Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Sette 867 Dr. VlochÄ Wochrnschrifk Nr. 47 Liturgie und Ritualien. Der Gottesdienst des ganzen Jahres übersetzt, erklärt und historisch begründet. Die Ritualien der Sabbathe, Neumonde, Fast- und Festtage nach Chaje-Adam. Wie sich von selbst versteht, ^muß dieser den höchsten Anforderungen entsprechende Lehrstoff auf die verschiedenen Jahrgänge und Abtheilungen sachgemäß vertheilt werden. Ihn in's Einzelne auszuführen, war nicht Sache des Gutachtens für die Landesbehörden, hingegen wurde, um die Möglichkeit der organischen Verbindung des Religionslehrerseminars mit dem allgemeinen Seminar nachzuweisen, eine Stundenvertheilung beigelegt. Nun wäre es müssig, über das Mehr oder Minder in den einzelnen Lehrgegenständen zu streiten; daß wir sowohl in pädagogischer als auch in didaktischer Beziehung das Richtige vorgeschlagen haben, ist unsere innerste Ueberzeugung, und es würde uns höchst angenehm sein, darüber das Urtheil erfahrener aber unbefangener Schulmänner zu vernehmen. Das aus eigener Initiative eines jüdisch-polnischen Vereines an den Landesausschuß gerichtete Memoriale kennen wir nicht. Ob es nicht gerathener gewesen wäre, wenn die Herren sich vorher mit uns in's Einvernehmen gesetzt hätten, lassen wir dahingestellt, jedenfalls ist es lobenswerth, das Interesse für diese so hochwichtige Angelegenheit in die weitesten Kreise zu tragen. Möge nur die Anstalt recht bald gegründet werden, in diesem Wunsche, hoffen wir, sind Alle einig. 0. .Die Juden der türkischen Hauptstadt und die Wirksamkeit der Pariser Alltanre. Die Bildung der Juden in Constantinopel liegt im Allgemeinen noch sehr im Argen. Die große Mehrzahl hat Unterricht im gewöhnlichen Sinne gar nicht genossen. Ihr ganzes Wissen besteht in den wenigen hebräischen Kenntnissen, die sie besitzen. Aber auch hierin sind sie so wenig beschlagen, daß man sich erstaunt fragt, wo die ganze biblische und talmudische Gelehrsamkeit geblieben, die in früherer Zeit die Zierde des orientalischen Judenthums gewesen. Nun ist das volle Gegentheil der Fall: es herrscht eine wahrhaft bedauernswerthe Unwissenheit in den specifisch jüdischen Wissenschaften und die größte Oberflächlichkeit, wenn nicht Sinnlosigkeit, in der Auffassung von religiösen Dingen. Von großen Gelehrten ist gar keine Spur mehr vorhanden, wenigstens ist deren Existenz eine unbekannte. Die früheren großen Männer, bte fiir die Oeffentlichkeit gelebt und gewirkt haben, sind für immer dahin, ohne Stellvertreter, die ihrer würdig wären, zurückzulassen; denn ob sich auch viele um die Ehre beworben haben, die leeren Plätze anszusüllen, so steht die Frage dennoch offen, ob ihnen dieselbe in der Thal zukommt. Das Licht, in dessen Hellem Glanze bie Juden der türkischen Hauptstadt früher förmlich gehüllt waren, ist verloschen. Eine dichte Finsterniß ist für sie auf dem Gebiete jüdischen Wissens hereingebrochen. Darin, in dieser greifbaren Dunkelheit, die ihre Geister umgibt, liegt nun für unsere türkischen Glaubensgenossen ein ungeheuer großer Vorwurf. Es ist möglich, daß die leibliche Noth, die ein hartes, furchtbares Ringen um das tägliche Brod bedingte, die hiesigen Juden stets so in Anspruch nahm, daß sie weder Zeit, noch Muse genug hatten, sich wie früher dem Studium der heiligen Schrift und der nachbiblischen Werke zu widmen. Man braucht in der That nur einen Blick in das armselige mühevolle Leben des größten Theiles unserer Glaubensgenossen in Constantinvpel zu werfen, nm sofort zu