Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 46 (15.11.1895)
- Date
- 1895-11-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 854 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 46 Clark M. D. war unser treuer Freund, sowie die letzten Bischöfe von Chichester, Winchester, Nottingham und so lange solche Männer an der Spitze der englischen Hochkirche stehen, mögen wir beruhigt sein, daß keine Verfolgungen gegen uns in Scene gesetzt werden, wie sie in anderen Ländern leider Vorkommen. Auch der Bischof von London, Mr. Gladstone und Canon Baruett haben uns in den letzten Jahren freundliche Zuschriften gesendet, ans ihre Hilfe können wir alle Zeit rechnen." Der Trauergottesdienst schloß unter den üblichen Gebeten und lautlos ging die Versammlung auseinander, eines edlen Dahingeschiedenen gedenkend. * * * Ein anderes Bild — u. zw. aus Deutschland. Mit einem reckenhaften Alten im Mittelpunkt; ein deutsch - amerikanischer Schriftsteller, Namens Richard Barthold, war bei Fürst Bismarck in Friedrichsruh zu Gast. Bei vorzüglichem Rothwein kommt das Gespräch auf Juden und Antisemiten. Graf Rantzau, des Fürsten Schwiegersohn, fragt, ob es in den Vereinigten Staaten, wie in manchen Ländern Europas auch eine Judenhetze gebe. Der Gast antwortet natürlich verneinend, fügte jedoch hinzu, daß sich jetzt soeben eine Art kleinen Culturkampfes drüben abspiele. Das war für den Fürsten überraschend, und man mußte chm Näheres darüber mittheilen. Er hatte von der Sache noch nichts gehört, schien sich über ihre Zwecke aber gleich im Klaren zu sein, denn er erging sich nun in ausführlichen Bemerkungen über priesterliche Politiker und polittsche Priester und Geistliche, die er nicht besonders iu's Herz geschlossen zu haben scheint. Er sprach von Irland und von den katholisch regierten, romanischen Ländern, wo es, wie er meinte, nicht zum Besten gehe. Daran seien zum Theil die strebenden Kanzelpolitiker schuld, deren es leider aber auch unter den Protestanten gäbe. Als Beispiel erwähnte er Stöcker. Schade, daß er sich nicht über unsere Kanzelpolitiker Scheicher, Scherzer, Latschka, Deckert und Batttsti des Ausführlichen vernehmen ließ. -i- * * Zum Schluß ein Momentbild aus Wien. Ein jüdischer Soldat; 15 Jahre hat er beim Infanterie-Regiment Nr. 55 activ gedient, den Feldzug in Bosnien mitgemacht; jetzt ist er das 2. Jahr bei der k. k. Post als Briefttäger angestkllt; er ist verheiratet, Vater dreier Kinder. Wenn Einer Briefträger werden will, so braucht er eine Dienst-Caution von 300 fl., die besaß der Mann nicht. 100 fl. lieh er sich aus, denn die Behörde begnügte sich mit einem Theilerlag, und zur Ergänzung des übrigen wird ihm vom Gehalt, welcher 50 fl. monatlich bettägt, jedesmal 10 fl. abgezogen, somit bleiben ihm nur mehr 40 fl. Davon muß er 14 fl. Zins zahlen. Somit bleiben nur mehr 26 fl. monatlich zum Lebensunterhalt einer Familie von 5 Köpfen. Der Mann wäre glücklich, wenn er an den Nachmittagen, wo er immer frei ist, eine Beschäftigung fände. Erhielte er gar einen Posten als Amts- oder Vereinsdiener, so wäre der Gipfel seiner Wünsche erklommen. Seit seinem 20. Lebensjahre ist der Mann an Disciplin gewöhnt, hat Strapazen mitgemacht und ist oft in Lebensgefahr gewesen, aber so schlecht wie jetzt, ist es ihm noch nie gegangen. In Bosnien bei Novi-Bazar, wo er 4 Jahre stationirt war, gab es keine Juden, dort hat er als ältester Uuterofficier vom Regiments-Commando auf sein Ansuchen die Erlaubniß erhalten, ein provisorisches Bethaus einzurichteu. Dadurch hat er es seinen Kameraden ermöglicht, an den Neujahrsfeiertagen und am Jom-Kippur einem jüdischen Gottesdienst beizuwohnen. Es gibt ein Bild „Gottesdienst der jüdischen Soldaten vor Metz". Schade, daß unser Nnterofficier vergessen hat, den Soldateu-Gottesdienst von Novi-Bazar abconterfeien zu lassen. Zmn Glück ist unser Apparat derart consttuirt, daß Momentaufnahmen auch noch nach Jahren möglich sind. Das Ergebnis der Ergänzungswahlen für die Berliner Stadtverordneten-Bersammlung in allen drei