Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 46 (15.11.1895)
- Date
- 1895-11-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 46 Tochter Israels. Sie durfte in gleicher Weise auf Wien und Berlin die Verse anwenden: „Um beide verzweifeln, mag Dir den süßesten Schmerz bereiten." Während des Freiheitskrieges war die Bildung und Unterstützung der auf Linderung der durck den Krieg veranlaßten Leiden hinzielenden Anstalten die Hauptsorge Fanny von Arnstein's, auf die sie ihre ganze Zeit und Kraft und den größten Theil ihres Vermögens anwendete. Sie wurde der treibende Geist einer Franenvereinigung, die sich mit Spitalbesuchen, Charpiebereitung, Wundenverband der blefsirten und der edlen Erfüllung der den sterbenden, Soldaten, gemachten Versprechungen sich befaßte, für ihre Witwen und Kinder sorgte und ihnen beistand. Vermöge ihrer natürlichen Veranlagungen war Fanny von Arnstein die Leiterin des guten Werkes und die Erste ihres Stammes, die zu gleichen Zielen mit den Fürstinnen aus königlichem Hause wie mit dem privilegirten Hochadel Wiens sich vereinigte. Ihre vier herrlichen Landhäuser ließ sie in Sanitätshäuser umgestalten. Eine noch lebende Dame erzählte uns aus den Geschichten jener unruhvollen Zeiten, die sie als Kind von ihrem Großvater gehört hatte, wie er, ein jüdischer „Bürgermeister" in der Nähe des Landhauses der Baronin von Arnstein gewohnt habe und oft Zeuge der munteren Spiele und Scherze der in den Gehegen des lieblichen Landsitzes sich vergnügenden Soldatenkinder gewesen sei. Während des Wiener Congresses erreichte die gesellschaftliche Bolksthümlichkeit der Baronin ihren Höhepunkt. Eine Beschreibung der Stadt an der blauen Donau während dieser Glanzperiode verdient unsere Aufmerksamkeit. „Ich habe des Oefteren Wien schon früher gesehen und immer unter den günstigsten Umständen, aber diesmal habeich es kaum wieder erkannt. Die Bevölkerung schien sich verdoppelt zu haben, das war ein ewiges Drängen und Treiben, ein endloses Gewühl der höchsten und außerordentlichsten Gäste, der distinauirtesten Menschen aus aller Herren Ländern und Völkern. Europa hatte in all' dem Stolze der Siegesfreude, der Frische seiner Hoffnungen und seines an Verblendung grenzenden Eifers, in alldem Aufruhr hochgespanntester Erwartungen allgemeiner und persönlicher Art die Spitzen der Menschheit. Fürsten auf hohen Thronen mit ihrem Hofstaat, die Pfeiler der Regierungen, die Häupter der politischen und militärischen Welt, die ausgesuchtesten Geister und Vertreter der Schönheit, des Geburtsadels, der Künste und des edlen Geschmackes nach Wien entsendet. Was am Meisten jedoch bemerkeuswerth und nur denen, die in eigener Person dies miterlebten, verständlich war, das war die „Wiener Luft." die Art. wie in dieser Atmosphäre des Wiener Lebens die Tage dahinglitten, der joviale, öberschäumende Lebensgenuß, der kräftige, Alles mit sich fortreißende Strom von Lust und Scherz, jener glückliche, in Wohlgefühl und Behaglichkeit wurzelnde Humor, jenes halb italienische äolce kar niente und im Gefolge desselben der halbitalienische Humor, jener schlichte vieldeutige Dialect, der so schlüpfrig ans der Zunge stürzte, und in beißendent Gegenreden schwelgte, ein Dialect. der auf alle übrigen deuichen Sprechweisen Spuren seiner Eigenthümlichkeiten verpflanzte, dies mit vielen anderen Eigenheiten und Begebenheiten gehört so recht zum Wiener Congreß — seiner individuellen Physiognomie — daß ohne Beachtung derselben kein vollkommenes Bild möglich ift; Die Anwesenheit der mächtiasten Regenten, königlicher und fürstlicherHoheiten, höchstadeliger Frauen, umgeben von der Blütbe der ersten Familien aller Länder, gabderalten Kaiserstadt eine ausgiebige Gelegenheit, all' ihren Pomp und Luxus Tag für Tag zu entfalten und glänzen zu lassen. Feste folgten auf Feste, eine Leidenschaft für Schauspiel. Unterbaltuna und Tanz bemächtigte sich aller Bevölkerungsclaflen. das Wort des alten Prinzen von Ligne: „Le Congres danse bien mais il ne marche pas“ (der Congreß tanzt gut, aber er kommt nicht vorwärts) „verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Wien und im gesammten Europa zum Vergnügen Jener, die deflen Wahrheit Mitempfinden." In dieser denkwürdigen Zeit stand Fanny von Arnstein auf ihrer unstreitig vordersten Höhe der Gesellschaft. Mit