auf die Straße zu gehen. Vor einigen Tagen wurden ihm unter Absingung von Spottliedern sämmtliche Fenster seiner Wohnung zertrümmert. Solcher Art ist die Stimmung in jener Gemeinde und deren Umgebung, ein Zustand, für den jedoch nicht die einfachen Bauersleute, sondern die Hetzer verantwortlich sind. Feststellung der israelitischen Matrikenbezirke in Böhmen. Im Verfolge der in Landesgesetzblatte ex 1893, Nr. 39, verlautbartenBerordnuna des Ministeriums für Cultus und Unterricht vom 10. März 1893, betreffend die Feststellung und Abgrenzung der israelitischen Cultusgemeindesprfnael im Königreiche Böhmen, wird mittelst Kundmachung der Statthalterei vom 17. v. M. Nachstehendes verordnet: § 1. Die dermalen im Königreiche Böhmen bestehenden israelitischen Matrikenstellen mit Ausnahme jener in der königl. Hauptstadt Prag werden mit 31. December 1895 aufgehoben und haben mit diesem Tage ihre Thätigkeit einzustellen. — § 2. Dagegen werden in jenen Orten. in welchen zufolge der vorbezogenen Verordnung des k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht israelitische Cultusgemeinden zu bestehen haben, neue israelitische Matrikenstellen errichtet, welche ihre Wirksamkeit mit 1. Jänner 1896 zu beginnen haben. — § 3. Die Bezirke der israelitischen Matrikenstellenin Böhmen haben mit den Sprengeln der betreffenden israelitischen Cultusgemeinden zusammenzufallen. Alle in dem Umfange eines Matrikenbezirkes vorkommenden Geburts-, Trauungs- und Sterbefälle von Israeliten sind in die Matriken dieses Bezirkes einzutragen. Eine jüdische Handlung. In dem Dorfe Kuta in Galizien gerieth am 3. d. M. die römisch-katholische Kirche in Brand. Die dortigen Israeliten waren die ersten an der Brandstätte. und trotz der damit verbundenen Lebensgefahr drangen mehrere von ihnen in die Kirche und retteten sämmtliche heilige Geräthe. Kurz nachdem sie das Gottesbaus verlassen hatten, stürzte dasselbe krachend zusammen. Die christliche Bevölkerung äußerte in begeisterten Kundgebungen ihre Dankbarkeit für diese muthige aufopfernde Tbat. Vielleicht erblicken die Antisemiten auch hierin einen Beweis für den Haß der Juden gegen die Christen und die christliche Kircke. Praktischer Antisemitismus? In Pobole bei Wilna wurde die aus sechs Personen bestehende Familie des jüdischen Gutspächters I tz i g Ko w a r ski Nachts von Bauern ermordet und beraubt. Letztere steckten auch das Haus in Brand. Zur „christlichen Nächstenliebe." Berlin, 12. November 1895. Sehr geehrter Herr Redacteur! Die Ideen des Pfarrers Lieliv in Klein-Pöchlarn, die Sie in Ihrer Nummer vom 8. November 1895 als nen und originell bezeichnen, sind nichts weniger als das. Ich beziehe mich ans die Rede des Cooperators Schnabl. Niederösterr. Landtag 6. April 1892. „Die Nächstenliebe beginnt bei sich selbst, dann kommen die Eltern, dann die Geschwister, dann alle Anderen, die uns naher stehen — da uns die Inden am entferntesten stehen, kommen sie zuletzt." — Dem Redner widersprach keiner seiner anwesenden Berufs genossen und nur einige Inden-Liberale fanden seine Ansichten neu und originell, die vielmehr die Anschauungen der kirchlichen Kreise richtig wiedergeben. Wir Juden begehen eben den nnverreihlsihen Fehler, die Lehre Christi mit der christlichen Lehre für identisch zu halten. Thatsächlich habe» beide wenig mit einander gemeinsam. Hochachtungsvoll Ein Leser.

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