Abtheilungen ist folgendes: Die dritte Abtheilung wählte am Freitag 6 Liberale und 5 Social-Demokraten. An den drei Stichwahlen, welche erforderlich sind, sind die Liberalen mit 2 § ocial-Demottaten und 1 Antisemiten betheiligt. Die zweite Abtheilung wählte am Samstag sämmtliche 15 liberale Candidaten; die Antisemiten brachten trotz lebhafter Agitation nur ganz verschwindende Minoritäten auf. Die erste Abtheilung wählte gestern 12 Liberale; eine Stichwahl ist zwischen dem liberalen und dem antisemitischen Candidaten noch auszufechten. Das Gesammt-Resultat ist also, daß in 42 Wahlen 33 Liberale und 5 Social-Demokraten gewählt wurden und 4 Stichwahlen ausstehen, bei denen 2 Antisemiten betheiligt sind, aber ohne Aussicht auf Erfolg. Bisher setzten sich die 126 Stadtverordneten aus 108 Liberalen, 17 Social-Demokraten und einem Antisemiten zusammen. Das jüngste Wahlergebuiß kann diese Zusammensetzung nur insofern ändern, als die Social-Demokraten bei den Stichwahlen zwei Sitze, von denen sie einen bisher bereits besaßen, gewinnen. Die einst so siegessichere antisemitische Bürgerpartei ist so kläglich zusammengeschrumpft, daß auch conservative Blätter ihr aus Anlaß des Resultates der Stadtverordnetenwahlen das Grablied singen. Zur Sittengeschichte der Antisemiten. Große Sensation erregt in Breslau das Bekanntwerden eines Kindesmordes wegen der in Untersuchung verwickelten Personen. Die Tochter eines als enragirten Antisemiten bekannten Directors hat ihr außerehelich geborenes Kind zerstückelt. Die Untersuchung ist auch gegen die Eltern der Mörderin eingeleitet. — Der Briefmarkenhändler Otto Jacobs aus Goslar wurde in der Oker zu Braunschweig als Leiche aufgefunden. Jacobs, einer der eifrigsten Vorkämpfer des Antisemitismus in Goslar und ständiger Mitarbeiter des Hannoverschen Antisemitenblattes, hatte sich verschiedener Unterschlagungen schuldig gemacht und aus Furcht vor dem Gefängniß den Tod in den Wellen gesucht. Grazer Antisemiten. Graz, 9. November. Ferdinand v. S ch ö n h o f e r, der Gründer des antisemitischen „Extrablatt", wurde wegen Krida zu vierzehn Tagen Arrests verurtheilt. F e i ch t i n g e r, genannt der „Grazer Lueger", erhielt wegen Beleidigung einer jüdischen Tischgesellschaft im Gasthause, sowie zweier Gewerbecommissäre eine Geldstrafe von zweihundert Gulden. Eine Seandalaffaire. Aus Graz wird uns telegraphisch berichtet: Die Strafuntersuchung gegen die im Hause eines Damenconfectionärs vorgekommenen unsittlichen Orgien zieht immer weitere Kreise. Zahlreiche Personen sind compromittirt. Jüngst vergiftete sich der Bergwerksbesitzer Zdenka Müller, ein junger Mann, der mit mehreren vornehmsten Familien in verwandtschaftlichen Beziehungen stand. Er war Amateurphotograph nnd soll zu den Compromittirten gehört haben. Eine alte, antisemitische Lüge ist wieder aufgetaucht. Die Wiener „Reichspost" vom 13. October tischt eine angebliche Rede eines englischen Oberrabbiners John Read clif aus dem Jahre 1880 auf, welcher unter Anderem auch gesagt haben soll: „Wenn wir uns zu alleinigen Besitzern alles Goldes der Erde gemacht haben werden, wird die wirkliche Macht in unsere Hände übergehen, und dann werden sich die Verheißungen erfüllen, welche unserem Vater Abraham gemacht worden sind u. s. w." Das ist die berüchtigte Rede, die ein Großrabbiner im historischen Rom an „Gaeta-Warschau-Düppel" von Sir John Retcliff hält. Retcliff ist bekanntlich der aus dem Waldeck-Proceß bekannte „Kreuzzeitungs"-Redacteur Hermann G ö d s ch e. Aus diesem Retcliff hat das Wiener Antisemiten-' blatt eine Oberrabbiner Readclif (!) gemacht. Das „D. B." im Abendblatte bringt vom 7. November nachstehende Notiz mit dem Schlagwort: Der groß eWohlthäter Dr. Kohn. Bon Zeit zu Zeit bringen die Judenblätter telegraphische Berichte über die Summen, die der bekannte Fürsterzbischof Dr. Kohn von Olmütz zu wohlthätigen Zwecken ausgibt. Es liegt Methode in der Sache. So enthalten sie auch jetzt wieder die Nachricht, > daß der Bischof seit drei Jahren 260.000 fl. für diese Zwecke