unwiderstehlicher Anziehungskraft zog sie Alles in ihren Bannkreis was in dem Gewühle der Menge durch Bedeutung und Ansehen hervorragte. In dem glänzenden, wechselreichen Hin und Her ihres Salons konnte man an Einem und demselben Abend in ihrer Gesellschaft begegnen Fürstlichkeiten wie den Prinzen von Ligne, dem Prinzen von Hardenberg, den Prinzen von Seite 853 Hessen und Homburg, die österreichischen Schriftstelleren Karoline Pichler und Zacharias Werner, dem Lord Castlereagh, Lord Clancarty, dem Herzog von Wellington und dem Prinzen Talleyrand. Bon dem Letzteren sac te man: „Seine Rolle auf dem Wiener Congreß hatte zweierlei Ziele: zu trennen und zu vereinen, und in Beiden habe er ein wunderbares Geschick gehabt. Sein Talent war ein ausbeuterisches, denn es bestand darin, Andere, selbst Leute von erstem Genie, für ihn und gleichzeitig unter ihm arbeiten zu lassen. Wenn Etwas geschehen mußte, konnte ihn nichts anfechten, da kannte er weder Haß noch Liebe, da galt ihm keine momentane Gefühlsstimmuttg, sondern unvermittelt und resolut ging er auf das Ziel los, das er sich vorgesteckt hatte". Prinz Talleyrand war einer der größten Bewunderer Fanny von Arnsteins, und man sagt, er habe zum Herzog von Wellington geäußert: „Ihr Kopf sei der eines Staatsmannes, ihr Herz das einer großmüthigen Dame". Da fielen die Nachrichten über Napoleons Entweichen aus Elba wie eine Bombe in die Congreßberathungen. und die Verwirrung ob des Wiedererscheinens des gemeinsamen Erzfeindes gab Allem ein anderes Aussehen. Aller kleinliche Zwist und Egoismus war vergessen, die Vertreter der Großmächte fühlten wieder zu einheitlichem Zusammenhalt sich verpflichtet, ihr einziges Ziel und Denken war der Sturz des großen Corsen. Wieder war Oesterreich der Schauplatz allgemeiner Rüstungen, ter Wiederorganisirung gewaltiger Menschenmassen, von Trnppenmärschen und Feldmunitionirungen. Diese Einzelheiten bildeten jetzt das einzige Interesse des vergnügungsfreudieen Wieners. „Da gab es nichts für eine Partei. Alles war für den Staat." Abermals trat Fanny von Arnstein in den Vordergrund, mit ihrem Gelde und ihrem Einfluß die Rüstungen gegen den gemeinsamen Feind unterstützend. Mit Frau von Humboldt und anderen an dieser Arbeit theilnehmend, sendete sie an Rahel Leoin, der Hauptorganisatorin unter den mitwirkenden Frauen in Prag, Borräthe von Linnen, Nahrungsmitteln und Geld. Nach der endgiltigen Niederwerfung Napoleons in Waterloo, bereiste Baronin von Arnstein eine Zeit lang das Rheinland und Italien, von wo sie, in ihrer Gesundheit erschüttert, noch Wien zurückkehrte. Hier starb sie am 8. Juni 1818. nachdem sie durch zwei oder drei Jahre ihr Leiden in edler Fassung und Geduld ertragen hatte. So endet die Lebensgeschichte einer Glaubensgenossin, auf die wir Juden stolz sein können. Vom Jahrmarkt des Lebens. Momentaufnahmen. Eine aus England. Die Inden sind ein dankbares Volk. Erwiesene Güte — sofern sie von Andersgläubigen kommt und nicht von ihren Stammesgenosfen, von denen sie sie als selbstverständliche Pflicht hinnehmen — vergessen sie nicht so leicht. Vor Jahren brachte die englische Judenschaft dem Bischof von Chichester Dr. Dürnford die Glückwünsche zum Jahreswechsel dar. Der Bischof dankte mit einem liebenswürdigen Schreiben, worin es unter Anderem hieß: „Wenn die Kirche, deren unwürdiger Diener ich bin, keine Zuneigung finden würde zu dem alten Volke Gottes, würde sie von ihrer eigenen Lehre abweichen und wir glauben an offenbarte Lehre und wir erinnern uns unseres größten Lehrers." Dieser Brief wurde vor wenigen Wochen wieder hervorgeholt und im Bet- Hamidrasch der russisch-polnischen Juden 19 Church Laue zu London verlesen. Das Gotteshaus war schwarz ausgeschlagen und schwarze Kerzen brannten in den Candelabern. Der Name und die Titel des dahingeschiedenen Bischofs waren mit weißen Buchstaben auf schwarzen Grund geschrieben und in dem Bogen angebracht, welcher sich über der Bundeslade wölbt. Mr. Cohen hielt eine ergreifende Trauerrede, in welcher er sagte: „Er war seiner Religion so treu ergeben, wie wir es der unseren sind, und doch kein Fanatiker, er war einer der weisesten, der begabtesten freisinnigen Bischöfe, ein edler Engländer, dessen synrpathische Briefe wir vor nun 7 Jahren empfangen haben. Auch Sir Andrew Dr. Bloch's Wochenschrift.