erkennen, daß unter solchen Umständen geistige Thätigkeit und wissenschaftliche Blüthe geradezu ausgeschlossen erscheinen. Gleichwohl ist in dieser Hinsicht bereits eine Veränderung eingetreten, und es ist eine Wendung zum Guten, die man gewahrt. Mehr und mehr fangen hier die Juden an, sich aufzurütteln, aufzurasfen. Ueberall beginnt sich ein Umsckwung kundzuthun, der zu großen Erwartungen berechtigt. Schon sind in Wirklichkeit die Ergebnisse, die zu Tage treten, befriedigender Natur. Man kann daher hierin getrost die geistige Wiedergeburt der Israeliten der türkischen Hauptstadt erblicken. Kaum sind dreißig Jahre vergangen, seitdem sie den ersten Antrieb erfahren; aber die Fortschritte, die sie gemacht, lassen vielfach wenig zu wünschen übrig. Natürlich kommt jedoch hierbei ausschließlich die junge Generation in Betracht. Sie allein ist es, die einen Wechsel in die traurigen Verhältnisse der hiesigen Juden gebracht, und sie im Vereine mit dem neuen Geschlechte wird es sein, die eine völlige Umgestaltung ihrer Lage herbeiführen wird. Das steht außer Zweifel; denn es fangen da jüdischer Wissensdurst, jüdische Arbeitsfreudigkeit und Ausdauer an, wieder zur Geltung zu kommen. Darum werden die jungen Leute von Jetzt auch, vorausgesetzt, daß sie unerschütterlich fest und treu zuin angestammten Glauben halten, dem Judenthume im vttomanischen Reiche durch neues Blühen zu seiner alten Ehre verhelfen. So besteht denn die Hoffnung, daß die Israeliten in der Türkei wieder zu der Höhe der Cultur und Civilisation, zu dem Gipfel der Entwicklung und Bildung hinaufsteigen werden, zu welcher sie sich in Spanien schon einmal erhoben hatten. Die große Rolle, die sie dort im öffentlichen Leben gespielt, wird ihnen dann von selbst auch hier zufallen. Ein Unterschied wird freilich vorhanden sein: das schreckliche Mißgeschick, das die Juden im Lande der größten Unduldsamkeit erfahren, wird sie im Reiche der Muselmanen nicht treffen. Die Gewähr dafür bieten: zuerst die engere Verknüpfung und die größere Verträglichkeit der beiden Religionen, des Islams mit dem Judenthume; dann die nähere Verwandtschaft und das deshalb natürliche innigere Zusammenhalten der beiden Raren und schließlich die allgemeine Menschenfreundlichkeit und die wohlwollende Duldsamkeit der Türken! Wem ist nun der bereits im hohen Maße erfolgte geistige Aufschwung der jüdischen Bevölkerung am goldenen Horn und am Bosporus zu verdanken? Aus Persönlicher Initiative ist bisher so gut wie gar nichts entstanden. Für diese Thatsache zeugen viele traurige Zustände, die hier noch herrschen, ohne daß, wie es dm Anschein hat, daran gedacht worden sei, sie aus der Welt zu schaffen. Die hiesigen Großen und Reichen scheinen für diese Dinge einfach kein Berständniß zu besitzen, oder sie haben andere Sachen im Kopfe, die sie mehr interessiren und beschäftigen. Doch hierüber ein andermal. Daß die Juden der türkischen Hauptstadt, anstatt fermr dem Abgrund geistiger Verkommenheit unaufhaltsam zuzuschreiten, sich nunmehr auf dem Wege zu einer fortschreitenden Bildung befinden, indem die jüdische Jugend zum großen Theile die Wohlthaten eines ziemlich umsangreichen Unterrichts und einervielfach befriedigenden Erziehung genießt, sei hier constatirt. Dieses hohe Verdienst fällt ausschließlich der „A llianceJsraelite Universelle" in Paris zu, dem Bunde wohlthätiger Menschenfreundlichkeit, der auch im übrigen Orient den Juden und dem Judenthum die größten Liebesdienste erwiesen und erweist. Nirgends jedoch ist der Umfang seines segensreichen Wirkens so groß, wie in der Hauptstadt der Türkei. Wer nicht an Ort und Stelle ist, kann sich kaum eine Vorstellung von seinem ausgedehnten, außerordentlich ersprießlichen Schaffen machen. Selbst der Reisende, der ein Interesse hat, seine Liebeswerke in Augenschein zu nehmen, bekommt nur einen höchst unvollkommenen Eindruck. Man muß schon das Feld seiner in steter Entwicklung begriffenen Thätigkeit eingehend besichtigen, um richtig die Kraft ihrer Wirkungen und die Tragweite ihrer Folgen zu ermessen. Darum wird eine ausführliche Cchildcrung dieses philantropischen Schulwesens erst später folgen. Heute seien nur noch die größten Uebelstände, mit d e n e n die A l l i a n c e als F e i n d e i h r e s Unternehmens fortgesetzt zu kämpfen hat, erwähnt. Das erste große Hindernis; ist der Unverstand der Eltern, die ihre Kinder sehr oft von der Ausübung ihrer Schulpflichten abhalten, anstatt sie zum reg lmäßigen Schulbesuche anzutreiben und zum Lernen anzuspornen, und das geschieht deshalb, weil die armen Leute noch keine klare Vorstellung "von dem Werthe und der Nützlichkeit der Schule haben. Dazu gesellen sich öfters die unbegründeten religiöser! Bedenken, die dem großen Werke noch immer bedeutenden Schaden zufügen. Die Furcht ist noch nicht überwunden, daß jeder weltliche Unterricht der Religion Abbruch thue. Die Ueberzeugung kann jedoch nicht mehr lange ausble^ben, daß wahre Bildung dem Judenthume nur Ehre und unseren Glaubensgenossen ansehnlichen Bortheil bringen kann. Aber dieses Hemmniß des Fortschritts der Schule wird erst fortfollen, wenn die noch in großer Menge fortgrassirenden sogenannten — leider! — Talmud-Thora einfür allemal beseitigt sein werden. Vorläufig bilden sie noch die größte Beeinträchtigung für die Hebung dun Ausbreitung der Bildung, abgesehen von den großen Schäden, die sie in geistiger und sittlicher Beziehung anrichten. Bon diesem Gesichtspunkte aus verdienen diese sonderbaren Anstalten auch beschrieben zu werden. Sie ähneln dem Cheder in Galizien und Tiefrußland, sind jedoch von weit größerer Allgemeingefährlichkeit. Man denke sich einen langen, engen Bretterraum, ohne Luft, ohne Licht. Auf dem Boden, ohne Dielen, bedeckt mit einigen zerrissenen Strohmatten, sitzen die Kinder in großer Anzahl und von sehr verschiedenem Alter. Sie schaukeln ihren Oberkörper in rhythmischen Bewegungen hin und her und lassen dabei einen eigenthümlichen. höchst eintönigen Singsang vernehmen, der, einem Höllenlärm gleich, einem noch lange in den Ohren nachsaust. Auf diese Weise wird nämlich gelernt. Nicht alle Kinder aber üben diese angenehme Beschäftigung des Schreiens. Viele thun etwas ganz Anderes; denn der würdige Chachan, dessen Weisheit nicht weit her ist, schläft, wenn auch nicht den Schlaf des Gerechten. Alle Paar Minuten fährt er aus seinen augenscheinlich sehr unruhigen Träumen esppor, und einige wuchtige Stockschläge sausen auf die Armen her«t^ von denen er in seiner üblen Laune — die Kinder haben ihm sicherlich nichts zu essen oder zu trinken mitgebracht — annimmt, daß sie die Störung seines Schlummers verursacht hätten. Das ist das Bild ewiger Wiederholung. Wie sehen nun die Kinder dieser eigenartigen Schulen aus? Sie machen einen schrecklichen Eindruck. Jene vor Gesundheit strotzende Pausbäckigkeit der jungen Schulwelt, die im Auslande die Freude der Eltern und das Vergnügen der Lehrer bildet, ist hier überhaupt ein gänzlich unbekanntes Ding. Dagegen find die Gesichter, die man sieht, so ganz dazu angethan,